Jahrgang 
1865
Seite
34
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ins Geſicht und nur mit Mühe kann man den Schirm dem Winde entgegenſtemmen.Nur vorwärts, vorwärts! ermuthigt der Führer. An eine Beſteigung der Spitze iſt doch nicht zu denken, da dieſer Regen oben als Schnee niederfällt. Aber bald ſind wir an der Hütte der ſchönen Nannerl; da finden wir für einige Stunden wohl ein Unterkommen.Ah, eine Sennhütte! ſchaltet der Ladenjüng⸗ ling ein,mit einer ſchönen Sennerin darin; wie lange habe ich mich danach geſehnt, dergleichen in Wirklichkeit zu ſehn und zu er leben! Und ſeine verzagenden Mienen beleben ſich aufs Neue. Alles in der Welt iſt relativ, Verehrteſter, erwiderte der boshafte, illuſionsfeindliche Maler,auch die Schönheit der Nannerl. Wüßten Sie, wie häßlich dieſe Gaisdirnen in der Regel ſind, Sie würden ſich von dieſer Bergfei nicht zu viel verſprechen! Da tönt plötz⸗ lich ein Schrei an unſer Ohr. Der arme Commis läuft baarhaupt ſeinem Hute nach, den ein kräftiger Windſtoß ihm tückiſch entführt hat. Schnell eilt der Führer hinterdrein und faßt den Unglücklichen kräftig beim Arme, und zieht ihn von dem jähen Abhange zurück, dem er zueilte. Mit kläglichſter Miene ſieht er ſeine ſchöne Kopf⸗ bedeckung, einen veritabeln Panama, über den Abgrund hinflattern und in unergründeten Tiefen verſchwinden. Das ſchöne Haar wird ein Spiel der rauhen Winde und ſein Haupt trieft bald von dem Naß des Himmels. Glücklicherweiſe zeigt ſich eben die Sennhütte; nach wenigen Minuten treten wir ein.

Seitdem mit der ſentimentalen Naturſchwärmerei die Geßner⸗ ſchen Idyllen und die Sennhütteu der Alpen in Mißkredit gekommen, und die vielgereiſte Welt von dem romantiſchen Zauber der letzteren (wo der Menſch nicht hinkommt mit ſeiner Qual) nichts mehr wiſſen will, thut man denſelben eitel Unrecht. Von ihrer Poeſie wiſſen die Schreiber der Almgeſchichten zu berichten, die auf die Berge zogen, als ſeit Auerbach und Nachfolger imDorfe wenig Novellenſtoff mehr zu holen war. Ja freilich iſt Poeſie darin, aber eine ſolche, bei der Gott Momus das Auge ſchärft und den Griffel führt dieſer treffliche Gott, der leider in neuerer Zeit von ſeinem vornehmeren Stiefbruder Apollo arg übervortheilt worden iſt.

Schauer der Ehrfurcht umfangen uns, da wir in die Hütte tre⸗ ten. Was die Kultur durch unüberſteigliche Klüfte ſchied, wie trau⸗ lich führte es Mutter Natur zuſammen! Es wird uns ſo urmenſch⸗ lich, ſo culturgenetiſch zu Muthe, da wir den Trieb der Erdenſöhne nach ſchützendem Obdach hier ſo ungehemmt wirken ſehen. Im Hintergrunde ſtehtjene ſegensreiche Himmelstochter, die herein von den Gefilden rief den ungeſell'gen Wilden, das ſchöne Nannerl, die ihre einſame Wohnung plötzlich faſt überfüllt ſieht. Gleich den Töchtern Gemundens fröhnt ſie der neidiſchen Sitte, welche mit ſchwarzer Seide das ganze Haupthaar zu verhüllen gebietet, damit die Phantaſie den verborgenen Schmuck ahnungsvoll idealiſire. Im Gegenſatze zu ihren oft ſehr verwelkten Schweſtern hat ſie noch friſche Züge, und es iſt gut, daß eine große Warze am Ohr und die rothbraune Färbung ihrer ſtämmigen Arme an die menſchlichen Mängel erinnern und ſie, die ſo oft in Wolken daherſchreitet gleich den Göttinnen des Olymp, den Erdgebornen nahe rücken. Nechts neben ihr lodert auf offenem Herde ein luſtiges Feuer, an welchem ſie bald das ächte SennengerichtMurs(eine ArtKaiſerſchmar⸗ ren, wie der Oeſtreicher erläutert, oder zerſtücktearme Ritter) den Gäſten bereiten wird. Darüber hängen auf einem Stiele meh⸗ rere Stück naſſer Wäſche und ein Reiſekourier in Hut und Mantel iſt ſeitwärts beſchäftigt, ähnliche Gegenſtände auf ein hölzernes Geſtell zu bringen. Zu der Nannerl ſchaut ein rüſtiger Alpenjäger, die kleine ſchmucke Pfeife in der Hand, mit liebendem Blicke empor, und lauſcht wenig auf die Worte ſeines Nachbarn, einen Tyroler mit plumpen Zügen, der augenſcheinlich Führerdienſte gethan hat und neben ihm auf einer niedrigen Bank ſitzt. Unſer Führer legt Hut und Wamms ab, ſtellt ſich neben die Sennin vor das Feuer und mit gutmüthig dummem Geſichte ſchaut er, die Hände in den Taſchen, auf ſeine Umgebung. Der Maler und ich okkupiren ſogleich eine Bank rechts vor der Thüre, da wir nicht eben ſtark durchnäßt waren. Unſer armer Commis ſchiebt ſich hin und her, ohne einen Ruheort zu ſinden für die wehe Sohle ſeines Fußes.

Der Raum war nämlich faſt ganz beſetzt. Eine engliſche Familie hatte vor uns hier Schutz geſucht. Die ſchöue Miß, voll Hoffnun⸗ gen auf die Almhüttenidylle, war kläglich aus ihrem Himmel herab geſchleudert; denn ein ſolider Comfort muß natürlich bei der Idylle ſein und nun dieſe Unkultur! Das lange, liebliche Geſichtchen

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hatte ſich immer tiefer gezogen und als ſie mit gewechſelten Strümpfen und den ſchwerfälligen Sonntagsſchuhen der Wirthin einherhumpelte, hätte man ein Herz von Stein haben müſſen, wäre man von ihrem Jammerblick nicht gerührt worden. Zagend hatte ſie auf dem einzigen guten Stuhle von ſolidem Holze Platz genom⸗ men, den Rücken gegen die Thüre gewandt; die langen blonden Locken haben viel von ihrer Morgenſchöne eingebüßt, und das ſchneeige Untergewand zeigt dunkle Spuren des ſteilen naſſen Weges, der von St. Gilgen auf den Schafberg führt. Ihr langer Bruder mit nicht übeln, aber geiſtlos eckigen Zügen, in bunten Reiſekleidern, wie ſie nach Thackeray's köſtlicher Beſchreibung der ächte Snob für ſeine continental tour anlegt, ſaß auf einem Schemel neben ihr, die Beine gemächlich übereinander geſchlagen. Der greiſe Papa hatte den von der Thüre entfernteſten Platz erwählt, auf einem Stroh⸗ bündel, dicht neben einem offenen Behälter für die Ziegen, nachdem er die naſſen Stiefel mit warmen, weichen Pantoffeln vertauſcht. Sein unendliches Mißbehagen ſchwand erſt allmählig, nachdem er ſich den großen gewürfelten Plaid um Magen und Beine gewunden hatte. Da leuchtet es in ihm auf, er hat eine Inſpiration; der Reiſecourier muß eilig den Eßkorb bringen; die geliebte Portwein⸗ flaſche wird entkorkt und nach einem kräſtigen Zuge, zu welchem ſich indeß die alte Ziege dicht neben ihm zu Gaſte bitten will, ſtrömt Leben in die erkalteten Glieder; er fühlt eine leiſe Ahnung von Com⸗ fort und dies rettet ihn aus dem ſchauerlichen Zuſtande von wahrer Selbſtentfremdung in das ſelige Bewußtſein hinüber, auch hier auf fremder Scholle ein Sohn Alt⸗Englands zu ſein.

Sehr wider Willen hatte ſich dieſer ſtolze Sprößling Albions Wange an Wange mit der biedern Ziege gebettet, die ſchon als bärtiges, gänzlich unraſirtes Individuum einer ſolchen Geſellſchaft völlig unwürdig war. Vor ihm hatte ein Heidelberger Student, mit geſticktem Cerevis auf einem kleinen Theile ſeines Schädels und mit ritterlicher Schmarre auf der Wange, dazu mit zierlichem Schnurr⸗ barte geſchmückt, die Ecke der Bank eingenommen, auf der der Al⸗ penjäger ſaß. Mit der vollen Naivetät eines reiſenden Briten, deren halbgebildete Klaſſe gern in den Menſchen des Continents nur Bedienten ſieht, hatte ſich der Engländer an ihn mit den Worten gewandt:Gehn Sie fort, ick will ſitzen hier! Mit ſtarrem Er⸗ ſtaunen ſah der Jüngling, ein Baron und Student, zu dieſem Weſen auf, deſſen Impertinenz ihm wahrhaft unglaublich und übernatür⸗ lich vorkam. Aber kaum hatte er das Anſinnen begriffen, als ein Blick voll ſo köſtlichen Ingrimms den friedliebenden Fremdling an⸗ blitzte, daß dieſer ſcheu zurückwich.Sie ſind verrückt, Herr! donnerte er ihm entgegen und faßte nach ſeinem Knotenſtocke; doch kaum hatte er ſeinen Zweck erreicht, ſo verfiel er wieder in ſein brü⸗ tendes Sinnen, als ob er Pläne zu künftiger Staatenleitung aus⸗ hecke oder einen Korb erhalten habe; die Welt um ihn iſt für ihn nicht da und ſelbſt das ſchöne Gegenüber kann dem ſtolzen deutſchen Gemuthe keinen Blick der Theilnahme entlocken.

Des traurigſten Jammers Bild ſitzt aber in unſerer unnitttel⸗ baren Nähe. Ein Philiſter reinſten Waſſers hatte, durch Ein⸗ flüſterung eines böſen Dämons verführt, ſich entſchloſſen, gerade in dieſem traurigen Sommer ſeine Mithonoratioren, die Bewohner des kleinen Städtchens, aus dem er herkam, durch den Bericht über ſeine Reiſefata in audächtiges Erſtaunen zu verſetzen. Aber überallhin hatte ihn Jupiter pluvius verfolgt. Frühe ſchon iſt er heute aus St. Gilgen aufgebrochen eine kurze Raſt an der Gaisalm, deren Hütte der wißbegierige Mann ſorgfältig unterſucht, hält ihn eine halbe Stunde auf ein heftiger Wind trifft die erhitzte Wange und beſchert ihm rheumatiſches Zahnweh, bis der ſanfte Nebelregen das Maaß ſeiner Enttäuſchungen und ſeines Leides zum Ueberlaufen anfüllt. Nun ruht der Arme auf einem Strohlager rechts vor der Thüre, ein dickes Tuch um die Ohren gebunden, und ſchaut mit heimlichem Neide auf den Briten, der eben ein kaltes Hühnchen zer⸗ legen will. Denn zu allen körperlichen Unbehaglichkeiten kommt der Stachel bittrer Reue, die ihmzu ſpät! zu ſpät! in das Ohr ſeiner Seele hineinflüſtert. In dem eiteln Wahne, der deutſche Rigi trage auf ſeinem breiten Rücken eine ſolche Zahl anmuthiger Erfriſchungs⸗ ſtationen und auf ſeiner Spitze ein ſo ſchönes Hotel wie der ſchwei⸗ zeriſche, hatte er den weiſen Nath ſeines Wirthes verſchmäht und keine Zehrung mitgenommen! Umſonſt die grauſame Mühe des Stei⸗ gens, weggeworfen der hohe Führerlohn, ja all das ſchöne Reiſegeld, wie er ſeufzend klagt! Die tiefere Kunde der Weltgeſchichte bahnt

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