wurden. Trotzdem aber, daß er nur war er vollkommen nach franzöſiſcher Mode gekleidet. Aber die junge Dame trug in ihrem Putz und Reiſeanzug den entſchieden engliſchen Charakter, wie auch entſchieden engliſche Züge. Ihren Begleiter würde man weit eher für einen Franzoſen als für einen Sohn Albions gehalten haben.
Mehrere Stationen blieben die Drei Die Dame war müde geworden und hatte— ſoweit es die Bewe⸗ gung des Wagens erlaubte ein wenig geſchlafen. In Gießen aber kamen noch eine Anzahl Paſſagiere hinzu und zwei von dieſen, ein Herr und eine Dame, ſtiegen in dies nämliche Coupé. Wie⸗ der ein Paar Engländer und die Dame, wenn auch ſchon ziemlich in den Jahren, doch mit den unvermeidlichen, langen Hobelſpahn⸗ locken, die ihr vorn faſt bis zum Gürtel nieder hingen; der Herr mit einem breitränderigen, ſchwarzen Filzhut, einem kleinen, ſehr mageren Schnurrbart und einer Cigarre im Munde lauter con⸗ tinentale Reiſeerinnerungen, die wieder fallen müſſen, ſobald der Eigenthümer derſelben den Boden ſeines Vaterlandes aufs neue betritt.
Wenn ſich die beiden Herren aber auch ziemlich kalthöflich gegen⸗ einander verneigten, ſo ſchienen die Damen dagegen ſchon beim erſten Blick die gemeinſame Nationalität erkannt zu haben, und kaum ſaß die Neuhinzugekommene, als ſie auch ein lebhaftes Geſpräch mit ihrer jungen Nachbarin begann, an dem ſich dieſe ebenfalls zu freuen ſchien, denn ihr Gemahl oder Begleiter hatte ſie wenig genug unter⸗ halten.
Engländer auf dem Continent— wie könnte es ihnen auch an Stoff zur Unterl haltung fehlen? Vereinigt ſie nicht ein gemeinſames Leid und Elend? Werden ſie nicht gleichmäßig von allen Wirthen, Kellnern, Droſchkenkutſchern, Gepäckträgern und Lohnbedienten ge⸗ prellt, und kann ein wirklicher Engländer ohne Lohnbedienten auf dem Continent durchkommen, denn ſpricht er je die Sprache des
engliſch zu ſprechen ſchien,
allein in ihrem Coupé.
Landes, auf dem er ſeine freie Zeit verbringen will? Unter hun⸗ derten kaum einer. Das Geſpräch— ſowie nur die erſten Fragen über woher
und wohin erledigt waren, drehte ſich auch nur um dieſen Gegen⸗ ſtand, und der Herr mit dem breitkrämpigen Hut nahm bald leb⸗ haften Theil daran. 4
Er kam mit ſeiner Frau natürlich von London, hatte vier Wochen zur Reiſe beſtimmt, zwei davon ſchon nützlich verwandt, und ſchien feſt entſchloſſen, auch die andern beiden noch daran zu ſetzen, um ſich in jeder nur erreichbaren Stadt Deutſchlands über die Wirthe im Einzelnen und das Volk im Allgemeinen zu ärgern, und um dann mit dem ſtolzen Bewußtſein nach Hauſe zurückzukehren, daß es doch nur ein England in der Welt gäbe.
Die junge Frau kam, wie ſie ſagte, mit ihrem Mann von Han⸗ nover, wo ſie ein Jahr bei Freunden zugebracht. Sie beabſichtigten jetzt auf einen Monat nach Srankfurt oder auch vielleicht in ein be⸗ nachbartes Bad zu gehen, um ih re Geſund dheit, die durch den längeren Aufenthalt in dem rauhen L aue angegriffen ſei, wieder herzuſtellen.
„Und wo werden Sie in Frankfurt wohnen?“
Sie wußten es noch nicht— der Herr mit dem breiträndrigen Hut ſchlug die„Stadt Hull“ als ein ſehr billiges, ihm beſonders empfohlenes Gaſthaus vor. Uebrigens könne man ja vorher über den Preis von„board and lodging“ akkordiren er thäte das immer, wenn es auch ein wenig„ſchäbig“ ausſähe den deutſchen Wirthen gegenüber ſei man ſich das aber ſchuldig.
Beide Parteien beſchloſſen deshalb, in Stadt Hull zu übernachten und gemeinſchaftlich zu eſſen„es ſei das billiger.“ Morgen konnte man dann auch zuſammen einen Lohnbedienten nehmen, und ſparte dadurch die halbe Auslage— der morgende Tag würde über⸗ haupt ein ſehr angeſtrengter werden, denn es gab in Frankfurt— nach Murray— eine Unmaſſe von Sehenswürdigkeiten, die nun einmal durchgekoſtet werden müßten, wenn man nicht die Reiſe umſonſt ge⸗ macht haben wollte. 8.
Der Herr mit der blauen Brille hatte ſich nicht ſehr an der Unterhaltung betheiligt. Er ſchien keine Freude daran zu finden. Auch die Aufforderung, gemeinſchaftlich in Stadt Hull zu logiren, beantwortete er zweideutig, während die junge Dame augenblickl ich beſtimmt zuſagte. Dann lehnte er ſich in ſeine Ecke zurück und ſchlief er verhielt ſich wenigſtens von da an vollkommen ruhig, wenn man auch der blauen Brillengläſer wegen nicht einmal ſehen konnte, ob er nur die Augen geſchloſſen hielt
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Es war indeſſen dunkel geworden— die übrigen Paſſagiere wurden ebenfalls müde, und nur auf der vorletzten Station unterbrach der Schaffner noch einmal die Stille, indem er die Billette nach Frank⸗ iintin ſerperte
„Fremde mit der blauen Brille ſchien wirklich eingeſchlafen zu ſein Er fuhr, als ihn der Schaffner, der neben ihm durch das Fenſter ſah, auf die Schulter klopfte, ordentlich wie erſchreckt in die Höhe und ſah ſich wild und verſtört um— er hatte jedenfalls ge⸗ keü und ſuchte dann, als er begriff was man von ihm wollte, in
er Weſtentaſche nach ſeinem Billet. ⸗
Ein kleiner weißer Streifen Papier fiel dabei auf die Erde und der Fremde mit der Reiſetaſche, der jenem ſchräg gegenüber ſaß, ſtellte den Fuß darauf. Dann war wieder alles ſtill; der mit der blauen Brille lehnte ſich in ſeine Ecke zurück und ſein halbes Vis-à-vis nahm ſein Taſchentuch heraus, ließ es hif zufällig fallen und hob dann den Zettel damit auf es war der Gepäckſchein.
Bald darauf raſſelte der Gar mit einem markdurchſchneidenden
Pfeifen daß Einem die eigene Lunge weh that, wenn man es nur hörte in den Frankfurter Bahnhof ein, und der Fremde mit der
kleinen Reiſetaſche war der erſte, der aus dem Wagen ſprang und zu dem Güterkarren eilte. Hatte er indeſſen unrechtliche Abſichten dabei gehabt, ſo ſollte er die vereitelt ſehen, denn es dauerte eine Ewigkeit, bis der, wie es ſchien, wohlgemerkte Koffer, auf den der Schein lautete, zum Vorſchein kam, und bis dahin war der rechtmäßige Eigenthümer ſchon ebenfalls herbeigekommen und erkannte ſein Gepäck. Vergebens ſuchte er indeſſen in allen Taſchen nach ſeinem Schein und fluchte auf deutſch, engliſch und franzöſiſch, daß ihm die Beamten ſein Ge⸗ päck nicht ohne denſelben ausliefern wollten.
Der Fremde hatte ſich etwas zurückgezogen und ſtand im Schat⸗ teu eines Pfeilers jedenfalls machte er da die Entdeckung, daß der Herr mit der blauen Brille nicht allein vollkommen gut deutſch, ſondern auch franzöſiſch ſprach, und ſich in beiden Sprachen erbot, ſeine Koffer zu öffnen und dadurch zu beweiſen, daß er der Eigen⸗ thümer ſei.
Der Inſpektor kam endlich heran und erſuchte ihn ſehr artig, nur ſo lange zu warten, bis das übrige Gepäck fortgenommen ſei; wenn er dann die paſſenden Schlüſſel producire, möge er ſeine Koffer mit fortnehmen.
Der Fremde zeigte Anfangs viel Ungeduld, und erklärte mit dem nächſten Zuge nach Mainz noch weiter zu wollen, der Inſpektor bedeutete ihm aber, daß er dann hätte beſſer auf ſeinen Gepäckſchein Acht geben ſollen— den Zug nach Mainz erreiche er aber doch nicht mehr, da derſelbe ſchon vor einer Viertelſtunde abgegangen, weil ſich der Schnellzug verſpätet habe. Es blieb ihm zuletzt kein anderer Ausweg, als dem gegebenen Rath zu folgen, und als ſeine Koffer wirklich zu⸗ rückblieben, und er ſich durch ſeine Schlüſſel als der rechtmäßige Eigen⸗ thümer legitimiren konnte, bekam er endlich ſein Gepäck und ließ es— einen großen und einen kleineren Koffer— in die durch die Dame ſchon in Beſitz genommene offene Droſchke ſchaffen.
Dicht dahinter hielt noch eine verſchloſſene Droſchke ohne Ge⸗ päck; ſonſt hatten ſämmtliche Wagen, ſelbſt die Omnibuſſe, ſchon die Bahn verlaſſen, und der Kutſcher fuhr jetzt, auf die Anweiſung des Reiſenden, nicht nach der Stadt Hull, ſondern nach dem„Hötel Methlein.“
Die andere Droſchke folgte in etwa zwanzig Schritt Entfernung nach, und hielt, als die erſte in den Thorweg einfuhr. Ein Reiſender mit einer kleinen Reiſetaſche in der Hand ſtieg aus, befahl dem Droſchkenkutſcher zu warten, und betrat dann zu Fuß das nämliche Hotel.
Dort angekommen legte der Reiſende nur eben in dem ihm bezeichneten Zimmer ſein geringes Gedc ab, beſtellte ſich unten im Speiſeſaal etwas zu eſſen und verließ dann noch einmal das Hotel, um nach dem Telegraphenbureau zu fahren. Dort gab er folgende Depeſche auf:
Mr. Burton, Union Hotel, Hanover.
Iſt ein Graf Kornikoff ein Jahr in Hannover geweſen?- Fremdenliſte nachſehen. Kommen Sie ſo raſch als möglich hierher. Bin ich abgereiſt, liegt ein Brief im Hotel.— II.
Dann kehrte er ins Hotel zurück und verzehrte ſein Abendbrod, das ihm der Kellner brachte.
Der Saal war leer; nur und ſchienen, ſchon ziemlich angetrunken,
vier Herren ſaßen an einem Tiſch den Geburtstag des einen


