Jahrgang 
1865
Seite
102
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auf ſeinen luftigen Sitz geklebt, den Elementen Trotz bot. Seines Principals rieſigen Flausrock hatte er als Schutzwaffe übergezogen und war darin ſo vollſtändig verſchwunden, daß, hätte ich nicht bei der Abfahrt ein menſchliches Weſen aufſteigen geſehen, ich unmöglich aus dieſem Faltenſpiel, das allen mühſam erlernten akademiſchen Regeln vom Mitmachen der Form auf das impertinenteſte Hohn ſprach, das Daſein eines ſolchen hätte ahnen können. So hatte dies beregnete Chaos von feſter und flüſſiger Maſſe allmählich das Aus⸗ ſehn einer wohlgerathnen Morchel oder Backpflaume erreicht und nur das oberſte Ende einer Zipfelmütze verrieth durch kaum merkliches Wackeln, daß noch Leben darin vorhanden ſei. Wenn ich nun unter⸗ wegs und, da er kein Wort deutſch redete, nur zu den nöthigſten Weiſungen mich in der üblichen Weiſe, ſich dem Ausländer ver⸗ ſtändlich zu machen, laut ſchreiend an ihn wandte, ſo gab er ſo krampfhafte, niegehörte Töne von ſich, daß mir dabei ganz tragiſch zu Muth wurde und ich ernſtlich eine außergewöhnliche Störung des Organismus in Folge des Unwetters zu befürchten begann. Als ich indeß in Rinkenis untergefahren ins Gaſtzimmer trat und ihm dort einige Kümmel mit Butterbrot vorſetzen ließ, überzeugte ich mich von meiner vergeblichen Beſorgniß, indem er ſich dabei, was das Deutſch verſtehen betraf, weit gelehriger bezeigte und mit bewun⸗ derungswürdig raſchem Gei⸗ ſtesblitz den Beſtimmungs⸗

ort dieſer Stärkungsmittel begriff. In Folge deſſen bildete ſich denn auch für die zweite Hälfte der langen Fahrt ein weit innigeres Verhältniß zwiſchen uns aus, dem er ſeinerſeits durch öfteres Umwenden mit ver⸗ traulichem Grinſen einen freilich noch ſehr entwick⸗ lungsbedürftigen Ausdruck

zu geben bemüht war. So lieferte er mich denn auch wohlbehalten an Hotel Raſch

ab, doch nicht, ohne vor⸗

her noch eine gliückliche Probe ſeines Einlebens in die Situation abzulegen. Er war näm⸗ lich allmälig ſo vertraut mit dem flüſſigen Element geworden, daß er, anſtatt die Hauptſtraße gradeaus auf dem nächſten Wege weiterzu⸗ fahren, es vorzog, plötzlich links abzubiegen, um an dem Hafen vorbei, der zufolge des Wetters den ganzen Quai fußhoch über⸗ fluthete, höchſt mühſam bis an die Axen im Waſſer, das Hotel von der Rückſeite zu erreichen.

Die Nachmittagsſtunden verbrachte ich bei dem dortigen, in ſei⸗ nem Fach höchſt ausgezeichneten Photographen Brandt, aus deſſen reichem Vorrath von Aufnahmen der intereſſanteſten Art ich mir eine hübſche Auswahl für meine Mappe entführte.

Am andern Morgen ſaß ich zeitig auf dem Altonger Bahnzuge und meine weitere Rückfahrt ging nun im Fluge von dannen. Un⸗ terwegs überall die Merkzeichen des kommenden Friedens, ſcharen⸗ weis entlaſſne Reſerviſten, lärmend und jubelnd unter dem Berliner Motto:Ueberall jut, bei Muttern am beſten! Den unverwüſt⸗ lichſten Soldatenhumor aber fand ich während der Fahrt in einem Artilleriſten, einemrichtigen Berliner verkörpert, der, bei Alſen in den Fuß geſchoſſen, mühſam im Pantoffel an ſeinem Krückſtock daher⸗ humpelte. Trotzdem war er der Luſtigen Luſtigſter und hielt durch ſeine tollen Späße die ganze Reiſegeſellſchaft des Zuges in fort⸗ dauerndem Gelächter. Jetzt berichtete er von Düppel und wie er dabei immer ſo rechtpropper oderfeſte weggeſchoſſen, jetzt ſang er mit mehr Begeiſterung als Schule ein naturwüchſig Soldatenlied der Neuzeit, jetzt fuchtelte er mit ſeiner Krücke, an die er mit einem dreifarbig ſchleswig-holſteiniſchen Bande einen auf der Station er⸗ handelten geräucherten Aal gebunden hatte, aus dem Wagenfenſter einem griesgrämigen Weichenſteller oder gaffenden Bummler an der Naſe vorbei. Das alles in einer ſo gutmüthigen Ausgelaſſenheit, daß die Geſichter der Gefoppten, anſtatt böſe zu werden, ſtets nur nolens volens den Reflex ſeines Humors wiederzugeben vermochten. Seine ferneren Späße verſchwammen in dem geſchwätzigen Geſumſe öſterreichiſcher Infanteriſten in meinem Nachbar⸗Coupé, die, gleich⸗

falls dem Süden zueilend, einander recapitulirten, wo alles mit dem Danske ganz unſinnig gerauft worden ſei. Gern hätte ich, in Altona angelangt, dem fidelen Invaliden Valet geſagt; im Wirrwar des Ausſteigens aber war er mir unter den Augen entſchwunden.

In Hamburg las ich an den Straßenecken:Circus Renz, heute Abend: Große Erſtürmung der Düppler Schanzen, ausgeführt vom geſammten Perſonal ꝛc. ꝛc. Meinem Vorſatze getreu, alles irgend auf die Kriegsereigniſſe Bezügliche mitzunehmen, fand ich mich zur beſtimmten Stunde dort ein und ſah mit inniger Theilnahme, wie unter ohrenbetäubendem Lärm von Pauken, Trompeten und Flintenſalven die tapfern Ziethen⸗ und Liechtenſtein⸗Huſaren, nachdem die Infanterie ſo recht nicht zu reüſſiren ſchien, mit Todes⸗ verachtung in wahnſinnigen Lancçaden hoch oben in das Schanzen⸗ gerüſt hineinſprengten, um, natürlich bei bengaliſchem Feuer, das üblichegroßartige Schlußtableau zu bilden. Du aber, Vater Wrangel, alter Degen, hätteſt zugegen ſein müſſen, um zu ſehen, wie Dein gleißend Abbild, inmitten ſtehend, ſentimental die Hände über der Gruppe ſegnend ausbreitete!

Und da oben auf Freiplätzen, den durchmarſchirenden Kriegs⸗ leuten zur Verfügung, ſitzen die echten bärtigen, gebräunten Düppel⸗ helden im verwitterten Waffenrock und ſchauen ehrbar ſtaunend dem tollen Jagen zu: ein einziger von ihnen ein beredteres Capitel aus der Chronik des Feldzuges, eine unend⸗ lich treuere Vorſtellung von dem ruhmreichen Düppel⸗ tage, als der ganze hals⸗ brechende Spektakel. Indeſ⸗ ſen die Sache zieht, Bude und Kaſſe ſind voll, Ham- burgs Spießbürger weiß, höchſt beruhigt, doch nun auch, wie es bei Düppel her⸗ gegangen und, mit Göthes Spaziergänger kehrt er Abends froh nach Haus und ſegnet Fried! und Friedens⸗

zeiten.

Andern Tages früh ging's denn ohne Aufenthalt der rheiniſchen Heimath zu und ich durchflog die bekannte norddeutſche Ebene, ohne irgend Neues zu ſehen, mit Ausnahme von Herford, wo ich die un⸗ liebſame Bemerkung machte, daß dort für den Reiſenden, der, nach einem Trunke Bairiſch trachtend, während kurzen Haltes allzu eilig ausſteigt, alle Anſtalten getroffen ſind, ſo unglücklich zu Falle zu kommen, wie es mir erging, der ich manche lange Woche daran zu kuriren hatte.

So endigten meine Kriegsabenteuer; hatte ich doch nun zur ehrreichen Vervollſtändigung der empfangnen Eindrücke zum Be⸗ ſchluß noch den, wenngleich nicht ſo rühmlicher Weiſe, wie die aktiven Streiter, doch als Bleſſirter und nicht mit ſo heiler Haut aus den Ereigniſſen hervorgegangen zu ſein, wie mancher der letzteren, der fiſchgeſund aus allen Fährlichkeiten an den heimiſchen Herd zurück⸗ kehrte.

Da ſaß ich denn in der Einſamkeit des Hausarreſtes mit verwundetem Schienbein an den Stuhl gefeſſelt und hatte Muße die Fülle, um über meine nächſten künſtleriſchen Probleme: quid nunc? nachzudenken. Da draußen ſchwiegen die Stürme des Kampfes, in der Stille der Werkſtatt aber ſollen meine Aktionen und Schanzarbeiten von neuem beginnen. Heiße Kämpfe ſtehen

bevor, bis ich meine Fahne auf beſcheidner Höhe des Gelin⸗ gens aufpflanzen darf. Die aber will nicht im Stu auf von Düppel, ſondern im bedächtig ſchrittweiſen Vorgehen erſtiegen

ſein und nimmer darf patriotiſche Sympathie einen Unterſchied machen zwiſchen Freund und Feind. Beide wollen gleich reſpekt⸗ voll behandelt ſein und das Conterfei des gelungneren Lands⸗ mannes ſchützt nicht vor der ſtillen aber dauernden Rache des ver⸗ zeichneten Dänen!

Dir aber, geduldiger Leſer, der Du mich auf meinen Fahrten bis hierher begleitet haſt, ein freundlich Lebewohl! Findet Dein Auge in der Folge beim Umherſchauen in den Sälen einer vaterländi⸗ ſchen Gallerie den Namen des Autors dieſer Skizzen auf einem gut⸗