Jahrgang 
1865
Seite
82
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Sitz ich auf der Poſt neben dem Poſtillon auf dem Bock, ſo öffnet mir eine Cigarre ſein ganzes Herz; ich erfahre nicht allein die außerordentlichen Eigenſchaften ſeiner Pferde, ſondern auch die Fa⸗ miliengeheimniſſe des Poſthalters, und erweiche ich daſſelbe ſogar noch mit einem Glaſe Bier, ſo liegt ſein eigenes Innere offen vor mir da.

Selbſt der gröbſte Schaffner wird rückſichtsvoll, ſobald er die ihm dargereichte Cigarrentaſche erblickt man ſoll nämlich derarti⸗ gen Leuten nie eine einzelne Cigarre hingeben, weil ſie außerordent⸗ lich mißtrauiſch ſind und leicht Verdacht ſchöpfen können, man führe beſondereWaſunger Sorten bei ſich für ſolchen Zweck und das verletzt ihr Ehrgefühl.

Auch der Packmeiſter war geſprächig geworden die Cigarre ſchmeckte ausgezeichnet und erzählte von dem, was ihm natürlich

am nächſten lag, von der ewigen unausgeſetzten Plackerei, ſo daß man ſeines Lebens kaum mehr froh werden könnte. Die ganze Welt reiſe jetzt wie er meinte in die Bäder. Er reiſte auch in einem fort alle Wochen drei Mal in die Bäder, kam aber nie hin, und hatte kaum Zeit, ſich Morgens ordentlich zu waſchen, viel weniger zu baden. In ſeinem Packwagen ſtecke er dazu wie eine Schnecke in ihrem Haus, nur daß die Schnecke nicht ununterbrochen Koffer und Hutſchachteln ein⸗ und auszuladen hätte.Sehn Sie ſetzte er dann hinzuſo gewöhnt man ſich aber daran, daß ich ſchon Nachts in meinem eigenen Bett wenn ich meine Nacht daheim hatte, und ich ſchlafe dicht am Bahnhof im Traum, ſowie ich nur die verdammte Locomotive pfeifen hörte, Bettdecke und Kopf⸗ kiſſen in die Stube hineingefeuert habe, weil ich glaubte, es wäre Station und ich müßte ausladen. Es iſt Sie ein Hundeleben.

Wieder pfiff dieſe nämliche Locomotive. Der Zug hielt an einer der kleinen Stationen und drei Koffer gingen hier ab und ein anderer Koffer mit zwei Reiſeſäcken und eine Kiſte kam hinzu. Der Fremde mußte aber noch ſitzen bleiben, denn der Aufenthalt dauerte zu kurze Zeit, um ein Billet löſen zu können.

Ich begreife nicht, ſagte der Fremde,wie Sie ſich da immer ſo zurecht finden, daß Sie gleich wiſſen, was expedirt wird und was dableibt. Kommt da nicht auch oft ein Irrthum vor?

Doch ſelten, meinte der Packmeiſter, indem er ſich ſeine bei der Expedition ausgegangene Cigarre wieder mit einem Schwefel⸗ hölzchen anzündeteman bekommt Uebung darin. Nur heute wär mir's in dem Wirrwarr bald ſchief gegangen, denn in Guntershauſen hatte ich aus Verſehen den nämlichen Koffer hinaus⸗ geſchoben, auf dem Sie da ſitzen. Glücklicher Weiſe kriegte ihn der Eigenthümer noch zur rechten Zeit in die Naſe und das bischen Spektakel, was der machte! Aber es war ja noch kein Malheur paſſirt, und ſo ſchoben wir ihn wieder herein. Den Packmeiſter möchte ich überhaupt ſehen, dem nicht ſchon einmal ein falſcher Koffer entwiſcht iſt der Telegraph bringt das alles wieder in Ordnung. Staatseinrichtung das, mit dem Telegraphen.

Der Fremde hatte ſich, während der Mann ſprach, faſt unwill⸗ kürlich den Koffer angeſehen, auf dem er ſaß, und ſtand jetzt auf und las das kleine Meſſingſchild. Es enthielt nur die zwei WorteComte Kornikoff.

Und wie ſah der Herr aus, dem der Koffer gehörte? frug er endlich.

Oh ein kleines, ſchmächtiges Männchen, meinte der Pack⸗ meiſter,mit einem pechſchwarzen Schnurrbart und einer blauen Brille.

Wohin geht denn der Koffer heute?

Nach Frankfurt ich war ja ganz confus und glaubte, er ginge nach Caſſel, weil ich geſtern den Packwagen dorthin hatte.

Wieder pfiff die Locomotive und während der Packmeiſter von ſeinem Geſchäft in Anſpruch genommen wurde, betrachtete der Fremde das Schild noch genauer, aber er ſprach nichts weiter darüber, und da ſie gleich darauf in Treyſa hielten, mußte er dort ausſteigen und ein Billet löſen. Hier war auch eine große Zahl von Paſſagieren abgegangen und Platz genug geworden.

Wohin fahren Sie?

Frankfurt

Die vorderen Wagen.

Der Fremde ſchritt an der Reihe hinauf und ſah in die ver⸗ ſchiedenen Coupés hinein. In dem einen ſaß ein Herr und eine Dame. Der Herr trug eine blaue Brille. Er öffnete ſich

ſelber die Thür, ſtieg ein, grüßte und nahm dann in der einen Ecke Platz.

Der Herr mit der blauen Brille ſchien das nicht gern zu ſehen er ſchaute aus dem Wagenfenſter, als ob er einen Schaffner herbeirufen wollte, und warf dann einen forſchenden Blick auf den Fremden. Dieſer aber kümmerte ſich nicht darum, legte ſeine kleine Reiſetaſche in das Netz hinauf, und machte es ſich dann vollkommen

bequem. Bitte, Ihr Billet, mein Herr Hier

Sie haben aber erſte Klaſſe.

Es ſitzen einige Damen erſter Klaſſe, ſagte der Fremde,und da ich den Herrn da rauchen ſah, nahm ich hier Platz. Die Damer wird mir wohl das Anzünden einer Cigarre erlauben.

Die letzten Worte waren, wie halb fragend, an die richtet, deren Geſichtszüge ſich aber nicht im Geringſten dabei verän⸗ derten. Sie mußte den Sinn derſelben gar nicht verſtanden haben.

Der Schaffner coupirte das Billet und die Paſſagiere waren allein; da aber der Fremde der Artigkeit Genüge leiſten wollte, nahm er ſeine Cigarrentaſche heraus, aus dieſer eine Cigarre und ſagte dann noch einmal, ſich an den Herren wendend:

Die Dame ſcheint meine Frage nicht verſtanden zu haben. Sie erlaubt mir wohl, daß ich rauche?

Sprechen Sie Engliſch? frug der Herr in dieſer Sprache zu⸗

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D

ame ge⸗

rückich verſtehe kein Deutſch Ich muß ſehr bedauern, ſagte der Fremde achſelzuckend, aber wieder in deutſcher Sprache. Die Unterhaltung war dadurch un⸗ möglich geworden, die Pantomine indeß zu deutlich geweſen, und der Herr mit der blauen Brille reichte dem, wie es ſchien, eben nicht willkommenen Reiſegefährten ſeine brennende Cigarre zum Anzünden, die dieſer dankend annahm und dann zurückgab. Die Dame hatte den Kopf halb abgewandt und ſah zu dem geöffneten Fenſter hinaus. Der Fremde warf unwillkürlich den Blick nach ihr hinüber und mußte ſich geſtehen, daß er ſelten, wenn je in ſeinem Leben, ein ſchöneres Geſicht, regelmäßigere Züge, feuri⸗ gere Augen und einen tadelloſeren Teint geſehen habe. Und wie ſchön mußte das Mädchen oder die Frau erſt ſein, wenn ſie lächelte; denn jetzt zog eine Miſchung von Trotz und Stolz vielleicht der Unwillen über des Fremden Gegenwart, die fein ge⸗ ſchnittenen Lippen zuſammen und gab dem lieben Antlitz etwas Fin⸗ ſteres und Hartes, was ihm doch ſonſt gewiß nicht eigen war.

Ein kurzes Geſpräch entſpann ſich jetzt zwiſchen dem Herrn und der Dame, auf das der Fremde aber nicht zu achten ſchien, denn er nahm ein Eiſenbahnbuch aus der Taſche und blätterte darin. Die Dame ſagte, ohne jedoch den Blick von der Landſchaft wegzuwenden, ebenfalls in engliſcher Sprache:

Wer iſt der Fremde?

Ich weiß es nicht, lautete die Antwort,aber wir brauchen uns ſeinetwegen nicht zu geniren; er verſteht kein Engliſch.

Aber er ſieht engliſch aus.

Bewahre, lachte der Manner hat auch nicht ein einzi⸗ ges engliſches Stück Zeug an ſeinem Körper die Reiſetaſche iſt ebenfalls deutſch, gerade ſo wie ſein Handbuch.

Er iſt läſtig, wir hätten erſter Klaſſe fahren ſollen.

1Liebes Herz, das ſchützt uns nicht vor Geſellſchaft, denn der Herr hat ebenfalls ein Billet erſter Klaſſe und iſt nur hier einge⸗ ſtiegen, weil er mich rauchen ſah.

3Dein fatales Rauchen. Die Unterhaltung ſtockte und der Herr mit der blauen Brille warf noch einen prüfenden Blick nach ſeinem Reiſegefährten hinüber, der aber gar nicht auf ihn achtete und ſich vollſtändig mit ſeiner Cigarre und ſeinem Buch beſchäftigte. Nur dann und wann hob er den Blick und ſchaute nach beiden Sei⸗ ten auf die Landſchaft hinaus und ſtreifte dann damit, wenn auch nur flüchtig, den Fremden.

Es war eine kleine, aber zierliche ſchlanke Geſtalt, ſehr elegant aber faſt zu ſorgfältig gekleidet, auch mit mehr Schmuck als ein wirt⸗ lich vornehmer Mann zu zeigen pflegt. Die Hände hatten aber etwas wirklich Ariſtokratiſches ſie waren weiß und zart geformt und wenn er den Mund zum Sprechen öffnete, zeigte er zwei Reihen auffallend weißer Zähne. Sein Haar war braun und etwas gelockt der Schnurrbart aber von tiefer Schwärze, jedenfalls gefärbt. Die Augen ließen ſich nicht erkennen, da ſie von der blauen Brille bedeckt