auf
ge⸗
ſämmtlichen Fraukfurter Uhren— was bekanntlich eine
ſich der Oberkellner
befand, berichtigte er ſeine Rechnung und ſprang gleich draußen in eine Droſchke, um ſeine Verfolgung
anzutreten.
darauf
IV. Die ſchöne Fremde.
Mr. Burton blieb in einer nichts weniger als behaglichen Stimmung zurück, denn er hatte ganz plötzlich die Leitung einer Angelegenheit bekommen, in der er bis jetzt nur gedacht hatte als Zeuge, und vielleicht als Kläger aufzutreten.
James Burton war überhaupt der Mann nicht, in irgend einer Angelegenheit entſchieden und ſelbſtändig zu handelnz er verhielt ſich am liebſten paſſiv.
In einer der erſten bürgerlichen Familien ſeines Vaterlandes erzogen, in den beſten Schulen herangebildet, in der beſten Geſell⸗ ſchaft aufgewachſen, war er von edlem, offenem Charakter, dem ſich ein geſunder Verſtand und ein weiches Herz paarte. Das letztere lief ihm aber nur zu oft mit dem erſteren davon, und ſelber unfähig eine unrechtliche Handlung zu begehen, gab es für ihn auch nichts Schrecklicheres auf der Welt, als ſolche einem anderen zuzutrauen.
Nichtsdeſtoweniger bekam er es hier mit einer nicht wegzuleug⸗ nenden Thatſache zu thun, deun William Kornik, von ſeinem Vater mit Wohlthaten überhäuft und in eine ehrenvolle und einträgliche Stellung gebracht, hatte das Vertrauen ſeines Hauſes auf eine ſo nichtswürdige Weiſe getäuſcht und mißbraucht, daß ein Zweifel an ſeiner Unehrlichkeit nicht mehr ſtattfinden konnte. Gegen dieſen würde er auch mit rückſichtsloſer Strenge vorgegangen ſein, aber jetzt bekam er plötzlich den Auftrag, gegen eine Frau einzuſchreiten, deren Betheiligung an dem Raub allerdings wahrſcheinlich, aber keines⸗ wegs völlig erwieſen war. Und doch ſah er auch recht gut ein, daß Hamilton Recht hatte, wenn er verlangte, die jedenfalls ſehr ver⸗ dächtige Perſon wenigſtens ſo lauge feſt und unter Aufſicht zu hal⸗ ten, bis er mit dem wirklichen Verbrecher zurückkehren könne. Nur daß ihm dazu der Auftrag geworden, war ihm fatal, und er hätte vielleicht eine große Summe Geldes gegeben, um ſich davon loszu⸗ kaufen, aber das ging eben nicht, und es blieb ihm nichts andres übrig, als ſich der einmal übernommenen Pflicht nun auch nach beſten Kräften zu unterziehen. Er hoffte dabei im Stillen, daß die Dame ſehr ſtolz und frech gegen ihn auftreten würde, und war feſt entſchloſſen, ſich nicht einſchüchtern zu laſſen. Um den verbrecheriſchen Erwerb des Geldes mußte ſie ja wiſſen, ſie wäre ſonſt nicht heim⸗ lich mit ihm geflohen, und wenn ſich dann auch noch herausſtellte, daß ſie den Schmuck der Lady Clive entwendet hatte, dann brauchte er auch weiter kein Mitleiden mehr mit ihr zu haben, und jede Rück⸗ ſicht hörte von ſelbſt auf.
Nichtsdeſtoweniger konnte er ſich doch nicht entſchließen, die Höflichkeit ſoweit außer Acht zu laſſen, als ſich vor zwölf Uhr bei ihr melden zu laſſen. Aber er traute ihr deshalb doch nicht; denn Mr. Kornik war ihm auf viel zu raſche Art abhanden gekommen, um nicht etwas Aehnliches auch von ſeiner Frau oder Gefährtin zu fürchten. Er ging deshalb, ſehr zum Erſtaunen des Portiers, der gar nicht wußte, was er von dem unruhigen Gaſt denken ſollte, und ihn frug, ob er vielleicht Zahnſchmerzen habe, die langen Stunden theils auf dem Vorſaal, theils auf der Treppe auf und ab— denn das verzweifelte Haus hatte ja zwei Ausgänge— und horchte ver⸗ ſchiedene Male oben an der Thür, um ſich zu verſichern, daß nicht der zweite Vogel ebenfalls heimlich ausgeflogen ſei.
Aber dieſe Furcht ſchien grundlos zu ſein. Das Stuben⸗ mädchen, dem er auf der Treppe begegnete, brachte das Frühſtück hinauf, ein Glas Madeira und ein Beeſſteak, die verlaſſene Frau nahm alſo noch ſubſtantielle Nahrung zu ſich, und als es endlich auf
lange Zeit
zwölf geſchlagen hatte, faßte er ſoviel Muth, der Dame
ſeine Karte h hinaufzuſchicken und anfragen zu laſſen, ob er das Ver⸗ gnügen haben könne, ihr ſeine Aufwartung zu machen.
Das klang alerols nicht wie das Vorſpiel einer criminellen Unterſuchung, aber die gewöhnlichen Geſetze der Höflichkeit durften doch auch nicht außer Acht gelaſſen werden. Höflichkeit ſchadet nie, und man hat dadurch oft ſchon mehr erreicht, als durch ſogenannte gerade Derbheit, was man im gewöhnlichen Leben auch wohl Grob⸗
heit nennt. Die Antwort lautete umgehend
zurück, daß die Dame ſich glück⸗
lich ſchätzen würde, ihn zu begrüßen und nur noch um wenige Minu⸗ ten bäte, um ihre Morgentoilette zu beenden.
Die wenigen Minuten dauerten allerdings noch eine reichliche halbe Stunde, aber Mr. Burton war gar nicht böſe darüber, denn er bekam dadurch nur noch ſo viel mehr Zeit, ſich zu ſammeln und ſich ernſtlich vorzunehmen, dieſe Perſon allerdings mit jeder Artigkeit, aber auch mit jeder, hier unumgänglich nöthigen Strenge zu behan⸗ deln. Was half es auch, Rückſicht auf ein Weſen zu nehmen, das ſich an einen Menſchen wie dieſen Kornik ſoweit weggeworfen hatte, ſogar Theilnehmerin ſeiner Verbrechen zu werden. Dabei über⸗ legte er ſich auch, daß es weit beſſer ſein würde, im Anfang keine einzige Frage derſelben zu beantworten, ſondern vor allen Dingen erſt alles herauszubekommen, was ſie wußte. Volle Aufrichtigkeit allein konnte ja auch jetzt ihre Strafe mildern und ihrem Vergehen das Gehäſſige der Verſtocktheit nehmen, und durch ihr Geſtändniß bekamen ſie außerdem gleich ein Hauptzeugniß gegen den jetzt noch flüchtigen Verbrecher.
Mitten in dieſen Betrachtungen wurde er durch die Klingel auf Nr. 7. geſtört, die den Kellner herbeirief. Dieſer erſchien gleich darauf wieder und meldete Herrn Burton, die Dame erwarte ihn.
Alſo der Augenblick war gekommen, und mit feſten Schritten ſtieg er die Treppe hinan. Wußte er doch auch ſchon vorher, wie er die Dame finden würde, die ſo ewig lang gebraucht hatte, ihre Toi⸗ lette zu machen: im vollen Staat natürlich, um ihm zu imponiren und jede Frage nach einer begangenen Schuld gleich von vornherein abzuſchneiden. Aber er lächelte trotzig vor ſich hin, denn er wußte, daß eine derartige plumpe Liſt bei ihm nicht das Geringſte helfen würde. Er ließ ſich eben nicht verblüffen.
Mit feſten Schritten ſtieg er die Stufen hinan und klopfte an
aber doch nicht zu laut.„Walk in,“ hörte er von einer faſt ſchüchternen Stimme rufen, und als er die Thür öffnete, blieb er ordentlich beſtürzt auf der Schwelle ſtehen, denn vor ſich ſah er das lieblichſte Weſen, das er in ſeinem ganzen Leben noch mit Augen geſchaut.
Mitten in der Stube ſtand die junge Fremde nicht etwa in voller Toilette, mit Schmuck und Putz und Flittertand behangen, wie er eigentlich gehofft hatte ſie zu finden, ſondern in einem einfachen, ſchneeweißen Morgenanzug, der ihre Schönheit nur um ſo reizender erſcheinen ließ, und während ihr blaues Auge feucht von einer halb⸗ zerdrückten Thräne ſchien, ſtreckte ſie dem Eintretenden die Hand ent⸗ gegen und ſagte mit vor Bewegung zitternder Stimme:
„Sie ſendet mir der liebe Gott, mein Herr Ihr Name iſt mir zwar fremd, aber aus Ihrer Karte ſehe ich, daß Sie ein Landsmann ſind, alſo ein Freund, der mich in der größten Noth meines Lebens trifft, und mir gewiß, wenn er nicht helfen kann, doch rathen wird.“
„Madam,“ ſagte der junge Burton, durch dieſe keineswegs erwartete Anrede ganz außer Faſſung gebracht, indem er die ihm ge⸗ reichte Hand nahm und faſt ehrfurchtsvoll an ſeine Lippen hob,„ich
ich begreife nicht recht ich geſtehe, daß ich— Sie entſchuldi⸗ gen vor allen Dingen meinen Beſuch.“
„Ich würde Sie darum gebeten haben⸗ ſagte die junge Frau herzlich,„wenn ich gewußt hätte, daß ein Landsmann mit mir unter einem Dache wohnt, aber das Fremdenbuch, das ich mir heute Mor⸗ gen bringen ließ, zeigte keinen einzigen engliſchen Namen— doch ich darf nicht ſelbſtſüchtig ſein,“ unterbrach ſie ſich raſch—„Sie ſind da— ich ſehe in dem edlen Ausdruck Ihrer Züge, daß ich auf Ihren Beiſtand rechnen kann, und nun erſt vor allen Dingen, Ihre An⸗ gelegenheit. Löſen Sie mir das Räthſel, das Sie, einen vollkom men Fremden, gerade in dieſer Stunde zu mir hergeführt— und bitte, nehmen Sie Platz oh, verzeihen Sie der Aufregung, in der Sie mich gefunden, daß ich Sie ſchon ſo lange hier im Zimmer habe ſtehen laſſen.“
Damit führte ſie ihn mit einfacher Unbefangenheit zu dem klei— den mit rothem Plüſch überzogenen Sopha und nahm dicht neben
hm Platz, ſ daß es dem jungen Mann ganz beklommen zu Muthe wuntg. Auch die Frage diente nicht dazu, ihm ſeine ruhige Ueber⸗ legung wieder zu geben, denn konnte er dem Weſen neben ihm jetzt mit kalten, dürren Worten ſagen, daß er hierher gekommen ſei, um ſie des Diebſtahls zu be züchtigen und in Haft zu halten? Es war ordentlich als ob ihm die innere Bewegung die Kehle zuſammen⸗ ſchnürte und er brauchte geraume Zeit, um nur ein Wort des An⸗ fangs zu finden.


