Jahrgang 
1865
Seite
54
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klappern, die Beſen ſcheuern in gleichmäßigem Tacte das Deck un Ströme Waſſer ſchwemmen den Schmutz fort, den zwar der Land⸗ mann vergebens ſuchen würde, den aber das geübte Auge des erſten Officiers und des Bootsmanns auf den ſchneeweißen Planken muth⸗ maßt. Zu ſehen iſt jedenfalls noch wenig, denn der Tag iſt noch nicht angebrochen.

Doch im Oſten röthet ſich der Horizont, das Funkeln der Sterne erblaßt, Eos Roſenfinger beſäumen mit Gold die Wölkchen, welche wie Purpurinſeln im blauen Aether ſchwimmen, eine Licht⸗ garbe zuckt am Firmamente empor, in blendender Pracht entſteigt die Sonne dem Occean und ihre goldigen Strahlen küſſen die Wellen.

Der Tag iſt da! in vollem Glanze erglüht er auf einmal, denn die Tropen haben keine Dämmerung und faſt unvermittelt wechſeln Licht und Nacht.

Freudig wird er von Jedermann begrüßt. Sechs Wochen lang waren nur Regen, Sturm und Kälte die ſteten Begleiter unſeres Schiffes, das im hohen Winter das Cap der guten Hoffnung um⸗ ſchiffen mußte. Heute lacht zum erſten Male wieder der wolken⸗ loſe Himmel. ie Sonne ſendet ihre warmen, belebenden Strahlen hernieder auf das Meer und umwebt es mit dem Azurgewande, deſſen tiefes, geſättigtes Blau mit dem Himmel um den Preis der Schön⸗ heit ringt.

Der allmälig auffriſchende Paſſatwind füllt ſchwellend die Segel; ihr Pyramidenbau ſteigt mit ſchneeiger Weiße in die Lüfte und der ſcharfe Kiel der Fregatte durchſchneidet flüchtig die kryſtallene Fluth. Die blauen Wellen ſpielen tändelnd am ſchlanken Bug, ſie ſpritzen muthwillig ihren Silberſchaum hinauf und laſſen ihn im Sonnen⸗ glanze in Regenbogenfarben ſchimmern, ſie rauſchen ſchmeichelnd an den Seiten, aber vergebens die Stolze verſchmäht das kindiſche Spiel. Majeſtätiſch ſchwebt ſie dahin und zieht mitleidlos das breite Kielwaſſer, an dem die heitern Kinder des Oceans zerſchellen und ihr kurzes Daſein aushauchen.

Die milden Strahlen der Sonne zaubern tauſendfaches Leben hervor. oben, um im Himmelslichte zu keimen, zu wachſen und zu gedeihen. In Formen und Farben, wie die glühendſte Phantaſie ſie kaum zu erdenken vermag, drängen ſich Millionen Organismen au die Oberfläche, um ihr Tagewerk im Haushalte der Schöpfung zu ver⸗ richten, ſterbend wieder hinab zu ſinken in die Tiefe und dort ver⸗ witternd den Kreislauf der Natur zu vollenden.

Der räuberiſche Bonnit und der buntſchillernde Delphin halten Wettlauf mit einander und ſtürzen ſich in die zahlloſen Herden flie⸗ gender Fiſche, die gejagt und verfolgt von zahlloſen Feinden über die Waſſerfläche ſchwirren, um ihnen dennoch zur Beute zu werden. Der Waſſerſtrahl des Pottfiſches ſteigt wie ein Nebelwölkchen am Horizonte empor, die Tümmler ziehen in Schaaren gegen den Wind und die Sichelfloſſe des Hai, des heimtückiſchen Räubers der Tiefe, umkreiſt in weiten Bogen das Schiff.

Der Tropikvogel, im Licht der Sonne goldig glänzend, ſchwebt neugierig mitflatternd über den Spitzen der Maſten und ſein eintö⸗ niger Schrei miſcht ſich mit dem leiſen Gezwitſcher der Seeſchwalbe, die raſtlos dem Kielwaſſer folgt.

Auch wir Menſchen fühlen neue Lebenskraft und neuen Muth. Die milde, reine Luft hebt die Bruſt, überall an Bord ſtrahlen uns fröhliche, heitere Geſichter entgegen. Die durchlebte ſchwere Zeit iſt vergeſſen und die ſchöne Gegenwart wird in vollen Zügen genoſſen. Der Sonnentag iſt auch ein Sonntag und den Seeleuten daher doppelt willkommen. Die ſtraffen Zügel der Disciplin werden heute etwas gelockert und die Freiheit, wenn auch in noch ſo beſcheidenem Maße, winkt verlockend und ſüß.

Das Deckwaſchen iſt vollendet, die Freiwache geweckt und das Frühſtück eingenommen. Um 8 Uhr mit der Flaggenparade ſteigt der preußiſche Aar an der Gaffel empor und entfaltet ſeine Schwin⸗ gen auf dem weiten Ocean. So bewährt ſich der Wahlſpruch:Vom Fels zum Meer, und der große Kurfürſt lächelt freundlich vom Elyſium herab, daß die Nachkommen ihre Aufgabe erkannt haben und der brandenburgiſche Adler nach langer Ruhe abermals auf dem Waſſer horſtet.

Die Fregatte ſtrahlt im Schmucke ihres Feſtkleides. Wie das alles blitzt und blinkt im warmen Sonnenſchein! Iſt's doch, als wollte das ganze Schiff ſich dankbar zeigen für den koſtbaren Morgen.

D

Aus dem dunkeln Schooß der Tiefe ſtrebt es überall nach.

Auf den Geſichtern der Mannſchaft zeigt ſich eine gewiſſe freu⸗ dige Erregung. Nach langer Zeit ſteht einmal wieder eine ordent⸗ liche Muſterung bevor und ſolche gründliche Sountagsmuſterung tritt ſtets als eine Art Ereigniß in das einförmige Leben an Bord. Jeder will Ehre dabei einlegen. Dies Gefühl bewegt den erſten Lieutenant wie den letzten Schiffsjungen und jeder trägt dazu bei, das Schiff und ſich ſelbſt im beſten Lichte erſcheinen zu laſſen. Doch das iſt's nicht allein, die Ausſicht auf den freien Tag ſpiegelt ſich ebenfalls in den Augen wieder und läßt ſie fröhlich aufleuchten. 8.

Selbſt dieNotirten fühlen kein ſchmerzliches Bangen bei dem Gedanken an die bevorſtehende Muſterung. Sonntags werden keine Strafen verhängt; erſt am Montage ereilt ſie die rächende Nemeſis. 3

Der Bootsmann und die Unterofficiere laufen geſchäftig hin und her, laſſen hier ſchwabbern und dort abwiſchen, dies fortnehmen und jenes hinſtellen. Das Tauwerk wird kunſtvoll in Scheiben und Figuren aufgeſchoſſen und auf das Deck niedergelegt, die Hänge⸗ matten werden in ihren Behältern, den Finknetzen, ſchnurgerade ge⸗ ſtaut, ſo daß ſie wie eine ſchneeweiße Linie den ſchwarzen Rumpf der Fregatte beſäumen und der Cadett der Wache läßt zum dritten Male das Deck fegen, obwohl man vergebens nach Staub ſucht.

In der Batterie ordnen der Feuerwerker und ſeine Maaten. Die Geſchütze ſind friſch lackirt und der Glanz der metallenen Schloß⸗ deckel wird durch die dunkle Politur der Röhre noch mehr gehoben. Die Sonne wirft ihren Schein durch die Kanonenpforten und ſpiegelt ſich auf den polirten Läufen und Klingen der Gewehre und Säbel, die zu Sternen und Kreiſen geformt die Bordwände und das Deck zieren.

Die Köche ſind eifrig beſtrebt, auch ihr Departement glänzen zu laſſen. Die kupfernen Keſſel und Töpfe ſind mit außergewöhn⸗ licher Sorgfalt geputzt, die Eiſenplatten des Kochherdes ſtrahlen von Fett und das Deck in der Nähe iſt durch altes Segeltuch und Matten ſorgfältig gegen Kohlenſtaub und Schmutz geſichert.

Im Zwiſchendeck klart der Stabswachtmeiſter mit den Back⸗ ſchaften. Wehe dem Unglücklichen, deſſen Eßgeräthſchaften nicht ſpie⸗ gelblank ſind! Er wird unfehlbarnotirt unddie ſchwarze Liſte iſt morgen ſein ſicheres Loos.

Tiſche und Bänke, noch vom geſtrigen Tage weiß geſcheuert und ſeitdem nicht benutzt, werden von ihren Plätzen unter Deck herabge⸗ nommen und aufgeſtellt. Das Eßgeſchirr wird ſymmetriſch darauf geordnet und die widerſpenſtigen Kleiderſäcke preßt man mit Ge⸗ walt in die ihnen zugewieſenen Behälter. Alle herrenlos herum⸗ liegenden Kleidungsſtücke und ſonſtige Gegenſtände werden vom Stabswachtmeiſter, der Schiffspolizei, in einen großen Sack geſteckt. Es ſind eben ſo viele corpora delicti, die bei der Montagsmuſterung gegen ihre Eigner zeugen und ihnen einige ſchwere Stunden be⸗ reiten.

Auch im dritten Deck, in der Waſſerlaſt und in den Vorraths⸗ räumen herrſcht nicht geringere Thätigkeit und überall ſchaffen fleißige Hände.

Die Officiere erſcheinen im Paradeanzuge mit Hut und Säbel auf dem Hinterdeck und gehen leiſe ſprechend an der Leeſeite auf und ab.

Jetzt meldet der Poſten:Drei Glas. Der Tambour ſchlägt auf einen Wink des wachehabenden Officiers Appell und die Mann⸗ ſchaft tritt in Diviſionen an ihren betreffenden Seiten an. Niemand bleibt unten, außer den Kranken wird keiner von der Sonntags⸗ muſterung dispenſirt.

Die Leute tragen weiße Hemden, blaue Tuchbeinkleider, ſchwarz⸗ ſeidenes Halstuch und Schuhe. Der mit lackirtem Wachstuch über⸗ zogene Hut ſitzt keck nach hinten und das Seidenband, auf dem in goldenen Buchſtaben der Name des Schiffes prangt, flattert luſtig im Winde. Der blau geſtreifte Kragen des Hemdes fällt weit über die Schultern zurück und der vom Halstuch nur loſe zuſammenge⸗ haltene Schlitz läßt den Nacken und die kräftige Bruſt frei. Es iſt eine kleidſame, ſchöne Uniform, dabei praktiſch und den freieſten Ge⸗ brauch der Glieder geſtattend. Sie ſitzt zwar ſehr bequem, aber bei aller ſcheinbaren Nonchalance verliert die Kleidung doch nicht den Charakter der Uniform. Dazu die jugendlich kräftigen Krieger, die friſchen, fröhlichen Geſichter, das offene, freie Weſen und das intelli⸗ gente Auge wahrlich, wir dürfen ſtolz ſein auf unſere ſeemänniſche Jugend, ſie wird dem preußiſchen Namen ſtets Ehre machen!