Jahrgang 
1865
Seite
98
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bin nur ein armes ſchwaches Weib, hilflos und ohne Schutz im frem⸗ den Lande aber Sie haben vielleicht ein Recht, der Spur eines verübten Verbrechens nachzuforſchen. Ich habe nichts als meinen ehrlichen Namen, aber den kann ich, Gott ſei Dank, mir erhalten und Ihnen bin ich noch dazu verpflichtet, mir die Gelegenheit zu geben mich u rechtfertigen. Mir ſchwindelt der Kopf, wenn ich mir denke, daß Sie auch nur eine Stunde länger mich in einem ſo furchtbaren Verdacht haben ſollten.

But, my dear Madam, rief Burton, jetzt vergebens be⸗ müht, zu Worte zu kommen. Die Frau ließ ihn nicht.

Nein, nein, fuhr ſie immer erregter fort und ſchl mit vor Eifer zitternden Händen ihren Koffer auf, warf den Deckel zurück und riß die dort ſorgfältig und glatt eingepackten Röcke wild und leidenſchaftlich heraus.Da hier hier iſt alles, was ich auf der Welt mein nenne da meine Wäſche da meine Kleider, fuhr ſie fort, die genannten Sachen, ohne daß es Burton verhindern konnte, über den Boden ſtreuend,hier mein Schmuck eine dürf⸗ tige Korallenkette mit einem goldnen Kreuzchen, das Erbtheil meiner ſeligen Mutter und wie 15 früher ihren Tod beklagte, jetzt danke ich Gott, daß ſie dieſe Stunde nicht erlebte. Hier meine ſie konnte nicht weiter ihr efüh überwältigte ſie. Sie richtete ſich auf und wollte zum nächſten Stuhl ſchwanken, aber ſie vermochte es nicht und wäre zu Boden geſunken, wenn ſie nicht James Burton in ſeinen Armen aufgefangen hätte.

Das war eine böſe Situation für den jungen Mann der warme Körper der jungen Frau ruhte an ſeinem Herzen, und ver⸗ gebens ſuchte er ſie durch tauſend Troſtesworte ins Leben zurück⸗ zurufen. Und wie ihr Herz dabei ſchlug er wuß te ſich keines Nathes, als ſie aufs Sopha zu tragen. Und als er ſie in die Höhe hob, trafen ſeine Lippen unwillkürlich auf die ihrigen und ruhten einen Moment darauf. Endlich raffte er ſich empor. Er wollte nach Hilfe rufen, aber er wagte es nicht was mußten die Leute im Hotel davon denken, wenn er in einer ſolchen Situation mit der jungen Dame betroffen wurde? Auf dem Waſchtiſch ſtand ein Glas Eau de Cologne damit beuetzte er ihr Taſchentuch, hielt es ihr unter die Naſe und rieb ihr Schläfe und Puls, und als das alles nicht helfen wollte, tauchte er das Handtuch in kaltes Waſſer und legte es ihr um die Stirn. Aber es dauerte wohl zehn Minuten, ehe er ſie zum Bewußtſein zurückrief, und als ſie endlich erwachte, befand ſie ſich in einem ſo furchtbar überreizten Zuſtande daß ſie den über ihr lehnenden Arm des jungen Mannes ergriff, ihre Stirn dagegen lehnte und bitterlich weinte.

Mr. Burton that das unter ſolchen Umſtänden Zweckmäßigſte er ließ ſie ſich ausweinen und es gewährte ihm ſogar einige Be⸗ ruhigung, daß er ſie dabei mit ſeinem linken Arm ſtützen und halten konnte. Aber dieſe Schwäche dauerte nicht lange. Die junge Frau zeigte eine ungemeine Willenskraft, dieſes augenblickliche Erliegen ihres Körpers zu bewältigen, und mit leiſer Stimme ſagte ſie:

Ich danke Ihnen ich fühle mich ſtärker es iſt vorbei. Laſſen Sie mich jetzt alles wiſſen o verhehlen Sie mir nichks ich muß es ja erfahren und dann habe auch ich Ihnen ein Geſtänd⸗ niß abzulegen. Ich fühle, daß Sie es gut mit mir meinen. Zür⸗ nen Sie mir nicht, meiner Heftigkeit wegen. 2 Oh, daß ich Ihnen beweiſen könnte, wie innigen Autheil ich an Ihrem Schickſal nehme, rief Mr. Burton bewegt aus.

Und wo iſt Ihr Begleiter jetzt? frug die junge Frau, die noch immer halb von ſeinem Arm gehalten wurde.

Ich weiß es nicht, ſagte Mr. Burton mit einer gewiſſen Genugthuung, ihr darauf keine beſtimmte Antwort geben zu können. Er folgt jenem Grafen Kornikoff, um ſich ſicher zu ſtellen, ob er es in dieſem mit dem vermutheten Kornik zu thun hat. Nun aber ſagen Sie auch mir, dear Madam wie kommen Sie in die Ge⸗

vielleicht iſt auch bis dahin ſchon Nachricht über getroffen.

ſellſchaft jenes Mannes? wie lernten Sie ihn kennen, und hatten Sie keine Ahnung, daß er ein Betrüger ſei?

Ich kann es mir jetzt noch nicht denken, rief die Unglück⸗ lichees iſt nicht möglich er hätte ja, wenn es wahr wäre, ein tauſendfaches Verbrechen an mir ſelber verübt. O laſſen Sie mich noch an ſeine Unſchuld glauben.

Wie gern wollte ich Sie in dieſer Täuſchung laſſen, ſagte Mr. Burton,aber ich muß geſtehen, daß viele, viele Umſtände da⸗ gegen ſprechen.

Dann finden wir auch in ſeinem Koffer Aufſchluß über das Vergehen, rief da die Dame plötzlich, indem ſie ſich vom Sopha emporrichtete.Er hat ſein ganzes Gepäck zurückgelaſſen und nicht allein zu Ihrer, nein auch zu meiner Genugthuung muß ich jetzt darauf beſtehen, daß Sie es auf das Genaueſte unterſuchen.

Mr. Burton wollte ſie davon zurückhalten, weil er nicht mit Unrecht fürchtete, daß ſie ſich aufs neue dabei zu ſehr aufregen würde, aber ſie beſtand feſt darauf und da ihm ſelber daran lag, das hinterlaſſene Eigenthum jenes Menſchen nachzuſehen, gab er endlich ihrem Wunſche nach. Vergebens aber durchſuchten ſie jetzt den ganzen, ziemlich geräumigen Koffer; es fand ſich nichts, was irgend einen Aufſchluß hätte geben können. Ganz unten nur in der Ecke lag ein zuſammengedrücktes Papier ein altes Couvert, in das ein Paar alte Hemdknöpfchen und eine Weſtenſchnalle eingewickelt waren, und auf dem Couvert ſtand die Adreſſe:

W. Kornik Esq. Care of Messrs. Burton& Burton London.

Mr. Burton entfaltete das Couvert, las es, und reichte es dann ſchweigend, aber mit einem beredten Blick der Dame. Dieſe aber hatte kaum das Auge darauf geworfen, als ſie mit leiſer, ent⸗ ſetzter Stimme ſagte:

Vater im Himmel! al ſo doch und ihr Antlitz in ihren Hän⸗ den ber rgend, ſtand ſie wohl eine Minute ſtill und ſchweigend und wie ineinandergebrochen. Endlich richtete ſie ſich wieder empor, und dem jungen Mann noch einmal die Hand entgegenſtreckend, ſagte ſie:

Ich danke Ihnen, Mr. Burton danke Ihnen recht von Herzen, daß Sie den Schleier gelüftet haben, der mich von einem Abgrund trennte. Wenn Sie aber jetzt Ihrer Güte gegen mich die Krone aufſetzen wenn Sie mich für ewig verpflichten wollen, dann laſſen Sie mich jetzt nur für eine kurze Stunde allein, um mich zu ſammeln. Ich kann jetzt nicht danken ich bin es nicht im Stande meine Glieder verſagen mir den Dienſt. In einer Stunde kommen Sie wieder zu mir, dann ſollen Sie alles erfahren, was mich betrifft, und wir können dann vielleicht gemeinſchaftlich

berathen, was zu thun, wie Ihnen wie mir zu helfen iſt. Wollen Sie mir das verſprechen? Madam, ſagte Mr. Burton mit tiefem Gefühl, und jetzt

daß dies liebliche Weſen nie und nimmer eine befehlen u machen,

vollſtändig überzeugt, Mitſchulbige ſein könne,Sie haben ganz über mich zu und was in meinen Kräften ſteht, mich Ihnen nützlich z Faſſen Sie Muth, und vor allem faſſen Sie hoffe, es ſoll noch alles gut werden. Ich Stunde bin ich wieder bei Ihnen den Flüchtling ein⸗ Sorgen Sie ſich nicht, ſetzte er aber herzlich hinzu, als er dem wehmüthigen Blick begegnete, der auf ihm haftete.Sie haben einen Freund gefunden. Und die Hand, die er noch immer in der ſeinen hielt, an ſeine Lippen preſſend, durchrieſelte es ihn ordentlich wie mit ſüßen Schauern, als er einen leiſen Druck derſelben zu fühlen glaubte. Aber er ließ ſie los, verbeugte ſich vor der jungen Dame ehrfurchtsvoll und ſtieg dann raſch in ſein Zimmer hinauf, um die Erlebniſſe der letzten Stunde noch einmal an ſeiner Erinnerung vorüberziehn zu laſſen. (Fortſetzung folgt.)

ſoll gewiß geſchehn Vertrauen zu mir, und ich laſſe Sie jetzt allein in einer