Jahrgang 
1865
Seite
99
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Wanderung durch Deutſch lands?

Bauwerke.

1. Der Dom zu Regensburg.

(Hierzu das Bild auf Seite 97.)

Bei keinem anderen Volke finden wir eine ſo innige, tiefgrei⸗ d fende, organiſche Verſchmelzung zwiſchen Religion uud Kunſt, als ſie uns in den herrlichen Domen Deutſchlands verkörpert entgegentritt. Zeugen nicht dieſe hochgeſtreckten Thürme von einer innigen Sehnſucht nach oben, ſymboliſiren nicht ihre kühnen Durchbrechungen, die beinahe unmöglich ſcheinenden und doch ſo ſoliden Conſtruktionen den Sieg des Geiſtes über die Materie)! Wie weiten die hellen und doch nicht blendenden Hallen das Herz aus, wie tiefen Frieden ſenkt das durch die bunten Scheiben mannichfach gebrochene Licht in die von Leidenſchaften durchſtürmte Bruſt des Gläubigen, der in die Kirche eintritt, um dem Streit der Welt zu entgehen! Wie wahr iſt es, was Anaſtaſius Grün in ſeinemPfaffen von Kahlenberg ſagt:

Die deutſche Kunſt iſt's, die vollbringt, Anſinth der Gewalt nicht fehle;

er Thurm von Stein ſcheint eine Seele, ie chriſtlich fromm nach aufwärts ringt.

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Wenn wahrhafte Schönheit einem Kunſtwerk nur unter der Bedingung zugeſprochen werden kann, daß einerſeits der Eindruck, den ſeine Totalform auf das Gemüth macht, völlig übereinſtimmt mit der Idee, die ſeiner Beſtimmung zu Grunde liegt, andererſeits alle Einzelformen in vollſtändiger Harmonie mit dieſer Totalform ſowohl, als unter ſich ſtel hen, dann kann unter allen gothiſchen Kir⸗ chen des Mittelalters nur den deutſchen Domen dieſe Eigenſchaft zugeſprochen werden, denn nur an ihnen ſind die Einzelformen zu vollſtändiger Harmonie entwickelt, nur bei ihnen wirkt die Geſammt⸗ auſchauung in derſelben Weiſe auf das Gemüth, wie der Geiſt des Chriſtenthums auf das Herz wirkt. Aus dieſer Thatſache ſtehen wir nicht an, zu folgern, daß der gothiſche Styl in den Domen Deutſch⸗ lands ſeine höchſte Vollendung erreicht hat und daß er, und kein anderer, der eigentlich chriſtliche Bauſtyl iſt.

Da nun in der ganzen Kunſtgeſchichte kein Beiſpiel vorkomt, daß ein Kunſtſtyl bei einem anderen Volke, als bei dem, welches ihn erſchaffen, ſeine höchſte Blüte erreicht hätte, ſo können wir be Haupten, daß der gothiſche Bauſtyl auch ſeiner Entſtehung nach ein deutſcher iſt. Warum ſollten wir ihn nicht auchdeutſch nennen? Für uns hat Göthes Wort noch immer Geltung, das er an den großen

*) Der innige Zuſammenhang, zu welchem Kunſt und Religion verwach ſen war in dem geiſtigen Leben unſerer Vorfahren, zeigt ſich übrigens nicht blos in der Form der deutſchen Dome, ſondern auch in der Art und Weiſe, wie die Bauten ausgeführt wurden. Dies geſchah nämlich durch halbkirch lich dingerichüele Genoſſenſchaften von Bauleuten, durch die ſogenannten Bauhütte Faſt alle deutſchen Dome wurden durch die Brüder dieſer Bauhütten de Baulogen unter ſelbſtgewählten Meiſtern ausgeführt.

Baumeiſter des Straßburger Münſters richtet:Und nun ſoll ich nicht ergrimmen, heiliger Erwin, wenn der deutſche Kunſtgelehrte auf Hörenſagen neidiſcher Nachbarn ſeinen Vorzug verkennt, dein Werk mit dem unverſtandenen Worte Gothiſch verkleinert! da er Gott dan

ken ſollte, laut verkündigen zu können:Das iſt deutſche Bau⸗ kunſt, unſre Baukunſt! da der Italiener ſich keiner eignen

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rühmen darf, viel weniger der Franzos.

Ein ſolches Denkmal deutſcher Baukunſt iſt der Dom St. Petri zu Regensburg, deſſen Bau Biſchof Leo der Thundorfer im Jahre 1275 begann. Fünf Jahre ſpäter war bereits der Chor⸗ bau und das dreiſchiffige Langhaus bis zu den Thürmen vollendet. Aber Jahrhunderte lang zog ſich der Bau hin, oft unterbrochen, oft ganz aufgegeben. Im Jahre 1634 verzichtete man endlich auf die Hoffnung, ihn zu vollenden, und die Thürme wurden mit Nothdächern verſehen. Unſer Jahrhundert hat das Verdienſt, ihn gründlich reſtaurirt zu haben; es wird ihn auch vollenden, denn ſeit 1860 iſt durch König Ludwig I. von Baiern der Ausbau der Thürme in An⸗ griff genommen worden.

Unſer Bild zeigt Dir, lieber Leſer, die älteſte und ſchönſte Seite des Prachtbaues, die Oſtſeite; nach alter chriſtlicher Sitte entſtand ſie, die den Altar in ſich birgt, zuerſt. Sie bietet deshalb die reinſten Formen dar, während die Façade, wenn auch zum Theil höchſt originell und maleriſch, doch an den Charakter franzöſiſcher Facaden erinnert.

Treten wir hinein und werfen einen Blick auf das Innere! Daſſelbe iſt 310 Fuß lang und 118 breit. In dem Mittelſchiffe begegnet unſerm Blick ein Marmordenkmal aus dem ſechszehnten Jahrhundert, dem Biſchof Philipp Wilhelm, Herzog von Baiern geweiht. Auch dem Fürſten Primas Carl von Dalberg iſt hier ein Denkmal errichtet, auf dem ſeine letzten Worte: Li ebe, Wille, in weißen Marmor gegraben, prangen. In ganzem ſchweren Silber leuchtet Dir der Hochaltar entgegen, die Stiftung eines Grafen Fugger. Weiter erblickſt Du ein thurmartiges Tabernakel, von Wolfgang Roritzen gearbeitet. Vor allem aber gehe nicht vorbei an Peter Viſchers Werke, einem trefflichen Relief in Erzguß, das Chriſtus bei den Schweſtern des Lazarus darſtellt. Auch der Zieh⸗ brunnen und die Kanzel ſind beachtenswerth. Durch die ſchönen, ſchlanken Fenſter und die klar und flüſſig gegliederten Pfeiler erſcheint das Innere luftig und erhebend, während die durch das bunte Glas und durch die leichten Spitzgewölbe hervorgebrachte duftige Beleuchtung Dich feierlich und ernſt ſtimmt.

Von außen und von innen iſt dieſe deutſche Peterskirche eine Zierde unſeres Vaterlandes und eine Perle unſerer Kunſt. Wie Dein Auge ſich daran weidet und erquickt, wird Dein Geiſt ſich daran erbauen und erheben. Dr. M.

Die Schweiz, das Land der Gegenſätze.

Von Eduard Oſenbrüggen.

Eine Hauptzierde der ſchönen Schweiz ſind ihre vielfarbigen Seen, von denen jeder ſeinen beſonderen Character hat. Der Boden⸗ ſee imponirt durch ſeine Größe und wurde auch im Mittelalter, als man ſich deſſen noch mehr bewußt war, daß die Umwohner demſelben deutſchen Namen angehörten, das ſchwäbiſche Meer genannt. Wer von Deutſchland kommend ſeine erſte Schweizerreiſe macht, wird nicht lauge auf ihm und an ihm verweilen, denn wem die Schneegipfel des Appenzeller Alpſtocks zuwinken, der wird eilen ſich in die Zauberwelt zu vertiefen, die wie ein ungelöſtes? Räthſel vor ihm liegt. Wenn er dann nach kurzer Eiſenbahnfahrt an einem ſonnigen Tage d den blanken Zürichſee erblickt, ſo wird es einiger Zeit bedürfen, b bis das Auge zur Ruhe kommt. Das bewegte Leben der Stadt, die am ruhigen See und am raſchen Fluſſe zugleich liegt, wird ihn feſſeln, und wenn er

ſieht, wie die aus dem See ſtrömende Limmat dahin eilt, um ihre klare Fluth mit der Aare zu verbinden und mit dieſer in den Rhein ſich zu ergießen, ſo wird er der ſchuell en Botin Grüße mitgeben in die deutſche Heimat. Wenn dann die Sonne niedergehen will, ſo nehme er ein Schiffli und fahre hinaus auf den See von wunderbarer Reinheit, er ſiehtwie's Fiſchlein 5 ſo wohlig auf dem Grund, unzählige Boote ſchweben leicht wie Delphine vorüber, die Ufer, nnit netten weißen Häuſern beſäet, ſpiegeln ſich im Waſſer, und wo der See endet, da erheben ſich die majeſtätiſchen Bergrieſen vom Glärniſch bis zum Titlis, deren Eis⸗ und Schneefelder aus dieſer Ferne wie ein Silbergürtel die Erde vom Himmel abgrenzen. Vielleicht iſt er ſo glücklich, das erſte Alpenglühen zu ſchauen, wo das Vreneli auf dem Glärniſch vom letzten Kuß des ſcheidenden Sonnengottes erröthet.

Leben, Gottes