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geadelt worden, aber er ſagt es uns gern, daß er ein gelernter Schrei⸗ ner ſei. Dagegen iſt der dicke Mann hinter Liebig, der hier etwas ſehr müller⸗ und bäckermäßig ausſieht, ein geborner Ritter, und unter ſeinen Fingerſpitzen quellen und blühen die lieblichſten Märchenbilder hervor, ſo duftig zart und ſinnvoll zugleich, wie ſich für ſolche leichte und doch gehaltvolle Spiele der Phantaſie geziemt. Es iſt Moriz von Schwind. Karl Piloty ſteht vor ihm, der talentvolle und ener⸗ giſche Vertreter des Realismus, der durch Lebenswahrheit und natur⸗ treue Durchbildung, durch Kraft und Glanz der Farbe ſich aus⸗ zeichnet und eine neue Schule gegründet hat. Eines ſchickt ſich nicht für alle! ſcheint ihm ſein Freund Schwind zu ſagen; es iſt ein Unterſchied zwiſchen Vers und Proſa. Jedes an ſeinem Ort, ſo iſt jedes recht.
Am andern Tiſche öffnet ein Mann den Deckel des Bierkrugs und ſchaut etwas ernſt darein, wie ein Berg, gegen den die Wetter⸗ wolken heranziehn, wie eine Eiche, die dem Sturme trotzen will; es iſt der Landſchafter Heinlein, und man ſieht es ihm an, daß er große Dimenſionen und das Gewaltige in der Natur beſonders liebt. Neben ihm erblicken wir den idylliſchen Kopf des Bukolikers, des Thiervaters Voltz, der nicht blos das Aeußere, ſondern auch das Seelenleben und die Empfindungen der Ochſen, Kühe und Schafe darſtellt, und ſie mit der Landſchaft zu einem harmoniſchen Ganzen verbindet. Leonardo da Vinci ſagt einmal, daß jeder Künſtler ſich ſelbſt, ſein eignes Geſicht unwillkürlich in ſeine Schöpfungen hinein⸗ trage, und man hat von dem„Moſes“ Michel Angelos behauptet, daß es der Maler ſelbſt ſei, der ſich zornig gegen den Götzendienſt ſeiner Zeit erheben wolle. So könnte man auch wohl von der Figur vor dem Tiſche, Heinlein gegenüber, behaupten, daß ſie der Genre⸗ maler Enhuber ſelbſt gezeichnet habe. Er behandelt die Wirklichkeit eben ſo treu wie künſtleriſch fein; er malt nicht viel, aber lauter Treffliches. Neben ihm, Stock und Hut in der Hand, ſitzt Eduard Schleich, ein feiner Kenner des Schönen, ein eben ſo eifriger Student in den Gallerien als in der freien Natur, ein Landſchaftsmaler, der
Er ſchaut nach andern B. Morgenſtern, Bamberger, Stange u. ſ. w., deren jeder das Seine zum Ruhme der Münchner Landſchaftsmaler beiträgt, die meiſt alle in Karl Rott⸗ mann ihr Haupt verehrten, jetzt aber in regem Wetteifer Sonnen⸗ und Mondſchein, Nord und Süd, Sommer und Winter darſtellen.
Hinter Schleich ſchreitet ein jüngerer Künſtler zu den älteren heran, die ihn gern wie einen Ebenbürtigen aufnehmen. Er kommt von„Jungmünchen“ her, und heißt zwar nicht Meier, aber doch Müller, und das nöthigt ſchon zu einem Beiſatz, er heißt alſo der Componirmüller, weil er ſich ſchon auf der Schule durch ſein hervor— ragendes Compoſitionstalent auszeichnete; er hat es mit treuem Fleiß ausgebildet, und ſo werden unter anderem ſeine herrlichen Zeichnungen zu Schillers Glocke bald Jung und Alt entzücken und groß an den Wänden und klein in Viſitenkartenformat in den photo⸗ graphiſchen Albums prangen. Der kräftige ſchnurrbärtige Kopf vor ihm(hinter Schleich) iſt der des Schlachtenmalers Peter Heß, und über Enhuber hinüber ſchaut das ſinnige Auge des Grafen Pocci unter der Brille hervor; der Mann iſt ja nicht blos Ober⸗ hofceremonienmeiſter und Kinderſchriftſteller, ſondern auch ein Carricaturzeichner erſten Ranges, voll unerſchöpflichen Humors, der freilich meiſt nur die Freundeskreiſe ergötzt, wenn er die Jahres⸗ geſchichte der Zwangloſen oder Altenglands bildlich erzählt, zweier Geſellſchaften, deren eine die verträglichen Elemente aus den Lagern der Eingebornen und Neuberufenen, der Alt- und Neugläubigen, der Künſtler, Poeten und Gelehrten auf neutralem Boden zuſammen⸗ bringt, die andere die ehemalige„goldne Jugend“ der Hauptſtadt, die mittlerweile in Ehren, Orden und Würden ergraut iſt, Abends beim Schoppen im engliſchen Kaffehaus vereint. Hin und wieder kommt aber doch etwas aus Poccis Hand in die Oeffentlichkeit, und man ſagt, daß der Staatshämorrhoidarius und einige ſeiner Ge⸗ ſchwiſter in den Fliegenden Blättern nicht bürgerlicher, ſondern gräf⸗ licher Abkunft ſeien.— 2
die Poeſie des Lichtes und der Luft verſteht. hin, die wir aber leider nicht mehr ſehen, wie z.
Die Schweiz, das Land der Gegenſütze.
Von Eduard Oſenbrüggen. (Schluß.)
Wollte man die Schweiz nach der Verſchiedenartigkeit der Rechte in Theile zerlegen, ſo würden dieſe Theile die Zahl der Kantone weit überſteigen. Es handelt ſich dabei nicht bloß um deutſches Recht, das ſich nirgends ſo ungeſtört entwickelt hat als in der deutſchen Schweiz, und um franzöſiſches Recht nebſt einem Bruch⸗ theil italieniſchen Rechts, ſondern auch in der deutſchen Schweiz iſt das Rechtsleben ſehr mannigfaltig geſtaltet, ſo daß es einem prak⸗ tiſchen Juriſten oft unmöglich ſein würde, über ſeinen Kanton hinaus zu prakticiren. Es iſt ſchwer, ſich eine vollkommene Kenntniß der Erbrechte und der ehelichen Güterrechte zu verſchaffen, noch ſchwerer in einem Streit wegen Allmendverhältniſſe in den Gebirgskantonen ſicher zu urtheilen oder auch nur der Terminologie ſich zu bemächtigen.
„Am anſchaulichſten laſſen ſich aber die Gegenſätze im Rechtsleben an
der Strafrechtspflege herausſtellen. St. Gallen hat ein modernes Strafgeſetzbuch und eine treffliche Strafanſtalt nach dem neuen Syſtem. Wer von St. Gallen über waldbekränzte Hügel und durch wohlhäbige Ortſchaften von Appenzell⸗Außerrhoden hindurch die kurze Wanderung in das Hirtenland der inneren Rhoden gemacht hat, der findet hier die Region der Antipoden: kein geſchriebenes Strafrecht, dagegen Gefängniſſe, die vor Jahrhunderten erfunden ſein mögen, als man„ſchädliche Leute“ einſperrte, um ſie alsbald aufzuknüpfen oder zu köpfen oder mit„Abſchied“ über die Grenze zu ſchieben. Das geht jetzt nicht mehr ſo leicht als früher, aber der raſchen Strafjuſtiz befleißigen ſich die Appenzeller in alter Weiſe, und die„uneigentliche Folter“ verſtehen ſie zu handhaben. Wer jetzt in einer Stunde auf der Eiſenbahn von Zürich nach Zug fährt, der findet einen eben ſo großen Contraſt in der Strafrechtspflege wie im Gefängnißweſen. Die Strafanſtalt in Zürich ſteht zwar nicht auf gleicher Höhe mit den Anſtalten der Art in St. Gallen, Genf, Bern und Lenzburg im Aargau, iſt aber doch dem neuen Gefängnißſyſtem angepaßt.
Zug hatte bis vor kurzem ein raffinirtes Syſtem der Freiheitsſtrafen.
Um den bekannten Ausdruck„in den Schatten ſetzen“ recht buchſtäblich zu veranſchaulichen, ſperrte man Uebelthäter oder ſolche, die dafür galten, in gewiſſe Kaſten des„Kaibenthurms,“ welche die Finſterniß der Hölle verſinnlichten, oder in den„Zitthurm“(Zeitglockenthurm) in Käfige neben dem raſſelnden Uhrwerk. Der Kaibenthurm hat vor kurzem ſeine officielle Qualität verloren und den Zitthurm hat im April 1863 der Blitz vernichtet; jetzt ſollen im Rathhauſe die noth⸗ wendigſten Detentionsgefängniſſe eingerichtet ſein. Zug hat aber noch ein Surrogat der Gefängnißſtrafe, das einzig in der Welt daſteht. Es wird Auction gehalten, um den Menſchen, der anderswo einige Jahre ins Zuchthaus wandern müßte, an den Mindeſtfordern⸗ den zu verſteigern, damit dieſer ihn in ſeinem Hauſe an der Kette halte und gegen das beſtimmte Koſtgeld füttere. Ich habe dieſen Gegenſtand ſchon in dem erſten Bande meiner„rulturhiſtoriſchen Bilder aus der Schweiz“ beſprochen, kann aber jetzt noch Genaueres darüber angeben, denn es ſcheint mir intereſſant zu ſein, grade in unſerer Zeit, wo man dem Gefängnißweſen ſo vielſeitige Studien widmet, von einer ſolchen Monſtroſität Akt zu nehmen. Ich habe erfahren, daß eine ſolche Strafe in der Ausführung weniger ſchlimm iſt als ſie ausſieht. Der Landjäger der betreffenden Gemeinde hat zwar wöchentlich ein⸗ oder zweimal nachzuſehen, ob alles in Ordnung ſei, aber in der Zwiſchenzeit mag doch allerlei geſchehen. Es kam
z. B. vor, daß ein gewiſſer, entfernt vom Dorfe placirter Sträfling
Blattmann gewöhnlich während der ganzen Woche auf dem Felde arbeitete und vielleicht nur ſo lange an der Kette blieb, als der inſpicirende Landjäger gerade anweſend war. Die ſo Verurtheilten blieben auch in der Regel nur kurze Zeit an der Kette, indem ſie lieber das Weite ſuchten. Die öffentliche Meinung ging dann dahin, daß Verwandte derſelben im Einverſtändniß mit Beamten zur Flucht verhalfen. In Menzingen kam 1860 ein Sträfling an eine ſolche Kette, aber die Liebe zeigte ihm Mittel und Wege: in den erſten Monaten


