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„Ich habe mit dem Herrn nichts zu thun,“ rief der Pole trotzig, „was wollen Sie von mir? laſſen Sie mich los.“
Eine Anzahl von Menſchen ſammelte ſich um die beiden, und die Spieler zogen ihr Geld ein, weil ſie vielleicht einen Kampf und dadurch die Sicherheit ihrer Bank gefährdet fürchteten, denn es gab leider eine Menge von Menſchen, die das dort aufgethürmte Geld für geſtohlen hielten, und ſich wenig Gewiſſen daraus gemacht hätten, es fortzuraffen.
„Bitte, meine Herren, gehen Sie in ein Nebenzimmer,“ drängte aber jetzt nochmals der kleine Braune,„Sie ſind dort vollkommen ungeſtört— Jean Bertrand hierher— ſorgen Sie für Ordnung.“
Der Pole warf den Blick umher; er ſah ſich augenſcheinlich nach einem Weg zur Flucht um, aber Hamiltons Hand hatte ſeinen Arm wie in eine Schraube gefaßt und der Polizeiagent ſagte mit leiſer, aber drohender Stimme:
„Es hilft Ihnen nichts. Flucht für Sie iſt unmöglich. Sie ſind mein Gefangener; ergeben Sie ſich gutwillig, Sie haben keinen Ausweg mehr, und Widerſtand kann Ihre Lage nur verſchlimmern.“
Es war einen Augenblick, als ob ſich der Pole den drohenden Worten nicht fügen wolle, und faſt unwillkürlich zuckte er mit der Hand empor. Aber ein umher geworfener Blick mußte ihn über⸗ zeugen, daß er hier mit Gewalt nichts ausrichten könne, denn eine Menge von Neugierigen, die ſich im benachbarten Salon umherge⸗ trieben, hörten kaum die in einem Spielſaal ganz ungewohnten, lauten Stimmen, als ſie hereindrängten, und den einzigen Ausgang vollſtändig verſtopften.
Der eine Blick genügte, und verächtlich lächelnd, aber mit voller
Ruhe ſagte der Mann: „Hier herrſcht jedenfalls ein Irrthum. Ich bin Graf Kornikoff, hier iſt mein ruſſiſcher Paß, und ich ſtelle mich damit unter den Schutz unſeres Geſandten. Naſſau iſt mit dem ruſſiſchen Thron verwandt und wird deſſen Unterthanen nicht ungeſtraft beleidigen laſſen.“
Mit den Worten nahm er ein Papier aus ſeiner Bruſttaſche und hielt es Hamilton vor.
„Es kann ſein,“ ſagte dieſer,„daß Ihr Paß in Ordnung iſt. Die gefährlichſten Charaktere haben gewöhnlich die beſten Päſſe. In dem Falle werden Sie ſich aber um ſo weniger weigern mir zu folgen, da ich bereit bin, Ihnen vollſtändige Genugthuung zu geben, wenn ich Sie ohne hinreichenden Grund verhaftet habe. Die Herren hier werden mir aber zugeben, daß man, auch ſelbſt mit einem guten Paß verſehen, doch ſtehlen kann, und auf die Klage eines Diebſtahls verhafte ich Sie hiermit.“
„Gut denn, führen Sie ihn fort und übernehmen dabei die Verantwortung für alle Folgen,“ ſagte der kleine Herr mit dem braunen Rock ungeduldig—„aber Sie ſehen doch ein, daß Sie hier das Spiel und Vergnügen völlig dabei unbetheiligter Herren und Damen nicht länger ſtören dürfen. Herr Polizeicommiſſar, ich bitte Sie, daß Sie dieſem Unfug ein Ende machen, oder ich werde mich morgen ernſtlich bei der Behörde deshalb beklagen.“
Der Polizeicommiſſar war in der That herbeigekommen, und Hamilton, der ihn an ſeiner Uniform erkannte, frug ihn leiſe:
„Wer iſt denn dieſer kleine Tyrann?“
„Einer der Spielpächter,“ ſagte der Mann mit einem verächt⸗ lichen Blick auf den Braunen, und ſetzte dann laut hinzu,„beklagen Sie ſich, bei wem Sie wollen, Monſieur, Sie werden uns aber hier wohl noch erlauben, unſere Schuldigkeit zu thun, ſelbſt wenn Ihre achtbare Geſellſchaft einen Augenblick geſtört werden ſollte. Und Sie, mein Herr,“ wandte er ſich dann an den Gefangenen,„folgen Sie uns jetzt auf das Bureau— ich werde die Sache dort unter⸗ ſuchen.“
„Sie werden mir bezeugen, daß ich noch nicht den geringſten Widerſtand geleiſtet habe,“ ſagte der Pole ruhig—„kommen Sie, meine Herren. Ich wünſche noch an dem Spiel hier Theil zu nehmen, und je eher wir dieſe fatale Sache beendigen, deſto beſſer.
Damit wandte er ſich entſchloſſen dem Ausgang zu— die Leute gaben ihm Raum und wenige Secunden ſpäter ſtanden ſie am Ausgang des Kurhauſes. 4
„Es wäre beſſer, wir legten ihm Handſchellen an,“ ſagte Hamilton, ſich zu dem Polizeicommiſſar überbiegend.
„Er kann uns hier nicht entſchlüpfen,“ erwiederte dieſer kopf⸗
ſchüttelnd—„und ich möchte keine Gewaltmaßregeln gebrauchen, bis ich die Sache nicht näher unterſucht habe.“
Der Pole ſchritt ruhig und feſten Schrittes zwiſchen zwei Poliziſten dahin— dicht hinter ihm folgte Hamilton mit dem Commiſſar und eine Anzahl von Neugierigen ſchloß ſich dem Zuge an, um zu ſehen, was die Sache für ein Ende nähme. So ſchritten ſie langſam durch den Kurgarten dem kleinen viereckigen Regierungsgebäude zu, das dicht an der Brücke liegt, und der Gefangene ſchien ſelber nichts ſehnlicher zu wünſchen, als dieſe Scene bald zu Ende gebracht zu ſehen.
„Haben wir noch weit?“ frug er einen der ihn escortirenden Leute. Oh bewahre,“ ſagte dieſer, indem er mit dem ausgeſtreckten
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Arm auf das vor ihnen liegende Gebäude zeigte,„das iſt das Haus.“ In demſelben Moment ſtieß er aber auch einen Schrei aus, denn ein ſchwerer Schlag, jedenfalls mit einem ſogenannten„life preserver“ geführt, ſchmetterte ihn bewußtlos zu Boden, während der Gefangene mit flüchtigen Sätzen über die ſchmale Brücke hinüber eilte.
Aber er hatte flüchtigere Füße hinter ſich. Wie ein Tiger auf ſeine Beute, ſo ſchoß Hamilton hinter ihm drein, und noch ehe er das Ende der Brücke erreichte, ſtreckte er ſchon den Arm aus, um ihn am Kragen zu packen. Da wandte ſich der zur Verzweiflung getriebene Verbrecher, und einen Revolver vorreißend, drückte er ihn gerade auf die Bruſt ſeines Verfolgers ab..
Hamilton wäre verloren geweſen, aber zu ſeinem Glück ver⸗ ſagte die Schußwaffe, und ehe Kornik zum zweiten Mal abdrücken konnte, ſchmetterte ihn der Schlag des Polizeimanns zu Boden. Aber ſelbſt damit begnügte ſich dieſer nicht, und mit einer ganz außerordentlichen Gewandtheit faßte er ihm beide Hände, legte ſie zuſammen und wenige Secunden ſpäter kuackten die vortrefflichen Derbies oder Handſchellen in ihr Schloß und er wußte jetzt, daß er ſeinen Gefangenen ſicher hatte.
„Alle Wetter,“ ſagte der nachkeuchende Polizeicommiſſar,„das war doch gut, daß Sie ſchneller laufen konnten.“
„Wenn Sie meinem Rath gefolgt wären, konnte uns das erſpart werden,“ meinte Hamilton finſter,„denn ich verdanke mein Leben jetzt nur einem ſchlechten Zündhütchen.“
„Er hat ſchießen wollen?“
„Dort liegt der Revolver— Sie ſehen, daß Sie es hier mit einem gefährlichen Verbrecher zu thun haben.“
„Da wollen wir ihn doch jetzt lieber binden.“
4„Bitte, bemühen Sie ſich nicht weiter— er iſt feſt und ſicher. Sein Sie nur ſo gut und laſſen ihn jetzt durch Ihre Leute in feſten Gewahrſam bringen.“
VII. Die gerettete Unſchuld.
Mr. Burton befand ſich an dem Morgen in einer faſt fieber⸗ haften Aufregung, denn wie er ſchon lange jeden Glauben an die Mitſchuld des armen— oh ſo wunderbar ſchönen Weibes abge⸗ ſchüttelt hatte, gingen ihm andere Pläne wild und wirr durch den Kopf. Immer aufs neue malte er ſich den Augenblick aus, wo er ſie in ſeinem Arm gehalten, wo ſeine Lippen zum erſten Mal in Angſt und Liebe die ihrigen berührt, und nur der Gedanke quälte ihn noch, in welchem Verhältniß ſie zu dem unwürdigen Menſchen geſtanden haben, wie ſie mit ihm bekannt werden konnte. Hatte er ſie unter ſeinem falſchen Namen getäuſcht?— ihrer Famillie heimlich vielleicht entführt?— alle ihre Klagen ſchienen darauf hinzudeuten,
wie verworfen mußte er dann— wie elend ſie, die arme Unſchuldige, „
Verrathene ſein? und war es da nicht ſeine Pflicht, wo er— wenn auch ſelber unſchuldiger Weiſe— all dieſen Jammer über ſie gebracht— ihr auch wieder zu helfen ſo gut er konnte? Er ſchien feſt entſchloſſen, und von dem Augenblick an fühlte er ſich ſelber auch wieder ruhiger und zufriedener.
James Burton, kaum zum Mannesalter herangereift, war ein ſeelensguter Menſch mit einem weichen, für alles Gute und Schöne leicht empfänglichen Herzen. Er hatte dabei— in den glücklichſten und unabhängigſten Verhältniſſen erzogen— noch nie Gelegenheit bekommen, den Täuſchungen und Widerwärtigkeiten des Lebens zu begegnen. Weil er ſelber gut und ohne Falſch war, hielt er alle Menſchen für eben ſo rechtlich und brav, und ſelbſt an Korniks
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