Hamilton,„und ſie ahnten dabei wahrſcheinlich nicht, daß ſie einen geheimen Poliziſten bei ſich im Wagen hatten. Nun ich denke, wir werden noch länger Reiſegefährten bleiben. Aber da ſind wir— jetzt haben wir nur darauf zu ſehen, daß uns die Herrſchaften nicht etwa morgen in aller Früh durchbrennen. Wollen wir gleich auf Ihr Zimmer gehen?“
„Ich muß erſt etwas eſſen; ich bin ganz ausgehungert.“
„Schön dann kommen Sie mit in den Speiſeſaal, wir finden ihn um dieſe Zeit faſt leer.“
Sie bogen rechts ein, um den Saal zu betreten. Als aber Hamilton die Hand nach der Thür ausſtreckte, öffnete ſich dieſe, und Graf Kornikoff trat heraus, warf einen flüchtigen Blick auf die beiden und ſchritt dann langſam über den Vorſaal, der Treppe zu.
„Das war er,“ flüſterte Hamilton ſeinem Begleiter zu „wenn er Sie nur nicht erkannt hat.“
Unwillkürlich drehte Burton den Kopf nach ihm um, konnte aber die ſchmächtige Geſtalt des Herrn nur noch ſehen, wie er eben um die Ecke bog, ohne jedoch dabei zurückzuſchauen.
„Das glaub' ich kaum,“ ſagte Burton,„denn der Moment war zu raſch, und dann hätte er doch auch jedenfalls irgend ein unwill⸗ kürliches Zeichen der Ueberraſchung gegeben. In der Verkleidung und mit der blauen Brille und dem ſchwarzen Schnurrbart würde ich ſelber aber nie im Leben dieſen Mr. Kornik vermuthet haben. Wenn Sie ſich nur nicht geirrt, denn in dem Fall verſäumen wir hier viel Zeit.“
„Iſt es denn nicht wenigſtens ſeine Geſtalt?“ frug Hamilton.
„Die nämliche Geſtalt allerdings,“ beſtätigte Burton,„aber
N
das Geſicht konnte ich— unvorbereitet wie ich außerdem war— unmöglich in der Geſchwindigkeit erkennen. Wann geht denn der erſte Zug morgen früh?“
„Erſt um ſechs Uhr.“
„Ah dann iſt ja voller Tag,“ ſagte Burton,„und im ſchlimm⸗ ſten Fall halten wir ihn mit Gewalt zurück. Wäre es aber nicht beſſer, wir äßen auf unſerem Zimmer?“
„Jetzt kommt er nicht mehr herunter,“ meinte Hamilton. Je⸗ denfalls ſetzen Sie ſich mit dem Rücken der Thür zu, und wenn er dann ja noch einmal den Saal betreten ſollte, ſo werde ich bald ſehen, was er für ein Geſicht dabei macht.“
Hamilton hatte übrigens Recht. Graf Kornikoff ließ ſich nicht mehr blicken und als die beiden ihr Abendbrod beendet hatten, gingen ſie auf Mr. Burtons Zimmer hinauf, das einen Stock höher als Ha⸗ miltons lag, um dort noch manches zu beſprechen.
Burton hatte ſich jedoch vorher, auf Hamiltons Rath, unter einem franzöſiſchen Namen in das Fremdenbuch eingetragen, um doch jede nöthige Vorſicht zu gebrauchen. Auch verabſäumte der ſchlaue Polizeibeamte nicht, vor Schlafengehn noch einmal die Tafel des Portiers zu revidiren, ob ſich vielleicht Nr. 6 oder 7 darauf befand, um früh geweckt zu werden. Das war aber nicht der Fall, und Hamilton glaubte jetzt ſelber, daß jener Herr, wenn es wirklich der Geſuchte geweſen, Mr. Burton in dem Moment ihres augenblick⸗ lichen und unerwarteten Begegnens nicht erkannt haben konnte. Er brauchte alſo auch nichts zu überſtürzen.
(Fortſetzung folgt.)
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Kus allen deutſchen Gauen. J. Ein Stück Altſaſſenland.
(Hierzu das Bild d 5
Bevor die Weſer durch die Porta westfalica in die große norddeutſche Ebene tritt und in meiſt ununterbrochenem nördlichen Laufe dem Meere zueilt, durchſtrömt ſie von Hameln an in weſtlichem Laufe ein ſechs bis acht Meilen langes Thal, das, zu beiden Seiten von maleriſchen Gebirgen begrenzt, den vollen Reiz eines Gebirgs⸗ landes mit dem Wechſel der anmuthigſten Landſchaften bietet. Die⸗ ſes Fleckchen deutſcher Erde iſt die geſegnete Grafſchaft Schaumburg und mit ſtolzem Selbſtgefühl nennt ſich der Bewohner einen „Schaumburger“. Wie ein ſchönes Silberband ſchlingt ſich die Weſer in vielfachen Krümmungen durch dieſes ſchöne Thal, das ſie zum Zeichen ihrer vollkommenen Herrſchaft faſt alljährlich über⸗ ſchwemmt, und im Laufe der Zeit mit mannichfachen, jetzt oft ver⸗ laſſenen Flußbetten durchfurchte, nachdem ſie einſt das Weſergebirge an der Porta durchbrochen hatte. Am ſüdlichen Ufer treten die breit⸗ gewölbten lippiſchen Hügelreihen bis nahe an den Fluß heran, doch höher und zugleich auch prächtiger ſteigt das Gebirge auf der rechten Seite der Weſer auf. Mit dem Süntelgebirge, das im
Oſten die Verbindung mit dem übrigen norddeutſchen Gebirge ver⸗“
mittelt, verknüpft ſich weſtlich die Weſerkette, die parallel mit der Weſer von Oſten nach Weſten zieht und mit dem Jakobsberge, der rechten Säule der Porta westfalica, endet. Wellenförmig, gleich⸗ ſam ſymmetriſch, ſteigt und fällt die Scheitellinie der Bergwand und wird durch zahlreiche, flach eingeſchnittene Lücken in ebenſo viele ausgezeichnete Berge getrennt, welche ebenſo ſehr durch ihre grotesken Formen, als durch die herrlichen Ausſichten, die ihre Gipfel entfal⸗ ten, unſere Aufmerkſamkeit feſſeln. Nirgends vielleicht iſt im nord⸗ deutſchen Hügellande der Contraſt zwiſchen Höhe und Tiefe ſo ſcharf und ſo großartig ausgeprägt; während wir gegen Süden an dem Rande ſteiler Abhänge ſtehen, unter denen die Weſer in fruchtbarem Thalgrunde ſich hinwindet, ſenkt ſich nordwärts das Gebirge ſo all⸗ mälig, daß ſein Abfall kaum bemerkbar wird. Da finden wir den „Hohenſtein“ mit ſeiner ſchroffen gewaltigen Felſenkrone, der wohl, wie die Sage erzählt, einſt den heidniſchen Vorfahren als Opferplatz gedient haben mag. Weiter gegen Weſten zeichnet ſich weithin ſicht⸗ bar der„Paſchenberg“ aus, unter dem der tiefere„Neſſelberg“ die das Thal beherrſchende„Schaumburg“ trägt; ferner der Stadt Rin⸗
auf Seite 85.)
teln gerade gegenüber der„Luhdener Berg“ mit der berühmten Klippe, welche die Mühe des Beſteigens durch ihre weite Ausſicht lohnt, und die langgeſtreckte Berghalde des„Papenbrink.“ Weit hinaus ſchweift von dieſen Bergen der Blick ſüdöſtlich bis zum Harze und zum Sol⸗ ling, weſtlich bis zu den ſauerländiſchen Höhen, und zu den Füßen gewahrt man das liebliche Gelände des Fluſſes, in dem eine ganze Welt, wie auf dem Schilde des Achilles, vor der trunkenen Seele ausgebreitet daliegt.
Könnt ich Dich einmal, freundlicher Leſer, hinaufführen auf eine dieſer Höhen und Dir die beſcheidene und doch ſo herz⸗ anmuthende Schönheit zu Deinen Füßen zeigen! und Waldluft würde Dir zu Herzen dringen, das alte Saſſenland würde herben, ſpröden Reiz Deinem Sinn erſchließen und hinaus in die Welt würdeſt Du die Kunde tragen von einem neuent⸗ deckten romantiſchen Land dahinten, weit hinter den Bergen.
Wie oft ſah mich an Sonntagmorgen die aufſteigende Sonne den Berg hinanklimmen, der zur Luhdener Klippe führt; und wenn ich auf ihr angekommen war, mich gelagert hatte ins naſſe Gras und nun Umſchau hielt ins weite Land, da blitzte rings die Welt in thauiger Schönheit, da ſchimmerten weit die Waſſer all, die Tüm⸗ pel, die Teiche, die zum Horizont verlaufenden, hie und da immer, immer wieder auftauchenden Windungen des Fluſſes, da rangen ſich von der Weſer die Nebel los, ſchwankten hin und her, ballten ſich zu— ſammen zu unbeſtimmten Formen und dann zogen ſie zum dunklen Wald wie die Schatten altſäſſiſcher fliehender Krieger. Und wenn dann das leuchtende Tagesgeſtirn Herr geworden war über das Chaos, wenn ein Meer von Licht herniederflutete über das glückliche Land, dann jubelte mein Herz laut auf vor der unnennbaren Schön⸗ heit und die Morgenglocken der Dörfer in der Runde ſielen ein zu einem vollen, tönenden Chor.
Aber was iſt dieſes weite Feld des Auges gegen das der Erin⸗ nerung, welches 1800 Jahre umfaßt, und bis zur Geburt Chriſti zurückgeht! Alle die großen Momente der deutſchen Geſchichte vom Befreiungskampfe gegen die Römer bis zu der neuern und neueſten Zeit werden hier an unſerm geiſtigen Auge vorübergeführt. Dieſes Thal war es, wo ſich die römiſche Weltherrſchaft an dem Widerſtande
Die Weſer⸗
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