Jahrgang 
1865
Seite
127
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den man mit vollem Rechte den Michel Angelo der Mark Branden⸗ burg und des nordiſchen Deutſchlands genannt hat. Erbaut hatte der Meiſter es für den allmächtigen Günſtling des erſten preußiſchen Königs, für den Grafen von Wartenberg.

Graf Wartenberg hatte die Frau des kurfürſtlichen Kammer⸗ dieners Bidecap geheirathet, die, eines Schiffers Tochter, aus Emmerich am Rhein gebürtig war und ein ſeltenes Talent für In⸗ triguen aller Art mit auf die Welt brachte.

Dieſe beiden Leute was hatten ſie nicht ſchon alles bewerk ſtelligt an dem neuen Hofe König Friedrichs I.? Die älteſten Mini⸗ ſter, die Freunde des Königs geſtürzt, ungeheure Summen gezogen, die höchſten Aemter an ſich geriſſen, die hervorragendſten Perſonen beleidigt, bis auch ihre Stunde ſchlug zum Heile des Landes.

Man hätte nun denken ſollen, das Verhältniß zwiſchen den beiden Ehegatten ſei ein vollkommen inniges und feſtes geweſen. Dem war aber keineswegs ſo. Nur die Sucht zu erringen, ſei es Geld, ſei es Würde, hielt ſie verbunden. Sie glichen thatſächlich gefährlichen Gaunern, die ſich gegenſeitig in die Hände ſpielen. Wo nur irgend etwas auftauchte, deſſen Beſitz oder Ausnutzung die bei⸗ den Gatten für ſich für vortheilhaft glaubten da wurde von der Gräfin oder dem Grafen das Netz ausgeworfen und faſt immer ein glücklicher Fang an das Land gezogen.

Höchſt vortheilhaft für die ſpeculirenden Gatten war die zwiſchen ihnen und dem damals am preußiſchen Hofe fungirenden engliſchen Geſandten, dem Mylord Raby, beſtehende Verbindung. Da die Wartenbergs alles beim Könige Friedrich I. galten, ſo wurde es dem Geſandten leicht, ſeine Plane durchzuſetzen umgekehrt berichtete Lord Raby wieder gewiſſenhaft alles, was ſeinen beiden Verbündeten vortheilhaft werden oder ſie vor Gefahr ſchützen konnte. Man behauptete nun allgemein: Mylord Raby ſei der Begün⸗ ſtigte der Gräfin Wartenberg, wodurch der Graf entſchieden lächer⸗ lich wurde, allein Graf Wartenberg kehrte ſich nicht an dergleichen Salonklatſchereien, er hielt ſich im Gegentheil für einen Mann nach dem ſo allſeitig bewunderten Muſter des Hofes von Verſailles eine Hofhaltung, welche man unglücklicher Weiſe zu jener Zeit überall in Deutſchland copirte. Die kleinſten Reichsgrafen hatten auch ihre kleinen Trianons mit allem Zubehör.

Keine Grille der Zeit, kein Auswuchs, die nicht wenn auch in verjüngtem Maßſtabe ihre Runde durch die Hofcirkel Deutſch⸗ lands machten.

Ein ſolcher Auswuchs ſollte denn auch in Berlin im Jahre 1708 zur Schau geſtellt werden.

Die Zimmer des Wartenbergſchen Palaſtes an der Königs⸗ und Burgſtraßenecke waren hell und glänzend erleuchtet. Eine höchſt gewählte Geſellſchaft bewegte ſich in dieſen geſchmückten Räu⸗ men. Der königliche Hof, einer der ſtrahlendſten und prächtigſten Europas, verlangte, daß ſeine Mitglieder und alle ihm Naheſtehen⸗ den dieſem Prunke nicht fern blieben. Man ſah alſo bei den Feſt⸗ lichkeiten, welche der Adel unter ſich peranſtaltete, die erſten und theuerſten Pariſer oder Londoner Moden. Gewiſſe Farben durfte eben der Hof nur tragen und ſtrenge Reglements ordneten die Schnitte der Kleider.

An jenem Abende des Jahres 1708 war man nun vorzugs⸗ weiſe bemüht geweſen, ſich in glänzendem Staate zu zeigen. Ein⸗ mal, weil die Feſtlichkeit bei dem Miniſter ſtattfand, dann aber auch wollte ſich ein jeder dem erwarteten Gaſte auffällig zu machen

ſuchen.Wann wird er kommen?O wie bin ich curieuse, ihn zu ſehen!Er ſoll wunderſchön ſein.Leider iſt er verheira⸗ thet.Aber ſeine Gattin hält er ſtets in Gewahrſam.End⸗

lich iſt der Wundermann alſo gefunden und ſo weiter.

Das waren die Fragen oder Behauptungen, welche gleich Bie⸗ nengeſumme in den Salons des Grafen Wartenberg umherſchwirr⸗ ten. Der Erwartete blieb ſehr lange aus und es ſchien faſt, als wolle er ſeinen Eintritt effektvoller machen durch die Spannung, welche ſein langes Außenbleiben erzeugte.

Endlich wurden wieder die Thüren des großen achteckigen Saales geöffnet. Alles drängte ſich hinein getäuſchte Hoffnung es war Mylord Raby. Indeſſen konnte der Geſandte einiger⸗ maßen als Aequivalent gelten, denn er war es, der den ſehnſüchtig Herbeigewünſchten in die höhere Geſellſchaft einführen ſollte; an ihn hatte der Fremde ſich zuerſt gewendet, er wollte ihn heute prä⸗ ſentiren.

Der Lord konnte ſich kaum der Flut von Fragen und Bitten entziehen, die mit Gewalt auf ihn zuwogte. Endlich rief er mit lauter Stimme:Erſticken Sie mich nicht, meine Herrſchaften, er kommt. Noch mehr, er folgt mir auf dem Fuße und befindet ſich ſchon im Vorgemache.

Auf dieſe höchſt willkommene Botſchaft wich jeder zurück und man bildete einen Kreis, deſſen Hauptpunkt die Eingangsthüre war, durch welche das Wunder unter die Menſchheit treten ſollte.

Ein lautesAh erſcholl, als Graf Wartenberg, der eigen⸗ händig die Thürflügel öffnete, einen Mann in die Geſellſchaft führte, denſelben durch eine graciöſe Handbewegung vorſtellte und dabei mit lauter Stimme rief: 6

Don Domenico Cajetano, Conte de Ruggiero.

Das war er alſo, der Erſehnte. Die Wartenbergs hatten ſogleich auf ihn Beſchlag gelegt; das konnte etwas auszubeuten geben; wenn er wirklich ſeine Kunſt verſtand, ſo war die Macht voll⸗ ſtändig in den Händen der drei Alliirten, und Lord Raby würde ihn nicht zu ſich gezogen haben, wenn die Kunſt nicht wirklich jede Probe beſtehen konnte.

Welches war denn nun aber die Kunſt des fremden Mannes? Der Conte de Ruggiero verſtand ganz einfach Gold zu machen. Er warf Blei, Eiſen oder Kupfer in ſeine Tiegel und brachte die Maſſen in Fluß. Nachher zog er ⸗Goldklumpen heraus.

Es war eben ein Auswuchs, eine verkörperte Laune, eine Laune der Zeit. Das Goldmacherfieber raſte durch die Köpfe der Staats⸗ männer, Apotheker und Betrüger. Die erſteren wollten die ge⸗ ſunkenen Finanzen ihres Landes dadurch auf die Beine bringen, die Apotheker waren halb verrückt oder wollten Reichthümer ſammeln, die dritten machten das beſte Geſchäft, denn ſie wußten, woran ſie waren und was ſie wagen konnten. Dieſe Manie ergriff end⸗ lich auch die Fürſten.

Faſt kein Hof ohne Adepten oder Necromanten. Welche Sum⸗ men gingen darauf für Salben, Kräuter und Waſſer aller Art? Wie viele Haufen von Scherben, geplatzten Retorten, geſprengten Oefen und wunderlichen Bruchſtücken in tauſend Formen und Farben re⸗ präſentirten zuletzt die zum Fenſter hinausgeworfenen Gelder, wenn der Alchymiſt ſich aus dem Staube gemacht hatte!

Deſſenungeachtet ward man nicht klug. Die Stunde, welche den Rechten herbeiführte, mußte ſchlagen, der Geſuchte endlich er⸗ ſcheinen. Man lacht über die alte, befangene Zeit. Haben wir in unſerm aufgeklärt ſeinwollenden Jahrhundert nicht ähnliche Dinge erlebt?

Graf Ruggiero war endlich der Rechte. Bei ihm war kein Zweifel möglich. Er hatte die glänzendſten Empfehlungen, er trat pomphaft genug auf, fragte nach niemandes Gunſt und hatte ſich nur ſchwer dazu verſtanden, der Einladung des Lord Raby zu folgen des Lord Raby, der ihn genau beobachtete, der, ein kalter, nüch⸗ terner Sohn Albions, gewiß nicht leicht zu umgarnen war. Glück⸗ licher Wartenberg! der Lord war ja ſein Freund und er führte den Schöpfer von Millionen dem Miniſter zu, der für die geleerten Caſſen wieder Gold ſchaffen ſollte. Jetzt waren alle Operationen der Geldleute unnütz, der Ackerbau, die Domänen⸗Verwaltung über⸗ flüſſig. Ruggieros Tiegel lieferten das Nöthige.

Als der Graf den Angekommenen vorgeſtellt hatte, verbeugte ſich dieſer artig aber gemeſſen und trat dann ſogleich auf die Gräfin Wartenberg zu, mit welcher er ſich ſchnell in tiefem Geſpräche befand. Nunmehr hatte man Zeit, denConte zu betrachten. Es war ein Mann von mehr als gewöhnlicher Größe. Seine Manieren waren leicht und gefällig und bewieſen, daß er ſich lange in der großen Welt bewegt hatte. Dieſe Leichtigkeit wurde unterſtützt durch das vollkommene Ebenmaß ſeiner Glieder. Er zeigte einen tadelfreien Wuchs, wunderſchöne Hände und Füße. Sein Geſicht konnte nicht für ſchön gelten, aber es war regelmäßig und verrieth außerordent⸗ lich viel Intelligenz, dabei hatte es den feinen, wie Hauch oder Schmelz aufliegenden, braunen Teint, der dem Antlitze ein intereſ⸗ ſantes Colorit gibt und zugleich die Beſtimmung des Alters unge⸗ mein erſchwert. Seine Stimme war ſanft und einſchmeichelnd. Die Kleidung des Wundermannes erſchien äußerſt prächtig und ge⸗ wählt. Ein feuerfarbener Sammetrock, reich mit Gold geſtickt, eben ſolche Beinkleider, eine Weſte aus Drap d'or, mit Steinen beſäet, machten die Haupttheile ſeiner Toilette aus. Hals, Arme und Bruſt waren mit den koſtbarſten Spitzen umgeben oder bedeckt und unge⸗