Jahrgang 
1865
Seite
58
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Gefahr einer Verblutung vorüberſchien. Sie war nie bei Bewußt ſein, ihre Phantaſien verſtand er nicht, ſie ſprach ſpaniſch, er ſuchte es auch nicht zu verſtehen, aber mehr als für ſein ärztliches 3Studium nöthig, verſeukte er ſich wieder und wieder in dieſe märchenhaften Augen. Da war die ganze Glut des Südens und doch wieder das tiefe Sehnen nach einer Welt, die nicht Süd und Nord kennt, Augen, wie er ſie nur an den wunderbaren Marienbildern Murillos geſehen, Maria hieß ja auch dies zauberhaft ſchöne Weſen, das ihm die Mutter zu eigen gab, wohl nur um ſie ins Grab zu legen! Maria! wie matt klang das denthihe Marie, Mariechen da gegen! er hatte jetzt nicht viel Zeit daran zu denken; er hatte noch nicht daran gedacht, ihr auch nur zu ſchreiben, bis ihm aus Pulverdin gen Kunde zukam, daß man nach ihmn gefr ragt. Man hatte dort natürlich bald die verwunderliche Geſchichte erfahren, daß der junge Doktor Rau, der gar nichts zu ſchaffen gehabt, nun Leibarzt bei der ſpani ſchen Gräfin ſei. Nun ſchrieb er Marien flüchtig die Geſchichte der letzten Tage, er ſagte wahr, daß er nicht Muße und nicht innere Ruhe habe, ihr öfter zu ſchreiben, er hatte ſie wirklich nicht.

An Hilfsmitteln fehlte es ihm nicht; mediziniſche Bücher, Arzueien und Erquickungen für die Krauke, alles wurde aufs ſchnellſte herbeigeſchafft eine ſo gänzliche Nichtachtung der Geld mittel wie hier war ihm bis jetzt als ein unmöglicher Zuſtand er ſchienen. Nur eines geſchah nicht, wie oft auch die Andeutungen und Fragen der Dienerſchaft, wie oft vielleicht ſein eigen Gewiſſen ihn mahnen mochte, es zu verſuchen, es wurde kein andrer Arzt berufen. Die Gräfin verlangte es nicht. Seis, daß ſie ein aber gläubiſchesà Vertrauen in den jungen Arzt ſetzte, der ihr zur rechten Stunde wie ein Engel erſchienen war, ſei's, daß ſie glaubte, alle deutſchen Aerzte glichen dem dicken Oberamtsarzt, vor dem ſie num einmal ein Grauen gefaßt hatte, ſie forderte es nicht, und Georg unterließ es auch. Es war wohl kaum der Ehrgeiz eines jungen Doctors, der ſein erſtes Meiſterſtück allein machen will, es war mehr ein verzweifeltes Spiel auf Leben und Tod, das er mit dem Schickſal einging und deſſen Motive er ſich wohl ſelbſt nicht klar machte. Das iſt gewiß, daß er ſein eignes Leben, alle Kraft ſeiner Seele und ſei nes Leibes daran ſetzte, das Mädchen zu retten, die mehr und mehr dem Tode zu verfallen ſchien, er gönnte ſich keine Ruhe bei Tag, keinen Schlummer bei Nacht, keine Erholung, kaum die nöthigſte Speiſe;

kannte kein Streben und Wünſchen mehr, keine Hoffnung und keine Furcht als um ſeine Kranke.

Wie lange Zeit er ſchon in ſeinem verzauberten Schloſſe weilte, ob es draußen Regen war oder Sonnenſchein, ob Frühling oder Winter, davon wußte Georg nichts. In der Welt draußen und in der Buſchmühle war's aber Herbſt, ein geſegneter Herbſt, in dem ſich fleißige Hände tüchtig regen mußten. Marie, die Marie in der Mühle, hatte von Herbſtfreuden nicht viel genoſſen. Sie wurde zwar öfter von Honoratioren der Stadt zu kleinen Feſtlichkeiten geladen,

war ſie ja doch mit einem Doktor verſprochen, hübſch, wohl habend undauf der Bildung in der Reſidenz geweſen, und man kehrte auch gern wieder in der Mühle ein. Marie dankte für alles, ſie kam ſich vor wie eine Blume ohne Stengel, wenn ſie ohne Georg, ohne Vater und Mutter ſich in dieſen Kreiſen bewegen ſollte. Sie war in der letzten Zeit überhaupt etwas ſtill geworden, gar emſig in allen Hausarbeiten, au der Ausſteuer nähte ſie nicht mehr oft.

Sie war heute fleißig und rührig geweſen allenthalben, im Garten, auf dem Flachsfeld, als ſie müde, mit einem Körbchen ge trocknetem Obſt im Arm, Abends nach Haus kam.Iſt ein Brief für Dich da, ſagte ihr Bruder Chriſtian, der nun ſchon in der Mühle tüchtig zu brauchen war.

Herr, behüte meine Ohren vor trauriger Botſchaft! hatte die Müllerin heute früh in ihrem Morgengebet geleſen; warum ſiel ihr gerade dieſe Stelle ein, als ſie ſah, wie Mariens Haud zitterte, als ſie den Brief erbrach, wie ſie ſich den andern abgewandt ans Fen ſter ſetzte, um ihn zu leſen.

Den Müller, der eben ſeinen Veſpertrunk zu ſich nahm, be wegte durchaus keine traurige Ahnung. iſt von dem Schlin gel, dem Georg? ſagte er, nicht unzufrieden;iſt Zeit, daß einmal wieder ſchreibt! will ſehen, ob er ſeine Gräfin jetzt fertig kurirt und ihr begreiflich gemacht hat, daß ein Weibsbild nicht auf einen Gaul gehört. Iſt ein kecker Burſch, daß er gar keinen andern

So,

Doktor hingelaſſen hat! Wundert mich nur, daß es die Alte gethan hat! Na, zahlen wird ſie ihn nicht ſchlecht, und einen guten Namei macht ihm die Kur, Alte, wirſt'raus müſſen mit Deinen Tuchball en.

Während ſo der Müller behaglich plauderte, hatte Marie ihren wieder zuſammengelegt und war hinaufgegangen in ihr Stübchen. Die Mutter hatte es wohl bemerkt, war ihr aber nicht gefolgt. Spät erſt, als der Vater fragte:wo iſt die Marie? und was ſteht denn in dem Brief? da erſt ſtieg ſie hinauf. Marie lag auf den Knieen vor dem Stuhl, das Geſicht tief in die Hände gedrückt, die Mutter kam ſachte hinter ſie,Marie, weißt noch die Antwort der Maria? es kann auch ein Engel zu uns kommen, der keine Freudenbotſchaft bringt.

Siehe ich bin des Herrn Magd, ſehen mit tonloſer Stimme,mir geſchehe im Weinen.

Sag's noch nicht, ſagte von Herzen ſagen kannſt! es gibt ter, hilf mir aus dieſer Stunde; doch gekommen. Vater, verkläre Deinen Namen. Und ſtill ging ſie zu ihrem Mann und Sohn hinunter und ſagte:laßt die Marie gerad droben; ſie iſt gar müd, den Brief kannſt ja morgen ſelbſt leſen, Alter.

Brief geleſen,

ſagte Marie ohne aufzu⸗ . ihre Stimme brach

die Mutter,ſag's nicht, bis Du's noch ein ander Sprüchlein:Va⸗ darum bin ich in dieſe Stunde

Georg ſchrieb zuerſt die ganze Geſchichte ſeiner Begegnung mit der Gräfin, ihrer Krankheit und der Verheißungen ihrer Mutter.

So habe ich Dir nun alles erzählt, liebe Marie, fuhr er fort,und Du ſieh ſt, wie wenig ich ſelbſt die Umſtände herbeigeführt habe, die mich jetzt in eine ſo eigenthümliche Steluna bringen.

Maria, die junge Gräſin, iſt nun außer Gefahr über all mein Hoffen und Erwarten, und ich bin an dankbar dafür; es war ein gewagtes Spiel, daß ich, mit meiner jungen Erfahrung, die Kur allein unternommen habe. Noch iſt Maria todtmüde, zeigt aber ein rührendes Vertrauen zu mir, von dem ſie freilich in dieſen letzten Wochen auch alle Hilfe faſt allein empfangen hat.

Ich habe Dir geſagt, Marie, welch ſeltſames Verſprechen die Gräſin in der erſten Aufregung ihres mütterlichen Jammers gegen mich ausgeſprochen. Ich ſchrieb es ihrer heftigen, leidenſchaftlichen Natur zu, der Mutteraugſt, die mich durch eine ungeheure Ver⸗ heißung zu ungeheurer Anſtrengung treiben wollte. So habe ich ihr auch geſagt, nun die Comteſſe der Geneſung nahe iſt, und habe ihr ihr Wort zurückgegeben. Die Mutter will in ihrer feurigen Dank⸗ barkeit nichts davon hören, ſie verſichert mich: auch Maria ſei ſchon eingelebt in den Gedanken, daß ſie ihrem J vebensretter zu eigen ge⸗ höre und ich würde tödten.

Und nun, was ſoll ich thun? wirklich in kindlicher Hingebung zuzuneigen ſcheint, ſoll ich ihr jetzt, Hauch, komme er von außen oder von innen, die zarte Blumie knicken und tödten könnte, ſoll ich ihr ſagen:Du biſt getäuſcht worden, ich habe Dich nie geliebt, ich gehöre einer An⸗ dern? oder ſoll ich ſie in der Täuſchung laſſen, geſtatten, d daß dieſe junge, unberührte Seele, ſie iſt kaum ſiebzehn, daß ſie ſich mir erſchließt in Liebe und Hingebung; wann iſt dann der rechte Zeit⸗ punkt, mich gewaltſam loszureißen, wann weiß ich gewiß, daß dieſe zartbeſaitete Natur nicht zerſtört wird von ſolchem Niß? 4 Fliehen, ſogleich und für immer fliehen, wäre vielleicht das einzige, aber ich kann, ich darf ſie nicht verlaſſen, ſie bedarf noch beſtändiger⸗ ſcho⸗ nender, ſorgfältigſter Aufſicht und Pflege, ſie wird meiner Begleitung nicht entbehren können, wenn ſie jetzt, ſobald ſie reiſe Italien ſoll, um unſre rauhe Herbſtluft 35 Aſeeaiſeſähii iſ, uas Marie, liebe Marie, Du mit Deinem klaren, ſichern Gefühl, die Du mir immer mit ſchwweſierlichen Liebe nahe wareſt, ſage Du mir, was ſoll ich thun? Ich weiß, Du verſtehſt d dieſe Verhältniſſe, obgleich Du T Dich ja faſt immer nur in Deinem kleinen Kreis bewegt aſf 4 ein Pe kann mich nicht verſtehen. Er würde glauben, ich ſuche nur nach Vorwänden, um wortb 4 Himmel weiß, wie ſchrecklich mir der Hreneehe 4 He Der mit Deinem vollen, freien Willen ſoll ein Band valöſ weed dur Dir leider bis jetzt ſo gar kein Glück geben bennutt meine Uebe arme Marie. 1 4

Alſo in Deine Hände ſei die Zukuuft von uns drei Menſchen gelegt, ich will mich Deinem Spruche fügen und denken, daß es

Soll ich Maria, die ſich mir

wo ei rauher

durch ein plötzliches Losreißen das zarte Kind