Sie hatten ihre neue Villa bezogen und Georg reiches Lob ge⸗ ſpendet über den Geſchmack und Comfort der Einrichtung. Georgs Pa⸗ piere waren von Haus gekommen, und der Hochzeitstag war feſtgeſetzt, die Gräfin und der Kammerdiener hatten alles Geſchäftliche beſorgt. Er ſaß in ſeiner reichen, ſchön eingerichteten Bibliothek, er wußte noch nicht, wo er mit ſeinen Privatſtudien beginnen ſollte, und ruhte indeß in behaglichem Nichtsthun, ſelbſt ſeine Gedanken ließ er lieber in un⸗ beſtimmten reizenden Zukunftsplanen ſchweifen, als daß er ſie ſich ſammeln ließ in ruhigem Ueberblick, da meldete ihm der Kammer⸗
ddiener den hochwürdigen Herrn Brion, den katholiſchen Vikar aus Genf. Der Geiſtliche, ein feiner Mann von ruhigem, angenehmem Benehmen, ſtellte ſich ihm als den Vikar vor, bei dem die Frau Gräfin die Trauung beſtellt habe.„Es ſind bereits alle Förmlichkeiten beſorgt,“ ſagte er,„Sie haben blos noch als letztes Erforderniß dieſen Revers zu unterzeichnen, in dem Sie ſich verpflichten, die Kinder aus Ihrer Ehe katholiſch erziehen zu laſſen.“
Daran hatte Georg bis jetzt nie gedacht, und unwillkürlich fuhr er von ſeinem Stuhle auf und zurück.„Ich glaubte hier von ſolchem Zwange frei zu ſein..,“ ſagte er betroffen.
„Von Zwang iſt keine Rede,“ ſagte der Geiſtliche mit ſeinem ruhigen, höflichen Lächeln.„Sollte dieſe Erklärung ein kleines SOpfer für Sie ſein, ſo war es vielleicht nicht vermeſſen von der Frau
Gräſin, anzunehmen, daß Sie auch ein Opfer nicht zu theuer finden würden, um den Preis, den ſie Ihnen unbedingt zu eigen gegeben.“
„Es handelt ſich hier nicht um ein perſönliches Opfer,“ begann Georg.
„Gewiſſermaßen nicht,“ fiel der Geiſtliche ein,„es iſt die Rede von Ihren künftigen Kindern; ſollte es aber für dieſe ein Opfer ſein, in dem Glauben ihrer Mutter erzogen zu werden, in der ſie frühe ſchon werden das Urbild aller Lieblichkeit und Vortrefflichkeit ver⸗ ehren lernen?“ Georg fand nicht gleich eine Antwort.„Ich konnte mir kaum denken“, fuhr ſehr ruhig der Vikar wieder fort,„daß Sie, verehrter Herr, es überhaupt für ein Opfer oder Unrecht anſehen können. Sind Sie, wie ich glaubte annehmen zu dürfen, ein Mann von philoſophiſcher Bildung, dem die Confeſſion überhaupt als die temporäre Form gilt, in die gewiſſe unvergängliche Wahrheiten ſich gekleidet haben,— nun dann kann die Form, in der dieſe Ihren der⸗ einſtigen Kindern gegeben werden, von wenig Bedeutung für Sie
ſein. Sollten Sie aber,“ hier ſchwebte ein feines Lächeln um
Sunſer Kindchen gehört nicht zu den„ſtar⸗ ken“ Kindern, die ſich ihre Pausbacken
mit einem Separatfrachtzuge nachfahren
3 S laſſen müſſen, aber es hat auch keine Amme,
de welche ſich rühmen dürfte:„Das iſt alles
— N 4 mein Fleiſch.“ Gott ſei Dank, es gedeiht (SF⸗ recht wohl ohne Amme.
NA 5„Unſer Kindchen iſt nicht ſchön, aber
2 friſch und kerngeſund; es iſt nicht ſchön,
doas heißt— nicht unbedingt ſchön, nicht ideal ſchön, es hat ſeine
eegene Art Schönheit ganz allein für ſich, und ſchön oder nicht ſchön,
ſoo wie es iſt, gefällt es uns am beſten.
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die Lippen des Prieſters,„ſollten Sie ſein, was man einen gläubigen Proteſtanten nennt, nun, ſo iſt für Sie die Seligkeit nicht durch die Confeſſion bedingt, ſondern durch den Glauben, deſſen Grundzüge Sie auch in unſrem Bekenntniß finden. Wenn unſre Kirche gewiß zu ſein glaubt, daß nur in ihr das Heil gefunden werden kann, ſo kann das für Sie, deſſen Confeſſion toleranter iſt, doch kein Grund ſein, Ihre möglichen Kinder von dieſer Kirche aus⸗ zuſchließen und deshalb eine ganz ſchöne, reiche Zukunft hinzuwerfen. Uebrigens bin ich ſehr gern bereit, mit Ihnen in jede Erörterung über die Confeſſionen,— denn um den Glauben handelt ſich's hier nicht, das ſehen Sie als Mann von Geiſt ſelbſt ein,— in jede Be⸗ ſprechung einzugehen; es iſt gar keine Rede von Zwang oder Ueberliſtung.“
Mit tiefer Beſchämung fühlte Georg, daß er ſeit dem, was er im Confirmationsunterricht gehört und ohne tiefes Nachdenken an⸗ genommen hatte, garnichts gethan hatte, um fuür ſich ſelbſt feſten Grund des Glaubens zu ſuchen, in dem er erzogen war. Die Bibel ſtudieren,— nun, das hatte er für eine Sache der Theologen gehalten! Es war etwas in ſeiner Seele, das entſchieden der durchaus materia⸗ liſtiſchen Richtung widerſtrebte, die gerade damals in der Medicin anfing Platz zu greifen, es war ihm lieb geweſen, daß Marie from— men Herzens und von einer frommen Mutter erzogen war; er hatte auch im Sinn gehabt, als Hausvater einmal ordentlich mit ſeiner Familie zum Abendmahl und zu Zeiten zur Kirche zu gehen, aber zu ernſtem Nachdenken über ſeinen Glauben war er nie gekommen.
Das einzige was ihn noch zurückhielt, dem Prieſter zu will⸗ fahren, war der Gedanke: was Deine Väter erkämpft mit Gut und Blut, an was ſie ihr Leben geſetzt, das verſchleuderſt Du Deinen Kindern mit Einem Federzug? Und als er nun doch die Feder nahm, um den Revers zu unterſchreiben, da mußte er, er wußte nicht wie, an die Worte denken, die er als Knabe ſchon in einem Drama geleſen:
„Mit dieſem Zug verpfänd' ich meine Ehre, Mit dieſem Zug verkauf' ich mein Gewiſſen.“
Das war aber Unſinn, von unten hatte er zum erſtenmal wieder ſeit lange die Zaubertöne von Maria's Geſang gehört.— Sollte er zögern bei dem erſten Opfer, das er zu bringen hatte, um dieſes herrlichen Weſens willen,— war's das erſte?— er hatte unterſchrieben.
(Schluß folgt.)
N 1 ᷑en 3.
„Unſer Kindchen iſt ein Junge. Wir verhehlen nicht, bei ſeiner Geburt fühlten wir uns einigermaßen enttäuſcht dadurch, wir hatten auf ein Mädchen gehofft— der bunten Reihe wegen; denn ganz ohne den Artikel ſind wir nicht, wie jene Famillie, die ſich unter der Herde von Jungen wenigſtens ein Mädchen wünſchte—„zur Nachfrage“; doch wir ſchickten uns bald in die vollendete Thatſache, überzeugt, daß das Kind, da es einmal ein Jungchen geworden, ge⸗ wiß ſeine wohlerwogenen Gründe hierzu gehabt haben müſſe, und ſtellten die wünſchenswerthe Regulirung des Gleichgewichtes bei⸗ der Geſchlechter getroſt einer fernerweiten ſegensreichen Zukunft anheim.


