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genuſſe iſt Unmäßigkeit ſchädlich.
bemerkt, daß man nicht jeder Anwandelung des Appetits zum Waſſer⸗
trinken, die meiſt nur Angewöhnung iſt, nachgeben ſolle, und daß ein feſter Vorſatz dieſen Reiz in das Maß des natürlichen Bedürfniſſes zurückbringe. Auch ſchläft man nicht gut bei dieſer Waſſerſchwelgerei, weil die Blutwärme dadurch verringert wird.
Aber nicht allein was? und wie viel?— ſondern auch
wie der Hypochonder eſſen ſoll, iſt von großer Wichtigkeit. Denn der Menſch lebt nicht vom Brote allein, und das Denken— auch jſ † 6 jſt fij 2 7 9 N 3 dies iſt eine Bemerkung Kants— iſt für den Menſchen ein Nah⸗
rungsmittel, ohne welches er, wenn er wach iſt, nicht leben kann,— mag es nun im Lernen(Bücherleſen) oder im Ausdenken beſtehen.
Beim Eſſen ſich gleichzeitig mit einem beſtimmten Gedanken beſchäf-
tigen, Kopf und Magen mit zwei Arbeiten zugleich belaſten, das iſt durchaus ſchädlich, erzeugt und nährt die Hypochondrie. gilt auch vom Spazierengehen.
Schon Kant hat ſehr treffend
Daſſelbe Die für Erhaltung der Geſundheit
ſo nothwendige Bewegung iſt nur dann erfriſchend, wenn man ſich während derſelben nicht mit grübelndem Nachdenken befaßt, ſondern ſich dem freien Spiel der Einbildungskraft überläßt. Der Hypo⸗ chonder hat daher darauf zu achten, daß er die Thätigkeit des Ma⸗ gens, oder die der Füße, mit der geiſtigen des Denkens abwechſeln, und während dieſer der Reſtauration gewidmeten Zeit der Phantaſie freien Lauf läßt.— Hiermit ſind wir wieder unvermerkt zu unſerem Ausgangspunkte zurückgekehrt, ohne die unſerem Hypochonder dien⸗ lichen verſchiedenen Brunnen- und Badekuren genannt, ohne der hier nicht ſelten ſehr heilſamen Waſſerkur erwähnt, ja ſelbſt ohne des doppeltkohlenſauren Natrons gedacht zu haben. Aber weder Kiſſin⸗ gen, Homburg und Spaa, noch die klaren Gebirgsquellen zu Lieben⸗ ſtein und Elgersburg werden ihm helfen, wenn er nicht in dem täg— lichen Gebrauche der für ſeinen Zuſtand nothwendigſten Arznei fort⸗ fährt, der Geduld.— Wo man die bekömmt? Bei der Hoffnung.
Berliner Schlagſchatten.
Von A. v. Seld.
II. Vergnügungen.
An Vergnügungen fehlt's in Berlin nicht, deſto mehr an Ver⸗ gnügen.
In Hamburg ſieht man auf den meiſten Phyſiognomien der Vorübergehenden Selbſtzufriedenheit, in Dresden Höflichkeit, in Wien Freundlichkeit, in Berlin Mißvergnügen. Eine freundliche, glückliche Phyſiognomie iſt eine wahre Seltenheit.
Dieſes Mißbehagen iſt ein Berlin ſo eigenthümlicher Zug, daß er alle hierher Kommenden wie eine kalte Zugluft anweht. In den Gaſthöfen wie in den Reſtaurationen, in chambres garnies, wie in den öffentlichen Gärten, überall tritt er uns erkältend und abſtoßend entgegen.
Eine vornehme Faulheit, eine nicht achtende Geringſchätzung iſt auch ein eigenthümlicher Zug der ſogenannten gebildeten Berliner an öffentlichen Orten. Faſt in der ganzen gebildeten Welt kömmt man leicht zu einer Unterhaltung mit dem Nachbar an der table d'hôte oder in der Weinſtube; will man hier ein Geſpräch anknüpfen, ſo wird man fremd, verwundert angeſehen, und erhält gar keine, oder eine kalte, abweiſende Antwort.
Ebenſo wenig findet man eine friſche, fröhliche Unterhaltung in den Gärten; es ſeien Winter⸗ oder Sommergärten, die Stimmung, die Haltung, die geiſtige Temperatur iſt immer winterlich. Da ſitzen die herausgeputzten Damen an den Kaffeetiſchen, meſſen die Vorüber⸗ gehenden mit langen, prüfenden Seitenblicken, ſehen ſich unter ein⸗ ander ſpöttiſch an, oder theilen ſich eine kurze mäkelnde Bemerkung mit, wie dieſe unter und jene über ihren Stand gekleidet iſt. Die jungen Herren gehen auf und ab und ſehen die Damen mit oder ohne Lorgnette, aber immer mit frechen Blicken an, flüſtern ſich Be⸗ merkungen zu, laut und unlauter genug, um die Damen roth zu machen, wenn ſie das noch werden können, endlich laſſen ſie ſich nieder und blaſen den Cigarrenrauch mit gelangweilten, langweiligen Mienen von ſich.
Nicht einmal fröhliche Kinder ſieht man, ja man ſieht gar keine Kinder, denn die kleinen Weſen, die da aufgeputzt am Tiſche ſitzen oder umhertrippeln, ſind keine Kinder, es ſind elegante Damen gleich ihren Müttern, nur beſorgt, kein Fältchen der ſeidnen Kleider zu zer⸗ drücken; ſie äßen freilich gern noch ein Stückchen Kuchen, oder tränken den Reſt des Kaffees, aber ſie dürfen nicht, denn es muß Kuchen übrig bleiben, damit jeder ſieht, daß ſie Kuchen haben, es muß auch Kaffee übrig bleiben, wenigſtens bis zum Aufbruch, wenn er dann auch kalt iſt, damit der Kellner nicht vorher abräumt und ſie dann am leeren Tiſche ſitzen, der ja auf die Vermuthung bringen könnte, als hätten ſie nichts verzehrt.
Das ſind die Erholungen, die Vergnügungen der armen Berliner, nirgends ſieht man ein heiteres Geſicht, nirgends ein heiteres Geſpräch, ein friſches Lachen, nirgends fröhlich ſpielende Kinder. Wo ſoll da Lebensmuth herkommen, die häuslichen Sorgen, die
Mühen des Tages zu tragen, wenn ſelbſt die Erholungen nur läſtig und langweilig ſind?
Geht in die Tabagien, da iſt's anders, aber nicht beſſer. Still iſt's freilich nicht, aber was man hört, das hörte man lieber nicht. Jeder will einen Einfall haben, einen Witz wiſſen, aber keinen gut⸗ müthigen, wie man ihn von dem Wiener hört, über den ſelbſt der herzlich lachen kann, gegen den der Witz gerichtet iſt. Es iſt immer ein Ausdruck ſchneidender, verletzender Art, dabei ſieht man den Lachern an, daß ſie ſich ärgern, nicht ſelbſt einen ſolchen Einfall gehabt zu haben, und wie jeder bedacht iſt, die Geltung, die der andere dadurch für einen Augenblick erhalten hat, wieder durch eine andere Aeußerung an ſich zu reißen.
Geſchont wird nichts und ſei es das Höchſte und Heiligſte, denn Schlechtmachen iſt ein Berliner Ausdruck und eine Berliner Eigenſchaft. Die gemeinſten Zoten, die ſchmutzigſten Vergleiche, die unzüchtigſten Scherze mit den aufwartenden Dienſtmädchen hört man da von Familienvätern, von Männern, die ſchon um ihrer bürger⸗ lichen Stellung willen auf äußerlichen Anſtand halten ſollten.
Wie wiehernd aber auch oft das Gelächter iſt, Freude, Erholung haben die Gäſte nicht, deun am Unſittlichen kann ſich keiner wahrhaft erfreuen und erholen, und tritt einmal eine Pauſe ein, ſo ſieht man wieder lange gelangweilte Geſichter, wenn nicht eben der Kartentiſch eine fortdauernde Spannung erhält.
Das ſind die Vergnügungen der mißvergnügten Berliner.
III. Die reichen Damen nehmen den armen Mädchen das Brot.
Um das zu verſtehen, muß man erſt einen kleinen Blick in die ſogenannte Häuslichkeit Berlins werfen, die ſich auch bei recht häuslichen Frauen weſentlich von der unterſcheidet, welche die recht häuslichen Frauen auf dem Lande und in den kleinen Städten zeigen. Während bei dieſen letzteren die Speiſekammer und deren Beſorgung eine große Rolle ſpielt, exiſtirt dort in den Familien gar keine Speiſe⸗ kammer, ja zuweilen kaum ein Speiſeſchrank zum Wegſetzen der übrig gebliebenen Speiſen. In kleinen Städten werden zu gewiſſen Zeiten die Vorräthe für zwölf Monate eingekauft, eingemacht und einge⸗ ſchlachtet, und ein wohleingerichtetes Haus gleicht einer proviantirten Feſtung, die ſich ein Jahr halten kann. Auch thut eine ſolche Ver⸗ proviantirung dort Noth, weil die Bedürfniſſe in manchen Jahres⸗ eiten entweder gar nicht, oder doch nur viel theurer zu haben ſind, und weil da, wo nicht wie hier Schlacht⸗ und Mahlſteuer, ſondern V Klaſſenſteuer bezahlt wird, das Einſchlachten und Selbſtmahlenlaſſen V und Backen eine weſentliche Erſparniß iſt. Aber auch Colonial⸗
waaren kauft man wohlfeiler, wenn man(auf dem Lande geſchieht das in der Regel durch die vom Wollmarkt zurückkehrenden leeren Wagen) ſie centnerweiſe aus einer großen Stadt von einem Engroshändler kommen läßt. Alle dieſe Gründe fallen bei der großſtädtiſchen Haus⸗ frau weg, die kann zu jeder Stunde haben was ſie braucht, und be⸗
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