Jahrgang 
1865
Seite
29
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venn glich ngen Juni nidt, ante

Ein deutſches Familienblatt mit Illuſtrationen.

Erſcheint wöchentlich und in Monatsheften. Durch alle Buchhandlungen und Poſtämter zu beziehen. Preis jährlich 2 Thlr., vierteljährlich ½ Thlr.

Jusgegeben im Ottober 18643. Der Juhrgang läuft vom October 1864 bis dahin 1865. NMarxie und Naria. Novelle von Ottilie Wildermuth.

(Fortſetzung.)

Auch nach dieſem traurigen Ereigniß hatte der reſolute Geiſt bald wieder die Oberhand gewonnen.Etwas muß angefangen werden, beſprach ſie mit einer Bekannten,die Penſion und Zins⸗ lein reichen nicht, Nähen und Stricken trägt nicht viel, wir müſſen ſehen was wir thun, um das Kapitälchen nicht anzugreifen.

Halten einen Koſttiſch, ſchlug Frau Regiſtrator Mezger vor mit pfiffigem Lächeln,für junge Kaufleute und ledige Kanzlei⸗ herrn; wer weiß, wie ſich's da ſchickt, iſt ſchon ſo manche ange⸗ kommen...

Geht nicht, Mezgerin, entſchied Frau Riederich,das führt zu nichts Solidem mehr in unſrer Zeit; ein Mädchen ohne Geld, die einen Mann kriegt, iſt ſo rar wie ein weißer Hirſch. Hab' mich anders reſolvirt. Die Eliſe iſt die ſäuberſte und geſcheidteſte von den Mädchen, der will der Inſtitutsvorſteher einen Platz als Gou⸗ vernante verſchaffen. Die Nane iſt kränklich und die Mine wüſt, Männer kriegen ſie nicht, aber die Nane hat franzöſiſch gelernt und die Mine kann gut kochen und nähen. Da will ichs denn probiren, ſie daheim behalten und Koſtjungfern nehmen. Viel trägt das nicht, aber mag leicht ſein, ſo ſchlägt man das Maul raus,(welcher ſchöne Ausdruck bedeuten ſoll, man beſtreitet die Koſten für eignen Tiſch,) und die Mädchen können immer noch daneben etwas verdienen.

So geſchah's. Eliſe, ein nettes, gewandtes Mädchen fand eine Stelle als Gouvernante, zwar verſtand ſie von den zahlreichen Fä⸗ chern, die ſie lehren ſollte, nicht eben viel, aber ſie hatte etwas von dem reſoluten Weſen der Mutter geerbt und dachte ſich ſchon durch⸗ zuſchlagen. Der Gymnaſiaſt wurde entlaſſen; in derſelben Wohnung, wo es ſchon ein Kunſtwerk war, den Jüngling unterzubringen, wurde jetzt Raum geſchafft für vierKoſtfräulein; es war ſo künſtlich, wie die Spinnrädchen in einer Glasflaſche: wie ſie hinein gekommen, begreift niemand, aber drinnen ſind ſie.

Wie manches hatte Marie ſo von weitem gehört und geleſen von dem verlockenden Glanze und von den Gefahren eines Lebens in der Reſidenz, ſie wurde von keinem von beiden etwas gewahr.

Frau Riederich bewohnte ſammt ihren drei Töchtern und vier Koſtfräulein den vierten Stock eines ſaubern Hauſes in einer an⸗

ſtändigen Straße, einer ſtillen Straße, in der Gras wuchs, in der

ſelten der Tritt eines Menſchen und niemals der Hufſchlag eines Roſſes gehört wurde, außer wenn der Doktor einmal vorfuhr bei dem alten Archivrath drüben.

Wie einſam kam ſich das Kind vom Lande vor, da oben, an ſtillen Sonntagen, wo die andern Mädchen ausgeflogen waren zu Beſuchen bei Bekannten oder Verwandten; ſie hatte keine einzige bekannte Seele in der Stadt, und ſie blieb am liebſten zu Haus, wenn nicht an gar ſchönen Sonntagen Frau Riederich zum Vergnü⸗ gen ihrer Pflegebefohlenen einen Spaziergang in die Anlagen, oder gar einen Ausflug zu der Milchfrau in einem benachbarten Dorf machte.

Werktags, da führte Marie ein geſchäftiges Leben, ſie hatte Freude an Handarbeiten und flinke, geſchickte Finger, hatte aber genug zu thun, um andern, beſſer geübten Mädchen gleich zu kommen. So war ſie denn früh ſchon mit ihrer Nadel geſchäftig am Feuſter ihres Stübchens, wenn die andern noch ſchliefen. Das Stübchen, auf der Rückſeite des Hauſes, ſchaute auf ein großes Viereck von Häuſern; nur in der Mitte dieſes Quarré lag ein melancholiſches, ſonnenloſes Gärtchen, wenig Blumen ſproßten aus dem ſchattigen Grund, im Hintergrund lag eine große Gaisblattlaube, dicht ver⸗ wachſen und umrankt wie Dornröschens Schloß, in der Mitte war ein künſtlicher Hügel aus Tuffſteinen, dazwiſchen ſpärliche Blümlein ſproßten und auf deſſen Gipfel in einer alten Steinvaſe eine Aloe prangte. Von wannen das Gärtchen ſtammte und wem es gehörte, das wußte Marie nicht, hatte auch nie darnach gefragt, ſie hatte nie eine Seele darin geſehen, aber es hatte einen geheimnißvollen Reiz für ſie, hinunterzuſchauen, und oft bildete ſie ſich ein, die verſchlun⸗ genen Ranken der Laube müßten ſich auf einmal voneinander thun, und irgend eine liebe, bekannte Geſtalt daraus hervortreten; weiß nicht, ob ſie ſich ſagte, welche? Mariechen hatte den redlichen Wil⸗ len, nach der Mutter Geheiß zu warten, nicht nur mit Braut⸗