Jahrgang 
1865
Seite
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Falten deſſelben erwecken nämlich den leiſen Verdacht, als ob er ſeinem wißbegierigen Beſitzer öfter eingetrieben werde. Vorſichtig iſt der untere Rand ſeiner Modeſten umgeſchlagen, was ſichtlich auf Laubfroſchinſtinkte des würdigen Inhabers ſchließen läßt; die Füße ſchmücken derbe Gebirgsſchuhe mit tadelloſer Thranwichſe. Die homeriſchen Schultern umhüllt ein Plaid von achtungswerthen Di⸗ menſionen, der jedoch längſt beſſere Tage geſehen hat. Ein vor⸗ weltlicher Regenſchirm von verſchoſſener rother Baumwolle, aus dem ehrwürdigen Geſchlechte der Familiendächer, dient ihm zugleich als Alpenſtock. Sein ſchönſter Schmuck beſteht jedoch in einer großen Botaniſirtrommel, welche einſt grün geweſen ſein mag. Sie iſt es, die ihn als gelehrten, fleißigen Sammler bekundet, beſſer als ein Kabinetspaß oder ein Doktordiplom.

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die niedrigen Vorberge herüber. Nicht ſo der neue Begleiter. In gewichtiger Rede belehrt er uns, daß man nicht den Rahm von der Milch wegnehmen müſſe; weiſe Sparſamkeit gebiete, erſt auf dem Gipfel den vollen Genuß der Rundſchau mit überraſchtem Auge ein⸗ zuſchlürfen. Wir verſpürten allgemach einige Luſt, den redſeligen Knaben durch ſtärkeres Voranſchreiten abzuſchütteln, und hätten auch unſer herzloſes Verlangen befriedigt, wenn nicht unerwartete Er eigniſſe ſeinen Redequell gar bald hätten verſiegen laſſen.

Schon lange war eine Aenderung des Wetters im Anzuge, welche die ſonnigen Hoffnungen der Bergpilger zu vernichten drohte. Die Nebel im Thale ſtiegen empor und ballten ſich zu Wolkenmaſſen, welche über die Berggelände dahinflogen und uns leicht befeuchteten. Bald zogen ſie hoch über uns hin und allgemach empfanden wir

Szene in der Sennhütte.

Originalzeichnung nach A. Kindler's Oelgemalde.

Dieſem ſchönen Zwecke hatte er ſchon ſeit dem frühen Morgen obgelegen und ſeine Büchſe war bereits hübſch gefällt. Hie und da glitt er wie ein Wieſel durch das Gebüſch und holte eine Blume; denn ſeine ſchwarzgehörnte Brille und lange Uebung verriethen ihm bald die Verſtecke der holden Kinder Floras. Jedem Funde folgte ein ſalbungsvoll belehrender Epilog, gleich den Parabaſen bei Ari⸗ ſtophanes; ſein Gefährte mußte dann, wohl oder übel, ſeine phraſen⸗ vollen Berichte über ausgeſtandene Wirthshauscalamitäten und Reiſeabenteuer unterbrechen, um den botaniſchen Belehrungen wider⸗ willig zu lauſchen. Nach einer halben Stunde etwa bog er vom Wege ab, um beſſere Fundplätze aufzuſuchen. Der Hort des Laden⸗ tiſches ſchließt ſich uns an und ſucht mit uns Schritt zu halten. Wo das Gehölz einen Durchblick geſtattet, erlaben wir uns an der wun⸗ dervollen Szenerie: denn ſchon zeigt ſich drüben der Thorſtein und bisweilen lugt ſchon der weiße Kamm derübergoſſenen Alm über

einen atmoſphäriſchen Niederſchlag, der ſich zu einem ganz gehörigen Regen ausbildete. Wir ſpannen unſre Schirme auf; der kühne Sohn Merkurs wird immer kleinlauter und zieht vergebens den dünnen Plaid feſter um ſich. Die Fußſohlen thun ihm längſt wehe; denn die Baſis der eleganten Fußbekleidung iſt nicht darauf berechnet, mit dem wilden Geſtein in ſo unſanfte und anhaltende Berührung zu kommen. Durch die Seiten dringt das Waſſer ein, ſo oft er eine etwas ſumpfige Stelle zu paſſiren hat. Der Glanz des Lackes ver⸗ bleicht und die häufigen Blicke mitfühlender Wehmuth, welche der Eigner auf dieſes Prachtſtück wirft, das, gleich dem Glücke von Eden⸗ hall, einem jähen Verfalle raſch entgegeneilt, vermögen dem Uebel nicht zu ſteuern.Nur ein Nebelregen, tröſtet er ſich.Der's aber dem bravſten Landregen an Zähigkeit gleich thut, ergänzt zu grau⸗ ſamer Enttäuſchung des Unglücklichen der erfahrene Maler.

Wir kamen höher. Ein ſcharfer Nordweſt treibt uns den Regen