Jahrgang 
1865
Seite
94
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Die Thür öffnete ſich.

Do you speak english.? lautete die Frage der Dame.

Der Kellner antwortete leiſe einige Worte, die Hamilton nicht verſtehen konnte, aber die Frage mußte verneinend beantwortet ſein, denn die Dame erwiderte gleich darauf heftig:

So send somebody with whom I can speak.

Der Kellner Hamilton ſah durch die Thürſpalte, es war ein ganz junger Burſch, der augenſcheinlich gar nicht wußte, was die Dame von ihm wollte eilte wieder die Treppe hinab.Aber alle Wetter, wo ſtak denn Mr. Kornik, der doch ganz vortrefflich deutſch ſprach?

Hamilton erſchrak. Hatte der Verbrecher wirklich geſtern Abend Burton erkannt und ſich ſelber in Sicherheit gebracht? Darüber mußte er Gewißheit haben aber ſeine Stiefeln ſtanden noch vor der Thür. War er vielleicht krank geworden?

Er ſtieg raſch die Treppe hinunter zum Portier, den er auch ſchon auf ſeinem Poſten fand.

Ah, Portier, wiſſen Sie vielleicht, wann der Herr auf Nr. 7 wieder abreiſen wird?

Auf Nr. 72

Graf Kornikoff, glaube ich

Ah ja, der Herr Graf, kann wollte heute Abend wieder kommen.

Wieder kommen?

Ja er iſt heute Morgen halb dem Taunusgebirg gefahren.

The devil he is, murmelte Hamilton leiſe und verblüfft vor ſich hinund hat er Gepäck mitgenommen? frug er laut.

Nur eine Reiſetaſche die Dame iſt ja noch hier.

Haben Sie ihn denn geſehen?

Natürlich ich habe die Taſche ja an den Wagen getragen.

Aber wann, um Gottes Willen, ſchlafen Sie denn?

Ich? nie, lächelte der Mann in voller Ruhe. Aber Hamilton hatte andere Dinge im Kopf, als ſich mit dem Portier zu unterhalten. Mit wenigen Sätzen war er oben an Mr. Burtons Zimmer, den er auch ſchon vollſtändig augekleidet und ſeiner war⸗ tend traf.

Er iſt fort, rief er dieſem ganz außer Athem entgegen, richtig durchgebrannt. Er muß Sie geſtern Abend erkannt haben. Der Lump iſt mit allen Hunden gehetzt.

Und was jetzt?

Ich muß augenblicklich nach, denn der Poſtillon, der ihn ge⸗ fahren hat, wird zurück ſein und weiß jedenfalls die Station. Dort findet ſich dann die weitere Spur.

Mit der Donna?

Nein, die iſt zurückgeblieben, die überlaſſe ich jetzt Ihnen. Wahrſcheinlich hat ſie auch einen Theil von Ihres Vaters Geldern in Verwahrung jedenfalls den Schmuck. Hier iſt der Verhafts⸗ befehl für Kornik und ſeine Begleiterin mir kann er doch nichts helfen, denn er gilt, von den Frankfurter Behörden ausgeſtellt, nur für das hieſige Gebiet. Das iſt eine verzweifelte Wirthſchaft in Deutſchland, wo ein Mann in einer einzigen Stunde in drei ver⸗ ſchiedener Herren Länder ſein kann.

Aber wie bekomme ich heraus, ob das auch in der That jene berüchtigte Miſſ Fallow iſt, beſter Hamilton? Die Flucht des Grafen, wenn er wirklich geflohen, bleibt allerdings ſehr verdächtig und ich zweifle kaum, daß Sie auf der richtigen Fährte ſind, aber es wäre doch eine ganz ſchändliche Geſchichte, wenn wir es nicht mit den rechten Leuten zu thun hätten, und jetzt einer wildfremden und ganz unſchuldigen Dame Unannehmlichkeiten bereiteten.

Machen Sie ſich deshalb keine Sorgen! lachte Hamilton. Daß ich Ihnen aus dieſem Grafen Kornikoff den richtigen und unverfälſchten Kornik herausſchäle, darauf können Sie ſich feſt ver⸗ laſſen, und dies junge, wirklich wunderhübſche Geſchöpf, was ihn begleitet, hätte ſich dem Lump auch nicht an den Hals geworfen, wenn ſie nicht ſchon vorher durch ein Verbrechen mit einander verbunden geweſen wären. Nein, die einzige Sorge, die ich habe, iſt die, daß Ihnen die junge Dame einmal ebenſo eines Morgens un⸗ ter den Händen fortſchlüpft, wie ich mir in fabelhaft alberner Weiſe habe den Hauptſchuldigen entwiſchen laſſen, und wenn ich ihn nicht wiederbekäme, wäre das ein Nagel zu meinem Sarg. Aber noch hab' ich Hoffnung ich kenne den Herrn jetzt, denn ich habe ihn mir

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ich wirklich nicht ſagen. Er

zwei Uhr mit, Extrapoſt nach

genau angeſehen und wenn er ſich wirklich auch den ſchwarzen Schnurrbart abraſirte und die blaue Brille in die Taſche ſteckte, ſo denke ich ihm doch auf den Hacken zu ſitzen, ehe er es ſich verſieht.

Er wird direkt über die Grenze nach Frankreich fliehen.

Daran habe ich auch ſchon gedacht, denn Geld genug hat er bei ſich, aber dagegen hilft der Telegraph. An die beiden Grenz⸗ ſtationen werde ich jetzt vor allen Dingen genau telegraphiren, und wenn ich da ein Wort mit einfließen laſſe, daß der Herr mit dem Revolutionscomité in London in Verbindung ſtände, paſſen ſie auf wie die Heftelmacher.

Und Sie wollen dem Kornik nach?

Augenblicklich, ſowie ich die Depeſchen befördert habe. Ich nehme jetzt ohne weiteres Extrapoſt und treffe ich ihn, ſo telegraphire ich ungeſäumt.

Und ich laſſe unterdeſſen die Dame verhaften?

Das iſt das Sicherſte. Sie können ja Bürgſchaft leiſten, wenn es verlangt werden ſollte. Auf dem Gerichte finden Sie auch jemand, der engliſch ſpricht.

Abſcheuliche Geſchichte, murmelte der junge Burton zwiſchen den Zähnen,daß uns der Lump auch geſtern Abend gerade ſo zur unrechten Zeit in den Weg laufen mußte.

Das iſt jetzt nicht zu ändern, rief aber der weit entſchiednere Hamiltonwir haben immer noch Glück gehabt, das Volk Hühner ſo raſch anzutreffen und zu ſprengen. Jetzt halten Sie nur Ihren Part feſt, und ich glaube Ihnen garantiren zu können, daß ich meine Hälfte ebenfalls zur rechten Zeit einbringe.

Und wiſſen Sie gewiß, daß Kornik die Stadt verlaſſen hat?

Gar kein Zweifel aber das erfahre ich ja auch gleich auf der Poſt. Jetzt wollen wir nur noch einmal hinunter und ſehen, ob wir nichts mehr von der Donna zu hören bekommen.

Es war in der That das Einzige, was ſie thun konnten. Sie fanden die Thür aber wieder geſchloſſen und Hamilton wandte ſich unten an den Oberkellner, um womöglich etwas Näheres zu erfahren.

Ach, Oberkellner, meine Rechnung ich reiſe ab.

Zu Befehl, mein Herr

Apropos, was war denn das hente Morgen für ein Lärm auf Meine ſchöne Nachbarin ſchien ja ſehr in Eifer. er Oberkellner lächelte.

Der Herr Gemahl hat die Nacht eine kleine Extrafahrt ge⸗ macht und die Dame ſcheint eiferſüchtig zu ſein.

Es ſcheint als ob er heimlich auf und davon gegangen wäre, ſagte Mr. Burton leiſe zu Hamilton. Dieſer zuckte die Achſeln.

Gott weiß es, erwiderte er,aber das werden Sie jetzt herausbekommen. Laſſen Sie ſich nur nicht etwa von Thränen rühren, denn wir haben es hier mit einer abgefeimten Kokette zu thun, der auch Thränen zu Gebote ſtehen, wenn ſie dieſelben braucht. Ich aber darf keinen Augenblick Zeit mehr verlieren. Auf die Koffer in Korns Zimmer legen Sie augenblicklich Beſchlag und laſſen ſie viſitiren. Kornik hat wahrſcheinlich alle Papiere entfernt und mit⸗ genommen; aber in der Eile bleibt doch noch manchmal ein oder die andere Kleinigkeit zurück, die leicht zum Verräther wird.

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Und wenn ſie ſich weigert? wenn ſie ſich auf ihren Rang, vielleicht ſogar auf einen, wer weiß wie erhaltenen Paß beruft? Die Behörden hier werden ſie in Schutz nehmen.

Gott bewahre, ſagte Hamilton,Sie haben ja das Dupli⸗ cat unſerer engliſchen Vollmachten mit der Perſonalbeſchreibung der beiden Verbrecher in Händen. Korniks Flucht hat ihn dabei ſchon verdächtig gemacht und das wenigſte, was man Ihnen zugeſtehen kann, iſt eine Durchſuchung der Effecten im Beiſein eines Polizei⸗ beamten, und dann die Detenirung der Perſon ſelber in Frankfurt, bis ich mit ihrem Helfershelfer zurückkomme. In dem Fall können Sie dieſelbe meinetwegen natürlich unter polizeilicher Aufſicht ſo lange hier im Hotel laſſen.

Eine unangenehme Geſchichte bleibt es immer, ſagte Mr. Burton, mit dem Kopf ſchüttelnd. 3

Unangenehm, by George, lachte Hamilton Sie, daß 20,000 Pfd. Sterling Ihres Geſchäfts dabei auf dem Spiel ſtehen, von dem Schmuck, der ebenfalls auf 3000 taxirt iſt, gar nicht zu reden. Und nun ade; hoffentlich bringe ich Ihnen bald den

bedenken

N. ſoſBor zerlaſſe Si V Patron ſelber. Verlaſſen Sie nur die Stadt nicht und mit den Worten raſch zu dem kleinen Stehpult tretend, hinter welchem Qn