„Ordnung!“ commandiren die Diviſionsofficiere und halten die Vor⸗Inſpection. An Backbord auf dem Hinterdeck iſt das De⸗ tachement der Seeſoldaten aufgeſtellt. An ſie ſchließen ſich nach vorn mit kleinen Zwiſchenräumen die Diviſionen der Seeleute, die graden Nummern an Backbord, die ungraden an Steuerbord.
Die Steuerbordſeite des Hinterdecks bleibt frei, ſie Capitän und dem wachehabenden Officier.
Der Capitän erſcheint, nachdem der erſte Officier ihm gemel⸗ det, daß alles bereit ſei, und die Inſpection beginnt. Sie währt nicht lange, denn wenige Blicke genügen, um die tadelloſe Ordnung, die ſerupulöſe Reinlichkeit und die vorzügliche Haltung zu überſehen, die Schiff und Mannſchaft auszeichnet und nirgends Veranlaſſung zum Tadel gibt. Die Pfeife des Bootsmanns ertönt als Signal zum Abtreten und die Mannſchaft begibt ſich nach vorn. Der Dienſt des Königs iſt für den heutigen Tag beendet.
Horch! die Glocke ſchlägt abermals, aber jetzt in einzeluen feier— lichen Tönen. Sie ruft zu einem andern Dienſte, zum Dienſte des Königs der Könige. Das Summen der Stimmen erſtirbt, die Son⸗ nenſegel werden über dem Hinterdeck ausgeſpannt, Bänle und Stühle heraufgebracht und ein Betpult, mit der Nationalflagge bedeckt, bildet die Kanzel. Die Mannſchaft verſammelt ſich unter dem Zelte, mit dem letzten verhallenden Glockenton hebt ſich die preußiſche Flagge an der Gaffel auf halben Stock und die Kirchenflagge, weiß mit ro⸗ them Kreuz, nimmt ihre Stelle ein.
Der Küſter vertheilt die Geſangbücher und der Prediger tritt in ſeiner Amtstracht vor den Altar. In harmoniſchen Accorden teigen die Töne des vom Muſikcorps begleiteten Chorals zum wol—
gehört dem
Am Jami
Guſtav Freytags neuer Roman.
Von Freytags neuem Werke:„Die verlorene Ha ndſchrift. Ro⸗ man in fünf Büchern,“ liegen durch des Verfaſſers und des Verlegers Güte die beiden erſten Bände vor uns, ehe ſie in den Buchhandel gekommen ſind, und wir können nicht umhin, auf dieſe bedeutende Erſcheinung unſere Leſer aufmerkſam zu machen. Der Inhalt, ſoweit wir ihn kennen, iſt folgender.
In einer deutſchen Univerſitätsſtadt grenzen zwei Häuſer mit ihren Gär⸗ ten an einander; aber Unfriede trennt ihre Beſitzer, deren einer Filzhüte macht, während der andere Strohhutfabrikant iſt. In dieſen zwei feindli⸗ chen Nachbarhäuſern wachſen zwei Kinder auf, Fritz Hahn und Laura Hum⸗ zmel, die ungeachtet eines gelegentlichen Zuſammentreffens doch erſt ſpät dazu kommen, einander kennen und lieben zu lernen. Ein anderes Lebensgeſchick tritt bald in den Vordergrund, durchzieht das ganze Buch wie ein rother Faden und dient ihrer eigenen Entwicklung gewiſſermaßen zur Folie. Fritz Hahn iſt ein junger Gelehrter und dadurch mit Profeſſor Werner, der bei Hummels zur Miethe wohnt, nahe bekannt und enge befreundet worden. Die beiden können ohne einander kaum leben. Da kommt Werner eines Tages einer verlorenen Handſchrift des Tacitus auf die Spur, die wie er glaubt, ſich in einem Schloſſe Bielſtein beſinden müſſe. Die Freunde eilen dorthin, werden von dem Beſitzer, einem derben, aber intelligenten Landmann, erſt etwas rauh empfangen, werden dann eingeladen, zu bleiben, unterſuchen auch das Haus von oben bis unten, finden aber nichts. Macht aber Werner auch keinen wiſſenſchaftlichen Fund, ſo macht er doch einen Lebens⸗ und Lie⸗ besfund in der ſchönen Tochter ſeines Wirthes. Während eines Gewitters, bei dem ſie ſich umſichtig und muthig benimmt, erkennt er in ihr ſeine künftige Lebensgefährtin.
„Das Haus iſt verwahrt,“ ſagte Ilſe,„ſo gut die Hand des Menſchen vermag, wir aber vertrauen auf ſtärkeren Schutz.“— Und das Wetter wälzte ſich langſam näher, eine ſchwarze Maſſe nach der anderen ſchob ſich heran, und unter ihnen ſtieg ein fahler Dunſtſchleier wie ein ungeheurer Vor⸗ hang höher und höher, der Donner rollte, kürzer die Pauſen, wilder ſein Dröhnen, der Sturm heulte um das Haus, jagte zornig dicke Staubwolken um die Mauern, Blätter und Halme flogen in wildem Tanze dahin.
„Der Löwe brüllt,“ ſagte Ilſe, die Hände faltend. Sie neigte auf einige Augenblicke das Haupt. Dann ſah ſie ſchweigend zum Fenſter hinaus.—
„Und ein tüchtiges Wetter tobte um das alte Haus.—— Während der Donner tobte, ward es plötzlich finſter in der Stube wie bei einbrechender Nacht, und immer« wieder wurde die. unheimliche Dämmerung durch den Schein der feurigen Schlangen zerriſſen, welche über den Hof dahinfuhren.“
n
V kenloſen Himmel empor, der ſich als lichte Kuppel des mächtigen
Tempels wölbt, in dem die kleine Gemeinde jetzt ihre Herzen zum Schöpfer erhebt. Ein jeder in ihr iſt von der Feierlichkeit der heiligen Handlung tief ergriffen. Selten wohl iſt ein Gotteshaus mehr geeignet, die Seelen ſeiner Beſucher mit andächtigerem Ernſte zu er⸗ füllen und weicher zu ſtimmen, als das zur Kirche umgeſchaffene Deck eines Schiffes. Nirgends tritt dem Menſchen das memento mori! deutlicher eutgegen, als auf dem Meere. Wie ein offenes Grab, das ihn jeden Augenblick zu verſchlingen droht, liegt es vor ihm. Stündlich zeigen ihm die Gefahren die Vergänglichkeit des irdiſchen Lebens und mahnen ihn mit ernſtem Rufe in ſich zu gehen und bereit zu ſein, vor den Richterſtuhl des Höchſten zu treten. Wer könnte dieſer Mahnung ſein Herz verſchließen, wer ſie mißverſtehen, wo jeder Blick ihre Wahrheit mit unauslöſchlichen Zügen bekundet? Selbſt der Gottesleugner muß vor der Nichtigkeit ſeines Irrwahns zurückſchrecken bei ihrem Rufe, der in ſeine Seele dringt. Er muß ſich beugen und ſie erkennen, die Allmacht Gottes, deſſen Odem im Rauſchen des Windes ihn umweht, deſſen Auge in den Strahlen der Sonne ihn anſchaut und deſſen mächtige Hand ſein ſchwankendes Schiff über dem Abgrunde der dunklen Tiefe hält.
Und dieſe Ermahnung, die auch der Prediger zum Texte ſeiner Rede nimmt, findet guten Boden in den Gemüthern ſeiner Zuhörer. Kein Nebengedanke zieht ſie ab, mit ganzer Seele begehen ſie die gottesdienſtliche Feier und als der Schlußvers des Chorals verhallt in den Lüften, da zeigt der ſchweigende Ernſt der Verſammlung, daß ſie mit einem Herzen zum Herrn emporgeblickt, das ihm wohl— gefällt.
lientiſche.
„In der Kinderſtube war es laut geworden, man hörte das Weinen der Kleinen. Ilſe ging an die Thür und öffnete:„Kommt zu mir,“ rief ſie. Aengſtlich liefen die Kinder herein und drängten ſich um die Schweſter, ſie faßten ihre Hände, die jüngſten klammerten ſich an ihr Gewand. Ilſe nahm die kleine Schweſter und legte ſie in die Hände des Profeſſors, der neben ihr ſtand.„Seid ſtill und ſagt leiſe euern Spruch,“ mahnte ſie,„jetzt iſt keine Zeit, zu weinen und zu klagen.“
„Plötzlich ein Licht ſo blendend, daß es zwang, die Augen zu ſchließen, ein kurzer markerſchütternder Krach, der in mißtönendem Knattern endete. Als der Profeſſor die Augen öffnete, ſah er in dem Scheine eines neuen Blitzes Ilſe neben ſich ſtehen, das Haupt ihm zugewendet, mit ſtrahlendem Blick.———— Und ſie hatte in unwillkürlicher Empfindung eines der theuren Leben ſeiner Obhut anvertraut, er ſtand in der Noth neben ihr als einer der Ihrigen.— Die neben ihm ſtand im Wetterſchein, von blendendem Licht umgoſſen, ſie war es, die er ſich forderte für ſein Leben.“
Und ſie wird ſein Weib. Sie zieht mit ihm in die Univerſitätsſtadt, tritt in den Kreis der gelehrten Welt, der ihr Mann angehört, läßt ſich von ihm in das Alterthum und ſeine reichen Schätze einführen, aber wahrt ſich ihren einfachen Kinderglauben auch in den Kämpfen, die durch die freieren, philoſophiſchen Ideen ihres Gatten oft in ihrer Seele entſtehen. In allen Begegnungen der ihr noch vor kurzem ſo fremden Welt bewährt ſie ſich mit ſel⸗ tenem Takte und großer Umſicht. Sie iſt ihrem Manne ein echtes, deutſches Weib, ſeine Freundin und Gehilfin,— ſie iſt ihrer Hausgenoſſin Laura Hummel eine treue Schweſter, allen Hausfreunden, unter denen Dr. Hahn die erſte Stelle einnimmt, eine liebenswürdige Wirthin. Streit und Hader weiß ſie liebend zu verſöhnen, doch gibt ſie einſt dem jungen Prin zen, der ihr Haus oft beſucht, einen männlich feſten Rath, der durch Kampf ihn zum Siege führt. Endlich kommt ſie mit ihrem Gemahl in die Nähe des Landesfürſten und ſeines Hofes. Auch hier tritt ihre Ein⸗ falt in herrlichen Gegenſatz mit dem ſteif intriganten Weſen, das ſie um⸗ gibt. Ihre Schönheit reißt den Fürſten zu unreinen Gedanken fort; er bereitet ihrem Gemahl und ihr Schlingen, um ſein Ziel zu erreichen. Schon vor ihrer Verheirathung hatte ſie eine Begegnung mit einer alten Zigeu⸗ nerin gehabt; die hatte zu ihr geſagt:
„Wir können nicht wahrſagen, wir haben keine Macht über die Zu⸗ kunft, und wir irren wie ihr andern auch. Aber manches ſehen wir doch, ſchönes Fräulein, und ohne daß du verlangſt, will ich es dir ſagen.. Der Herr da neben dir ſucht einen Schatz, und er wird ihn finden, aber er ſoll ſich hüten, daß er ihn nicht verliert; und du, ſtolzes Fräulein, wirſt einen Mann lieb haben, der eine Krone trägt, und du wirſt die


