Jahrgang 
1865
Seite
31
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Wie ſo ganz anders, wie ſo viel langweiliger war ein ſtiller Sonntag Nachmittag in der Stadt, als er in der Mühle geweſen! Heiß und unbeweglich brütete die Sonnenglut über den Dächern, geputzte Männer, Frauen und Kinder zogen durch die ſchattenloſen, blank gepflaſterten Straßen, die vornehmere Welt hielt ſich noch in den Zimmern oder war ſchon zu Wagen ausgeflogen, elegante Livreebediente und unnöthige Schildwachen ſahen gähnend und ver⸗ drießlich dem Menſchenſtrom nach, der ſich's in der Hitze blutſauer werden ließ um ſein Plaiſir, kein Sabbathfrieden, aber auch nicht einmal eine recht fröhliche, friſche Sonntagsfreude lag über dem Ganzen.

Mariechen ſaß allein oben in dem trübſeligen Dachſtübchen in der einſamen, grasbewachsnen Straße, ganz allein am Fenſter, wie

das arme vergeſſene Kind in der verſunkenen Meeurfladt von Heine. Frau Riederich und ihre Töchter waren unerhörter Weiſe heute verreiſt zu einer Zuſammenkunft mit Eliſe, dem Stolz des Hauſes, die mit ihrer Herrſchaft in der Nähe vorüber kam, aber nicht ſo lange Urlaub erhielt, um nach Haus reiſen zu können. Die drei andern Koſtfräulein machten dreierlei langweilige Spaziergänge mit dreierlei verwandten Familien, ſelbſt die Magd war zu Beſuch in ihrer Heimath, was Frau Riederich gern erlaubte, da das Vesper⸗ brod damit erſpart wurde.

Sie hatten ſehr ungern die arme Marie ſo allein gelaſſen. Bertha Tiegel, eine der Koſtfräulein, ein gutmüthiges Mädchen, die ſich ſelbſt alsetwas ſchwärmeriſch bezeichnete und die ſich am mei⸗ ſten an Marie anſchloß, hatte ihr angeboten, ſie mit zu ihrer Tante zu nehmen, auf eine Parthie zu ihrem Buttermann nach Bothnang, aber Marie hatte ſich heute auf einem Frühſpaziergang mit Bertha den Fuß ein wenig vertreten und verſicherte mit voller Wahrheit, daß ſie gern allein bleibe.Du haſt auch recht, ſtimmte ihr Bertha bei,ſo recht gefühlvoll kann man eigentlich doch nur ſein, wenn man allein iſt. Wenn ich nicht meiner Tante meine Geſſellſchaft verſprochen hätte, und nicht heute Abend zu meiner Baſe, der Frau Kammerlakai, zum Thee geladen wäre, ich würde auch viel lieber in Einſamkeit bleiben. O Marie, Du biſt glücklich, daß Du nicht ſo im Strudel der Welt leben darfſt:

Wohl dem, denn ſelig muß ich ihn preiſen, Der auf der Stille der ländlichen Flur Fern von des Le bene verworrenen Kreiſen Kindlich liegt an der Bruſt der Natur!

O, ich möchte auch kindlich an der Bruſt der Natur liegen! Aber der Buttermann von Bothnang iſt ja doch auch eine Art von Natur!

Emilie und Karoline Meiler, zwei Schweſtern, die auch bei Frau Riederich der weiblichen Vollendung entgegenreifen ſollten, und die eben an dem einzig brauchbaren Spiegel im Wohnzimmer ihre etwas kokette Toilette vollendeten, lachten ſpöttiſch über denStrudel der großen Welt, in den ſich Bertha bei der Frau Kammerlakai ſtürzte, ſie gingen heut' mit ihrer Tante, der Frau Geheimenober⸗ ſinanzräthin, an den Kurſaal nach K., da verlohnte ſich's noch eher, ſich zu putzen!

Endlich war Marie allein, etwas wehmüthig war's ihr doch, als es ſo gar ſtill um ſie wurde, ſo allein war ſie ſich zu Haus nie vorgekommen. Das Haus gegenüber, dem man aus ganz un⸗ verſchämter Näheunwillkürlich in die Fenſter ſehen mußte, war auch ganz leer und verlaſſen, ſelbſt das ganz ſteinalte Wittfraueli im lhn Stock hatte, eführt von ſeiner alten Dienerin, ein Spa⸗ ziergänglein gewagt. Dieſe Stadteinſamkeit kam Marien unheim⸗ licher vor, als die Stille auf dem Lande, ſie flüchtete ſich lieber in ihr Hinterſtübchen, dort hatte ſie wenigſtens den Blick auf das ver⸗ laßne Gärtchen mit der geheimnißvollen Laube, es war doch etwas Grünes.

Sie hatte auch wieder Bibel und Andachtsbuch vor ſich, getreu der frommen Gewohnheit daheim, ſie verſäumte ihre Bibel nie und las am Morgen und am Abend, wie ſie der Mutter verſprochen. Sie freute ſich manchmal eines ſchönen Spruches und bemühte ſich, ihn zu behalten auch im Tagesleben, ſie war mitunter ängſtlich ge⸗ wiſſenhaft, ob dies oder jenes was ſie thue und ſage auch recht ſei, ſie klopfte oft und immer wieder an die Thür des Vaterhauſes, aber als ein Gaſt, als Kind daheim war ſie noch nicht, als ein fröh liches Kind, das am liebſten daheim weilt, nicht weil es ſoll, ſon dern weil es da am glücklichſten iſt. Sie hatte das Vergißmein⸗

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nicht in der Bibel aufgeſchlagen, ſie hatte heute von dem Früh⸗ ſpaziergang einen Strauß ſchöner friſcher Vergißmeinnicht mitgebracht,

das lockte ihre Gedanken auf andre Wege, wie an jenem Morgen daheim ruhte die Bibel ungeleſen auf ihrem Schoß und ſie blickte, in allerlei Sinnen und Träumen verſunken, hinunter in das verlaßne Gärtchen.

Das ſchien aber nicht ſo verlaſſen wie ſonſt; Marie traute ihren Augen und Ohren nicht, als ſie eine Magd mit einem anſehn⸗ lichen Bierkrug drunten auf die Laube zu wandeln ſah, als ſie aus

Laube ſelbſt fröhliche Lieder ſingen und Gläſer klingen hörte. Herzige Frau Nachtigall, Grüß' mein'n Schatz viel tauſendmal! ertönte eben ein kräftiges Solo; die Stimme klang ihr bekannt! Und ſiehe, aus der Laube, aus der alten, verfallenen, verwachſenen Laube, die ausſah, als ob ſeit hundert Jahren kein Menſch ſie be⸗ treten, aus der trat eine Geſtalt hervor, kein Dornröschen und kein Königsſohn, wohl aber ein lebendiges Meuſchenkind in kurzem Studentenröckchen und rother Cerevismütze, mit langer Pfeiſe und mit einem Bierglas in der Hand. Und gewiß und wahrhaftig, das war der leibhaftige Georg! Aber konnte er's denn ſein, und wie kam er daher?

Hört, in der Kav' da iſt's dumpfig, rief einer der andern Studenten, die noch in der Laube ſaßen,tragt die Sitze heraus!

Aber mein Onkel.... ſagte bedeuklich ein dritter, der auch hervorkam.

Ach was! Deinem Ontel iſt's eine Ehr', wenn man fidel iſt in dieſem Trübſalsloch von einem Garten! rief der zweite wieder, marſch, heraus mit den Bänken!

Und ſie trugen einen Tiſch und ein paar hölzerne Bänke an die einzige freie Stelle des Gärtchens, ganz nah unter Mariens Fenſter, und fingen an zu ſingen, daß da und dort an dem Hinter⸗ fenſter eines der umgebenden Häuſer ein einſamer Kopf verwundert herausſchaute.

Marie ſaß noch wie im Traum mit glühenden Wangen und hochklopfendem Herzen. Es war ja doch zu wunderbar, daß der Georg gerade hier ſein ſollte! Und ſollte ſie ſo nah, ſo ganz nah bei ihm ſein, ohne daß er nur auch von ihr wüßte? Aber rufen konnte ſie ihn doch nicht, wenn er nicht allein war. Jetzt gingen die an⸗ dern wieder in die Laube zurück, um vergeßne Cigarren zu holen und in dieſem Augenblick, ſie hatte ſich nicht lang beſonnen,

fiel ein Strauß der ſchönſten Vergißmeinnicht gerade vor Georg nieder. Ueberraſcht ſah er hinauf, einen Augenblick, einen flüchtigen Augenblick noch ſah er Mariens Köpfchen, die, glühend erröthet, beide Hände vor dem Geſicht, ſich in der fernſten Ecke des Stübchens verbarg.

Ach, hätte ich das thun ſollen? hätte ich das thun dürfen? Es war doch keck und zudrirnlid von einem Mädchen, Georg ſelbſt muß mich ja verachten, wenn er mich erkannt, dachte Marie. Ohne langes Beſinnen, in plötzlicher Erregung hatte ſie die Blumen hinab⸗ geworfen, als ſie ihn allein ſah, ſie hatte au die Vergißmeinnicht gedacht, die ſie als Kinder hatten den Bach hinabſchwimmen laſſen; nun aber, ſeit er ſie aufgehoben, fühlte ſie nicht mehr als Kind, ſie war ein Mädchen, die ſich nicht den Schatten eines unweiblichen Ent⸗ gegenkommens verzeiht, o hätte ſie doch die Blumen wieder!

Da klopfte es leiſe an die Thür, ſie wagte nicht herein zu ſagen, aber er kam doch, es war Georg, und ſo friſch und freimüthig bot er ihr die Hand, ſo fröhlich und freundlich ſagte er:Guten Tag, Madie⸗ ſo! da oben ſteckſt Du? daß ſie doch wagte ihr Köpf

chen wieder zu heben und ihn zu grüße en.Aber Georg, wo kommſt denn Du her? und wie kommſt Du denn in das Gärtchen? und, was haſt Du von mir gedacht? Die Blumen, ich weiß nicht, ſie ſind mir ſo hinuntergefallen, und ich dachte,

es wäre doch ſchad', wenn du hier wäreſt und wüßteſt gar nichts von mir..... t Freilich, freilich, Mariechen, ſagte in beinahe väterlich tri ö⸗ ſtender Waſe GBeu19, d der ſich an des Mädchens lieblicher Verwirrung weidete. Der Student, ohnehin ein wenig aufgeregt, ſprach mit ſo viel mehr Leichtigkeit und Sicherhei als der Gymnaſiaſt vor acht Monden.Ich wußte ja, daß Du hier biſt, lber wie hätte ich Deine Madame, deren Namen ich nicht einmal mehr weiß, je auffin⸗ den können, wenn Du nicht ſo freundlich geweſen wärrſt, mir ein Zei chen zu geben; und daß wir uns ſo nahe waren!