Jahrgang 
1865
Seite
96
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Die junge Frau an ſeiner Seite ließ ihm dabei vollkommen Zeit ſich zu faſſen, und nur wie ſchüchtern blickte ſie ihn mit ihren großen, ſeelenvollen Augen an. Und dieſe Augen ſollten jemals die Helfershelfer eines Verbrechens geweſen ſein? Es war nicht möglich; Hamilton hatte den größten nur denkbaren Mißgriff ge⸗ macht und ihn ſelber jetzt in eine Lage gebracht, wo er mit Vergnü⸗ gen tauſend Pfund Sterling bezahlt hätte, um nur mit Ehren wieder heraus zu ſein.

Endlich fühlte er aber doch, daß er nicht länger ſchweigen konnte, ohne ſich lächerlich zu machen und begann, wenn auch an⸗ fangs noch mit leiſer, unſicherer Stimme.

Madam Sie Sie müſſen mich wirklich entſchuldigen, wenn ich Sie von vornherein mit einer Frage beläſtige, die die eigentlich Ihren Ihren Herrn Gemahl betrifft dem auch dem auch vorzugsweiſe mein Beſuch galt; denn ich würde nicht ge⸗ wagt haben, Sie zu ſtören. Aber ſeine ſo plötzliche Abreiſe und mitten in der Nacht hat einen Verdacht erweckt, der

Einen Verdacht?

Uebrigens, lenkte Burton ein, da ihm plötzlich wieder beifiel, daß er ja vorher alles hatte hören wollen, was die Dame ihm ſagen würde, um danach ſein eigenes Handeln zu regelnhängt alles vielleicht mit dem zuſammen, wegen deſſen Sie ſelber meinen Rath verlangten und wenn Sie nur die Freundlichkeit haben wollten

Aber einen Verdacht? ſagte die junge Dame raſch und erſchreckt, indem ſie ihre zitternde Hand auf ſeinen Arm legte und in der geſpannteſten Erwartung mit ihren ſchönen Augen an ſeinen Lippen hing.Welcher Verdacht könnte auf ihm ruhen? In welcher Verbindung können Sie mit ihm ſtehen? Oh, ſpannen Sie mich nicht länger auf die Folter machen Sie mich nicht un⸗ glücklicher, als ich es ſchon bin. Ach, ich hatte ja gehofft, daß Sie gerade mir Hilfe und Troſt bringen ſollten; tragen Sie nicht dazu bei, meine Unruhe durch längeres Schweigen noch zu vermehren.

Mr. Burton fand ſich ſo in die Enge getrieben, daß er ſchon gar keinen möglichen Ausweg mehr ſah. Er war ja auch eigentlich verpflichtet zuerſt zu ſprechen. Er hatte eine Unterredung mit ihr erbeten, nicht ſie mit ihm, und wenn ihn auch ein wahrhaft ver⸗ zweifelter Gedanke einmal einen Moment erfaßte, ſich aus der ganzen Geſchichte durch irgend eine Ausrede hinauszulügen, fiel ihm doch ums Leben nicht das Geringſte, auch nur einigermaßen Glaubwürdige bei. Es blieb ihm alſo nichts übrig, als der jungen Dame natürlich ſo ſchonend wie das nur irgend geſchehen konnte die Wahrheit zu ſagen, und dabei war er auch im Stande zu ſehen, welchen Eindruck die Beſchuldigung auf ſie machen würde danach wollte er dann handeln.

Madam, ſagte er, aber noch immer verlegenberuhigen Sie ſich es wird ſich ja noch alles aufklären. Ich ſelber ich bin ja feſt davon überzeugt, daß Sie der unangenehmen Sache, um die es ſich handelt, vollſtändig gern ſtehen es iſt auch noch nicht einmal ganz feſt beſtimmt, ob Ihr Herr Herr Gemahl auch wirklich jene Perſönlichkeit iſt, die wir ſuchen die ganze Sache kann ja möglicherweiſe ein Irrthum ſein, und nur der dringende Verdacht, den mein Begleiter gegen mich ausgeſprochen hat, veran⸗ laßt mich

Aber ich verſtehe Sie gar nicht, ſagte die junge Dame, und ſah dabei gar ſo lieb und doch ſo entſetzlich unglücklich aus, daß ihm ordentlich das eigene Herz weh that.

Ich muß deutlicher reden, fuhr Mr. Burton fort, der ſie nicht länger in dieſer Aufregung laſſen durfte.Alſo hören Sie. Mein Name iſt James Burton. Ich bin ſeit dieſem Jahre Theil⸗ haber der Firma meines Vaters Burton& Burton in London. Seit ſieben Jahren hatten wir einen jungen Mann in unſerm Ge⸗ ſchäft, einen Polen, eniene Kornik, der ſich durch ſeine Geſchicklich⸗ keit und Umſicht ſo in meines Vaters Vertrauen einſchlich, daß er ihn vor zwei Jahren z1 unſerm Haupteaſſirer machte. Mein Vater wußte nicht, daß er eine Schlange in ſeinem Buſen nährte. Vor etwa acht Tagen verſchwand dieſer Menſch plötzlich aus London und zwar an einem Sonnabend Abend, wod durch er etwa vierzig Stunden Vorſprung bekam, denn da nicht der geringſte Verdacht auf ihm laſtete, fiel auch ſein Ausbleiben am Montag Morgen nicht ſo raſch auf, wie das ſonſt vielleicht der Fall geweſen wäre. Nur weil mein Vater fürchtete, daß er könne unwohl geworden ſein, ſchickte er in ſeine Wohnung hinüber, d die ſich unmittelbar neben uns befand, und

hörte hier zu ſeinem Erſtaunen, daß Mr. Kornik ſowohl Sonnabend als Sonntag Abend nicht nach Hauſe gekommen ſei.

Aber was, um Gottes Willen, habe ich mit dem allen zu thun? unterbrach ihn die junge Dame, erſtaunt mit dem Kopfe ſchüttelnd.

Erlauben Sie mir, fuhr Mr. Burton, in der Erinnerung an das Geſchehene wärmer werdend, fort:Der erſte Gedanke mei⸗ nes Vaters war, daß ihm ein Unglück begegnet ſein könne, ein an derer Commis aber in unſerem Haus mußte doch etwas bemerkt haben, was ihm verdächtig vorkam. Er bat uns dringend, keine Zeit zu verſäumen und die Kaſſe zu revidiren, und da ſtellte ſich denn bald das Entſetzliche heraus, daß eine ſehr bedeutende Summe fehlte, die, nach den über Tag eingegangenen Erkundigungen, gegen 20,000 Pfd. Sterling betrug.

Mein Vater wandte ſich augenblicklich an die Polizei, und ein ſehr gewandter Detective, der uns beſuchte, und der zur Verfolgung beſtimmt wurde, gerieth noch an dem nämlichen Tag auf eine andere Spur, die, wie er meinte, ſicherer zur Entdeckung des Verbrechers führen konnte. Derſelbe war nämlich, wie, der Polizeiagent ſehr raſch herausbrachte, mit einer jungen, ſehr ge ſehr gewandten ame bekannt geworden und als an dem nämlichen Tag eine andere lage gegen dieſe einlief, daß ſie in dem Haus einer Lady, wo ſie Stunden gab, einen werthvollen Schmuck entwandt haben ſollte, ebenfalls aber nirgends aufzufinden war und ſeit dem nämlichen Abend fehlte, wie jener Kornik ſo blieb zuletzt kein Zweifel, daß beide mitſammen geflohen ſein mußten.

Jetzt war kein Augenblick mehr zu verlieren um der Verbrecher habhaft zu werden. Lady Clive ſo hieß jene Dame ſetzte ſelber eine namhafte Summe für den Polizeibeamten aus; da dieſer aber weder die Dame noch unſern früheren Kaſſirer perſönlich kannte, entſchloß ich mich, ihn zu begleiten und wir begannen gemeeinſchaftlich unſere etwas ungewiſſe Fahrt.

Und jetzt? frug die Fremde, anſcheinend in größter Spannung.

Indeſſen, fuhr Mr. Burton fort,wurde kein mögliches Mittel verſäumt, die beiden aufzufinden, falls ſie ſich noch in Eng⸗ land ſelber aufhalten ſollten. Zugleich telegraphirten wir an die nächſten Hafenplätze. Mein ganz vortrefflicher und gewandter Be⸗ gleiter war aber ſchon auf eine Spur gekommen, die ihn nach Ham⸗ burg führte. Mit dem Hamburg Packet waren nämlich am Sonn⸗ abend Abend zwei Perſonen abgegangen, die der Beſchreibung voll⸗ kommen entſprachen. Einer der Caſſenleute in dem Office des Dampf⸗ boots behauptete ſogar, Kornik an jenem Abend mit einer Neiſetaſche an dem Landungsp latze des Dampfboots geſehen zu haben. Wir folgten augenblicklich, verloren aber die Spur in Hamburg wieder und glaubten ſie erſt in Hannover freilich, wie ſich ſpäter erwies, irrthümlich wieder zu finden. Dort ließ mich Mr. Hamilton

D K K

zurück, während er ſelber, von einer Art polizeilichen Inſtinkts ge⸗ trieben, auch Fraulfurt vorauseilte und hierher zu zufälliger Weiſe mit Ihnen und Ihrem Herrn Gemahl die Reiſe in einem

Coupé machte.

Ein leiſes Zittern flog über den Körper der Frau, aber ihre Züge verriethen keine Spur von Ueberraſchung, und nur mit mehr erſtaunter als bewegter Stimme ſagte ſie:

Und jetzt?

Und jetzt, fuhr Mr. Burton verlegen fort,glaubte er, durch mehrere ſonderbar zuſammentreffende Umſtände jenen aus London mit unſerem Geld entflohenen Kornik in dem Sie dürfen mir nicht zürnen, denn Sie haben die volle Wahrheit ver langt in dem

Grafen Kornikoff wieder zu finden, da ſich dieſer heute Nacht ſo heimlich

Heiliger Gott der Welt! rief die junge Frau, entſetzt emporſpringend:reden Sie nicht aus. Darf ich denn meinen Ohren trauen? In dem Grafen Kornikoff Keuniihen Sie den ent⸗ ſprungenen Verbrecher? Und dann iſt, Ihrer Meinung nach ſeine Begleiterin jene Diebin des Diamantenſchmucks? 24

But Madam!, rief Mr. Burton, ebenfalls erſchreckt von ſei⸗ nem Sitz aufſpringend,ich ſage Ihnen ja

O mein Vater im Himmel, ſelbſt das noch, rief aber das ſchöne Weib, die Arme wie flehend emporſtreckend,auch das noch auch das noch in meinem Jammer und Elend. Aber kommen S Sie, fuhr ſie leidenſchaftl ich fort, indem ſie plötzlich wieder Mr. Burtons Arm ergriff und ihn faſt mit Gewalt zu ihrem Koffer zogich