Jahrgang 
1865
Seite
63
Einzelbild herunterladen

)

63

Mutterchen, iſt die Bertha nicht hier? Mutterchen, da ſtehen noch weſe Birnen. Beunruhige Dich nicht um die zwei Birnen. Mutterchen, der Karl will su nih mit mir ſpielen. 2 Ja, Mutterchen, ich will wohl, aber er will immer Kutſcher und ich ſoll immer Pferdchen ſein. Mutterchen, welche Far be ſoll ich hier nehmen? Der talentvolle junge Tintoretto gedachte eigentlich, den Hoſen des biedern Landmannes auf ſeinem Bilderbogen ein poetiſch roſen rothes Colorit zu geben, fügt ſich jedoch dem mütterlichen unvorgrei⸗ fenden Dafürhalten, lieber das proſaiſche, aber naturtreue Ledergelb zu wählen, deſſen Saftfülle ſich keineswegs auf die ihm zunächſt an gewieſenen Umriſſe beſchränkt, ſondern nicht unerheblich in die be nachbarten Buſchpartien überläuft.

Mutterchen, ich habe mich geſtoßen.

Mutterchen, ich kann hier überſteigen, ohne mich zu halten.

Mutterchen, wer iſt älter, die Auguſte Rademacher die Clärchen?

Mutterchen, haſt Du nicht ein Endchen Bindfaden? Ach, Mut⸗ terchen, Du wirſt ſchon haben, Du willſt es bloß nicht geben.

Mutterchen, ſieh anal⸗ wie hoch ich werfen kann.

Mutterchen, was ſoll ich doch machen? Mir wird die Zeit ſo lang.

Mutteerchen, noch ein Licht zum Clavierſpielen. Mutterchen, erzähle uns ein Märchen.

Mutterchen, überhöre mich.

Mutterchen, mich ſchläfert.

Mutterchen, Mutterchen und kein Ende!

So oft wird das Wort wiederholt, daß es von vielem Gebrauch bis zur Unkenntlichkeit verſchliffen und entſtellt, faſt nur noch é wie Mo r-chen oderMuechen klingt.

Noch in die ſchlafende Nachtzeit hinein hören wir:

Mutterchen, mich durſtet.

Mutterchen, gib mir einen Kuß.

Mutterchen, mich juckt es ſo.

Mutterchen, Mvilerchen⸗ Mutterchen!

Nun was tauſend haſt Du ſchon wieder?

Mutterchen, jetzt juckt's mich nicht mehr. 4

Alle Achtung und Ehrerbietung! So ein vielbegehrtes terchen hat keinen leichten Poſten.

ι .

oder

Mut⸗

Ueber die vier Wände hinaus und doch noch daheim treten wir mit den Kindern in das frohbewegteFrühlingstreiben, erleben ein Sommermärchen, träumen und machen Schneemänner im Winter, bis uns der ewiggrüne. Weihnachtsbaum hell und beiend wieder hineinführt und wir endlich im gemüthlichſten Theile des Hauſes, im

Durch die

Von Herm.

Eine blühende Erika iſt eine der lieblichſten Zierden des mentiſches blühende Heide bildet den hauptſächlichſten Blumen⸗ ſchmuck der Herbſtlandſchaft unſeres Vaterlandes.

Zweierlei eigenthümliche Bilder von ſcharf ausgeprägtem Charak⸗ ter knüpfen ſich für den Pflanzeufreund au dieſelbe Blumengeſtalt! Dem geneigten Leſer wird es nicht unlieb ſein, wenn wir verſuchen, dieſelben in einigen Umriſſen zu ſkizziren und ihm dadurch eine Ara beske zu bieten zur Einfaſſung für das blüteubedeckte Sträuchlein, das ſein Zimmer ziert.

Von der Mündung der Schelde an bis zum weſtlichen Abhange des Ural, dieſer Grenzmarke zwiſchen Europa und Aſien, hat ſich das Heidekraut ausgebreitet. Es überzieht hier meilenlange Ebenen mit Sandboden, die mit ihm den gleichen NamenHeiden tragen. Es ſteigt aber auch auf das Hügelland und bildet die Decke ganzer Berg⸗ züge. In Norddeutſchlaud bedeckt es eine ziemlich zuſammenhängende Fläche von gegen 40 Quadratmeilen und man hat berechnet, daß es in ganz Europa einen Raum von etwa 500 Geviertmeilen faſt aus⸗ ſchließlich beherrſcht. Jenſeits des Ural fehlt es und in ganz Amerika, das ſonſt viele Pflanzenformen Europas in ſeinen nördlichen Gebieten wiederholt, iſt es ſonderbarer Weiſe nur auf Neufundland

vorhanden,

Großmutterſtübchen, glücklich anlanden. chen iſt guter Rath nicht theuer, im Großmutterſtübchen gewinnt man die wirkſamſte Fürſprache, wenn der Muth fehlt, die Bitte unvermittelt an die Eltern gelangen zu laſſen, im Großmutterſtüb⸗ chen wohnt ein ſo liebevolles Verſtänduiß für die Freuden und klei⸗ nen Leiden der Kindheit, das Großmutterſtübchen hat ein Wort der Belehrung für jede wißbegierige Frage, eine liebreiche Ermahnung für jeden reuigen kleinen Sünder, einen frommen Kernſpruch für jeden Sonntagmorgen, wenn die Glocken zur Kirche rufen, ein Lächeln für jeden Kinderſcherz, einen Troſt für jeden kindlichen Kum⸗ mer, und erſcheinen ungebetene Gäſte Eigenſinn, Unart, üble Laune, die ſelbſt nicht weiß was ſie will, ſo können ſie ſich darauf verlaſſen, ihnen wird unverblümt die heilſame, gerade durchfahrende Wahrheit zu Theil.Ja ihr Giebelſtübchen mit ſeiner trau⸗ lichen Enge, mit ſeinem behaglichen Stillleben des Alters, mit ſeinen ſonnigen Morgenſtunden, mit ſeinen gaſtlichen Familienabenden zur Winterszeit, während im Sommer ſchattige Baumwipfel vor ſeinen Fenſtern rauſchen und ferner Lerchenſang herübertönt, mit ſeinem altehrwürdigen Hausrath, der längſt wie zu lebendiger Einheit zu⸗ ſammenwuchs und gleichſam eine Art monumentaler Familien⸗ geſchichte darſtellt, das Großmutterſtübchen mit ſeiner harmloſen Heiterkeit, ſeiner Groß und Klein verwöhnenden Nachſicht, mit ſeinem Schatze von Erfahrung und Lebensweisheit, iſt allen, die mit Kin⸗ derrechten darin ein⸗ und ausgehen, der ar Heinda heimatlichſte Stätte, der gemüthlichſte Raum in u a en vier Wänden.

Im Großmutterſtüb⸗

Ja, es iſt viel Glückin unſern vier Wänden wir brau⸗ chen es nur zu ergreifen, und manche Klage, mancher Seufzer würde neſtmnien⸗ wenn wir es dankbar erkennen und genießen wollten. Unſere Augen zu öffnen iſt Reichenaus Buch ganz geeignet. Nach⸗ dem daſſelbe in neun Auflagen im lieben Vaterlande herumgekom⸗ men iſt, hat ein Fzweiter Kinderfrenande unſers Ludwig Nichters aus⸗ ae hneler Schüler, Oskar Pletſch, ſeine Hand mit ans Werk gelegt und 66 6 köſtl liche Zeichnungen dazu üwerſen⸗ von denen wir einige unſern s keſern oben vorgeführt haben*). So iſt denn ein Buch ent⸗ ſtanden, wie es wohl nur ſelten den Weihnachtsmarkt kommt. Eine ſchönere Gabe kann ſich keine Mutter zum Chriſtfeſte wünſchen

für ſe und ihre Kinder quillt darin ein Born reiner und geſun⸗ der Freude. Möchten es recht viele Mütter unter dem Chriſtbaum finden! R. K.

*) Der vollſtändige Titel dieſes von der Verlagshandlung prächtig aus⸗ geſtatteten Werkes lautet:Aus unſern vier Wänden. Von Rudolf Reichenau. Erſte Abtheilung: Bilder aus dem Kinderleben. Zehnte Auflage. Mit 66 Originalzeichnungen von Oscar Pletſch, in Holzſchnitt ausgeführt von Prof. H. Bürkner. Leipzig, Fr. Wilh. Grunow.

Heide. Wagner.

auf derſelben Inſel, welche den weſtlichen Anknüpfungs⸗ punkt für das lin ic indenbe Telegraphentau bilden ſollte.

Das gemeine Heidekraut(rica vulgaris L.) ſchon ein⸗ zeln betrachtet ein Teidendes Blümchen, iſt im Stande, durch ſeine höchſt zierlich ühen Formen denjenigen zu entzücken, der es zum erſten Male erblickt. eine kleinen Blättchen ſtehen ſo regel mäßig an den feinen Zweigen walnt wie bei der Cypreſſe, die zahlreichen hellrothen Blüten bilden allerliebſte Trauben und gewinnen noch mehr an In⸗ tereſſe, wenn man mit Meſſer und Nadel eine derſelben zergliedert und die allerliebſt gebauten inneren Theile derſelben mit Hilfe eines Vergrößerungsglaſes beſchaut.

Ganz anders geſtaltet ſich aber der Eindruck, den das Heide⸗ kraut hervork bringt, bei einem längeren Marſche durchdie Heide.

Am frühen Morgen bricht der Wanderer auf. Die erſten Strahlen der aufgehenden Sonne übergolden die thaufeuchten Spitzen der kaum fußhohen Sträuchlein. Die feinen Spinnweben dazwiſchen ſchimmern in allen Regenbogenfarben und die Heidelerche trillert ihr fröhliches Lied. Der Reiſende ſchreitet wohlgemuth auf dem ſandigen Fußpfade entlang und ergötzt ſich noch an der Schön⸗ heit der Umgebung. Er ſteckt ein Zweiglein blühende Heide auf