Jahrgang 
1865
Seite
30
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kleid und Kranz, das gab ſich ja von ſelbſt, aber auch mit Herz und Gedanken.

Und Marie hatte gar viel zu thun und nicht zu lange Zeit zum Träumen, ſie mußte ihre franzöſiſchen Lektionen einüben, die oft blutſauer gingen, ſie hatte ja Stunde genommen bei dem alten Herrn Mercier, einem herabgeſetzten Sprachmeiſter, und eh' ſie ſich verſah, ſchlug's ſieben und rief man zum Kaffee. Fräulein Mine präſidirte am Frühſtückstiſch und ſcheukte ein, Punkt ſieben, Kaffee mit Syrup und bläulicher Milch für Anweſende und Abweſende; wer zu ſpät kam, den beruhigte ſie mit dem immer gleichen Troſt, daß kalter Kaffee ſchön mache.

Nun kamen die Nähſtunden! Vormittags fein Weißnähen und Sticken, darin unterrichtete eine Dame,die einſt beſſere Tage ge⸗ ſehen, die war zumeiſt beſucht von Fräulein der Reſidenz, da wurden neue Kleider und unmoderne Hüte unbarmherzig beſpöttelt und kri⸗ tiſirt, und meiſt vom Theater und Concerten geſprochen, ſogar vom Hof, denn es kam ein junges Mädchen her, deren Tante die Jugend⸗ freundin einer Hofdame war.

In dieſem Kreis war es dem ſchüchternen Landkind angſt und bang, ſie ſchaute nicht auf von der Arbeit und nähte mit einer faſt krampfhaften Emſigkeit, auch machte keine der jungen Fräulein einen Verſuch, ihr näher zu kommen;ein Müllersmädchen hatte eine mit etwas geringſchätzigem Ton mitgetheilt, da war's ja natürlich, daß keine mehr Anknüpfung mit ihr ſuchte. Die Jugend iſt ſelten berechnend, aber häufig rückſichtslos.

Nachmittags aber, da ging's in dieKleidernähet, da präſidirte die freundliche Frau Kern, die auch ein trübes Geſchick nicht vergeſſen gemacht hatte, daß ſie einſt jung geweſen war und die ſich ſelbſt wohl fühlte in dem Kreiſe junger Mädchen, die, von allen Theilen des Landes zuſammengewürfelt, in der Reſidenz Kleider⸗ machen, Bügeln und Bildung erlernen ſollten.

Da flogen die Nadeln auch emſig, es gab allerlei Wetten, wer zuerſt fertig ſei, aber noch viel flinker regten ſich die Zünglein mit Plaudern und Lachen, bis einmal die gutmüthige Stimme der Frau Kern mahnend dazwiſchen rief:ei, macht's nicht gar zu bunt! Ihr arbeitet mir ja nichts mehr, wenn ihr ſo viel ſchwatzt!

Ei, Frau Kern, wiſſen Sie nicht mehr:

Wenn gute Worte ſie begleiten,

So fließt die Arbeit munter fort! rief da ein naſeweiſes Stimmchen, und unter fröhlichem Lachen gingen die Nadeln doppelt flink, um die Warnung der Lehrerin zu widerlegen. Da wurde erzählt und mitgetheilt aus den verſchiednen Gegenden und Lebenskreiſen, aus denen die Mädchen ſtammten, die Stände waren hier etwas mehr gemiſcht, und die Lehrerin ſelbſt zeigte ſo freundliches Intereſſe für alle, daß kein vornehmes Herab⸗ ſehen auf dasMüllersmädchen Mariechens warmes Herz ver⸗ kühlte. Es wurde geſungen und geſpielt, ſo weit ſich's mit dem Nähen vertrug, und wenn wieder das Kommando der Frau Kern erſchallte:jetzt aber ſeid auch ein bischen ſtill! ſo wurde alsbald eineStillſtunde ausgerufen, wer ohne Noth das Schweigen brach, der mußte einen Kreuzer Strafe bezahlen, und die ſo geſammelte Schwätzkaſſe wurde ſpäter, wenn es hinreichte, zu einem gemein⸗ ſamen Spaziergang verwendet.

Es war ein fröhliches Schaffen in der Nähſtube. Das Haus lag in einem noch nicht ausgebauten Stadttheil, da gab's friſche Luft, grüne Bäume und Vogelgeſang, und die grünen Rebenhügel, die rings die Stadt umgaben, ſchauten herein.

Da thaute Mariens Herz auf und ſie vergaß das Heimweh. Die gute Frau Kern hatte ihr ganzes Herz gewonnen und wenn ſie allein ins innere Zimmer zum Anprobiren zu ihr kam, da redete die ſo freundlich, mütterlich mit ihr, berieth ſie in allerlei Verlegenheiten und zeigte ſo herzlichen Antheil an all ihrem Leben und den Ihren, daß Marie zuletzt ihr ſchüchtern erröthend ſo halb und halb geſtand, wie ſie beinahe und faſt gar Braut ſei, es dürfe es aber noch gar kein einziger Sterbensmenſch wiſſen.Nun, Sie ſind noch ſo jung, Marie, ſagte die freundliche Frau,da kann freilich noch allerlei kommen; ſammeln Sie ſich nur indeß eine ſchöne Ausſteuer: ein frommes Herz, gute und reine Gedanken, Fleiß und Geſchicklichkeit, dann wird auf allen Fall Ihre künftige Heimath freund⸗ lich werden.

DieKleidernähet nimmt gewiß einen untergeordneten Rang in der Reihe der ſtädtiſchen Bildungsanſtalten ein, und Frau Kern war

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eine einfach gebildete Frau, und doch wurde gerade hier Marieus Blick geöffnet für Welt und Leben, hier allein fühlte ſie ſich daheim und jung und fröhlich. Ein gebildetes Herz und ein freundlich Gemüth. ver⸗ breiten eine heitre Lebensluft um ſich, mögen ſie nun walten wo ſie wollen, und manch dankbare, frohe Erinnerung aus der Jugendzeit weilt wohl auf jener ſchmuckloſen Schneiderſtube, wo der Boden mit Flecken aller Farben bedeckt war und, wo das alte Klavier nur noch dazu diente, daß man Kleider darauf zuſchnitt. Monſienr Mercier, der franzöſiſche Sprachlehrer, machte ſich ſeine Aufgabe nicht zu ſchwer.Converſation iſt die Hauptſache, wiederholte er oft, ließ ſeine Schülerinnen ein paar Verbs und eine Fabel von Lafontaine aufſagen; da ſie dieſe nie recht behielten, ſo war es immer wieder dieſelbe: La cigale avait chanté Tout l'été

reichte für einen ganzen Sommer aus, dann begann Monſieur Mer⸗ cier die Converſation, erzählte von ſeiner eignen Familie, von ſeiner patrie und von allen Dingen zwiſchen Himmel und Erde; dazwiſchen fragte er immer wieder gewiſſenhaft: comprenez vous, Mes- demoiselles? Ab ſie verſtanden?Un peu, Monsieur antwortete ſehr ſchüchtern Marie, weil ſie nicht wußte, wasnichts auf franzöſiſch heißt,bien,gut, ſagte vergnügt Mr. Mercier,das iſt genug für die Anfang, conversation, c'est die Auptſach.

Auch im Piano waren Mariens Fortſchritte nicht glänzend, obgleich ſie und eine Lehrerin einander jämmerlich quälten mit Fingerſatzübungen und mit einer Sonate von Herz, nur ihre wirklich liebliche Singſtimme gewann noch unter guter Leitung. Muſik und Franzöſiſch waren von Frau Rau angeordnet worden, es that Mariechen leid, daß ſie gerade darin nicht mehr leiſtete, aber Georg würde es am Ende damit ſo genau nicht nehmen hoffte ſie.

Wo die Pracht und Herrlichkeit, und wo die großen Gefahren des Reſidenzlebens liegen ſollten, das begriff Marie nicht recht, ſie ſah wohl hie und da mit namenloſem Reſpekt eine Hofequipage mit ſcharlachrothen, betreßten Dienern vorüberfahren und im Schloßhof halten, ſie ſah einmal, als ſie ſpät durch die Anlagen nach Hauſe ging, in dem kleinen See, der vor dem Schloſſe liegt, den Schimmer der Kerzen widerſtrahlen, und malte ſich ein unbeſtimmtes Bild aus voll zauberhaften Glanzes: den König mit Scepter, Krone und Purpurmantel auf goldnem Seſſel und prächtige Herren und Damen um ihn her; ſie durfte ſich auch auf Erlaubniß der Frau Riederich je und je ein billiges Theaterbillet aus zweiter Hand kaufen und ſchaute aus der Tiefe einer Parterreloge mit großoffnen Augen in die Wun⸗ derwelt des Schauſpiels, es waren das alles aber nur vorüber⸗ ziehende Lichtſtreifen, die nicht eindrangen in ihr ziemlich einförmiges Alltagsleben, und Heimweh hatte das Müllerkind gar oft und viel, ſie ſtieg manchmal in der Stille auf den obern Boden, von wo ſie den Weg ſehen konnte, der nach ihrer Heimath führte, und ſchaute da hinüber wie nach einem unerreichbaren Paradies.

Alle Schattenſeiten der Heimath traten zurück: die tägliche, oft recht ſaure Müh und Arbeit, der durchaus nicht ideale Verkehrs⸗ ton des Vaters mit dem Geſinde, die unvermeidlichen Roheiten, die man da und dort durch die ab- und zugehenden Mühlkunden zu hören bekam, alles, was ſie früher oft verletzt und ihr eine faſt unbewußte Sehnſucht nach idealern Lebensformen erregt hatte, das trat jetzt in den Hintergrund, ihr ſtilles Plätzchen auf der Juſel, die feierlichen Sonntagsſtunden an der Seite der Mutter daheim, die traulichen Lichtabende im Schulhaus und ihre Spaziergäuge mit ihrem alten Freund das alles erſchien ihr jetzt im ſchönſten Lichte, und ſie zählte, ſo oft ſie es unberufen thun konnte, ſehnſüchtig auf dem Wandkalender, wie viel Wochen und Tage die Zeit ihrer Ver⸗ bannung noch währen ſollte. Sie hatte auch Heimweh nach ſich ſelbſt, wenn ſie dachte, wie einſam jetzt die Mühle ſei, und Vater und Mutter und der dicke Chriſtian und der alte Schulmeiſter, wenn ſie keine Marie hätten, ſie konnte faſt weinen aus Mitleid mit ihnen. Auch ſehr beſcheidne Menſchen können ſich in der Stille für uner⸗ ſetzlich halten, da wo ſie in ein Verhältniß ihr ganzes Herz, ihr beſtes Sein und Streben gelegt haben; und wenn es Täuſchung iſt, ſo iſt es eine Täuſchung des Herzeus, nicht der Eitelkeit. Was wahr⸗ haftige Liebe thut, iſt auch unerſetzlich, unvergeſſen freilich nicht.