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Heerſtraße aber mahnen Dich die großen Grabhügel mit ihren ſchlich⸗ ten Soldatenkreuzen, an denen noch immer des„treuen Kameraden“ geſpendete friſche Kränze hangen, an das wilde Schnitterfeſt des Todes, das jene Tage geſehen haben. Seine mörderiſchen Hekatomben ſind verraucht; über ihrer Aſche aber ſteigt fröhlich die Lerche aus der grünen Saat empor und in ihr Abendlied tönt die uralte Weiſe: „Aus dem Tode das Leben!“
Unter ſo friedlichem Zauber der Landſchaft wandre ich die Straße hin; da begrüßt mich eine alte Bekannte meines Skizzenbuches von damals: die eingeſchoſſene Düppel⸗Mühle, deren Lockungen ſeitdem wohl kein ſtudienſammelnder Muſenſohn, kein ſpeculi⸗ render Photograph widerſtanden hat. Aber auch ihre pittoresken Reize ſchwinden, die Menſchenhand beginnt an ihr das Werk der
Verjüngung und ſchon breiten ſich ſtattliche, goldgelbe Strohdächer aus über der anliegenden Müllerwohnung. Drunten, am Ufer des Alſenſundes, ſucht man vergebens nach großen Brückenkopfes, mit deſſen Einnahme bei ſinkender Sonne der blutige Düppel⸗Kampf ſein Ende fand. Wie ich aber jetzt, über die Schiffbrücke ſchreitend, Sonderburg betrete, da bieten ſich denn freilich dem Auge die Spuren der Kriegsgeißel noch in wildeſter Friſche dar. Iſt es doch hier, als ob über Nacht erſt die Gammel⸗ marker Batterien ihren Eiſenhagel eingeſtellt hätten. Faſt der Erde gleich liegt der ſüdliche Stadttheil, nach der Hafenſeite zu, in Schutt und Trümmern, einzelne ſchwarze Giebel ſtarren melancholiſch aus dem Müll empor; weiterhin, in den höher gelegnen Straßen, ſelt⸗ fame Bilder unverſehrter ſaubrer Häuschen, wie gefeit vor dem ver⸗ nichtenden Geſchoß, denen der Nachbar bis auf den Grund von der Seite fortgeriſſen iſt.— Nur ſpärlich erſt rührt ſich die zurückge⸗ kehrte Einwohnerſchaft zur Herſtellung ihres Obdaches gegen die herannahende rauhe Jahreszeit, die bier, an dieſen nordiſchen Küſten, doppelt unwirſch auftreten mag. Die Städter ſind zum größten Theil däniſch und dem Deutſchen nach ſeiner böſen Heimſuchung na⸗
einer Spur des—
türlich widerwillig geſinnt, und es ſtreichen ſo hämiſch verbiſſene Ge⸗ ſichter bei einem vorüber, daß man ſich mehr als irgendwo wie in Feindesland fühlt. Freundlicher Anfrage ſind dieſe Leute unzugäng⸗ lich; beſſer wirkt ein derbes deutſches Kraftwort im Commando⸗Ton des Siegers und nicht ſelten verwandelt ſich darnach der Trotz in kriechende Unterwürfigkeit.
In dem ſogenannten Hotel, deſſen Comfort zu völliger Ebbe geſunken war, verbrachte ich, als der einzige Gaſt, in einem unver⸗ ſchließbaren wüſten Zimmer auf einer Art Folterbank eine miſerable Nacht. In einem der mir ſpärlich zugemeſſnen Schlummermomente aber hielt mir ein mißgünſtiger Traum-Kobold irgend ein vielgeleſenes Zeitungsblatt des nächſten Tages vor die Augen, in dem unter „Vermiſchtes“ zu leſen war:„Sonderburg. Heute Morgen iſt der
durch ſeine Schlachtbilder berüchtigte Maler C. in ſeinem Bett er⸗ mordet gefunden worden ꝛc.“ Dem war nun Gott Lob am andern Morgen, bei deſſen freundlicher Helle die Behauſung mit ihren In⸗ ſaſſen, wenn auch verkommen, doch in Wahrheit eine weniger blut⸗ dürſtige Phyſiognomie zeigte, nicht ganz ſo ſchlimm. Der böſe Traum fand ſeine natürliche Deutung darin, daß es wenigſtens nicht meiner armen Perſon gegolten hatte. Dagegen machte ich die ethnographiſch intereſſante Bemerkung, daß die hieſigen Inſulaner ſich inſofern in ihren nationalen Paſſionen mit denen der Südſee begegnen, als ſie, wie auch von dieſen erzählt wird, eine unwiderſtehliche Vorliebe für Regenſchirme hegen, beſonders wenn ſolche, wie der meinige, noch funkelneu und jungfräulich ungenetzt, aus dem Hamburger Magazin ſtammen. Nach ſolchem Traum ward es mir natürlich leicht uuch über dieſen Verluſt zu tröſten, um ſo mehr, als ich mich dan dem Vorwurf frei wußte, daß mein ſchöner Schirm zu jener bekannten philoſophiſchen species gehört habe, die überall„in Gedanken ſtehen bleibt“. Indem ich noch erwägte, ob ich nicht bei unſrer Geſandtſchaft über ſe gewaltſamen Bruch des Waffenſtillſtandes Klage führen ſollte,


