Jahrgang 
1865
Seite
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unterdrücktes Frauenzimmer, die ihn eines Morgens um Erlaubniß gebeten hatte, ob ſie ihm nichtihre Leidenſchaften offeriren dürfe? die ſeine Salbe gegen den Fluß im Fuß mit großer Pietät gebrauchte und ihm als Honorar die Henkel an ſeine Röcke und Knöpfe an die Beinkleider feſtnähte.

Georg fühlte ſich ſehr gedrückt von dieſer Lage der Dinge, er *ſah ſich im Stillen nach einem andern Ort um und machte nicht gern Beſuche in der Mühle, ſo ſehr ihn oft verlangte, in Mariens treue Augen zu ſehen. Marie fragte ihn nie, wie es gehe, ſie hatte ſtets ein fröhliches Lächeln, eine kleine Ueberraſchung für ihn bereit und beruhigte ihn über jedes Mißlingen; aber der Müller brachte ihn faſt außer ſich mit der jedesmaligen Frage:Nun, wie viel Patienten? will's noch nicht gehen? Die Mutter hatte ſtets ein tröſtliches Sprüch⸗ lein bereit, der dicke Chriſtian hingegen, allmälich ein großer Bengel geworden, erhielt vom Schwager eine tüchtige Ohrfeige, als er ihn mit dem Schulverslein verhöhnte:

Doktor, wenn D' kuriren mußt Brich der z'erſt Dein' eigen Fuß.

Er hätte freilich jetzt die ſchönſte Muße zu wiſſenſchaftlichen Ar beiten, zu allgemeinen Studien gehabt, aber es fehlte der rechte Trieb, die rechte Freudigkeit dazu. Nur ſehr wenige und beſonders berufene Geiſter finden Freude und Luſt zu zeiſiigen Streben und Schaffen ohne den Boden eines feſten Berufs, ohne unmittelbaren Zweck, auch dieſe vielleicht nicht, wenn ſie zunächſt das Verlangen nach Unabhängigkeit und einer eignen Heimath umtreibt. Ja, mit Marien freute er ſich, einmal ſeine Lieblingsdichter zu leſen, mit ihr, die für das einfach Schöne einen ſo offnen Sinn hatte, jetzt, ſo allein, fand er keine Freude daran, und ſein Zimmer war ſo lang⸗ weilig, ſo wenig anregend, mit alleiniger Ausſicht auf Dächer; er ärgerte ſich über ſich ſelbſt, daß er in der Stille fortwährend auf Patienten wartete, kurz, er wurde jeden Tag verdrießlicher und minder liebenswürdig. Die Müllerin hatte gut predigen:

Thu das Deine und wart in der Still,

Zur rechten Stund g'ſchieht Gottes Will. Die ſaß geruhig in ihrer Mühle und war froh, ihr Töchterlein noch zu haben, er aber, ein Mann, ſeiner Kraft und ſüner Kenntniſſe ſich bewußt, er ſollte müßig daſitzen, elenden Philiſtern den Hof machen und ſich wie ein Schuljunge die Kreuzer vor Kehlen laſſen, denn er war noch nicht mündig und wußte nicht einmal genau, wie es um ſein Vermögen ſtand.

Er beſuchte die Mutter wieder einmal; er wollte ſehen, ob ſich nicht vielleicht in der größern Stadt etwas machen ließe, etwa mit der Protektion der Tante Gaſtwirthin, er lachte höhniſch über ſeine eigene Geringheit. Er traf die Mutter in ſeltſamer Auf⸗ regung und konnte ſich ihr Lörſen nicht recht erklären; zärtlicher als ſonſt je in den letzten Jahren, ſchien ſie doch eine gewiſſe Scheu vor ihm zu haben und womöglich zu verhindern, daß er mit ihrer Schweſter allein blieb. Es war ihm lieb, daß ſie ihn nach Tiſch bat, mit ihr ſpazieren zu gehen, was ſonſt nicht ihre Gewohnheit war; bei der Mu konnte er doch wenigſtens ſein Herz ausſchüt⸗ ten über alles, was ihm drückend und verdrießlich war, er mochte das nicht einmal bei Marie.

Nun bedenk, wie erſtaunlich jung Du biſt, tröſtete ihn auf ſeine Klagen zu ſeinem abermaligen Verdruß die Mutter.Müßteſt ja noch Al ltersdispens h haben, wenn Du jetzt ſchon heirathen wollteſt! Preſſir's doch ja nicht, lieber Georg, die Marie iſt mir lieb wie ein eigen Kind, aber ſetzt iſt's doch Deine beſte Zeit, die Sorge und Mühſal des Ehſtandes kommt früh genug.

Ei, Du haſt's gut gehabt, Mutter, warf Georg ein.

Wenn's köſtlich geweſen iſt, ſo iſt's Mühe und Arbeit ge weſen, erwiederte Frau Rau ſalbungsvoll;ja, in ſpäteren Jahren, ſetzte ſie mit einer gewiſſen Verlegenheit hinzu⸗da ſpürt man oft,

daß man eine Prüfung nöthig hat durch den Ehſtand, aber ſo jung

wie Du, da darf man ja in andern Ständen noch gar nicht ans Heirathen denken, laß Du Dir's nur noch recht wohl ſein: Ledige Haut ſchreit laut. Georg ſchrie nicht laut, er ſchwieg verdroſſen.

Es iſt eben betrübt, wo kein Vater iſt, begann die Mama wieder mit einem Seufzer.Wenn Du jetzt zum Exempel einen Vater hätteſt, hier ging's etwas zögernd,und wenu's nicht Dein leiblicher wäre, einen geſetzten Mann, der Bekanntſchaft in

der Welt hat, und mehr Einſicht als übrigens ein rechtſchaffner Mann iſt, der licheres Ort für Dich auffinden..... 5 Na, dazu braucht's keinen Vater, murrte Georg, noch immer verdroſſen,muß es eben wo anders probiren.

Georg, fing jetzt die Mutter ohne weitere Umſch was wirſt Du daß ſagen, daß ich den Entſchluß gefaßt noch einmal einen Lebensgefährten zu erwählen? Georg ſagte gar nichts, beſonders erfreut ſah er gerade nicht aus.Du glaubſt nicht, wie ſchwer ich es genommen habe, verſicherte die Mutter, Georg hatte doch ſo viel Selbſtbeherrſchung und kindlichen Reſpekt, um nicht herauszuplatzen:warum haſt Du's denn nicht bleiben laſſen? wie ihm allerdings auf der Zunge lag.

Trotz der nicht ſehr ermuthigenden Aufnahme ihrer Mit⸗ theilung begann Frau Rau wieder in etwas kläglichem Ton:Du glaubſt nicht, wie allein und ſchutzlos eine Wittfrau eben in der Welt ſteht, und wie der Kummer um Deinen Vater an mir genagt hat; ich wäre wahrhafti ig noch ausgezehrt, der Doktor ſagte es ſelbſt, wenn ich mich nicht zu einer kleinen Zerſtreuung entſchloſſen hötte Und der Herr Kolb iſt auch ſo ein geſetzter, braver Menſch, verſicherte ſie, immer noch in einem klagenden Ton,gar nicht wie ſo ein junger Schuß, kein Menſch würde ihm anſehen, daß er etliche Jahre jünger iſt als ich, und da iſt die ſchöne Gelegenheit, ein Weißwaarenlager billig zu übernehmen, wo der irenthämer niſcenanden iſt, und Du wirſt gewiß nichts dagegen haben, uns Dein Reſtchen Väterliches in der Handlung zu laſſen, wenn Du vollends mündig biſt, es wird Dir da gut verwaltet, und eine Heimath haſt Du dann auch wieder bei Deiner Mutter, und Du machſt mir gewiß das Herz nicht noch ſchwerer, wo ich es ohnehin ſchon ſo gar ſchwer genommen habe; und ein ehrenvoller Stand iſt es doch auch, ein Kaufmann; Guts⸗ beſitzer nennt ſich jeder Bauer, nicht als ob ich Deines Vaters Ge⸗ dächtniß nicht hoch in Ehren hielte! Der Athem ging ihr endlich aus von der langen Rede, und ſie hielt, mit oder ohne Nothwendig⸗ keit, ihr Taſchentuch vors Geſicht, als paſſenden Schluß der Mit⸗ theilung.

Mutter, ſagte Georg nach einer Pauſe,Du haſt gewählt. Gott gebe, daß dn gut gethan haſt, ich wünſche Dir von Herzen Gottes Segen; um das Geld werde ich nicht mit Dir rechten, möge es Dir Glück bringen! Aber jetzt rede nicht mehr davon, ich muß Zeit haben, mich daran zu gewöhnen.

der Müller, welcher ja würde gewiß ein paß⸗

chweife an, habe, mir

Georg wartete Herrn Kolbs Rückkehr nicht mehr ab, der nach Haus gereiſt war, um ſeine Papiere zur Hochzeit zu holen, von der Mutter ſchied er in Frieden, es that ihr in gut, ſich uneigennützig gegen ſie zu zeigen, ſo hatte ihn doch die letzte Zeit nicht ganz herunter⸗ gebracht! aber um ein gut Theil ärmer kam er ſich doch vor, als er wieder heimwärts reiſte, wenn auch nicht wegen des Vaterguts, das er dem Herrn Kolb anvertrauen ſollte.

Es wurde ihm ſchwer, die Neuigkeit in der Mühle mitzutheilen, der Müller war nicht zu ſehr überraſcht darüber,wundert mich nur, daß ſie ſo lang gewartet hat, ſagte er Aleichnmthig,eine Wittfrau, die freiwillig in ein Wirthshaus zieht, die hat ſchon's Wieder⸗ heirathen im Sinn; habe bereits davon gehört, und der Kolb ſoll kein unrechter Mann ſein.

Nun iſt's an mir, des Vaters Gedächtniß lebendig und in Ehren zu halten, ſagte Georg, nicht ohne Bitterkeit,wenn die Mutter einen andern Namen führt.

Wegen dem hab Du gute Nuh, ſagte lachend der Müller,

alles was Dein Vater Gut's gehabt und nicht gehabt, wird reichlich auferſtehen und gehörig gerühmt werden, wenn ſie einmal den Zweiten hat!Nimm keine Wittfrau, hat mein Vater ſelig geſagt, wenn nicht der erſte Mann am Galgen geſtorben iſt. 8 wollen's der Mutter gönnen, wenn ſie zufrieden iſt, ſagte Marie, die ſich ſelbſt erſt hatte an den Gedauken gewöhnen müſſen. Die Müllerin war diesmal allein weniger tolerant, ſie murmelte vor ſich hin:der jungen Wittwen aber entſchlage h. und wie es weiter heißt erſten Timotheum uu inften, Vers elf; doch wollte ſie nichts laut ſagen, was dem Sohn den kindlichen Re⸗ ſpekt vor der Mutter nehmen konnte.

Wegen dem Vermögen will ich, als

Wir

Dein Pfleger, einige