Jahrgang 
1865
Seite
116
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Hört man die Frauen über ihre Mädchen ſprechen, ſo gibt's keine ſchlechteren auf der ganzen Erde; ſieht man, was ſie über ihre Dienſtmädchen ſchreiben, d. h. auf die Atteſte, ſo gibt's keine beſ⸗ ſeren, und man muß die arme Herrſchaft bedauern, daß ſie genöthigt war, ſo vortreffliche Dienſtboten zu entlaſſen; denn auf jedem Ent⸗ laſſungsſchein ſteht geſchrieben, daß der Dienſtbote nur deshalb ſeinen Dienſt verläßt, weil er ſich verbeſſern wolle, immer aber wird ihm ein vorzügliches Zeugniß gegeben.

Die Hausfrauen, die ſo, gegen ihre beſſere Ueberzeugung, den Untreuen als treu, den Faulen als fleißig empfehlen, begehen nicht allein die Unredlichkeit gegen die Herrſchaft, welche, im Vertrauen auf das gute Zeugniß, die Faule oder die Diebin in ihren Dienſt nimmt, ſondern ſie ſetzen ſich ſelber großer Verantwortung und bedeutenden Koſten aus.

Sobald nämlich die Herrſchaft gegen ihr beſſeres Wiſſen, den ſchlechten, unredlichen Dienſtboͤten ein gutes Zeugniß ausſtellt, hat die nachfolgende Herrſchaft, welche ihn auf Grund dieſes Atteſtes miethet, geſetzlich das Recht, ſich an die vorhergehende Herrſchaft wegen all des Schadens zu halten, den der ſchlechte und unredliche Dienſtbote ihr verurſacht, inſofern er ihn nicht ſelber vergüten kann, außerdem aber muß jene eine Geldſtrafe von 15 Thalern an die Armenkaſſe zahlen.

Dies zur Warnung für alle Hausfrauen, die aus falſcher Gut⸗ müthigkeit falſche Documente machen, und dadurch nicht allein ihre Mitſchweſtern betrügen und die Schlechtigkeit des Geſindes befördern, ſondern ſelbſt dem guten Geſinde Unrecht thun; denn was kann für wirklich gute Dienſtboten das beſte Zeugniß für Werth haben, wenn auch der ſchlechteſte ein ſolches bekömmt?

Iine halbe Stunde an der Börſe zu Bremen.

(Hierzu das Bild auf Seite 117.)

Wem wäre nicht das blaue Glöckli in Nürnberg bekannt, welches an der Moritzkapelle klebt, wie ein Schwalbenneſt am Dach⸗ ſims! Ein reicher Nachbar des Wirthes zum blauen Glöckli ſoll dieſem einmal einen Vorſchlag gemacht haben, den manch Einer wohl annehmbar gefunden hätte nur der nicht, dem er gerade gemacht wurde.Tauſchen wir mit unſern Häuſern, ſagte der Nachbar; Du nimmſt mein großes dreiſtöckiges und gibſt mir Deine kleine Spelunke dafür. Der Wirth kratzte ſich hinterm Ohr und ſagte:Bedank mich ſchön, Herr Nachbar! Mein Geſchäft geht gut wer weiß, wie's drüben in Eurem großen Steinhaufen damit ginge. Wer Luſt hat zu tauſchen ꝛc.

So hat die Kaufmannſchaft zu Bremen nicht gedacht, als die Vertauſchung des alten, häßlichen Börſenlokales mit einem neuen großen Prachtbau in Frage kam; ſie iſt dem Tauſche raſch geneigt geweſen, und hat noch ein ordentliches Aufgeld gezahlt wahrlich auch nicht aus Uebermuth. Es iſt wahr die Geſchäfte ſind auch gut gegangen in dem alten Börſenſaale, aber nicht, weil er zu klein war, wie das blaue Glöckli; und ſie werden in dem neuen Prachtbau, den wir am 5. November eingeweiht haben, und den ſich unſere Leſer im Bilde recht gründlich anſchauen können, nicht ſchlecht darum gehen, weil es da Lebensluft und Licht und herrliche große Räume gibt.

Deren gibt es das muß man geſtehen. Und dem Bau⸗ meiſter iſt's um die Größe nicht allein zu thun geweſen; auch nicht allein um die Schönheit. Man ſagt zwar, daß bei Bauwerken die höchſte Schönheit in der höchſten Zweckmäßigkeit beſteht, ich nehme bis auf weiteres an, daß dies eine wenn auch vielſagende Phraſe iſt, und halte es für meine Schuldigkeit, die Beſchauer unſeres Bildes zu verſichern, daß, was ſie ſehen, nicht nur auf Effekt berechnet, ſondern daß es in der That das ſchöne Aeußere eines ſchönen und gleichzeitig überaus zweckmäßigen Inneren iſt. Die Kenner werden ſich insbeſondere darüber freuen, daß nach der äußeren Form und Eintheilung die innere Einrichtung ungefähr zu errathen iſt, daß man ungefähr ſieht, wo der große Verſammlungsſaal und wo die Nebenräume, die Börſenhalle, die Comtoire u. ſ. w. ſich befinden.

Vor 180 Jahren wurden unſere Börſenverſammlungen noch im Freien abgehalten. Daß dies ſpäter anders wurde, iſt lediglich dem Rheinweine zu danken, der überhaupt ſeit Alters in der Geſchichte dieſer ehrwürdigen Stadt eine hochwichtige Rolle ſpielt, und mit dem man wohl meinte, ſich alle die Schnupfen und Gicht ſchmerzen raſch wieder kuriren zu können, welche das Börſenhalten im Freien in unſerem Klima unfehlbar im Gefolge haben mußte. Daß dieſe Medizin bald als Präſervativ⸗, bald als Repreſſivmittel, auch häufig genug bei unſeren Kaufleuten in Anwendung gekommen iſt, das geht aus unſeren Chroniken ſehr deutlich hervor; wenn auch nichtsSub rosa, ſo doch im Keller ſcheinen die wichtigſten Handels⸗ geſchäfte abgeſchloſſen worden zu ſein, ehe es eine Börſe gab, und als man eine ſolche baute, baute man ſie über den Stadtwein⸗Keller und dicht an das Rathhaus, durch welches man in den Keller gelangt.

Doch wie iſt das zu verſtehen, daß der Rheinwein, von dem man wohl weiß, daß er in ſeiner übermüthigſten Zeit Gebäude

ſprengt, der Bremer Kaufmannſchaft zu ihrem erſten Börſengebäude verholfen habe? Das iſt ſehr einfach.

Zu Anfang des ſiebzehnten Jahrhunderts hielten die Kaufleute ihre Zuſammenkünfte auf offenem Markte; da war es ſehr windig und feucht. Die Schuhmacher hatten ſich für ihre Verkaufslokale einen viel geſchützteren Platz auserſehen, zwiſchen dem alten und neuen Rathhauſe,bei den Schuhbuden. Darunter befand ſich eine Abtheilung des Rathsweinkellers, der neue Keller genannt. Das Streben der Kaufleute war nun darauf gerichtet, den Platz der Schuh⸗ macher zu erobern, ob wegen der Nähe des Kellers, oder weil er ge⸗ ſchützter war? ich weiß es nicht. Im Jahre 1614 ließ der Rath be⸗ ſagten Raum zum Schutz des Kellers mit einemAſtrak Eſtrich von Grauſteinen belegen, und nun petitionirte Ein Ehrbarer Kaufmann ernſtlich um dieſen nun doppelt und dreifach werthvollen Platz. E. E. Nath ſchützte das Handwerk und erhörte die Petition nicht. Den Schuhmachern war bis auf weiteres geholfen, nicht aber den unterirdiſchen Weinen, noch den Kaufleuten für die Fälle, wo ſie nicht auchunterirdiſch ſein durften. DerAſtrak ließ den Regen durch; die Kellergewölbe wurden feucht; den Weinen drohte Gefahr. Da ſtellten die Kaufleute E. E. Rathe vor, wie gut es ſein würde, wenn man ihnen den Platz gäbe und denſelben für ſie mit einem Dache oder Gebäude überdecke. Am 7. Oktober 1644 unterzeichne⸗ ten zwanzig oder dreißig angeſehene bremiſche Kaufleute eine Eingabe an den Senatum Aptirung einer Börſe. Sie klagten darin, daß ſie bisher noch immer wie früher auf dem Marktplatze zuſammenkom⸗ men mußten, was für ſie ungemein viel Unbequemlichkeiten habe,da ſie dort nicht nur dem Regen und Unwetter ausgeſetzt ſeien, ſondern auch vor dem daſelbſt ſtattfindenden Lärmen und Hundegebell oft ihre eigenen Unterredungen nicht hören könnten, indem auch die Fiſcher und Schlachter und Marktleute ſich unter ſie miſchten und ihre Geſpräche be⸗ lauſchten. Wollte man auf dem bezeichneten Platze ein Haus bauen, ſo würde dadurch nicht nur ihnen ſelbſt gedienet, ſondern auch der koſt⸗ bare Weinkeller geſchützt werden. Dieſes letztere Argument ſchlug durch. Der Platz wurde mitkleinen Flieſen und Klinkerſteinen gepflaſtert und den Kaufleuten eingeräumt. Aber bis man ſich zu dem Entſchluſſe erhob, ihn auch zu überbauen, dauerte es noch mehre Jahrzehnte. Aus den Chroniken geht hervor, daß auch dieſer Ent⸗ ſchluß weit mehr mit Rückſicht auf den Weinkeller, als auf die Ge⸗ ſundheit der Kaufleute gefaßt wurde. Aber gefaßt wurde er endlich im Jahre 1684 unter der Regierung des Bürgermeiſters Dietrich von Cappeln, und ganze elf Jahre ſpäter war der Neubau auch mit Mühe und Noth vollendet. Drei Baumeiſter hatten ihr Heil darau verſucht. 4 Der Plan war von einem Franzoſen gemacht; der ent⸗ wiſchte während des Baues. Wie kann man auch einem Franzoſen den Schutz unſerer Rheinweine anvertrauen! Das ganze Werk koſtete, trotz mancher Verſchwendung, doch nur 8423 Thlr. Koſten hat der Weinkeller getragen, der das Gebäude ſelbſt tragen mußte. 1736 wurde das letztere umgebaut; ſo wie es da⸗

Die

mals verändert wurde, ſteht es im Weſentlichen noch heute da.* Ließe ſi je* Ließe ſich annehmen, daß die Zahl der Börſenmäkler ſeit 1695