Jahrgang 
1865
Seite
118
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von zehn auf der See; dieſer, wenn er ſeinen Einkommenſchoß in die Schoßkiſte wirft, kann nur Tauſendthalernoten brauchen; er müßte ſonſt einen Dienſtmann mit aufs Rathhaus nehmen.Was ſind das für Leute, die mit der Brieftaſche in der Hand an einzelne heran⸗ tretend, immer eine kurze Frage an ſie richten, und dann, je nachdem die Antwort nickend oder ſchüttelnd ausfällt, ſich etwas auf ein Zet⸗ telchen notiren, oder unverrichteter Sache weiter gehen?Aha Sie meinen die Mäkler? Sehen Sie, wie wenig Umſtände da gemacht werden, wo es ſich um ſo und ſo viel hundert Packen Tabak, Säcke Reis, Fäſſer Kaffee u. ſ. w. handelt. Die kleinen Zettel, die Sie in der Hand der Mäkler bemerkten, ſind die Schlußzettel, die Ur⸗ kunden, welche ſo in aller Eile über Abſchlüſſe aufgenommen werden, wo es ſich um viele Tauſende handelt. Da thut Treu und Glaube Noth nicht wahr?Was iſt in den Düten, welche hier ein Mann dem anderen eifrig discurrirend vorhält?Das ſind wohl Reis⸗ oder Zuckerproben. Sie ſind vielleicht kurz vor der Börſe mit der Poſt angekommen und dem Mäkler behändigt worden. Der Reis ſchwimmt noch auf hoher SeeFalmouth for order, d. h. unverkauft. Der Agent in Falmouth, an deſſen Ordre die Ladung geht, hat die Proben pr. Steamer bekommen und bietet ſie nun aus an allen großen europäiſchen Reismärkten. Die Ladung iſt vielleicht vier⸗, fünfmal verkauft und wieder verkauft, ehe das Schiff ankommt; kommt es an, ſo wird es vielleicht gleich weiter ſegeln müſſen nach Amſterdam, Liverpool, London, Bremen oder Hamburg. Doch ich will Sie nicht ermüden mit meiner Vorleſung über dasGeſchäft mit ſchwimmender Ladung. Ein ander Bild! Da drängt ſich ein Telegraphenbote durch die Menge. Er geht nach dem Winkel der Verſicherer. Was die die Köpfe zuſammenſtecken! Oh und welche bedenklichen Geſichter! Da iſt etwas paſſirt; ein großerRiſiko iſt dahin. Da geht's ans Zahlen; derDispecheur, der kleine ernſte Mann, den Sie dicht neben den Aſſuradeurs ſtehen ſehn, wird den Schadenaufzumachen Mühe haben; denn ich höre eben, daß der Fall verwickelt iſt. Schon iſt auch ein Anwalt bei der Hand, dem der Thatbeſtand in der hieroglyphiſchen Form des Telegrammes

vorläufig mitgetheilt wird, und der ſich über die Verwicklungen,

welche er ahnt aus wiſſenſchaftlichem Intereſſe natürlich mehr zu freuen ſcheint, als die Herren Verſicherer.Welch unförm⸗

liches dickes Buch liegt hier auf dem Pulte in dem Zimmerchen neben den Aſſuradeurs? Es wird ja mit wunderlichem Eifer darin herumgeblättert. Das iſt ein wichtiges und mächtiges Buch das Régistre veritas, ein Verzeichniß aller Schiffe aller ſeefahrenden Nationen mit Angabe der Bonitäts⸗Klaſſen. Das gibt eine franzö⸗ ſiſche Geſellſchaft, derLloyd Français Veritas in Paris, heraus. Verſicherer und Befrachter lernen daraus die Schiffe kennen, mit denen ſie es zu thun haben ſollen. Von der Macht dieſes Buches könnte ich Ihnen viel erzählen doch weiter; es gibt noch mancher⸗ lei zu ſehn und zu hören.Weiter? nein weiter können wir nicht es wird uns flau; führen Sie uns hinaus, ſo ſchnell Sie können. Dacht' ich mir doch, daß Sie die Bremer Börſen⸗Seekrankheit bekom⸗ men würden. Gut denn; vorwärts iſt das Piedeſtal noch heil?

Ich führe denn meine Gäſte, die ſich verwundern, daß die Be⸗ richte von der Bremer Börſe nicht immerflau lauten, heraus;

wir ſchöpfen wieder friſche Luft wir ſind gerettet; unterwegs erzähle ich noch von vielen guten Dingen, die ich auf der Börſe ſo im Vorbeigehen mit einem geübten Börſenohr gehört, ſo von dem Sieg Sheridans bei Straßburg, der, wie ein Lauffeuer durch den Saal gehend, die Verſammlung höchlich intereſſirt, da die Nachricht ſelbſtverſtändlich gleichzeitig mit der anderen eintraf, daß Baumwolle in Liverpool um ¼ ½ d. pr. Pfd. gefallen iſt, von dem thé dansant, der geſtern bei D's., von dem Diner, wel⸗ ches heute bei M's ſtattfindet, von den Triumphen, welche die X. geſtern in der oder jener Rolle gefeiert hat denn das alles und noch viel mehr kann man auf der Börſe erfahren, welche bekanntlich neben ihrer eigentlichen Bedeutung auch noch die hat, ein Ablagerungsplatz für allerhand intereſſante Stadtneuigkeiten zu ſein.

Die Bremer Kaufmannſchaft iſt aus ihrer alten Börſe heraus⸗ gewachſen; das konnte man ſchon vor zwanzig Jahren behaupten; aber erſt in den letzten ſechzehn Jahren iſt es recht handgreiflich zu Tage getreten.

Die Wahrheit dieſer Thatſache kann heutzutage, wo man die hieſigen Kaufleute wohl kaum je wieder zur Abhaltung einer Börſen⸗ verſammlung im alten Lokale vereinigt ſehen wird, nicht füglich mehr ad oculos demonſtrirt werden. Der Beweis iſt nicht gut anders, als durch Zahlen zu erbringen und vor Zahlen haben, wie die meiſten Leſer überhaupt, vermuthlich ganz beſonders die Leſer desDaheim einen mächtigen Abſcheu. Sie mögen mir daher ohne weiteres Glauben ſchenken. Das Bremen von heute iſt ein großer, nächſt Hamburg der größte deutſche Welt⸗Handelsplatz mit einer Handelsflotte von- 305 Schiffen von zuſammen ca. 104,000 Laſt, mit einer Einfuhr von vierzehn bis fünfzehn Millionen und einer Ausfuhr von ſechs bis ſieben Millionen Centner Gütern, im Werthe von bezgl. ſechzig bis ſiebzig und ſechzig bis fünfundſechzig Millionen Thaler Gold per Jahr mit einer Bevölkerung von gegen 70,000 Köpfen, und einem ſteuerbaren Jahres⸗Einkommen von zehn bis zwölf Millionen Thalern, ein Platz, welcher ſeine Zweignieder⸗ laſſungen und Kommanditen an allen Enden der Welt hat. Das Bremen von 1695 war ein europäiſcher Waaren⸗ und Rhedereiplatz, der eben erſt anfing, ſich von den Wunden zu erholen, welche ihm äußere und innere Kriege geſchlagen, der noch die Zukunft nicht ahnte, welche ſich ihm beinahe hundert Jahre ſpäter durch den die dreizehn Staaten der Nordamerikaniſchen Union befreienden Pariſer Frieden eröffnen ſollte. Das Bremen von 1864 konnte ſich mit der Börſe des Bremen von 1695 nicht mehr begnügen.

Der neue Bau ſteht vollendet vor uns; am 5. November haben wir ihn feierlich eingeweiht; am 7. fand die erſte ordentliche Börſen⸗ verſammlung Statt; noch fand man ſich kaum in das neue, behagliche Kleid; ich habe in manchen Geſichtern deutliche Züge wehmüthiger Empfindungen geſehn.Wir haben das halbe Leben hindurch unſern ſchönen feſten Platz an Säule X gehabt. Wo ſollen wir uns nun in dem großen Raume für das zweite halbe Leben häuslich nieder⸗ laſſen? Es gibt Leute, welche in neuen Röcken ſich nicht zurecht finden können. Die wehmüthigen und ſorgenvollen Züge werden ſich aber wohl bald verlieren. A. Emminghaus.

Am Jamilientiſche.

Strychnin und Strychninlieferanten.

Die Alten meldeten mancherlei wunderreiche Mähr von Gewächſen Aegyptens, wo jeder Bewohner ein Arzt, und vom fernen Indien. Ward einem Verbrecher die Wurzel des Achämenis eingegeben, ſo zwangen ihn die Götter durch das Gewächs die verborgene Schuld zu bekennen. Ließ man ihn die äthiopiſche Pflanze Ophiuſa verzehren, ſo erſchienen demſelben im Grauen der Nacht wüthende Schlangen und folterten ihn ſo lange, bis er bekannte. Welcherlei Gewächſe unter jenen Namen gemeint waren? Niemand vermag es gegenwärtig zu ſagen, ebenſowenig läßt ſich enträthſeln, welches der wahre Kern in den geheimnißſchweren Sagen. Feſt ſteht es jedoch, daß mancherlei Gewächs in wunderbarer Weiſe wirkt auf Leib und Seele der Sterblichen, hier erregend und erheiternd gleich dem Tranke, den die ſorgende Helena miſchte dem trauernden Telemachos, als er nach dem Schickſal ſeines Vaters forſchte, dort furchtbare Qualen erzeugend, lähmend und dem Tode überliefernd!

Wer hätte in jüngſtvergangenen Tagen nicht geleſen und gehört von

Strychnin und ſeinen grauenhaften Kräften! Ein halber Gran, ein Gewicht etwa dem eines halben Gerſtenkorns gleich, vermag einen Menſchen zu tödten. Von welcher Pflanze wird jener Giftſtoff bereitet? Welcher Familie des Gewächsreiches gehört ſie an und welches Land erzeugt die Furchtbare? Das Strychnin ſtellt der Chemiker dar aus den Samenkörnern des Brech⸗ nußbaumes, die ihrer Geſtalt wegen auch Krähenaugen genannt werden Jener Baum wächſt häufig in den Waldungen Oſtindiens. Er trägt apfel⸗ große Beeren, deren Fleiſch von Vögeln ohne Schaden verzehrt wird Die Samenkerne, deren mehrere in dem Beerenfleiſch eingebettet liegen, ſind jene giftigen Brechnüſſe. Aus ihnen kann Strychnin, das wirkſame Pflanzenalkaloid bereitet werden durch Ausziehen der geraspelten Brechnüſſe mit Schwefelſäure, Weingeiſt, Waſſer, durch Kochen des Filtrats mit Bitto⸗ erde, Reinigen mit Knochenkohle u. ſ. w. Strychnin iſt vielleicht die bitterſte Subſtanz, welche man kennt. Ein einziger Gran davon nget

40,000 Gran Waſſer ſtark bitter und läßt ſich noch in 420,000 Gran Waſſer

Es gehören nicht um 1 Gewichtstheil

(6 Gallonen) durch den Geſchmack deutlich erkennen. weniger als 800,000 Gewichtstheile Waſſer dazu 1

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