Jahrgang 
1865
Seite
32
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Ja, wie kommt denn das? fragte Marie, noch immer

verwirrt.

Siehſt Du, heute Abend wird bekanntlich der Don Juan ge⸗ geben, das weißt Du vielleicht nicht einmal, Du Täubchen vom Lande; da bin ich denn mit einigen Freunden heute früh herabge⸗ haudert, um die herrliche Muſik zu hören,...

Aber das Gärtchen drunten, in dem doch nie ein Menſch war.... 9

Das gehört dem alten Herrn Archivrath, dem leiblichen Onkel meines Freundes, der ſo charmant war, uns alle vier einzuladen, belehrte ſie Georg in fröhlichem Ton.Der alte Herr lebt allein und iſt gichtkrank, ſo daß er ſelbſt nicht viel mehr luſtwandeln wird in ſeinem Gärtchen, da wir aber etwas reiſemüd waren von der Fahrt des Morgens, und es zu heiß fanden zu einem weitern Aus⸗ flug, ſo beſchloſſen wir in dem kühlen Gärtchen ein wenig zu kneipen. Da ward mir ſo ein lieblicher Gruß und....

Wiſſen ſie's alle drunten? fragte Marie, ängſtlich und auf's Neue tief erröthend.

Bewahre, Mariechen! ich allein hatte Dich geſehen, verbarg eilig mein ſchönes Sträußchen und ſagte, daß ich noch einen Beſuch machen müſſe. Daß hier im Haus eine Dame wohnt, die Koſtfräu⸗ leins hält, konnt ich leicht erfragen, und da bin ich und habe Dich gefunden, meine liebe, herzige Marie!

Der etwas burſchikoſe Ton wich einer viel herzlichern, innigern

Stimmung, wie er das liebliche Kind vor ſich ſah, ſo ganz allein, die in jungfräulicher Scheu und doch ſo herzlich und vertrauensvoll zu ihm aufblickte. Er ſetzte ſich neben ſie, erzählte ihr von ſeinem jetzigen Sein und Leben, von ſeinen Planen für die Zukunft, wie er bald hoffe ſie ſein nennen zu können, er zog ſie an ſich und küßte ihre Lippen zum erſtenmal.. 1

Marie war in heimlicher Angſt und ſtillem Herzklopfen, ſo glücklich ſie war.Du kannſt nicht ſo da bleiben, lieber Georg, ſagte ſie ſchüchtern,wenn Frau Riederich kommt, oder Nane.....

Nun, das Unglück wäre ſo groß nicht! ſagte Georg fröhlich, biſt Du nicht meiner Eltern Pathchen, alſo meine nächſte Verwandte in gewiſſer Art? Wird Dich doch auch Dein leiblicher Vetter beſuchen dürfen? Weißt Du was? komm den Abend ins Theater, ich begleite Dich heim, da gewinnen wir ein köſtlich Plauderſtündchen.

Ich bin noch nie am Sonntag im Theater geweſen, ſagte Marie zögernd,ich glaube, die Mutter hätt' es nicht gern.

Gehſt ja nicht dem Theater zu lieb, Schätzchen, ſagte Georg, gehſt mir zu lieb, der ich einmal Dein Herr und Gebieter ſein werde; und zu Frau Niederich ſagſt Du, es ſei blos wegen der ſchönen Muſik, das ſei ſo bildend.

Nein, Georg, ſagte Marie nach einigem Nachſinnen,ich will nicht. Warum ſollen wir heimliche Wege gehen, wenn wir bald offen einander gehören ſollen; nicht wahr, Du gehſt jetzt? lieber Georg!

(Fortſetzung folgt.)

In der Hennhütte.

Eine Reiſe⸗Erinnerung von Joh. Ernſt.

Hierzu das Bild auf Seite 33.

Die Zugvögel aus Wieſe und Wald ſind längſt fortgezogen fort nach dem ſchönen, warmen Süden; die Zugvögel der Städte ſind heimgekehrt von ihren ſüdlichen Wanderungen und lauſchen auf den ranhen Herbſtwind, der durch die Gaſſen pfeift. Nur wenige mögen ſich an ihren Reiſe⸗Erinnerungen erfreuen; die meiſten ſchmollen grämlich und mißvergnügt, gleich naßgeregneten Hühnern, über die zu Waſſer gewordenen Hoffnungen. Nur die Weiſen ſind befriedigt; denn ſie ſchicken ſich in die Zeit und in ſchlechtes Wetter und wandeln mit ihrer Lage ihre Wünſche.

Fort nach Süden! ruft der heitre Norddeutſche, die Reiſe⸗ taſche an der Seite, den kleinen Koffer in der Hand.Fort nach Salzburg! ergänzt hier ein luſtiger Preußenjüngling, hält aber inne, als wenn ſein ſtrammer Patriotismus ein Verbrechen darin ſähe, falls er ſeine ſandige Heimath mit den ſchönen Bergen vertauſchen wollte, die bei Mozarts Wiege Gevatter ſtanden. Fort geht's ins herrliche Salzkammergut fahren wir flugs mit!....

Endlich, endlich ein ſchöner Morgen! Wie ſo wonnig ſchaulelt der Nachen auf dem St. Wolfgangſee, dieſer Perle unter allen Ge⸗ wäſſern zwiſchen Gemunden und Salzburg! Wie klar der blauende Himmel, als ob er nun ſein Verſprechen halten wollte und eine glück⸗ liche Bergfahrt beſcheren! Wie entzückend muß die Ausſicht ſein auf die reichen Schneegefilde! Denn, was im Thale als Regen niederfiel, bedeckte in vergangner Nacht die Höhen mit weißem Gewande. Welch ein reizender Contraſt zwiſchen dem üppigen ſommerlichen Grün der Thalgründe und niedrigeren Anhänge und dem Kleide des Winters!

Der Nachen ſtößt ans Land. Wir ſind in dem Dörfchen, das dem See den Namen gab. Wir eilen ſchnell hindurch; nur zu oft erfuhren wir die tückiſchen Launen der Berggeiſter. Den wohlbe⸗ kannten Weg geht es hinauf zwiſchen Feldern, Maulbeerbäumen und edeln Kaſtanien, bis uns eine ernſte hohe Buchenwaldung auf⸗ nimmt, an die nordiſche Heimath erinnernd. Mehr als einmal haben wir den Schafberg beſtiegen, den der verſtorbene Bädeker mit glücklichem Griffe den deutſchen Rigi getauft hat. Denn dieſer iſt's, lieber Leſer, den wir mitſammen hinaufpilgern.

Schon beim Ausgange aus dem Dorfe hatte ſich mir ein Düſ ſeldorfer Maler angeſchloſſen, deſſen heiter ſchöne Züge den Sinn des Künſtlers verriethen und eine angenehme Begleitung verſpra⸗ chen. Sein Führer, ein Bauer mit möglichſt proſaiſchem Geſichte, trug einen wohlverwahrten Malkaſten und eine kleine Taſche. Beim erſten Nuheplatze geſellte ſich zu uns ein abſonderliches Paar. Der eine, offenbar ſeines Zeichens ein Commis aus der norddeutſchen

Reſidenz, verräth ſchon in ſeinem Habit den ächten Städter. Seine Lackſtiefel bedecken ſein Piedeſtal; das glatt geſcheitelte Haar ſucht die urſprüngliche Flammenfarbe hinter einem verdächtigen Kaſtanien⸗ braun zu verbergen; die leichte Schenkelbekleidung ahnt nichts von drohender Kälte, und über dem hellen Sommerrocke flattert coquett ein bunt gewürfelter Plaid. Den Regenſchirm hat er weislich bei ſeinem Gepäck zurückgelaſſen; denn er verſteht ſich vortrefflich auf die Wetterzeichen, wie er uns bald auseinanderſetzte hatte doch der wißbegierige Jüngling oft genug in einer öffentlichen Vorleſung bei Dove hospitirt! Seine Geſtalt hatten wir ſchon früher, eine kurze Strecke vor uns, wahrgenommen; bald war aber der rüſtige Bergſteiger unſern Augen entſchwunden. Jetzt thun ihm bereits Füße und Beine weh, und als er hört, noch drittehalb Stunden müſſe er ſteigen, verzieht ſich ſeine bereits gedemüthigte Miene zu richtiger Eſſigſäure. Die Laune des Reiſeſchickſals übertrifft aber in ihren Combinationen an neckiſchem Humor ſelbſt die der Natur in ihren bizarrſten Gebilden. Weiß der Himmel, was den ſtutzer⸗ haften Reſidenzler mit dem alten bairiſchen Schulmeiſter zuſammen⸗ geführt hat, den wir in ſeiner Begleitung finden. Ein köſtliches Original dieſer ſüddeutſche Bakel! Der Ueberzug ſeines Aut⸗ litzes ſcheint aus zerknittertem Strohpapier zu beſtehen; unter den buſchigen Augenbrauen, welche bei lebhaften Geſichtsgeſten ſich das Gebiet der Stirne völlig zu annectiren drohen, lugen ein Paar waſ⸗ ſerblaue Augen bald unſtät, bald ſinnend hervor, Die Naſe, welche einer verkümmerten Salzgurke gleicht, ſcheint erſt nachträglich von einem Verſchönerungsvereine oder einem chirurgiſchen Dilettanten in das Geſicht hineingepflanzt worden zu ſein; unwillkürlich ſucht man nach den Nähten und Rändern. Die impoſante Rundung da, wo andere Erdenſöhne die Spitze ihrer Naſe zu tragen pflegen, prangt in einem kräftigen Roth, augenſcheinlich nur ein Abglauz der Abend⸗ ſonne ſeines Lebensherbſtes; die mächtigen Schweißtropfen auf die⸗ ſem Vorgebirge gleichen den Thauperlen auf einer vollen Roſe nach iſete denenaachte Den ohnehin breit geſchlitzten Mund zieht ein Lächeln ause ander, das ſich offenbar in Permanenz erklärt hat, und weiſt eine urſprünglich ſchief angelegte, ſtark defecte Verzah⸗ nung. Er zwinkert unaufhörlich mit den Lippen, und ſein Lächeln ſchillert zwiſchen dem Ausdrucke ſchlauer Selbſtgenügſamkeit und geriebener Höflichkeit, die gern in Devotion ausartet. Die wirren Haare des wunderlich geformten zein Hut, dermanchen Sturm erleb ein Strauß von Edelweiß

Schädels beſchirmt ein hellgrauer t hat; vielleicht ziert ihn deshalb und Immergrün.

Die eigenthümlichen

1n ALA AILALAAIAHA