Jahrgang 
1865
Seite
88
Einzelbild herunterladen

unmäßige Genuß des Biers und Branntweins die meiſte Schuld trägt.

Noch maleriſcher iſt es, die verſchiedenen Landestrachten etwa an einem Markttage in den Städten neben einander zu ſehen, wo auch die weiter oberhalb an der Weſer heimiſchen ſogenannten Bückeburger ſich zeigen. Hier tragen die Frauen einen leuchtend rothen, mit Band umſäumten Wollrock, ſchwarzes Tuchmieder, von ſilbernen Spangen gehalten, ein Hemd vom feinſten weißen Leinen, das oben in bauſchigem Kragen den Hals umſchließt und in weiten Aermeln bis zu den Handgelenken herabfällt, namentlich aber bildet den Hauptſchmuck die Kette der prachtvollſten Bernſteinperlen, deren Dicke oft jedes Umwenden des Halſes unmöglich macht. Die Män⸗ ner tragen den breitkrämpigen Hut von ſchwarzem Filz, wie er überall in Weſtfalen ſich wieder findet, einen langen weißen Rock von Leinen, mit ſilbernen Knöpfen, feuerrothe Weſte, ebenfalls mit ſilber⸗ nen Knöpfen, enganliegende Beinkleider und Stulpenſtiefeln. Schwer⸗ lich auch wird man im Munde eines ſolchen Bauern die kurze Pfeife vermiſſen, die er faſt beſtändig zwiſchen den Zähnen zu tragen pflegt.

Ueberall aber, im Feierkleid und im Schweiße der Arbeit, trägt der Landmann hier zu Lande ein ſcharfes Gepräge ſeiner Nationali⸗ tät, der Schaumburger iſt ſchlicht und bieder, aber auch derb bis zur Grobheit. Stolzes Selbſtbewußtſein zeigt ſich in ſeinen Worten und in ſeinem ganzen Auftreten, dabei aber hat er nichts Abſtoßen⸗ des, ſondern grüßt gern jeden, der ihm in den Weg kommt und läßt ſich mit ihm in eine Unterhaltung ein in der weichen, wohlklingenden Mundart, die im Weſerthale herrſcht. Liebe zum heimathlichen Boden iſt eine beſondere Eigenthümlichkeit dieſer Thalbewohner, nur ſchwer entſchließen ſie ſich, denſelben zu verlaſſen, dabei zeigt ſich eine treue Anhänglichkeit an die angeſtammte Sitte, ſo daß man das Alte ſelbſt mit einer gewiſſen Zähigkeit feſthält und dem Neuen nur lang⸗ ſamen Zugang verſtattet.

Glückliches Völkchen, das noch unberührt von der Mode des Tages ſeine alte Sitte bewahrt und darin einen Schatz beſitzt, den es vererben möge auf Kinder und Kindeskinder, ſei mir herzlich gegrüßt in Deinem ſtillen, ſchönen, buchenumrauſchten Weſerthal!

W. G.

Berliner Schlagſchatten.

Von A.

Berlin nimmt unter den Städten Deutſchlands an Häuſer⸗ und Einwohnerzahl, an geiſtiger Entwickelung und ſchöner Architektur den erſten Rang ein. Aber noch nicht lange behauptet es dieſe Stellung gegen die andern Hauptſtädte. Als im Jahre 1679(wenn wir dem theatrum europaeum glauben dürfen) Wien durch die Peſt in drei Monaten 190,000 Einwohner verlor, ohne dadurch ausgeſtorben zu ſein, da zählte Berlin noch nicht 14,000 Einwohner. Bei der Thronbeſteigung des großen Kurfürſten aber(1640) enthielt es gar nur 6000 Einwohner, viele Häuſer waren mit Stroh und Schindeln gedeckt, vor ihnen ſtanden zu beiden Seiten der Straße Schweine⸗ ſtälle, deren Bewohner den Tag über frei umherliefen, und gepflaſterten Boden aufwühlten.*) ſich offene Ziehbrunnen, wie man ſie jetzt noch auf den Dörfern findet, die Brunnen ſelbſt hatten hölzerne Einfaſſungen, und an dem Ziehbalken war der Eimer mit einem Strick befeſtigt. Nur vor dem Schloß war der Brunnen zur Auszeichnung mit einem Schieferdache verſehen, und eine Kette erſetzte die Stelle des Strickes.

So arm war damals Berlin noch an Handwerkern, daß der Kammerpräſident dem Kurfürſten nach Holland ſchreiben mußte, es fehle an einem Steinmetz zum bevorſtehenden Schloßbau, indem der einzige vorhandene geſtorben ſei; worauf denn der Kurfürſt ſich nicht nur einen Steinmetz, ſondern auch einen Zimmermann mitbrachte. Der Schloßbau ſelbſt wurde von einem ſeiner Kammerdiener geleitet; denn an einem Architekten fehlte es ganz und gar.

Unter des großen Kurfürſten weiſer und kräftiger Regierung nahm zwar auch die Bedeutung ſeiner Reſidenz zu, doch machte noch unter ſeinem Nachfolger das Städtchen S endal, den meiſten Leſern vielleicht kaum dem Namen nach bekannt, Berlin den Rang ſtreitig, als die Erbhuldigung mit Pracht gefeiert wurde, und nur ein Macht⸗ wort des Herrſchers konnte den oft erneuerten Rangſtreit zum Nach⸗ theil Stendals entſcheiden.

Das war, vor zwei Jahrhunderten, daſſelbe Berlin, das heute 600,000 Einwohner zählt, deſſen Anſtalten für Kunſt, Wiſſenſchaft und Verwaltung mit den erſten Städten Europas wetteifern, und das mit gerechtem Stolz ſich die Königin der königlichen Städte nennt.

Berlin zählte, wie geſagt, 1640 ſechstauſend Einwohner, heute faſt ſechsmal hunderttauſend. Dieſe Hunderttauſende ſind nicht die Nachkommen jenes Stammes, ſie ſind dem bei weitem größern Theil

1

den un⸗ Mitten in den Straßen befanden

*) Bei Hoffeſtlichkeiten wurde den Bürgern befohlen, die Ställe ver ſchloſſen zu halten, denn in Ermangelung von Equipagen und Portechaiſen mußten ſich die eingeladenen Herrſchaften der Stelzen bedienen, um durch⸗ Koth und Pfützen reinlich an den Hof gelangen zu können. Einſt gerieth ein Haufen wild gewordener Schweine zwiſchen die Stelzen und warf die Damen und Cavaliere mit ihren Reifröcken und Allongenperücken ins ſchmutzige Waſſer. Der Herzog von Naſſau, der ſich darunter befand, wurde, noch ganz durchnäßt, einem Herrn vorgeſtellt und ſagte zu demſelben:Heute bin ich nicht Naſſau, ſondern ſaunaß.

v. Seld.

nach Zugewanderte aus einheimiſchen und fremden Provinzen. Die franzöſiſche Colonie, die böhmiſchen und mähriſchen Brüder, die Garni⸗ ſon(früher größtentheils geworbene Ausländer) vermehrten ſich maſſen⸗ weiſe; Künſtler und Handwerker, Schriftſteller und Gelehrte, Dienſt⸗ boten und Staatsdiener, die ihr Ruf, der Ruf der neuen Haupt⸗ ſtadt herbeizog, vermehrten einzeln aber anhaltend die Zahl der Ein⸗ wohner. Jeder brachte ſeine Sitten, ſeine Gewohnheiten, ſeine Tracht und ſeine Sprache mit, vermiſchte und verwiſchte bald ſeine Eigenthümlichkeit mit dem Thun und Treiben, das er hier vorfand, und

half ſo eine Bevölkerung bilden, deren Eigenthümliches darin beſteht, daß ſie nichts Eigenthümliches hat. Ein Zug nur tritt uns bedeut⸗ ſam entgegen, er iſt faſt allen gemeinſam, und zeigt ſich beſonders in den unterſten Klaſſen: Das Vorher rſchen des Verſtan⸗ des vor dem Gemüth.

Auch heute noch beſteht der größere Theil der Einwohner aus ſolchen, die nicht in Berlin geboren ſind; die meiſten ſind einge⸗ wandert von außerhalb. In der Regel bleibt der Schlichte, Ein⸗ fache in der Heimath; der Gewitzigte aber, der unruhige, der indu⸗ ſtriöſe Kopf ſucht ſich einen andern Wirkungskreis. Was ihm lieb und theuer, was ihm durch Erziehung und Gewohnheit heilig geworden war, läßt er zurück. Die Eltern, die ihn erzogen, die Prediger, die ihn confirmirt, die Lehrer, die ihn gebildet, ſind ſeinem Blick durch die Menge der neuen Gegenſtände, durch den Kampf mit äußern Verhältniſſen, oft auch ſeinem Gedächniß entrückt; alles und wird ihm mit der Zeit wohl bekannt, doch nie ſo

iſt ihm fremd, befreundet, als wenn es durch die tiefen Eindrücke der Kindheit ge⸗ heiligt worden wäre. In den höhern Ständen ſpricht ſich das weni⸗ ger ſchroff aus, weil da überhaupt ſich alles weniger ſchroff aus⸗ ſpricht, und weil in ihnen das Gemüth äußerlich weniger hervortritt; aber Grund und Wirkung ſind dieſelben. I ntelligenz hat die meiſten hergeführt; entweder das Vertrauen, das der Staat in ihre Intelligenz ſetzte, indem er ſie herbeirief, oder das ſie ſelbſt zu ſich hatten, indem ſie ſich hier niederließen, um ihr Wort und Werk gel⸗ tend zu machen.

So zeigt ſich denn allerdings hier Kenntniß und Einſicht, wie vielleicht in k aber auch ein auffallender Mangel und Heiligen, und es fehl glauben, als an Glauben.

ein Zuſammenſtrömen von einer Stadt ſonſt, zugleich an Scheu vor dem Erhabenen t dem Berliner Volke ebenſo ſehr an Aber⸗

I. Grobheit.

Berlin rühmt ſich, eine feine Stadt und darin iſt allerdings ſehr fein, z. B. die Stimme ſeiner Damen, die oft ſo dünn und ſo ſchrillend i*ſt, wie eine nicht geölte Thürangel, und die Betrügereien ſeiner Induſtrieritter, die recht gut wiſſen, daß unſere Geſetze nur grob gegen den Dieb, aber ungemein wohlwollend

zu ſein, und einiges daran