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zur Kirche wandeln ehrbarlich zwiſchen Vater und Mutter, auch einen Spaziergang mit ihnen machen durch Feld und Wieſe. Einen ein⸗ ſamen Gang mit Marie geſtattete die Mutter ſchon nicht gern: „Meidet allen böſen Schein, die Leute ſind nun eben einmal ſo,“ ſagte ſie entſchuldigend.„Ihr könnt einander noch lang genug am Arme führen,“ meinte der Müller. Zu gemeinſamen Fahrten mit der Braut und dem Schwiegerpapa, zu denen dieſer zu Zeiten ſchon willig war, hatten Marie und Georg ſelbſt weniger Luſt, au dritten Orten wußte er ſich dem Müller gegenüber nicht ſo in den rechten Ton zu finden.
Marie ſelbſt blieb freilich die lieblichſte Erquickung der Ferien⸗ zeiten, in der holdſeligen Freundlichkeit, mit der ſie ihn begrüßte, in der ſorglichen Geſchäftigkeit, mit der ſie auf all ſeine Bedürfniſſe Rückſicht nahm, und in der kindlichen Fröhlichkeit, mit der ſie auch in ſeine luſtige Studentenlaune einging, nur in Zukunftsplane wollte ſie nicht mit ihm eingehen, wie ſchön er auch auszumalen wußte, wie die Frau Doktorin daheim auf ihn warte, wenn er von nächtlichen Reiſen heimkehre, oder wie luſtig ſie im eignen Chaischen über Land fliegen würden; ſie ſchüttelte leiſe den Kopf dazu: „Sag lieber nicht ſo,“ bat ſie,„ich meine ſonſt, es komme gar nicht zum Ziel. Wenn ich ſo weit denken will, ſo iſt mir's, wie wenn ein ſchwarzer Strich mitten durch gemacht würde und ich muß immer weinen.“
Die Studienzeit hatte in einem guten Examen ihren Abſchluß gefunden, aber die Abhängigkeit von dem Müller, die ihm immer peinlich geweſen, war damit noch nicht zu Ende.
Wie viel Mühe hatte Georg gehabt, dem Vormund begreiflich zu machen, daß es gut und nöthig für ihn ſei, nach Vollendung ſeiner Studien zu reiſen.„Kann mir nicht recht denken, zu was ſelbiges dienen ſoll,“ ſagte der Müller bedächtig.„Ich laß mir's gefallen, wenn ein Handwerksburſch reiſt, will ſagen ein Schuſter oder ein Schreiner, der ſieht allenthalben wieder eine neue Mode, eine an⸗ dere Manier, wie ſein Handwerr betrieben wird, ein geſchickteres Holz oder ein beſſeres Leder, das er dann verwenden kann, wenn er wieder heim kommt. Krankheiten herentgegen ſind immer das nämliche, und wie man ſie kuriren ſoll, das lernt man ja auf der Univerſität und hernach eben, wenn mans ſelber probirt. Wenn einer zum Beiſpiel in Berlin einen Fuß bricht, ſo muß er akkurat ſo eingerichtet werden, als ob er ihn in meiner Mühle gebrochen hätte, nur daß der eine Doktor oder Chirurg eine geſchicktere Hand hat, als der andere, da thut aber das Reiſen nichts dazu. Unſer alter Barbier Mauſer drüben, der richtet gebrochne Glieder ein, wie keiner, am allerbeſten, wenn er einen Rauſch hat, und der iſt nicht zum Ort hinausgekommen.“
„Aber die innerlichen Krankheiten, Fieber und dergleichen, treten in andern Gegenden oft in verſchiedener Geſtalt auf,“ ſagte Georg ungeduldig. 3
„Hilft Dich wieder nichts,“ entgegnete phlegmatiſch der Müller, „denn g'ſetzt den Fall, ein Nervenfieber in Paris ſei anders, als eins bei uns, was nutzt das Dich, wenn Du doch vaterländiſche und keine Pariſer Nervenſieber kuriren ſollſt.“
Endlich hatte ſich der Müller doch bereden laſſen und hatte dreihundert Gulden zur Reiſe verwilligt,„ein Heidengeld,“ mit dem man nach ſeiner Meinung ſollte bis ans Ende der Welt reiſen kön⸗ nen; daß das nur zu ein Paar Monaten in Wien ausgereicht hatte, wollte er nun und nimmermehr begreifen, er war doch auch gereiſt ſeiner Zeit, und das nicht ſchäbig. 1
Nach ſeiner Rückkehr wollte Georg ſein Heil als Praktikus in einer kleinen Stadt verſuchen.„Sobald Du Dein eigen Brod ißt, ſobald Du als lediger Mann von Deinem Einkommen auch nur zweihundert Gulden jährlich zurücklegen kannſt, ſobald kriegſt ſie,“ ſagte ihm der Müller;„wenn's dem Mann wohl ſein ſoll in ſeinem eignen Haus, ſo muß er wiſſen, daß er ſein Weib ernährt. Was mein Mädchen einmal mitbringt, das wirſt doch nicht wegwerfen und wirſt froh daran ſein, aber wiſſen muß ich vorher, ob Du ſie auch ohne mich erhalten kannſt.“
Marie war kein Kind des Dorfes in dieſer Beziehung. Es fiel ihr nicht ein, ſich deshalb einen Werth beizulegen, weil ſie ein reiches Mädchen war. Georg ſtand in ihren Augen ſo hoch, ſeine Liebe erſchien ihr als ein ſo wunderbares Glück, daß alles, was ſie dagegen bieten konnte, ihr gering und klein erſchien.
Der Müller hätte am liebſten gehabt, wenn Georg in der aller⸗ nächſten Stadt ſein Heil als Praktikus verſucht hätte. Die ver⸗ wandtſchaftliche Liebe auf dem Land, die in der Regel ganz und gar keinen ſentimentalen Charakter hat, hat etwas Pflanzenartiges, ſie kann kein Lostrennen ertragen: aus demſelben Haus, aus dem man erſt noch die gröbſten Schimpfwörter gehört, mit denen ſich die nächſten Augehörigen beehren, ertönt ein herzzerreißendes Jammer⸗ geſchrei, wenn die Tochter mit ihrem Neuvermählten etwa zwei Stunden weit wegzieht.
Bei dem Müller, dem ſein Töchterlein wirklich ſeiner Augen Licht und ſeines Herzens Freude war, war es um ſo natürlicher, daß er wünſchte ſie nahe zu behalten, er machte auch Georg den Vor⸗ ſchlag, eine Zeit lang ganz in der Mühle zu bleiben, unter den vielen Mahlkunden ſtoße doch da und dort einem etwas zu, und er könne ſich da ſo ganz beiläufig eine gute Praxis in der Gegend erwerben. Georgs Wunſch war das gerade nicht. Er war zwar nicht ſo an⸗ ſpruchsvoll wie jener Lieutnant, der nur heirathen wollte, wenn der Brief an ſeine Schwiegermutter einen Thaler koſte, doch wünſchte er keine zu unmittelbare Nähe ſeines Schwiegervaters; er fürchtete ſonſt gar nicht aus der Vormundſchaft zu kommen. Zwar war der Müller ein geſcheidter Mann, führte auch öfters als Diktum ſeines Vaters an:„man kann den Leuten faſt bei allen helfen, aber Hauſen und zäh Fleiſch beißen, das muß man die Leute allein thun laſſen;“ aber ganz, fürchtete doch Georg, könnte er nicht unterlaſſen, einen jungen Haushalt einmal nachſeiner Anſchauung leiten zu wollen.
Auf den Nath ſeines Freundes, der nun als Aktuar ſeine Braut heimführte, hatte er ſich denn in der kleinen Stadt Pulver⸗ dingen niedergelaſſen, die Verhältniſſe ſollten dort gar nicht un⸗ günſtig ſein; der Oberamtsarzt ſei vornehm und ſtehe nicht bei Nacht auf, der Wundarzt, der auch prakticire, ſei ſehr grob, was bei alten Aerzten zwar zu Zeiten eine geſchätzte Eigenſchaft iſt, bei jungen aber doch nicht gerade empfiehlt; auch waren ſtehende Waſſer in der Nähe, was öfters Fieber erzeugt, ferner lag ein Judendorf im Bezirk, und Juden gelten für ſehr wünſchenswerthe Kunden für einen Arzt, da ſie ſich ſehr vor dem Sterben fürchten und deshalb bald ärztliche Hilfe ſuchen, und da ſie nicht zu Quackſalbern gehen.
Unter ſo günſtigen Auſpicien bezog denn Georg zwei beſcheidne Zimmer im Hauſe eines Kaufmanns und bot im Pulverdinger Wochenblatt dem verehrten Publikum,— hoher Adel war nicht vor⸗ handen, ſeine Dienſte an.
Ach, aber das verehrte Publikum ſchien gar nicht beeilt, dieſe ſchätzbaren Dienſte in Anſpruch zu nehmen! Es ſchien, als ob ſich der Geſundheitszuſtand zu Pulverdingen ohne ärztliches Zuthun weſentlich gebeſſert habe, als ob der vornehme Arzt leutſelig und der grobe ſein geworden ſei,— niemand pochte an die Pforte des jungen Arztes, als die Magd, wenn ſie ſein Frühſtück brachte.
Er hatte, ebenfalls auf den Rath ſeines erfahrnen Freundes, einen grinſenden Todtenſchädel und ein Paar ſchauerliche Armknochen auf ſeinem Büchergeſtell aufgepflanzt, um ſeinem Zimmer ein recht ärztliches Anſehen zu geben, er blieb den ganzen Tag zu Haus, damit er gewiß zu finden ſei, er ging Abends regelmaäſzig in den Stern, wo die Honoratioren der Stadt ehrbarlich kneipt— ſich bekannt zu machen, vergeblich. Zwar unterhielt ihn Jedermann, mit dem ihn ſein Geſchick zuſammenführte, äußerſt freigebig von ſeinen körper⸗ lichen Beſchwerden: der Oberamtsrichter von ſeiner Gicht, der Ge⸗ richtsnotar von ſeinem Magen, der Kameralverwalter von ſeiner Leber, Frau Mezger, ſeine Hauswirthin, regalirte ihn nicht nur mit der Geſchichte ſämmtlicher Krankheiten und ſchwerer Wochenbetten, die ſie ſelbſt durchgemacht, ſondern auch mit allen abnormen Zuſtän⸗ den und ſchrecklichen Operationen, die bei ihren„Geſchwiſtrigkindern“ und ſonſtigen Familiengliedern ſchon vorgekommen ſeien,— aber was half's ihm, daß er ſehr ſachverſtändig und theilnehmend über dieſe Leiden ſprach,— die Leute hörten ſeine Vorſchläge herablaſſend an, hatten ſelbſt wohl ſchon die vorgeſchlagnen Mittel gebraucht; rufen ließ ihn kein Menſch, und manch offene Seele ſagte ihm geradezu, es ſei eben unmöglich, ſich mit dem Oberamtsarzt zu ver⸗ feinden, wenn man auch mehr Glauben an einen jungen Doktor hätte. Auch die Juden, auf deren Todesſcheu man ſo viel Hoff⸗ nungen gebaut, wollten ſich nicht einfinden; mit der ihnen eignen Loyalität hielten ſie denn doch den obrigkeitlich angeſtellten Ober⸗ amtsarzt für den ſicherſten, und Georgs einzige Patientin war nach Monaten noch die Ladenjungfer der Frau Mezger, ein älteres, etwas
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