Jahrgang 
1865
Seite
111
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der Kette

des Anſch hluſſes ſtreifte er jeweilen im Dunkel der Nacht, wie der Fuchs in der Fabel, die Kette ab und eilte über das Gebirge zu ſeinem Schatz in Aegeri, kehrte aber beim erſten Morgenroth wieder an ſeinen Poſten zurück.

Dem Beſchauer des Strafproceſſes bietet die Schweiz alle möglich en Formen. Mehrere Kantone haben Schwurgerichte, andere eine mündlich⸗öffentliche Beweisverhandlung vor ſtändigen Criminal⸗ gerichten, andere das ältere Verfahren, aber mit erheblichen Verſchie⸗ denheiten, bis zur inquiſitoriſchen Wahrheitserforſchung im öhlimnuſen Sinne des Wortes herab. In Unterwalden, Uri und Appenzell⸗ Innerrhoden ſind Geſtändnißhiebe und magere Koſt reglementariſch und Zug hat noch in dieſem Jahrhundert in dem furchtbaren Kaiben⸗ thurm recht oft regelrecht gefoltert. Im Jahre 1848 waren Veit Elſener von Neuheim und deſſen Eltern wegen mehrerer mit einander verübter Diebſtähle und wegen der Anfertigung eines falſchen Schuld⸗ ſcheins in Unterſuchungshaft. Anfangs hielt der Verhörrichter den Vater für den Verfertiger der falſchen Urkunde, kam aber zur moraliſchen Gewißheit, der Sohn Veit ſei der Urheber derſelben. Da Veit beharrlich leugnete, der Verhörrichter aber gern ein Geſtändniß gehabt hätte, wurde zur Peinlichkeit geſchritten. Der Inquiſit wurde wiederholt an beiden Daumen rücklings aufgehängt, wieder herunter⸗ gelaſſen, wenn er zu bekennen verſprach, aber auch ſogleich wieder aufgezogen, wenn er mit dem Geſtändniß zurückhielt. Die Daum⸗ ſchrauben ſind auch im Rathl hauſe recht oft angelegt worden.

Während Zug mit einem Fuße noch im Mittelalter ſteckt, hat es neuerdings eine Rechtsgeſetzgebung begonnen, welche Bürgſchaft bietet, daß das kleine Land, wie es jetzt durch die Eiſenbahn mit der civiliſirten Welt verbunden iſt, auch bald in anderer wegiehan den Culturſtaaten der Neuzeit angehören werde. Zug hat ſeit 1863 eine ganz vortreffliche Civilproceßordnung und ein af ches ebenfalls treffliches privatrechtliches Geſetzbuch liegt im Entwurfe vor. Da kann denn das Strafrecht, in welchem ſich der Culturzuſtand eines Landes am deutlichſten abſpiegelt, unmöglich bei Kaiſer Karls V. und des heili igen römiſchen Reichs peinlich er Gerichtsordnung verharren.

Verfolgen wir das hen von den Gegenſätzen in der Schweiz auf das kirchlich⸗religiöſe Gebiet, ſo genügt es nicht zu notiren, daß in der Schweiz Katholiken und Proteſtanten neben ein⸗ ander leben und daß nach der neuen Bundesverfaſſung die freie Aus⸗ übung des Gottesdienſtes den anerkannten chriſtlichen Eenſeſſimnen im ganzen Umfange der Eidgenoſſenſchaft gewährleiſtet iſt d. h. der römiſch⸗katholiſchen und der evange liſch-reformirten Kirche, denn an⸗ ders wird dieſe Beſtimmung der Bundesverfaſſung nicht genommen. Darüber hinaus iſt denn doch die Cultusfreiheit ſehr beſchränkt. Die Juden ſind geduldet, weil man ſie nicht aus der freien Schweiz forttreiben kann, aber es würde einer Judengemeinde unmöglich ſein, ſich in Uri aufzuthun, und ſtaatsbürgerlich ſind die Juden ſehr im Nachtheil gegen die Chriſten, ſelbſt in Zürich.

In der Vergleichung der reinkatholiſchen und der reformirten Kantone iſt man ſehr geneigt, jene als in der geiſtigen Bildung zurückgeblieben zu bezeichnen und leugnen läßt ſich dieſe Thatſache nicht, wenn man Unterwalden und Zürich, Schwyz und Genf, Appen⸗ zell⸗-Außerrhoden und Appenzell⸗Innerrhoden einander gegenüberſtellt, aber die Gerechtigkeit verlangt es, dabei anzuerkennen, daß der Unter⸗ ſchied der Bildung gar nicht ſeinen einzigen oder den letzten Grund in den confeſſionellen Unterſchieden hat, ſondern die mit der Boden beſchaf fenheit zuſammenhängenden Le bensverhältniſ e fallen vor allem in die Wagſchale. Unterwalden iſt von Natur ein Hirtenland. Soll man wünſchen, daß der Unterwaldner ſein Hirtenhemd mit dem franzöſiſchen Frack verkyuſ he und Glanzhandſchuhe anlege, um als hochciviliſirt zu erſcheinen? Sollen die Sennereien ſich in Spinnereien verwandeln? Glarus hat durch ſeine Fabriken vielleicht einen Culturſchein, aber an Sittlichkeit der Bewohner nicht gewonnen. Wer den herrlichen Menſchenſchlag Unterwaldens anſchaut, die kräftigen Männer und die ſtattlichen Frauen und Nungffäen in ihrer kleidſamen Nationaltracht, wer an einem Sonntage ihre Fröhlichkeit ſieht und, falls er ihre Sprache verſteht, gar bald bemerkt, daß der geſunde Witz bei ihnen zu Hauſe iſt, led er ſehr bedauern, daß Streuetoni nicht ſeinen Namen ſchreiben⸗ ſondern nur mit ſchwerer Hand drei Kreuze malen kann? Dieſe ſchwere Hand weiß ſich nicht nur geltend zu machen, wenn im Hochgewitter der Brrund⸗ und zum Fortſpringen bereite Stier an den Hörnern zu faſſen und die Herde zu retten iſt, ſie zeigt ihre Kraft bei dem Schwingfeſte und ſie iſt für die Büchſe ſo feſt und

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ſicher wie das Auge des Mannes. W züide. Land der Schweiz kann mit Stolz auf das Jahr 1798 blicken, als die Schützen von Nid⸗ walden den Kampf für die alt e Freiben gegen die neue Freiheit aufnahmen und zwar von der Uebedmacht beſiegt wurden, aber, ſo viel an ihnen lag, die Ehre der Schweiz retteten? Die Menſchen, wie ſie in Unterwalden ob und nid dem Kernwald ſind, paſſen zu dem Boden, auf welchem ſie leben, und wir müſſen uns freuen, daß es noch Land und Leute dieſer Art gibt.

Es bleibt mir noch übrig für das Geſammtbild der Schweiz auf die ſprachlichen Verſchiedenheiten und Gegenſätze hinzuweiſen, die eben ſo bedeutend und Lenieribet ſind als die Thatſache wichtig 4 ef dieſe Gegenſätze in dem Begriffe des Vaterlandes ſ aufheben.

franzöſiſche Waadtländer fühlt ſich eben ſo ſehr als Schweizer wie. deutſche Aargauer und als kürz lich ein junger Offizier von Pruntrut äußerte, er würde in einem etwaigen Kriege mit Frankreich mit ſeiner Compagnie zu den Franzoſen übergehen, abſtrahirte man zwar von einem kriegsgerichtlichen Verfahren gegen ihn, weil man in der Aeußerung nur eine Pl hraſe ſ ſah, der Offizier erhielt aber 20 Tage ſcharfen Arreſt, wurde außer Activität geſetzt und die öffent⸗ lichen Blätter brandmarkten ihn als einen ſchlechten Schweizer.

Auf dem kleinen Flächenraum der Schweiz exiſtirt neben der deutſchen, franzöſiſchen und italieniſchen Sprache die rhäto⸗roma⸗ niſche in Graubündten, die ſich wieder in zwei Arten abzweigt, und in allen vier Sprachgebieten gibt es viele Mundarten und Patois.

Von einer Gleichſtellung der vier Sprachen im öffentlichen Leben iſt jedoch nicht die Rede. Es wurde in Graubünden, das großentheils deutſch iſt, wohl nie der Anſpruch erhoben, der een Viſchen Sprache mehr als eine Nebenrolle unter den Sprachen der Schweiz einzu⸗ räumen und Art. 109 der Bundesverfaſſung lantet.Die drei Hauptſprachen der Schweiz, die deutſche, franzöſi ſche und italieniſche, ſind Nationalſprachen des Bundes. So iſt es nicht immer geweſen, ſondern bis 1848 hatte die deutſche Sprache einen bedeutenden Vorrang, was ſich beſonders darin zeigte, daß die Protokolle und die Abſchiede der Tagſatzungen von der Kanzlei nur in deutſcher Sprache abgefaßt und ſeit 1835 außeramtlich ins Franzöſiſche übertragen wurden. Jetzt müſſen alle Geſetze, Verordnungen und Beſchlüſſe der Bundesbehörden in den drei Sprachen gedruckt werden, wie in beiden Abtheilung der Bundesverſammlung, dem Nationalrath und dem Ständera), die Abgeordneten ſich nach Belieben der einen wie der andern dieſer Sprachen bedienen können. Die Teſſiner ſehen ſich aber gar nicht für zurückgeſetzt an, wenn in einigen Fällen ihnen zugemuthet wird, ſich an das Franzöſiſche zu halten, das den Gebil⸗ deten unter ihnen in der Regel geläufig iſt. Die Schweiz bietet ſonach die ſehr lehrreiche Erſcheinung, daß ein geſundes Staatsleben gedeihen kann, wenn verſchiedene Nationalitäten als Elemente eines Rechtsſtaats zuſammenwirken.

Schauen wir zum Schluß die Schweiz von der Vogelperſpektive an, ſo erblickt das Auge wie bei jeder Vogelperſpektive zunächſt eine große Mannigfaltigkeit. Wieſel hen 19 Kantone und 6 Halbkantone von ſehr verſchiedener Größe, 2 Bzeſchaffenheit und Bildung. Wir finden die größte Entfaltung der Induſtrie und des Handels und ein idylliſches Hirtenleben. Neuzeit und Mittelalter ſtehen neben einander; inmitten einer raſchen Culturſtrömung primitive Einrichtungen und Curioſitäten, welche ein geiſtreicher, des fernen Weſtens kundiger Mann den alten Blockhäuſern verglichen hat, die man in ameri⸗ kaniſchen Großſtädten bisweilen mitten in eleganten Straßen finde, aus egoiſtiſchen Gründen oder aus Liebe des Beſitzers zur alten Zeit erhalten, aber zum baldigen Abbruch, zum Abbruch wenigſtens durch die nächſte Generation beſtimmt. Mit den reichgezierten katholiſchen Kirchen contraſtiren die ſchmuckloſen reformirten Gotteshäuſer ohne Bild und meiſtens ohne Altar und Orgel; mit den Kirchhöfen, die überladen ſind von kunſtreich behauenen und vergoldeten Grabdenk⸗ mälern, die Friedhöfe, auf denen nach republikaniſcher Regel kein Unterſchied, wie ihn das Leben kannte, hervortreten darf, ſondern ein einfaches Kreuz mit dem Namen alles iſt, was die letzte irdiſche Stätte des Menſchen kenntlich macht. Wie einerſeits im ſtädtiſchen Leben der feine franzöſiſche Ton dominirt, iſt andrerſeits die altdeutſche Bürgerſitte mit ihrem Licht und ihrem Schatten erhalten und wie eine merkwürdige Wanderluſt die Schweizer charakteriſirt, ſo daß wir ſie überall in beiden Hemiſphären Erwerb und Gewinn ſuchend finden, ſo iſt doch ihre Seßhaftigkeit eben ſolb bemerklich, indem, wer nur einigermaßen in der Schweiz bekannt iſt, bei Nennung eines

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