Jahrgang 
1865
Seite
62
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alte Eule ſagt:meine Uhl⸗

Unſer Kindchen übereilt ſich nicht in ſeiner Entwicklung. Es iſt ein bequemer kleiner Herr. Eile mit Weile, wer langſam geht, kommt auch zum Ziel; wer noch nicht gehen kann, der kriecht, und wer noch nicht kriecht, der zeigt das Feuer und die Lebendigkeit ſeiner Natur jauchzend durch zappelnde Bewegungen, vom Arm des glück⸗ lichen Vaters mit Hochſchwung geſchaukelt.

Unſer Kindchen, keines von den geprieſenen ruhigen, lamm⸗ frommen Kindern, ſchreit viel und hält die Mutter Tag und Nacht im Athem. Deſto größer das Behagen, liegt es einmal Viertelſtunden lang ſtill auf der Decke, arbeitet mehr zum Vergnügen als aus Ungeduld mit den Füßchen im langen Kleide, machtBläschenBrümmchen, krahlt gar ſo lieblich und ſingt ſich am Ende ſelbſt in den Schlaf.

Unſer Kindchen iſt noch nicht ſonderlich orientirt in der Welt; am beſten Beſcheid weiß es an der Mutterbruſt, aber auch bei anderen Frauen und Jungfrauen fühlt es ſich keicht heimiſch, und während der Taufrede, die ſehr erbaulich, nur ein wenig lang ausfiel, erlaubte ſich der dreiſte kleine Menſch ganz ungenirt mit der Roſe zu ſpielen, die im Buſengürtel ſeiner ſchönen und liebenswürdigen Pathe ſteckte was uns kein Zeichen. von Dummheit zu ſein ſchien. Unſer Kindchen iſt mit einem

Worte kein Wunderkind, wie die kleinen Radema⸗

cher, Nachbar Rademachers Kinder ſind ſämmtlich Wun⸗ derkinder nach Art der jun⸗ gen Eulchen, von denen die

kes ſind lauter Duhwkes

(meine Eulchen ſind lau⸗ 1 ter Täubchen) aber in M einem Punkte hat unſer 1

Kindchen doch einen uner⸗ reichbaren Vorzug vor allen anderen Kindern, ſelbſt vor der kleinen Rademacher, was viel ſagen will: es iſt eben unſer Kindchen.

Welch glückſeliger und be⸗ rechtigter Elternſtolz ſpricht aus dieſen Worten Rudolf Reichenaus, der durch ſein köſtliches Buch:Aus unſern vier Wänden ein rechter Hausfreund ge⸗ worden iſt in zahlloſen deutſchen Familien! Wie hat er es ſo glücklich verſtanden, den Verkehr von Eltern und Kindern zu belauſchen und

einfach, ſchmucklos, tren zu

zeichnen! Keine Phaſe des

ſo unendlich reichen Kinderlebens iſt ihm, dem treuen Kinderfreunde, entgangen. Er hat es beobachtet in ſeinem Erwachen und Aufblühen, in ſeinem Ernſt und Scherz, in ſeiner Liebenswürdigkeit und in ſeinen Unarten, in ſeinen Spielen, in ſeiner ganzen, reichen Poeſie! Mit welchem unvergleichlichen Humor ſchildert er der KinderMorgentoi⸗ lette, ihrMittagseſſen, ihrenAbendſegen! Wie fein hat er ihren Schlaf beobachtet!Lieblich iſt's, ſagt er,den geſunden, erquicklichen Athemzug des Kinderſchlafes zu belauſchen, in den tie fen Frieden des ruhenden Geſichtchens zu blicken, über das die be⸗ hagliche Bettwärme blühende Röthe haucht, damit morgen, zum ſchmackhaften erſten Frühkuß des Tages, die richtigen apfelrothen Bäckchen reif ſind. Wie weiß er den Saud, dieſen beſtenSpiel⸗ gefährten der Kinder zu preiſen, ohne doch der Puppen, der ſchön⸗ aufgeputzten, wie der aus einem Stiefelknecht oder irgend einem an⸗ deren Hausgeräth improviſirten, zu vergeſſen. Welche anmuthige Poeſie entdeckt er in denSchuhchen der Kinder! Wie hat er dem Kindermunde, den Rückert ſo richtigunbewußter Weisheit froh undVogelſprachekund nennt, das Geheimniß des Kindheitspara⸗ dieſes abgelauſcht!

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Reizend wird der Humor der Kindheit geſchildert.Am lieb⸗

ſten ſind dem kindlichen Humor jene uralten Scherze, die ſchon Eltern

und Großeltern erfreuten und immer wiederkehren, unſterblich wie

die Kindheit ſelbſt.

Schäme Dich, Du haſt Dir die Augen nicht gewaſchen, Du haſt ja ſchwarze Augen.

Vergiß nicht den Mund aufzumachen beim Eſſen. 4

Armer Junge, biſt Du die Treppe heruntergefallen, haſt Du Dir die Haare abgeſtoßen?

Wißt ihr ſchon, Weihnachten iſt für dies Jahr abbeſtellt?

Das Kind lebt mehr mit der Mutter, als mit dem Vater. Rührend iſt die unermüdliche Geduld der Mutter mit den unzähligen Wünſchen und Launen ihrer kleinen Schar. Unſer Reichenau hat das nicht unbeachtet gelaſſen. Unvergleichlich iſt die Skizze, die er unter dem TitelMutterchen entwirft.

Intereſſant für den Statiſtiker des Kinderlebens müßte es ſein, feſtzuſtellen, wie oft während des Tages und im Durch ſchnittsverhältniß zur AnredePapa, die KinderMama ſagen, oder wie wir lieber hören:Mutterchen.

An den Vater wenden die Kinder ſich mehr in wichtigen Fällen, wenn esſich um Papier und Feder, Anſchaffung eines Lehrbuchs, um Schul⸗ und Stundengeld handelt, oder in Cardinalfragen lebensgefähr⸗ licher und ausnahnssweiſe bedeutungsvoller Vergnü⸗ gungen, wenn ſie im Fluſſe baden, zum Schlittſchuh⸗ lauf, in die Thierbude gehen wollen wo dann die Bitte, auch die durchaus furchtloſe und vertrauensvolle Bitte, doch meiſtentheils ein ge⸗ wiſſes ſtereotypes, grundernſt ſtraffes Zuſammennehmen des ganzen Weſens bedingt, das bei der Berufung an die höchſte, ſchickſalähnliche Auto⸗ rität des Vaters natürlich iſt.

Die Anliegen an die Mut⸗ ter dagegen umfaſſen in ihrer Mannichfaltigkeit die ganze kleine Welt der Kindheitsinter⸗ eſſen, die ganze Skala kind licher Stimmungen, kindli⸗ cher Wünſche und Gedanken, Fragen und Bitten, Rathbe⸗ gehr und Beſchwerde, Spiel⸗ angelegenheiten und Zwei⸗ fel bei der Arbeit, religiöſe Bedenken, Nahrungsſorgen und Garderobebedürfniſſe, Wiſſenſchafts⸗ und Kunſtbeſtrebungen Liebesbezeugungen und Unarten wechſeln in buntem Durcheinander,

Mutterchen, dürfen wir noch vor dem Frühſtück hinausgehen in den Garten? 4

Mutterchen, kann ich noch einen Zwieback 2

Mutterchen, ein Schnupftuch!

Mutterchen, weißt Du nicht, wo mein Hut iſt?

Mutterchen, der Karl neckt mich immer.

Mutterchen, wie ſchreibe ichFürſt, mit einem V oder F? Mutterchen, hat unſer ſeliges Schweſterchen im Himmel auch Spielzeug? 9

Mutterchen, ich hungere todt.

Schön, mein Jungchen.

Mutterchen, ich bin der Papazum Sp erſcheint ausdrücklich zu bemerken, wird.

Mutterchen, fädle mir ein. 4

Mutterchen, biſt Du mir wieder gut? A gut! wobei Thränen der Reue überreichlich

‚zum Spaß wie nöthig damit die Illuſion nicht zu groß

ch ſei mir doch wieder ſtrömen.

*

terch