Hunger fühlt. Sobald ſie aber etwas größer geworden ſind und auch nach feſter Nahrung verlangen, ſtreift ſie weit umher und wird dann doppelt gefährlich. Der Tiger bekümmert ſich gar nicht um ſeine Brut, unterſtützt jedoch die Alte bei etwaigen Kämpfen für die⸗ ſelbe. Nicht ſelten gelingt es, die jungen Tiger zu rauben. Dann hört man das raſende Gebrüll der Alten mehrere Nächte hindurch erſchallen, und ſie erſcheint tollkühn in der Nähe der Dörfer und Wohnplätze, in denen ſie ihre Nachkommenſchaft vermuthet. Findet ſie die Spur der Räuber, ſo ſucht ſie dieſelben auf, und nun heißt es auf der Hut ſein, weil die gereizte Mutter dann gar keine Gefahr mehr kennt und ſich tolldreiſt auf die Räuber ihrer Kinder ſtürzt. Gewöhnlich leiten die Jungen ihre Mutter durch ihr Geſchrei ſelbſt auf die rechte Spur.
Zwei junge Tiger, welche von den Eingebornen einem engli⸗ ſchen Kapitän gebracht wurden, heulten ſo laut und anhaltend, daß nicht blos die Alte, ſondern auch ein männlicher Tiger dadurch her⸗ beigelockt wurden. Beide beantworteten nun das Geſchrei der Jun⸗ gen mit dem fürchterlichſten Gebrülle. Aus Beſorgniß vor einem Ueberfall ließ der Engländer die kleinen Tiger frei und bemerkte am folgenden Morgen, daß ſie von den Alten geholt und in das nahe Gebüſch gebracht worden waren. Wie häufig junge Tiger ge— fangen werden müſſen, ſieht man am beſten daraus, daß nicht nur alle Thiergärten, ſondern auch faſt alle Thierſchaubuden Tiger be⸗ ſitzen; denn man muß hierbei bedenken, daß gerade in der Gefangen⸗ ſchaft ſehr viele dieſer ſchönen Thiere zu Grunde gehen.
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Jung eingefangene und verſtändig behandelte Tiger werden ſehr zahm, zeigen ſich aber niemals ſo zutraulich und tückelos, wie Löwen unter ähnlichen Umſtänden. Man hat es in neueſter Zeit ſehr weit in der Zähmung des Tigers gebracht; ſehr häufig wagen die Thierbändiger, ſelbſt zu ihnen in den Käfig zu gehen und allerlei Spiele oder ſogenannte Kunſtſtücke mit ihnen zu treiben. Allein eine gefährliche Sache bleibt das immer. Als echte Katze zeigt der Tiger an diejenigen, welche ihm ſchmeicheln, eine gewiſſe Anhäng⸗ lichkeit und erwidert auch wohl Liebkoſungen oder läßt ſie ſich wenig⸗ ſtens gefallen: doch bleibt ſeine Freundſchaft ſtets zweifelhaft, und wohl blos ſo lange, als er die Herrſchaft des Menſchen anerkennt, läßt er ſich von dieſem mancherlei anthun, was ſeiner eigentlichen Natur zuwider iſt. Volles Vertrauen verdient er nie.— Die bei⸗ den ſchönen Tiger unſeres Hamburger Thiergartens begrüßen mich durch ein eigenthümliches Schnauben, ſobald ich mich zeige, und lecken mir zärtlich die Hand; dennoch darf ich mich niemals verleiten laſſen, die ihnen gegenüber nöthige Vorſicht zu vergeſſen: es lie⸗ gen hierfür zu viele warnende Thatſachen vor. Ein jung aufgezo⸗ gener Tiger in Batavia, welcher aus ſeinem Käfig entkam und entflohen war, tödtete ſofort ein Pferd, obgleich er ſich den Menſchen und Thieren bisher als ſehr freundlich geſinnt gezeigt hatte. Er mußte erſchoſſen werden. Von anderen, welche im Käfig ſich befan⸗ den, erfuhr man leider nur zu häufig Beweiſe ihrer Unbändigkeit und Grauſamkeit, nud mehr als ein Thierwärter oder neugieriger Be⸗ ſchauer hat durch den Tiger ſogar hier in Europa ſein Leben eingebüßt.
Von Emannel Geibel.
Aus meines Krankenzimmers Haft, wo böſe Gicht Den einſt ſo rüſt'gen luftgewohnten Wandersmann Aufs Lager hinwarf, ſend' ich meinen Gruß Dir heut, Zwar kein Tyrtäus, wenn ich gleich zur Dänenfahrt Beharrlich aufrief, aber ganz ſo lahm, wie er.
Und während draußen über Strom und Hügel nun
Die Tage wandeln, deren friſcher Hauch mir ſonſt
So manches Lied im Buſen weckte, ſchmacht' ich hier
In dumpfen Wänden zu verſtummter Raſt verdammt, Dem flügelwunden Kranich ähnlich, der mit Harm
Den hellen Ruf des Bruderſchwarms von fern vernimmt.
Im Weitern freilich, wenn nicht eben allzuarg Das Uebel wüthet oder das erhitzte Blut Bei Nacht den Schlummerloſen ängſtet, fühl' ich mich o elend nicht, dem liebevoll manch treu Gemüth ie trübe Zeit theilnehmend zu erheitern ſtrebt. ald kommt ein Freund und ſagt mir was die Welt bewegt Und breitet willig vor dem vielfach Fragenden Die Schätze neuen Wiſſens aus, bald füllt ein Strauß
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Von ſpäten Roſen, den der Wirthin Güte band,
Den Raum mit Wohlgerüchen, bald, nach Schwalbenart Mein Bett umflatternd, ſchwebt mein blühend Töchterchen Leichtfüßig, jedes Winks gewärtig, aus und ein
Und ſcheucht mit heitrem Plaudern mir die Grillen fort. Dazwiſchen greif' ich, weil ein ernſter Tagewerk
Der Arzt verbot, nach alten Büchern, wie ſie juſt
Zur Hand mir liegen. Tiecks zerleſ'nen Phantaſus Durchblättr' ich wieder, kühl umweht vom Dämmerlicht Des Märchenwaldes, oder Fouqués Zauberring,
er einſt des Knaben fabelhaft Entzücken war,
Als, zwiſchen hohen Dächern kauernd, heimlich er,
An Stirn und Wangen glühend, Blatt um Blatt verſchlang, Und der noch heute durch des Planes kühnen Wurf
Und bunte Fülle mein erinnernd Herz ergötzt.
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Auch läßt der Herbſt, als wollt' er ſeinem Freunde nicht Ganz treulos werden, dann und wann ein Lächeln mir Aufs Lager fallen. Von der Erde ſeh ich zwar Nichts, als den Wipfel eines großen Apfelbaums Und durchs Gezweig mit ſeiner Thürme Zwillingsbau
Den alten Dom, der mir am Sonntag Orgelton Herüberſendet und gedämpften Chorgeſang;
Doch drüber weithin breitet ſich der Himmel aus Und zeigt bei Tag auf leuchtend blauem Grunde mir Den Zug der Wolken; aber, wenn der Abend ſinkt, Zum Feuermeere wird er, drin phantaſtiſche
Gebirge ſchwimmen, Gärten, die von Purpur blühn, Und goldne Schlöſſer, bis das prächt'ge Farbenſpieh, Nachdem es aller Edelſteine Glut durchlief
Vom Licht des Sapphirs zum geſchmolznen Blutrubin, Gemach erliſcht und ſilbern, einer Fackel gleich,
Der Abendſtern aus dämmergrünen Lüften taucht.
Das iſt die Stunde, da im Buch vergangner Zeit Erinnrung bildert. Weit hinaus, wohin die Fahrt Des Lebens einſt den nimmermüden Pilger trug, Schweift, wachen Traums, in feſſelloſem Flug der Sinn Und ſucht die Stätten ſeiner alten Freuden auf.
Aus Sonnennebeln hell mit ihren Tempeln ſteigt
Die Burg Athens; das alte Schloß im Habichtswald, Das forſtumrauſchte, wo der Dichter ſtill gereift,
Taucht grüßend auf, am Lurleyfelſen brauſt der Rhein, Ein Echo weckend ungeſtümer Jugendluſt,“
Und fern, vom weißen Säntisgipfel überragt
Azurnen Schimmers, wie ein Stück vom Himmel, blaut Der See von Lindau, deſſen üppig Rebgeſtad
urchſonnt vom Frieden wolkenloſen Liebesglücks
en ſchönſten meiner Herbſte ſah— W
o ſind ſie hin, die goldnen Tage? Wo die
Treuen, die mit mir Den Segen ihres Strahls getheilt? Ach, fröſtelnd rinnt Durch meine Bruſt der Schauer
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der Vergänglichkeit, Und tiefe Wehmuth fällt mich an—. . Doch plötzlich rauſcht Der Pforte Vorhang; leiſe mit der Kerze tritt
Mein Kind herein, ein lieblich Bild der Gegenwart,
ingter Hand mir nun— zärtlich an mich ſchmiegt:
er mein bangend Herz beſchlich, Und dankbar fühl' ich, ausgeſöhnt mit meinem Loos Wie reich ich noch geſegnet bin, und lebe gern.
Und wie es ſorgſam mit beſchw Die Kiſſen ordnet und ſich Da weicht der Schatten, d


