Jahrgang 
1865
Seite
40
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Am Jamilienktiſche.

Krune uff'm Kuppe.

Landleute und Kinder denken ſich gekrönte Häupter mit einer Krone auf dem Kopfe; wer das für unglaublich hält, der hat wenig Umgang mit ſchlichten Landleuten gehabt, oder er hat ſeine eigne Kindheit vergeſſen.

Jene Vorſtellung brachte einſt die Kaiſerin von Rußland in große Ver⸗ legenheit.

Sie wohnte 1813(damals noch Prinzeß Charlotte von Preußen) in Breslau im Schloſſe. Hinter dem Schloſſe lag eine Schlächterwieſe. Im einfachen Anzug ging die hohe Jungfrau damals mit einem kleinen Hündchen auf jener Wieſe ſpazieren, anf der ein Junge die Hammel der Schlächter hütete. Das Hündchen lief auf die Herde los und jagte ſie aus einander, ihr Hüter ſchalt und als das nichts half, verfolgte er den Hund mit der Peitſche. Die Prinzeß bat umſonſt um Schonung, und als Bitten nicht half, befahl ſie und ſagte, er ſolle ſich nicht unterſtehen den Hund zu ſchlagen, ſie wäre die Prinzeß Charlotte. Da ſah ſie der Junge verächtlich an und rief:Was, Sie will eine Prinzeß ſein! Sie hat ja kene Krune uffm Kuppe(keine Krone auf dem Kopfe); nu weer' ich ihren Hund erſt recht durchkarbatſchen, weil ſie leit (lügt) und damit hieb er von neuem auf den Hund los. Zum Glück kam ein königlicher Bediente der Prinzeß zu Hilfe gelaufen. Da er aber keine Krone mitbrachte, ſo wurde der Junge zwar überwältigt, aber nicht überzeugt.

Etwas vom Kaiſer Franz II.

Als im Jahre 1817 der Kaiſer mit ſeiner Gemahlin, die eben erſt mit ihm verbunden war, die Provinz Galizien bereiſte, nahten ſich ihm viele mit Bittgeſuchen. Unter andern erwartete ihn, mit einer Bittſchrift in der Hand, ein junges Mädchen auf einem Hausflur und warf ſich ihm zu Füßen. Er hob ſie auf und ſagte:nicht knieen vor Menſchen, nicht knieen! und fragte herab⸗ laſſend nach ihrem Begehr. Sie war ſo bewegt, ſo befangen, daß ſie nicht ſprechen konnte. Der Kaiſer redete ihr freundlich zu und fragte wiederholt: Was möchten Sie denn gern? Da erwiederte ſie endlich:Ich möchte gern heirathen! der Kaiſer lächelte und ſagte:Ja, da muß man ſich eins ſuchen, ich hab's auch ſo gemacht! Da ſetzte ſie ſich und erzählte ſtotternd, ſie ſei verſprochen mit einem Ofſizier, aber der Heirathsconſens werde ihr verwei⸗ gert, weil ſie nicht das geſetzlich vorgeſchriebene Vermögen habe.Ja, mein liebes Kind, ſagte der Kaiſer,das Geſetz kann ich nicht changiren, aber wir wollen ſehen, ob wir die Sache nicht doch noch arrangiren können. Er nahm ihr die Bittſchrift ab und einige Tage darauf bekam ſie die Anweiſung, ſich die ge⸗ ſetzlich vorgeſchriebene Mitgabe aus der Chatulle des Kaiſers auszahlen zu laſſen.

Als das bekannt wurde, bekam der Kaiſer unzählig ähnliche Bittgeſuche, aber keins hatte ähnlichen Erfolg. Um alle Heirathsluſtigen auszuſtatten, wäre kein Kaiſerreich reich genug geweſen.

So freigebig ſich der Kaiſer bei jener Gelegenheit zeigte, ſo wirthſchaft⸗ lich belohnte er bei einer andern Gelegenheit. Er ritt über eine Brücke, da jagte ihm der Wind den Filzhut vom Kopf und ins Waſſer; ein Sol⸗ dat, der das ſah, ſchwang ſich über das Brückengeländer, ſtürzte ſich ins Waſſer, ſchwamm dem Hut nach und brachte ihn dem Kaiſer, und der Kaiſer faßte in die Taſche und gab dem Soldaten einen Zwanzigkreuzer,

etwa ſieben Silbergroſchen. Das hat mir ausnehmend gefallen. Wer ſein

Leben wagt um den Kaiſer zu retten, verdient eine kaiſerliche Belohnung, wer es wagt um einen Filz zu retten, eine filzige Belohnung. 9. S ½

DieTimes.

Wie Jedermann, habe auch ich mein Steckenpferd, nämlich: Bücher,

Zeitungen, illuſtrirte Blätter u. dgl. Wo ich kann, vermehre ich meine Sammlungen durch neuen Zuwachs und mache vollen Anſpruch auf die erſte Categorie der Paſſagiere in Sebaſtian Brants Narrenſchiff, in welchem er die Büchernarren als Hauptmann in höchſteigener Perſon anführt. Man wird ſich deshalb mein Entzücken denken können, als mir im vorigen Jahre, beim Umherwandern in der City von London ich glaube, es war in der berühmten Fleetſtreet eine Nummer des Weltblattes Times vom Jahre 1798 auf einem offenen Buchkram entgegenſchaute. Ich hätte ein erkleckliches Stück Geld für ſolche Rarität gegeben und war faſt

Briefe und Sendungen ſind zu richten an die Redaction desDaheim in Leipzig, Poſtſtr. Nr. 2.

enttäuſcht, als man mir nur 3 Pence abforderte. Es war eben kein Origi⸗ nal, aber ein getreuer Abdruck der Originalnummer, in welcher Nelſons Sieg über die franzöſiſche Flotte berichtet wurde. Froh trug ich meinen Schatz nach Hauſe und habe ihn auch glücklich übers Meer gebracht. Er iſt jetzt ein Hauptſtück meiner Sammlung von Zeitungsblättern.

Wie winzig und jugendlich nimmt ſich doch dieſes Blatt des vorigen Jahrhunderts neben derTimes von heute aus! Damals ein Journal von zwei Blättern, von der Größe der Berliner Nationalzeitung, mit vier Spal⸗ ten; heute ein Rieſenblatt von acht, oft zwölf Blättern, jede Seite mit ſechs enggedruckten Spalten. Nur der Preis iſt derſelbe geblieben; denn 1798 koſtete es 6 Pence, wofür es auch 1864 verkauft wird. Die allmählige Ent⸗ wicklung dieſes Weltblattes bildet ein Stück Culturgeſchichte; einiges ſei daraus hier mitgetheilt!

Das vielfach und mit Recht geſchmähte Weltblatt wird von Herrn Edmond Aboutder König der Journale, aber ein aufrichtig conſtitutioneller König genannt.Es hat keine eigene Meinung, ſagt dieſer berühmte fran⸗ zöſiſche Publiciſt;es regiſtrirt vielmehr, von Tage zu Tage, die Meinung des Mittelſtandes Englands in ſeine Spalten. Der Mittelſtand ſagt: weiß, die Times ſagt:weiß; er ſagt:ſchwarz und die Times ſpricht es nach. Sie wird für alle Zeiten ausdauern, wenn ſie immer weiſe genug iſt, ſich der öffentlichen Meinung zu unterwerfen.

In ſeinerGeſchichte des Krimkrieges, zu deſſen Ausbruch die Times, nach ihm, ſehr viel beigetragen haben ſoll, zeichnet Serjeant Kinglake die Entſtehung dieſer gewinnreichen Taktik. Die Geſellſchaft, welche das Blatt ſeit lange in Händen hat, beſoldete in den erſten Jahrzehnden ſeines Be⸗ ſtehens etliche Müßiggänger, namentlich längere Zeit einen klugen Geiſt⸗ lichen, um an öffentlichen Verſammlungsorten ſich umherzutreiben und aus⸗ findig zu machen, was die Leute über die Hauptfragen der Zeit dachten und ſprachen. Er war angewieſen, nicht auf außerordentlich thörichtes Gerede, noch weniger auf geſcheute Männer zu hören. Seine Pflicht war, abzuwarten, bis ein gemeinſamer und plauſibler Gedanke an verſchiedenen Orten geäußert wurde und zwar von vielen Leuten, die vermuthlich ſich nie geſehen hatten. Dieſen Gedanken trug er als Beute ſeinen Prinzipalen zu, die ihn alsdann in ihrem Blatte verbreiteten, als die Meinung des Landes. So ſicherten ſie ſich den Beifall der Menge, als deren Vertreter ſie auftraten.

Auf ſolche Weiſe iſt dies merkwürdige Blatt zu einer Macht heran⸗ gewachſen, in welcher der ganze Einfluß der Preſſe culminirt und welcher keine andere Zeitung in der Welt gleichkommt. Seine ungeheure Verbreitung und der große Reichthum ſeiner Eigenthümer, die hervorragenden Talente, über die es gebietet und die Mannigfaltigkeit ſeiner Nachrichten, die im an⸗ ziehendſten und pikanteſten Style dargeboten werden, haben es zu einem Selbſtherrſcher in der Gelehrtenrepublik gemacht. Aber, wie geſagt, es hat ſich nur ſtufenweiſe zu dieſer Stellung emporgeſchwungen. Die erſte Nummer erſchien im Jahre 1788 und hatte lange Zeit durchſchnittlich zwanzig Annon⸗ cen täglich und einen unbedeutenden Leitartikel. Erſt im Jahre 1800 ſtieg es durch die Umſicht des Haupteigenthümers, Mr. Walter, der außer der oben geſchilderten Taktik ein neues Mittel anwandte. Dies war das Annon⸗ cenweſen, welches er ſyſtematiſch entwickelte, und das ſeitdem ſo geſtiegen iſt, daß heute anſtatt 20, die Times durchſchnittlich 2000 Annoncen jeden Tag enthält, wofür die Eigenthümer gegen 600 Pfund(etwa 4000 Thlr.) ein⸗ nehmen. Im vorigen Jahrhundert enthielt ſie kurze, aphoriſtiſche Nachrich⸗ ten vom In⸗ und Auslande, gelegentlich einige ſchlechte Verſe, Schiffs⸗ berichte und allerhand Hof⸗ und Gaſſenklatſch. Heute enthält ſie, außer den Annoncen, 48 Spalten der ausführlichſten und vollſtändigſten Mittheilungen aus allen Theilen der Welt: 4 große Leitartikel, literariſche Kritiken, Parla⸗ mentsberichte und werthvolle Briefe von einer Anzahl gutbezahlter und ſorg⸗ fältig ausgewählter Mitarbeiter. R. K.

Herrn A. K. in Altena. Freundlichen Dank für ihrenGruß ans Daheim. Er iſt uns ein neues Zeichen des herzlichen Willkommen, wel⸗ ches unſerm Blatt aus allen Gauen entgegentönt, aber bringen können wir ein ſo warmes Lob unſerer ſelbſt begreiflicherweiſe nicht, und wenn die Verſe noch ſo anmuthig ſind.

Unter Verantwortlichkeit von A. Klaſing in Bielefeld, herausgegeben von Dr. Robert Koenig in Leipzig. Verlag der Daheim-Expedition von Velhagen* Klaſing in Gielefeld und Berlin Druck von Liſcher* Wittig in Leipzig.

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