Jahrgang 
1865
Seite
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beſonderer Sonnenſchein in der Fremde. Wie oft haben wir ferner Kranke auf zugigen Bahnhöfen, in tabakerfüllten Reſtaurationen, in kalten Douanen getroffen, mit Packträgern ſich herumzankend, ängſtlich um ihr Gepäck, ſich ſehnend nach einer warmen Stube, dann aber von einem Gaſthofe zum andern fahrend und endlich ein kaltes, unheizbares Zimmer im vierten Stock findend. Als ob es keine Bedienten und Telegraphen gäbe! Und das heißt dann eine Reiſe nach dem Süden machen.

Die wichtigſte Begleitung wird jedoch immer bleiben: Geduld, guter Muth und Reſignation. Wer nicht die Geduld hat auszuharren, der klage ſich ſelbſt und nicht das Schickſal an, wer nicht den Muth hat, zu hoffen, der ſuche auch keine anderen Himmel auf, denn für den Regen regnet es alle Tage; und wer nicht die Reſignation beſitzt, das Leben eines Geſunden aufzugeben, der iſt auch nicht werth, daß er wieder geſund werde. Nicht immer blühen die Lilien und Roſen, nicht immer lacht der Frühling in unſer Leben hinein. Aber dem Grame folgt die Zwillingsſchweſter Freude oft ungeſehen und ungeahnt, und wer immer gelebt und gelitten, hielt oft für Unglück, was er nach Jahren für Glück erklärte.

Und ſomit Gott befohlen! Dr. Kunde in Rom.

(Obiger Aufſatz wird in bedeutend erweiterter Form der demnächſt erſcheinenden neuen Auflage vonFourniers Führer durch Rom und die Campagna(Leipzig bei E. A. Seemann) beigegeben und auf Wunſch des Verfaſſers hiermit vorher auch zur allgemeinen Kenntniß gebracht. Wer da erfahren hat, wie rathlos ſelbſt der routinirte Reiſende ohne ein gutes Hand⸗ buch durch die Kunſt- und Naturſchätze Italiens irrt, wird es uns Dank wiſſen, daß wir Geſunde und Kranke bei ihrer Römerfahrt auf obigen Führer aufmerkſam machen. Die Redaktion.)

Eine Schulzenantwort.

Im Jahr 1812, zur Zeit, wo mit Beckers Noth⸗ und Hilfsbüchlein die Verſuche zur Wiederbelebung Ertrunkner, Scheintodter ꝛc. in Aufnahme kamen, erließ die Württembergiſche Regierung an die Behörden von Ort⸗ ſchaften, die an Waſſern gelegen waren, ein Reſcript etwa des Inhalts:

Dem Schultheißenamt wird aufgegeben zu berichten:

1) Was geſchieht, wenn jemand in betreffendem Ort durch einen Sturz ins Waſſer verunglückt?

2) Sind früher ſchon in ſolchen Fällen medieiniſche Mittel zur Wieder belebung angewandt worden?

3) Welche Einrichtungen ſind damals getroffen worden?

4) Worin beſtehen die etwa vorhandenen Inſtrumente und Geräthſchaften für einen ſolchen Fall?

5) Was hat die Anſchaffung derſelben gekoſtet?

6) Es wäre zu wünſchen, daß im Ermangelungsfall beizeiten eine ſolche

Einrichtung getroffen würde.

Königliches Oberamt.

Antwort des Schultheißen H. zu K. OAmt Marbach.

Königlichem Oberamt!

Wird nach einem erlaßenen Schreyben In Anſehung der ins Waſſer gefalle

nen, ertrunkten, oder doch der Gefahr zu ertrinken ausgeſetzten Leute gehor ſamſt berichtet:

1) Wenn jemand ein Menſch ins Waſſer fällt, und nicht gleich jemand

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da iſt ihn zu erretten, ſo ertrinkt er.

2) Sind die Medizin Mittel nicht ganz verwerflich, wann Einer ins Waſſer fällt und er gleich balden herausgezogen wird, da Tod und Leben mit einander rungen, da können gleich auf der Stell die Mittel deren Herrn Doktor anſchlagen, wann aber Einer einmahl geſtorben iſt, ſo können ſie Keinen mehr in das Leben zurückrufen. Dieſe Proben ſind ſchon zu meinen Lebszeiten allhier gemacht worden, daß ſie keinen Todten in das Leben gebracht haben.

3) Was damals vor Einrichtungen dabey vorgegangen in früheren Zeiten, iſt mir keines bekannt, und

4) In was dieſe Inſtrumenten und Geräthſchaften beſtehen, weiß ich nicht, und iſt im geringſten nichts vorhanden.

5) Betreffend, was deren Anſchaffung gekoſtet, kann ich nicht darauf dienen.

6) Ob und wo eine ſolche Einrichtung zu wünſchen wäre? Das wäre zu

wünſchen, wann jemand in eine Waſſer Gefahr käme, er nicht ertrinken ſollte, ſundern die Schuzengel ihn bewahren möchten; daß aber die Herren Dokter einen Todten durch Inſtrumenten und Medizin wieder in das Leben rufen können, das glaub' ich nicht, und laß es an ſeinen Ort geſtellt ſein, deſſen wegen werd' auch nach denen erprobten vorgefallenen Fällen keine vorräthige Einrichtnng getroffen worden ſein, und ich wünſche mir vor meine Perſon einen ſolchen Bären nicht anbinden zu laſſen, daß man die Todten wieder durch dergleichen Affähren in's Leben bringen würde, deſſen wegen ich auch nicht geſonnen bin, einen Koſten darauf anzuwenden, um die Commun um das Geld zu bringen, und zu keinem Vortheil der ertrunkenen Menſchen ge⸗ deihen würde. Gehorſamſter Schultheiß Holderlen.

Literariſche Induſtrie.

Ein Hamburger Handelsmann, der ſichBücher⸗Exporteur titulirt, empfiehlt in verſchiedenen Zeitungen ein Regiſteranerkannt gediegener Werke zu nie dageweſenen Spottpreiſen. Neben Paul de Kocks übel berüchtigten

Briefe und Sendungen ſind zu richten an die Redaction desDaheim in Leipzig, Poſtſtr. Nr. 2

Unter Verantwortlichkeit von A. Klaſing in Bielefeld, herausgegeben von Dr. Robert Kaenig in geipzig. 1

Romanen finden wir unter dieſenanerkannt gediegenen Werken auch Bü⸗ cher wie folgende: Abenteuer und Skizzen aus der Pariſer Lorettenwelt, mit verſiegelten Illuſtrationen. Garniſon Liebſchaften, ebenfalls illuſtrirt. Ge⸗ heime Chronik der königlichen Luſtſchlöſſer Frankreichs(ſehr pikant 17). Die Damen der Berliner Demi⸗Monde, illuſtrirt. Chronique ſcandaleuſe der Theater⸗Damen. Andere Bücher mögen wir nicht einmal ihrem Titel nach an dieſer Stelle citiren. Was aber beſonders charakteriſtiſch und in der That als ein Zeichen der Zeit erſcheint, das iſt der Schluß jener Anzeige, die wört⸗ lich lautet: Gratis werden zur Deckung des Portos, je nach der Beſtellung, die bekannten Zugaben beigefügt, und bei Aufträgen über 8 Thaler, außer dieſen noch extra: das Leben Jeſu von Renan, oollſtän⸗

dige dentſche Ausgabe mit Porträt, gratis!! Der Handelsmann ſcheint ſein Publikum zu kennen; aber was würde Renan ſagen, wenn er ſähe, in welche Geſellſchaft ihn ſein Buch gebracht hat!

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Wort und Geiſt. Von Otto Sutermeiſter.

V. Was aus dem Herzen ſtammt, o Sohn, nur das allein Wird zum Gedanken Dir und wird unſterblich ſein. Wird Dir durch Denken nicht vorerſt Gefühltes klar, So denkſt Du nicht, noch ſprichſt Du jemals gut und wahr. O glaube meinem Wort: Gar nicht Bauchredner blos, Nein, auch Kopfredner gibt's, gleich klein und früchtelos. VI. O trachtet ſtets, wie ihr das Wort, das Wort bewacht! Denn unergründlich ganz iſt ſeines Zaubers Macht. Ein ſchleichend Gift, ein jäh im Zorn verſandter Pfeil Senkt ſich ein Wort ins Herz und nimmer wird es heil.

VII. Ein ſcharfer Wetzſtein ſei die Lippe unſerm Sinn, Dran der Gedanke oft uns laufe her und hin, Auf daß Geſtalt und Glanz ihm werde zum Gewinn.

VIII. Zwar wirſt und ſollſt Du nicht nur immer Neues ſagen, Doch, wenn Du Altes neu empfindeſt, neu es ſagen.

IX.

Kein beſſer Buch magſt Du gleich nach dem beſten lieben, Als das Du Tag für Tag Dir ſelber haſt geſchrieben;

Nur daß von Eitelkeit und Selbſtbeſpiegelei Du Deine Seele Dir erhalteſt rein und frei!

Wenn aber Schein und Sein in Menſchen⸗Luſt und Leiden

Auf Deinem Blatte ſich in ſtillem Frieden ſcheiden

Dann haſt wahrhaftig Du geſchrieben nicht vergebens:

Dann wird des Tages Buch Dir zu dem Buch des Lebens. X.

So ſchlecht iſt kaum ein Buch, daß ſich nicht lernen ließe An ihm etwas, woraus ein Gutes nicht entſprieße; Gleichwie kein Menſchenkind ſo ſchlimm iſt und verſunken, Daß nicht von Gottes Bild und Geiſt in ihm ein Funken.

XI. Im Großen wählt das Kind für ſich ein Kleines aus: Im großen Hauſe baut es ſich ein kleines Haus, Im Waſſertropfen, der auf ſeiner Hand ſich ballt, Sieht es des Oceans wahrhaftige Geſtalt. So baut der Dichter in der Sprache Rieſenbau Ein Schloß für ſich, ein Haus, ein Hüttlein auf der Au; Und wie im Königshaus, ſo im Nomadenzelt Schafft er ein Abbild ſich der grenzenloſen Welt. XII. Vergebens ſuchſt Du hier und dort nach Poeſie; Sofern ſie nicht in Dir, ſo findeſt Du ſie nie.

An die Einſender von Büchern. gdir erhalten fortwährend Bücher, Bilder, ſelbſt Muſikalien zur Beſprechung in unſerm Blatte. Es liegt aber vorläufig ganz außer unſerm Plane, Recenſionen zu liefern. Wo wir davon eine Ausnahme machen, geſchieht dies nach eigener Wahl, und wir kaufen dann die betreffenden Bücher. Hiernach bitten wir uns nichts mehr unverlangt zuzuſenden. 1 Die Redaction.

Verlag der Daheim-Expedition von Velhagen* Klaſing in Gielefeld und Berlin. Druck von Liſcher ½ Wittig in Leipzig

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