Jahrgang 
1865
Seite
87
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des Sachſenvolkes brach, mit Recht ſucht man hier die Stelle der Schlacht bei Idiſtariſus, welche zwar zu Gunſten der Römer ausfiel, doch aber die deutſche Tapferkeit in ſolchem Lichte zeigte, daß die Römer auf ein weiteres Vordringen für immer verzichteten. Auf den bewaldeten Höhen des Hohenſteins ferner war es, wo in dem Kriege Karls des Großen mit dem heidniſchen Sachſenvolke Witte⸗ kind ſeine Scharen ſammelte und die fränkiſchen luihee Adalgis und Geilo auf der noch jetztDachtelfeld genannten Wahlſtatt in die Flucht ſchlug. Als nun der Sieg des Chriſtenthums auch bei den Sachſen entſchieden war, drang Landescultur und Geſittung auch in dieſes waldbekränzte Thal, und die reichen Klöſter von Fiſchbeck, Rinteln und Möllenbeck, deren ſtattliche Reſte noch jetzt unſere Aufmerkſamkeit auf ſich ziehen, erſtanden und mit lhren die Veſten und Burgen, die zum Theil noch jetzt die Bergesgipfel krönen. Doch auch dieſe Zeit zog vorüber, eine neue brach an die Refor⸗ mation fand Eingang, und war namentlich für dieſe Gegend um ſo wichtiger, als gerade damals die blühendſte Periode der Grafſchaft begann. Der Fürſt Ernſt von Schaumburg verwandte die reichen Mittel, welche ihm die noch ungetheilte Grafſchaft und ſeine ſonſti⸗ gen, nicht unbedeutenden Beſitzungen darboten, zur Hebung und Bildung ſeines Volkes. Er gründete die Univerſität Rinteln, es ſchien eine neue ſchöne Zeit anzubrechen, als ſein Tod, die Zerſplit⸗ terung der Grafſchaft und namentlich der dreißigjährige Krieg nur zu bald dieſes Glück ſtörten und auf lange Zeit vernichteten. Das Mißgeſchick, welches die Univerſität gleich nd, ihrer Gründung bis zu ihrer Aufhebung durch Napoleon verfolgte, war nur ein Abbild der Greuel, welche Krieg und dadurch einreißende Barbarei herbei⸗ führten. Ward auch am Fuße der Paſchenburg, bei Oldendorf, die entſcheidende Schlacht geliefert, welche die Kaiſerlichen aus dieſer Gegend vertrieb, die Verwüſtungen des Krieges blieben dem Weſer⸗ lande doch nicht erſpart und in ihrem Gefolge lagerten Aberglaube und Verdumpfung noch lange Zeit auf den Geiſtern und machten es möglich, daß noch in den ſechziger Jahren des 17. Jahrhunderts hier ſo zahlreich die Hexen verbrannt werden konnten, obgleich ſchon 30 Jahre vorher Friedrich Spee gerade in Rinteln ſein berühmtes Werk gegen dieſes Unweſen hatte an das Licht treten laſſen.

Doch verſagen wir es uns, auf die ſo reiche Geſchichte unſeres Thales einzugehen, liegt es doch heute ſo hell und ſonnenklar vor unſern Blicken da, als wollte es die Erinnerung an die oft herbe Vergangenheit durch die ſchöne Gegenwart aus unſerm Geiſte ver⸗ drängen! Auf dem fetten Marſchboden erblicken wir vor uns Aecker und Wieſen in launiger Abwechslung, an die ſich nach den Bergen zu ſchattige Buchenwälder anlehnen; überall beſäet von den weithin leuchtenden hellrothen Dächern der Bauernhäuſer, die aus den Bäu⸗ men ſchelmiſch hervorlugen. Die Häuſer ſind nach alter Sitte ſo gebaut, daß Tenne und Küche und zu beiden Seiten die Ställe noch in einem Raume ſich befinden, über dem höhern Erdgeſchoß ein zweites ganz niedriges ſich erhebt, und oft noch oben am Giebel das alte Sachſenzeichen, der doppelte Pferdekopf, im Gebälke ſich zeigt; auch die Dörfer ſind meiſt nach ſächſiſcher Weiſe angelegt, weithin zer⸗ ſtreut, ohne ſichtbaren Auſrneneren Das Haus wird von ſchat⸗ hen onumegenppen eingefaßt, dieſe ſowie ein Weiher ſind Erforderniß auch des kleinſten Kotten, Buchenhain und Weißd ornhecke umzäunen ur das geringſte Gebiet. Die Weide iſt in einzelne befriedigte

Kämpe eingetheilt, in denen das Rindvieh vom Fribjnbr bis zum Herbſte verbleibt. Es gewährt ein gar freundliches Bild, wenn die Viehmagd, reinlich gekleidet, mit dem Milchkübel auf dem Haupte und in den Händen das Strickzeug, rüſtig den Kämpen zuſchreitet, wenn die Kühe mit freundl ichen Blöken ſie begrüßen und gerufen ſelbſt herankommen zum Sitze der Melkerin. Aber dieſe weiß ſich auch etwas zu gute auf ihre Pflege der Kühe, hat ſie doch im Frühjahr, als das Vieh die Weide bezog, von der Herrſchaft zur Anerkennung ihrer Dienſte reichen Schmuck an wallenden bunt⸗ farbigen Bändern erhalten, die ſie jetzt am Sonntag hinten an der Haube befeſtigt und mit Woh Vgefallen im Winde flattern läßt.

Ueberhaupt iſt hier die Landwirthſchaft und Viehzucht allge⸗ meine und bei der r Exgiebigkeit des Bodens lohnende Beſchäftigung, und ſelbſt in den Städten bildet dieſelbe neben der Betreibung ſtädti⸗ ſcher Gewerbe den ſoliden Grund des Einkommens der meiſten Bür⸗ ger. Da gibt's denn freilich vom Beginne des Frühjahrs bis zum Spätherbſt genug zu ſchaffen und oft wollen, wenn die Arbeit drängt, Hände und Tage nicht ausreichen, um alles zu vollenden. Dafür

kehrt denn aber auch mit dem Ernteſegen Fröhlichkeit und muntre Luſt in alle Höfe und in alle Hütten ein, das langerſehnteErnte⸗ bier wird gefeiert und Jung und Alt nehmen an der Freude Theil, die dabei namentlich bei dem Erntezuge laut wird. Auf Tonnenreifen, die nach oben immer enger werden, bindet man die Blumen, reiht Schnüre von Perlen auf, legt auch wohl oben darauf eine Guirlande von Eierſchalen, ringsum flattern Tücher und Bän⸗ der, welche Burſchen und Mädchen beigeſteuert haben, um dieſelben dann ſpäter ihrem Sonntagsſtaate zuzufügen und nun, wenn der Kranz von der Hand der Mädchen, denen es eine gar liebe Beſchäf⸗ tigung iſt, ihn auszuſchmücken, auf einen Wagen gehoben worden iſt, ſetzt ſich der Zug in Bewegung. Voran traben drei bis vier Reiter, neben denen oft auch wunderlich coſtümirte Mohren und Müller mit Peitſchengeknall das Nahen des Zuges verkündigen, und wenn ſich dann Schauluſtige herandrängen, dieſelben durch allerhand Poſſen erheitern oder auf die Kinder zulaufen und dieſe neckiſch am Arme zu faſſen ſuchen. Dann kommen die Muſiker, die ihren ſchönſten Walzer zum Beſten geben, jeder mit einem Blumenbouquet an Rock und Mütze als zum Zuge gehörig bezeichnet. Auf dem Erntewagen ſitzen die Knechte und Mägde vom Hofe in ihrem beſten Staate, die Mädchen tragen den Erntekranz, der zwar durch ſeine Schwere oft läſtig wird, doch aber durch ſeinen großen Umfang wenigſtens die Annehmlichkeit bietet, bei eintretendem Regen die tragenden Mädchen unter ſein ſchützendes Dach zu nehmen und ihren Sonntagsſtaat gegen den ver⸗ nichtenden Einfluß der Witterung zu ſchützen. Zuerſt muß das letzte Gebund Getreide vom Felde geholt und dem Bauer vors Haus gefahren werden, dann aber bewegt ſich der Zug oft auch noch vor benachbarte Häuſer oder Höfe, wo angehalten und dem Beſitzer ein Hoch gebracht wird, natürlich indem unterdeſſen der Hofmeiſter (Oberknecht) möglichſt oft die durſtigen Kehlen aus dem auf dem Wagen befindlichen Widürtneſeßſenen genetzt hat. Kehrt dann der Zug zum Hofe zurück, ſo erhebt ſich der Geſang:Nun danket alle Gott, der Bauer, oder auf größeren Höfen der Pächter, muß nochmals hochleben, und ſich dadurch erkenntlich erweiſen, daß er an jeden Theilnehmer des Zuges, auch an die Muſikanten einen Stuten (eine Art Kuchen) vertheilen läßt. Während dies geſchieht, ſetzt ſich alles zum Kornboden hin in Bewegung, der für dieſen Zweck in eine Tanzhalle umgewandelt iſt. Der Tanz nimmt alsbald ſeinen Anfang und wird ſolange fortgeſetzt, als noch jemand da iſt, der ſpringen kann, und das dauert ziemlich lange, denkt man doch, es geht fürs ganze Jahr und iſt doch unbegrenzte Freiheit zu eſſen und zu trinken, um ſtets mit neuer Kraft wieder zum Tanze anzutreten. Endlich verſtummt denn der laute Jubel allgemach und der dämmernde Morgen macht dem Feſte ein Ende. Auch ſonſt findet ſich während des Jahres noch manche Gelegen⸗ heit fröhlich zu ſein und ſich im Feſtſtaat zu zeigen. Gibt es keine Hochzeit, die hier noch in althergebrachter Weiſe gefeiert wird, indem die Einladung durch den Hochzeitbitter in feſtlichem Schmuck in Be⸗ gleitung von vier Brautjungfern geſchieht, und wozu ſich dann von Nah und Fern Verwandte und Freunde dem Brautzuge zur Kirche anſchließen, um ſpäter i im Hochzeitshauſe an Tanz und Eſſen ſich zu ergötzen, bis die drei Tage und drei Nächte, die jede Hochzeit Ueweie zu Ende ſind; hat man keineKindelbeer(Kindtaufe) zu feiern, die ebenſowohl Nah und Fern zu froher Feier vereinigt, ſo findet ſich doch für die tanzluſtige Jugend noch Raum und Zeit, um der unver⸗ wüſtl tlichen Tanzluſt Genüge zu thun. Namentlich verſammeln ſich an Sonn⸗ und Feſttagen die Bewohner der Umgegend gern auf der Paſchenburg, wo ſich ein Tanzſaal für das Landvolk findet, und es gewährt ein eignes Vergnügen, dieſen kräftigen Menſchenſchlag in der Landestracht, die Burſche in kurzen Jacken und ſaubern baum⸗ wollenen müdeie die angeſeſſenen Männer in ihren knopfreichen, meiſtens auf häuslichem Webſtuhle gefertigten Röcken, mit ihren Hüten von nied driger Kapſel, die artigen, kräftigen Mädchen in ihren bänderreichen, ſpitzen Mützen, knappen Miedern und mit Band ein⸗ gefaßten Röcken, in wohlgehaltenem, ſchroff markirtem Takte mit der unermüdlichſten Ausdauer im Walzer ſich drehen zu ſehen. Wie eifrig hier der Tanz betrieben wird, mag man daraus entnehmen, daß einſt, am Geburtstage des Landesherrn, während eines einzigen Abends drei Pfund Schuhnagelköpfe abgetanzt wurden, die man dort noch triumphirend vorzeigt. Zuweilen geht übrigens auch hier die Freude in Raufluſt über, die einmal ſeit Tacitus Zeit bei den Deutſchen heimiſch ſcheint, und an welcher der namentlich früher