Jahrgang 
1865
Seite
112
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ſchweizeriſchen Geſchlechtsnamens ſogleich weiß, wo das Geſchlecht ſeit Jahrhunderten geſeſſen hat. Der Schweizer in der Fremde läßt nicht von der Hoffnung, über kurz oder lang ins Vaterland zurück⸗ kehren zu können und weiß ſeinen Verband mit der Heimatgemeinde feſtzuhalten; er durchſtreift die Welt, iſt aber kein Weltbürger. Graubündner, in ſeinem Lieblingsberufe andern Menſchen das Leben zu verſüßen, in Deutſchland wie in Rußland äußerſt thätig, wenn ſein Geſchäft in Flor iſt, übergibt es einem Sohne oder Neffen, um auszuruhen in der alten Heimat,möcht' die Firſten wiederſchauen und die klaren Gletſcher d'ran, wo die flinken Gemslein laufen und

Der

kein Jäger vorwärts kann. Das Schweizer⸗Heimweh iſt bekannt und begreiflich und der Schweizer hat ein Recht auf ſein Vaterland ſtolz zu ſein, nicht bloß weil das Land von der Natur ſo herrlich ausgeſtattet iſt, ſondern weil die Schweiz durch viele Kämpfe hindurch ſich zu einem Rechtsſtaat entwickelt hat, in welchem das Allgemeine und das Beſondere in Harmonie zu einander ſteht. So wie die Berge und Thäler und Seen zu der einen ſchönen Schweiz ſich vereinigen, ſo iſt die viele Theile und eine große Mannigfaltigkeit umfaſſende ſchweizeriſche Eidgenoſſenſchaft ein reales Ganze und die Schweiz nicht bloß ein geographiſcher Begriff.

Der Magenhypochonder.

Von Dr. Wald, Reg. und Medicinalrath.

Ich wundere mich, ſagt Boerhave, der größte Arzt des vorigen Jahrhunderts,wie die Gelehrten und Schriftſteller ſich einbilden können, es ſtünde in ihrer Macht zu denken, was und wann ſie

wollten. Die Mahlzeit ganz allein kann dieſes göttliche Vermögen aufheben. So demüthigend dies für unſern Stolz klingt, ſo richtig iſt es. Mit glühendem Eifer, der nicht enden zu wollen ſcheint, ſitzt

man des Vormittags bei der Arbeit; die Gedanken ſtrömen, die Phantaſie bildet und webt bis man mit gutem Appetit zu Mittage geſpeiſt hat. Dahin iſt der Eifer, die Gedanken ſind fort, die Einfälle ſtocken, der Witz iſt geläͤhmt. Erſt nach mehreren Stunden kehrt Luſt und Kraft zur Arbeit zurück, nämlich nicht eher, als bis der Magen ſeine Dienſtſtunden hinter ſich hat. Während derſelben leidet er nicht die mindeſte Störung, ſei's durch geiſtige Anſtrengungen oder durch Gemüthsbewegungen, ohne ſich zu rächen. Er nimmt für dieſe Zeit, ſo zu ſagen, die Lebenskraft ganz für ſich in Anſpruch. Wer aber dies mißachtet und fortfährt, bei vollem Magen ſich geiſtig anzu⸗ ſtrengen, der verdirbt ſich dadurch die Verdauung eben ſo gründlich, wie durch Ueberladung.

Dieſer innige Zuſammenhang der geiſtigen Thätigkeit mit der des Magens mag der Grund geweſen ſein, weshalb die Alten den Sitz der Seele in die Magengegend verlegten. Sie bedienten ſich deſſelben Wortes für Verſtand und Zwerchfell. Der Magen unſerer heutigen Generationen iſt dieſes hohen Ranges längſt entkleidet. Im Gegentheil, er iſt heutzutage der Sündenbock, der die Fehler der meiſten andern Organe auf ſich nehmen muß. Ich habe es im Magen, ich hab' es vor dem Herzen, ſind die gewöhnlichſten Klageformeln: während der arme Magen ganz unſchuldig iſt, und nur wegen ſeiner innigen Beziehungen zu den übrigen Organen mitleidet. Und dafür wird er, wie ſich einer unſerer trefflichſten Heilmeiſter ausdrückt, baß geſchoren. Bald ſoll er vermeintliche Unreinigkeiten ausleeren, bald wird er mit allerhand feindlichen Mitteln zu krampfhaften Bewegungen gezwungen; bald ſoll er zu ſchwach ſein und wird mit Daubitz und andern ſchauder⸗ haft bittern Mitteln gefüllt, mit ſcharfen Subſtanzen geätzt, mit Wein überſchwemmt, oder mit Branntwein verſengt.

Allerdings führen die meiſten Krankheiten eine Störung der Verdauung herbei, ſo wie andererſeits nichts ſo ſicher die volle Ge neſung verbürgt, als die Wiederkehr der Eßluſt. Steckt nun der Fehler in irgend einem der Unterleibsorgane, in der Leber, Milz oder dem Pfortaderſyſteme, der Quelle der bekannten Hämorrhoidal⸗ krankheit, ſo iſt die damit Hand in Hand gehende Störung der Ver⸗ dauung für den Kranken das läſtigſte, und oft ſogar das einzige ihm erkennbare Symptom ſeines Leidens. Aber es gibt noch einen an⸗ deren Grund, weshalb dieſer Gegenſtand vor anderen eine Beſprechung erfordert. So wie es nämlich Gegenden gibt, denen gewiſſe Krank⸗ heiten eigenthümlich ſind, die anderwärts gar nicht oder ſelten vor⸗ kommen, ſo gibt es auch Zeiten, in welchen die Menſchen zu ganz be⸗ ſtimmten Erkrankungen disponiren. Dieſe führen alsdann eine fühl⸗ bare Herrſchaft, die allmälig erliſcht und anderen Krankheitsanlagen Platz macht. Hiefür iſt das auffälligſte Beiſpiel der Skorbut, der noch im vergangenen Jahrhundert die allgemeinſte Krankheit der niederen Stände war, während er heutzutage nur äußerſt ſelten und meiſt nur vereinzelt zur Beobachtung kommt. Und unter den Krankheiten der höheren Stände hat das Podagra ſeine frühere Bedeutung gänzlich eingebüßt. Aber dafür werden wir wieder von andern

Plagen heimgeſucht, welche die frühere Zeit entweder gar nicht kannte, oder die wenigſtens ſeit langen Jahren nicht zum Vorſchein gekommen ſind. Der Grund dieſer auffälligen Erſcheinung liegt in der veränderten Lebensweiſe der Generationen. Die Einführung neuer Volksnahrungs⸗ und Genußmittel, das Zurücktreten der früher gewohnten, und ſicherlich auch die allgemeine geiſtige Richtung der Völker wirken verändernd auf die leibliche Conſtitution zurück. Heut zu Tage nun und zwar etwa ſeit der Mitte der zwanziger Jahre unſers Jahrhunderts iſt die ſogenannte gaſtriſche Krankheitscon⸗ ſtitution die herrſchende geworden, d. h. das Syſtem der Ver⸗ dauungsorgane iſt zur Zeit vorwiegend der Tummelplatz der wich⸗ tigeren Krankheiten. In fühlbarer Weiſe hat uns dies unter anderem die Cholera gelehrt, die erſt nach dem Eintritte dieſer Veränderung der herrſchenden Krankheitsconſtitution ihren Weltlauf beginnen konnte. Und wie wir ſelbſt unter den Romanen und Zeitgemälden aus dem vorigen Jahrhundert nicht einen finden, der nicht in her⸗ vorragender Weiſe des Podagra gedächte, ſo beginnt in der Litera⸗ tur unſerer Tage das verdrießliche Geſicht des Hämorrhoidarius und des an Dyspepſie leidenden Hypochonders ſich läſtig genug bemerk⸗ lich zu machen. Unſere Generation hat ſich den Magen verdorben,

woran? iſt eine Frage, deren Beantwortung wir uns vorbehalten.

Sehen wir uns nun um, wo dieſe Krankheiten der Ver⸗ dauungsorgane ganz beſonders hervortreten, ſo finden wir zunächſt gewiſſe Stände faſt ganz davon verſchont. Es ſind dies diejenigen, deren Beruf ſie zu einem Leben in freier Luft bei anſtrengender körperlicher Arbeit und Bewegung nöthigt. Dagegen erkennen wir weiter, daß die meiſten der an Verdauungsbeſchwerden Leidenden ſich unter den Stubenſitzern befinden, den Gelehrten, Beamten und Kaufleuten. Nicht als ob die Kopfarbeiten, wie man oberflächlicher⸗ weiſe oft genug annimmt, an ſich der Geſundheit nachtheilig wären. Denn ver Meunſch iſt nicht bloß Körper, und zum vollkommenen Wohlbefinden gehört die harmoniſche Uebung beider, der geiſtigen wie der körperlichen Kräfte. Wenn aber bei einſeitiger geiſtiger Anſtrengung, die oft noch dazu in ungünſtiger körperlicher Stellung erfolgt, dem Körper nicht die Gelegenheit zur Verarbeitung der reichlich zugeführten Nahrungsſäfte gegeben wird, dann bilden ſich jene Fehler der Verdauungsorgane aus, die unter den Erſcheinungen der Dyspepſie, der Hämorrhoiden und der Hypochondrie aufzu⸗ treten pflegen. Sehen wir nun zu, was dieſe Worte bedeuten.

Die Dyspepſie oder Verdauungsſtörung iſt die gewöhnliche Begleiterin mannigfacher krankhafter Veränderungen der Unter⸗ leibsorgane, und äußert ſich nicht nur in dem Bereiche dieſer letzteren, ſondern auch im allgemeinen Befinden und beſonders in der geiſtigen Stimmung. Der Appetit iſt wechſelnd und veränderlich, im Ganzen aber verringert. Auch wo er vorhanden iſt, ſchwindet er bald nach BZeginn der Mahlzeit. Kaum iſt dieſe beendet, ſo tritt eine ganze Peihe von Unannehmlichkeiten ein. Zunächſt ein Gefühl von Druck, Schwere, Völle und Aufblähung in der Magengegend, welcher der Druck der Kleidungsſtücke läſtig wird. Die Verdauung währt nicht nur ungebührlich lange, ſondern ſie iſt auch unvollkommen. Die Abſonderung der Verdauungsſäfte iſt abnorm, die mechaniſche Be⸗ wegung des Magens verlangſamt. Das lange Verweilen der Speiſen im Magen gibt zur Säuerung und anderen Verderbniß derſelben, ſo wie zur Gasentwickelung Anlaß. Steigt dieſe letztere zu einem hohen Grade, ſo wird dadurch nicht allein der Magen über⸗