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man die zurückhaltenden, ſchweigſamen Menſchen mehr zu fürchten habe, als die, welche alles ſagen, was ihnen auf die Zunge kommt. Dies Diktum bedarf aber vieler Einſchränkungen, um eine Wahrheit zu ſein.
Im Geſchäfte und in allen ernſten Lebensverhältniſſen ſind die activen Menſchen und diejenigen, welche die Initiative lieben, frei⸗ lich männlicher, edler und ungefährlicher als die Praktikanten, welche alles hübſch an ſich kommen laſſen und ſo lange paſſen, bis ſie die Schwäche des Nebenmenſchen und ihren Vortheil erſehen; auch kann man zugeben, daß jungen Leuten eine Paſſivität, die weniger Be⸗ ſcheidenheit als Liſt verräth, ſehr verdächtig zu Geſichte ſteht. Dagegen verrathen gereifte und gealterte Perſonen, durch eine überall zur Schau getragene Offenheit und Activität, entweder eine Maske, hinter der ſich ihre Praktiken und Beobachtungen verbergen, oder einen Mangel an Geſchmack und Lebensart, der in gewiſſen Ständen zugleich auf große Rohheit und Undelikateſſe oder auf wirkliche Dummheit ſchließen läßt.
Es taugt nichts, es nutzt nichts, ohne Auswahl offenherzig zu ſein. Es iſt unverſchämt, ſchwächlich und thöricht, bei allen Ge⸗ legenheiten ſeine Gedanken zu ſagen. Man ſoll mehr ſchweigſam als mittheilend, mehr paſſiv als complaiſant, niemals aber ein Schwätzer und Luſtigmacher ſein.
Wenn ein Alltagsmenſch ſich in Expektorationen ergeht, ſo iſt er bald ſo erſchöpft, daß er ſchon durch die Wiederholungen wider⸗ wärtig wird; wenn aber ein geſcheidter Mann ſein Innerſtes zeigt, ſo verſtehen ihn wenige eben nur zu dem Behuf, um ihre Gloſſen zu machen. Expektorationen ſind ein Heiligthum für den engſten Freundeskreis; wer ſie überall zum beſten gibt, profanirt die Myſterien des Lebens und ſich ſelbſt.
Schließlich mag man ſich noch merken, daß Menſchen, welche etwas Reelles beſitzen, leiſten, repräſentiren und verſtehen, ſich ſehr ſelten mittheilend und complaiſant finden laſſen; daß ſie es nicht der Mühe werth halten, auch über die Miſerabilität ihrer Mit⸗ menſchen herzuziehen. Wer etwas Solides in der Welt vor ſich ge⸗ bracht hat, wer etwas Tüchtiges leiſtet, dem fehlt der Impuls und die Veranlaſſung, ſich in Blasphemien über Welt und Menſchen zu ergehen.
Ein ſchwaches Baumwollenzeug wird mit Gummi oder Stärke⸗ mehl geſteift, damit es beſſer hält, weniger faſert und ſchmutzt. So gibt es auch Leute, die ſich durch Grobheit, Derbheit oder Cynismus die Kraft und Brauchbarkeit geben müſſen, die ihrer natürlichen Ohnmacht gebricht; weiche Seelen, die äußerlich ein abſtoßendes, ſchroffes Weſen annehmen, weil ſie ihrer ange⸗ borenen Weichheit nicht trauen.
Wir alle, die Beſten, haben das mit dem Papier gemein, daß wir geleimt werden müſſen, andernfalls ſchlagen wir durch, neh⸗ men jeden Schmutz an, und halten nichts aus.
Eben die edeln Metalle werden für den Gebrauch mit Kupfer legirt. Vergoldungen ſind für die Thurmknöpfe am paſſend⸗ ſten, auf Münzen und Rockknöpfen ſcheuern ſie ſich gar zu bald ab.
Wer bieder und gebildet zugleich iſt, wem der heilige Reſpekt vor den Myſterien des Gewiſſens, der Wahrhaftigkeit und Gemüths⸗ reinheit innewohnt, der wird dieſe innerſten Seiten nicht für den gemeinen Gebrauch herauswenden. Selbſt den Leuten aus dem Volke fehlt der Sinn für feine Lebensart und für ideale Formen nicht ganz. Ein Pfarrer, der zu hausbacken und derb moraliſirt, gefällt nicht ſo, wie einer, der ſo ſublim predigt, daß man ihn nicht verſteht.
Die armſeligſte, rohſte Bauermagd beſitzt Idealſinn genug, um eine Delikateſſe und Rückſicht, die ihr vom Bräutigam gewidmet wird, zu ſchätzen und zu verſtehen. Der rohſte Menſch hat eine Seite oder Stelle, durch die er mit der religiöſen, der idealen und poetiſchen Welt korreſpondirt, und je trivialer und gemeiner ſeine Alltagsbeſchäftigung, Lebensſtellung oder Ausbildung iſt, deſto ſublimer und delikater ſind nicht ſelten ſeine Neigungen und Er⸗ holungen, falls er nämlich ein ungemeiner Menſch iſt.
Es iſt eine bekannte Erſcheinung, daß eben geniale Gelehrte, Künſtler, Dichter und Geiſtliche, die aus dem Studium der idealen Welt eine Profeſſion machen, ihre Erholung in ſehr natürlichen Lebens⸗ und Redensarten ſuchen, alſo im Umgange nicht ſelten bis zum Cynismus derb und ungenirt ſind; es geſchieht dies nach dem Geſetz der natürlichen Reaction.
will, der wird nicht jedes Ceremoniell und jede feine Sitte für ein Symptom der Unnatur, des Stolzes, der Lüge und Unpopularität anſehen; aber er wird auch bei allem Reſpekt vor feinen Umgangs⸗ formen eine ganz ſinn⸗ und ſeelenloſe Förmlichkeit und Tournüre eines Dutzend⸗Adligen, hinter der ſich Hochmuth, Unwiſſenheit und Blaſirtheit übel genug verbergen, nicht mit der herzlichen oder
humoriſtiſchen Weiſe eines genialen Gelehrten, Künſtlers und Staats⸗ mannes vergleichen, bei dem die Derbheit oft nur die dicke Schale der Ananas iſt, welche das weiche und ſüße Fleiſch ſchützen muß.
Der Campagne⸗Soldat, der Schiffer, der Landwirth können V nicht ſo delikat und fein geſchliffen ſein, als die Salondame und der
Diplomat, und man findet bei ihnen eine treuherzige, ungeſuchte Derbheit in der Ordnung; Brutalität aber wird ſelten nothwendig und nie zu entſchuldigen ſein, wenn ſie als grundſätzliche Lebensart und als männliche Bravour zum beſten gegeben wird.
Die alte gute Zeit gefiel ſich nur zu oft in dieſer angenom⸗ menen und forcirten Rohheit, während man heute die herz⸗ und witz⸗ loſe, unperſönliche Förmlichkeit übertreibt.
Es gibt in der That herzliche, ehrliche Grobiane und mali⸗ tiöſe, perfide Ceremonie⸗Menſchen; mitten inne aber einen wahren Hades von phyſiognomieloſer und nichtsbedeutender Mittelmäßigkeit. Herzliche Höflichkeit und eine Charakter⸗Energie, welche mit Liebens⸗ würdigkeit, mit Anmuth gepaart iſt, bleiben ein Ideal, das ſich faſt nie realiſiren will.
In den Myſterien der Perſönlichkeit allein löſen ſich die Ge⸗ genſätze von Natur und Geiſt, von Kraft und Grazie; gleichwohl affektirt man heute Unperſönlichkeit.
Das Genie und jeder Charaktermenſch vertritt bei allen Ge⸗ legenheiten die ewigen Gerechtſame der Perſönlichkeit, welche unſer Heiland ſelbſt zum Herzpunkt in dieſer und in jener Welt gemacht hat; aber die modernen Dutzend⸗Menſchen fühlen ſich nicht mehr in ihrem Comfort, als wenn der ſchwächliche Kern ihres Weſens von den Elementen der Geſellſchaft aufgelöſt wird. Sie rehabilitiren
dann die im öffentlichen Leben abhanden gekommene Individualität
V Wer geſcheidt iſt, wer die Leute billig und gerecht auffaſſen
bei Winkel⸗Gelegenheiten als Hausväter, Geſchäftsleute und Nach⸗ barn in dem miſerabelſten Egoismus und Eigenſinn.
Permanente Cyniker ſind gemeiner, gefährlicher, unerträgli⸗ cher als Perſonen, die aus den Satzungen des Salons ihre Reli⸗ gion beziehen.
Der wohlerzogene Menſch iſt keinmal, auch nicht in der Wuth oder im Trunk, ſo natürlich wie ein Thier, und eben ſo wenig bringt er es über ſein Herz, ein wohldreſſirter Salon⸗Narr oder ein raſirter Convenienz⸗Affe zu ſein.
Nicht ſelten birgt ſich aber doch hinter Salon⸗Feinheit eine ſittliche Ambition, ein Glaube an Bildung, an perſönliche Würde und ein Gewiſſen von der Bedeutung der Form, von der Ueberlegen⸗ heit des Geiſtes über die Natur, ein Ekel vor der natürlichen Ge⸗ meinheit und eine Furcht vor der Beſtialität.
Viel ſeltener geſchieht es, daß Cyniker mit ihren derben Spä⸗ ßen oder Grobheiten ein Gegengewicht für die Ueberfeinerung, die Prüderie und den falſchen Idealismus erzielen. Dieſe Bedeutung können die eyniſchen Humore von alten Profeſſoren, Künſtlern, Hofleuten und Fürſten haben. Dagegen bekunden ſich eyniſche Amtleute, Forſtmänner, Handwerker, Techniker, Chirurgen und Naturforſcher als Leute, denen die natürliche Reaction des idealen Geiſtes, alſo die geiſtige Potenz und der Idealſinn überhaupt ge⸗ bricht.
Wer es im Leben profeſſionell mit der Materie zu thun hat, wer aus dem Scheeren und Schinden, aus dem Schacher, den Prak⸗ tiken und Liſten, aus dem Miſte des Werktaglebens gar nicht heraus⸗ kommt, und dann noch des Abends zum Zeitvertreibe die Naturell⸗ Lebensarten in cyniſchen Humoren kultivirt, der iſt ſicherlich ein gemeinerer Menſch als der arme Schneider oder Barbier und Fri⸗ ſeur, der in den Verſuchen verunglückt, durch complaiſante und mit⸗ theilſame Lebensarten, oder durch Kleidage und Tournüren, den Honoratioren äußerlich ähnlich zu ſein, denen er die Toilette machen darf..
Es kommt vor, daß ein Cyniker und Grobian ein gemüthlich ehrlicher Nachbar, ein zärtlicher Ehemann und Familienvater iſt. Wer aber die üble Laune, die Momente der Gemeinheit und Wuth dieſer ſentimentalen Cyniker riskirt hat, der will lieber mit dem Con⸗
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