Jahrgang 
1865
Seite
126
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Lisbären.

Von Dr. Bodinus, Direktor des zoologiſchen Gartens in Köln.

(Hierzu das Bild auf Seite 125.)

Der gefürchtetſte Bewohner des hohen Nordens iſt der Eisbär (ursus maritimus); auf dem Lande ſowohl wie im Waſſer jagt er ſeine Beute; im raſchen Lauf und blitzſchnell tauchend ſtürzt er ſich auf dieſelbe. Nach dem Griſelbären Nordamerikas iſt er der ſtärkſte und größte der Bärenfamilie und erreicht bei einer Höhe von 4 bis 4 ¾ Fuß eine Länge von 89 Fuß und ein Gewicht bis zu 1600 Pfund. Außer durch ſein weißes, ins Gelbe ſpielendes Haar unterſcheidet er ſich von dem Landbären durch längeren und geſtreckten Rumpf, ſchmaleren Kopf, grades Profil, ſchwarzblaue Zunge, kürzere Ohren, kleineren Rachen, kürzere Beine und längere mit Haaren beſetzte Fußſohlen; letztere machen es ihm möglich, auf Eisfeldern und Bergen umherzuſteigen, ohne auszugleiten.

Das nördliche Amerika, namentlich die Küſten der Hudſonsbai und Labradors, Grönland, Spitzbergen, Nova Zembla und das nördliche Sibirien ſind ſeine Heimat, in welcher er ſich nicht weit und nur ſelten von den Küſten entfernt. An dieſen und im Meere findet er ſeine Hauptnahrung, Seehunde, die Reſte von Wallfiſchen und anderen Seethieren. Den Seehunden ſoll er in der Weiſe nach⸗ ſtellen, daß er, ſobald er aus der Ferne ſolche irgendwo auf Fels⸗ blöcken ruhend erblickt, ins Waſſer tauchend ſich ihnen nähert, hin und wieder nur die Naſenſpitze hervorſtreckend, um Luft zu ſchöpfen. Bei ihnen angelangt überfällt er ſie mit einem mächtigen Satze, ver⸗ folgt ſie aber auch erfolgreich bis in die Tiefe des Meeres, wenn ſie ihm zu entſchlüpfen vermochten. Aus dem Thierreich verſchmäht er keine Nahrung, doch ſcheint es faſt, als ob er die in Verweſung gera⸗ thenden Cadaver der Seethiere den lebenden vorzieht; geht es nicht anders, ſo behilft er ſich auch mit Vegetabilien und verzehrt Wurzeln und Beeren. In der Gefangenſchaft ſcheint ihm gemiſchte Nahrung am beſten zu bekommen; mit vieler Begierde aber frißt er Brot. Größere Fleiſchmaſſen verzehrt er nicht nach Art der Hunde und Katzen in der Weiſe, daß er ſolche liegend mit den Vordertatzen feſt⸗ hält und abbeißt, er ſtellt ſich vielmehr darauf und reißt in größter Gier ein Stück nach dem andern ab. Am ſchönſten und friſcheſten nimmt ſich das Thier im Monat Mai aus; das erneuerte Haar glänzt dann in reinſter weißer Farbe; je näher dem Winter, um ſo ſchmutziger wird es, um ſo mehr ſpielt es ins Roſtgelbliche. Nur an den hinteren Oberſchenkeln und unter dem Bauche iſt es ziemlich lang und herabhängend, an den übrigen Theilen des Rumpfes kürzer wie bei vielen Landbären. Außerordentlich dick, läßt es das Waſſer nicht durch, die Haut bleibt trocken, wenn auch kleine Ströme Waſſers von dem Fell des aus dem Bade kommenden Thieres herabſtürzen. Man hegt im Allgemeinen den Glauben, ein Eisbär könne ſich nur wohl befinden, wenn es ihm vergönnt ſei, entweder in eiskaltem Waſſer zu baden, oder wenn er überhaupt niemals einer wärmern Temperatur ausgeſetzt werde. Es iſt dies aber eine vollſtändig irrige Anſicht; ein Eisbär, ſoll er geſund bleiben, verlangt, wie die meiſten lebenden Weſen, gleichfalls hin und wieder einige Strahlen der all⸗ belebenden und wärmenden Sonne: es iſt Thatſache, daß Eisbären, welche in der Gefangenſchaft ſtets kalt und naß gehalten werden, er⸗ kranken und ſterben, und wir haben ſelbſt beobachtet, daß ein Eisbär ſich erkältet hatte und an heftigem Rheumatismus litt. Ein trock⸗ ner, warmer Aufenthalt ſtellte ihn wieder her. Der Charakter des Eisbären gleicht im allgemeinen dem der ganzen Familie; man be⸗ zeichnet ihn am beſten als dumme, brutale Beſtialität. Einem Bären iſt niemals zu trauen; ehe man ſich deſſen verſieht, geräth er in Wuth. Vor allem aber iſt dies beim Eisbär der Fall; nur ſelten wird er gezähmt, möglich iſt dies nur, wenn er ſehr jung

eingefangen wird; die Wuth, welche bei Katzenarten der Furcht vor Schmerzen weicht, wird nur geſteigert, wenn er dieſe em⸗ pfindet, und die richtige Kraft eines erwachſenen Thieres iſt fürch⸗ terlich.

Den Seefahrern wird er oft gefährlich, obwohl manche Erzäh⸗ lungen übertrieben ſein mögen. Am übelſten und gefährlichſten iſt die Stimmung dieſes mächtigen Raubthieres, wenn es vom Hunger geplagt wird, und die Bewohner der Küſten Islands und Norwegens gerathen in nicht geringen Schreck, wenn ſie eines ſchönen Tages einen derartigen Burſchen unerwartet vor ſich ſehen. Es kommt nämlich nicht ſelten vor, daß, während der Bär auf den mächtigen in den Polarmeeren umherſchwimmenden Eisblöcken ausruht, dieſe ins offene Meer getrieben werden und das Thier unvermuthet zu weit von der Terra firma gelangt, als daß er dieſelbe durch Schwimmen erreichen könnte. So treibt denn der unfreiwillige Seefahrer oft wochenlang im Meere umher, und kommt endlich ſein eiſiges Schiff irgend einer Küſte nahe genug, dann wehe dem lebenden Weſen, wel⸗ chem er zuerſt nach langer Seereiſe, nach langem Faſten begegnet! Tootz vielfacher Verfolgung bleibt der Eisbär ein ziemlich häufiger Bewohner der Polarländer, die Nachſtellungen der Menſchen ver⸗ mögen ihn nicht auszurotten und die Meere ſind ſo reich an See⸗ thieren, daß ſelbſt der Hunger in jenen unwirthbaren Gegenden ſeine Vermehrung nicht beeinträchtigt. Das Weibchen wirft ungefähr im März in der Regel zwei Junge, nachdem es am Ende des Herbſtes ein Lager geſucht und auf dieſem eingeſchneit, den Winter ſchlafend verbracht hat, während die männlichen Thiere während dieſer Zeit umherſtreifen. Die Mutter liebt die Jungen außerordentlich, ver⸗ theidigt ſie mit dem größten Muthe, der hingebendſten Aufopferung und nährt ſie, ſelbſt wenn ſie gefangen wurde, im Käfig. In der Gefangenſchaft haben ſich Eisbären bis jetzt ſelten fortgepflanzt, in⸗ deſſen dürfte dieſer Fall in unſerm zoologiſchen Garteu zu Köln, wo ſchon eine große Anzahl fremder und ſeltener Thiere gezüchtet wur⸗ den, in naher Ausſicht ſtehen. Das hier befindliche Eisbärenpaar erfreut ſich einer ſchönen Räumlichkeit und zeichnet ſich durch Größe und Schönheit aus. Die Spiele der Thiere mit einander ſind ſehr anziehend für das Publikum und gewähren viele Unterhaltung. Bald balgen ſie ſich auf dem Lande, aufgerichtet ſich heftig im Felle zauſend, bald ſtürzen ſie zu Boden, bald das Männchen, bald das Weibchen oben liegend; dann fahren ſie blitzſchuell in ihr Waſſer⸗ baſſin und hier werden die Balgereien erſt mit rechter Luſt fortgeſetzt. Oft verſchwinden beide vor den Blicken der Zuſchauer, nur die wal⸗ lende, flutende Bewegung der Wellen bekundet, was in der Tiefe vorgehe bald packt einer den andern und taucht ihn ſo lange unter, daß man fürchtet, er möchte ihn ertränken. Plötzlich ſpringt eines der Thiere aus dem Baſſin, richtet ſich hoch auf an dem Rande deſſelben und fährt dann blitzſchnell wieder auf das andere ſich im Waſſer behag⸗ lich wälzende los und ſo wechſelt Thun und Treiben dieſer koloſſalen, intereſſanten Thiere in vielfachſter Weiſe. In der Kunſt zu klet⸗ tern übertrifft der Eisbär den Landbären bei weitem; es iſt unglaub⸗ lich, mit welcher Gewandtheit derſelbe an ſteilen Wänden emporzu⸗ ſteigen, um ſcharfe Ecken und Spitzen ſich herum zu wenden verſteht: das Thier iſt auf Felſen und Eisgletſchern nicht minder zu Hauſe, wie im Waſſer; mit der koloſſalſten Stärke, mit anſcheinender Plump⸗ heit verbindet es die größte Gewandtheit. Nur ſolche Organiſation, ſolche Befähigung macht es einem großen gefräßigen Thiere möglich, zu leben und zu gedeihen, wo tauſend andere zu Grunde gehen müſſen.

Ruggiero der Goldmacher. Hiſtoriſche Epiſode von Georg Hiltl.

Noch heute zieht ein ſtattliches Haus die Augen des Fremden auf ſich, der, von der langen oder Kurfürſtenbrücke kommend, die Königsſtraße zu Berlin betritt. Obgleich es genug der ſchönen, neuen Prachtbauten in unmittelbarer Nähe gibt, iſt das Haus Nu⸗

mero 7 der Burgſtraße doch noch auffällig genug durch ſeine ein

fache, großartige Fagade, ſeine hohen Fenſter und die mit guten

Figuren geſchmückten Geſimſe. 8 Dieſes Haus iſt aber auch ein Bauwerk des großen Schlüter,