Jahrgang 
1865
Seite
28
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die Sache allein in ſeine Hand zu nehmen. Er legte, ſo zu ſagen, überall Fangeiſen. Auch ſeine Dienerſchaft fand dabei Verwendung. Sie war in⸗ ſtruirt, Acht zu haben, in welchem Anzug ein neuer Bewerber erſcheine. Da⸗ von hing zunächſt ab, ob er zur Vorſtellung bei dem gnädigen Herrn zugelaſſen werden dürfe. Der aufwartungsfähige Bewerber mußte unerläßlich weiße Binde, langen ſchwarzen Rock und hohe Stiefel tragen. Als Zeit der Auf⸗ wartung war die Morgenſtunde 5 Uhr beſtimmt. Zeugniſſe mochte jeder mitbringen, ſo viel er wollte. Aber die entſcheidende Prüfung behielt der Patronatsherr ſich ſelbſt vor. Wie viele in der Prüfung nicht beſtanden, da⸗ von weiß die Geſchichte nichts. Deſto mehr von dem Glücklichen, welcher die Stelle erhielt.

Herr von E. ſitzt eines Morgens um 5 Uhr an ſeinem Schreibtiſch. Der Bediente meldet einen Bewerber. Zugleich erſtattet er Bericht über deſſen Anzug. Dieſer iſt vorſchriftsmäßig und bietet keinen Anſtand dar. laſſung wird alſo bewilligt. Herein tritt mit Verbeugung ein ſchon älterer Mann und es beginnt folgendes Zwiegeſpräch:

H. v. E.(nachdem er Bittgeſuch und Zeugniſſe durchgeleſen): ſich alſo um meine Schulſtelle bewerben?

Sch.: Ja, gnädiger Herr, wenn Sie es geſtatten.

H. v. E.: Er hat, wie ich ſehe, ſchon eine Stelle gehabt. denn auf den Gedanken gekommen, Schulmeiſter zu werden?

Sch.: Mein ſeliger Vater war ſelbſt Schulmeiſter, und da habe ich von Jugend auf Freude an dieſem Berufe gehabt.

H. v. E.: Aber wo hat Er denn gelernt? Sch.: Bei meinem ſeligen Vater.

Die Vor

Er will

Wie iſt Er

H. v. E.(ſcharf): Alſo iſt Er gar nicht auf einem Seminario geweſen? Sch.(verlegen): Nein, gnädiger Herr. H. v. E.: Ja warum denn nicht?

Sch.: Gnädiger Herr, meine Eltern waren arm, mein Vater ein recht⸗ ſchaffener, gewiſſenhafter Lehrer, und ſo hoffte ich, ſein Unterricht und ſein Vorbild deeds erſetzen, was zu benutzen unſer Nothſtand nicht erlaubte.

H. v. E.(gedehnt): So! Nun, worin getraut Er ſich denn zu unter⸗ richten? Sch.: Ich hoffe, gnädiger Herr, daß ich im Leſen, Schreiben, Rechnen,

im Katechismus und in bibliſcher Geſchichte wohl genügenden und gründlichen Unterricht ertheilen kann.

H. v. E.: Und das iſt alles?

Sch.: Ja, gnädiger Herr. Mein ſeliger Vater hat es nicht anders gehalten, und in andern Kenntniſſen, Muſik und Orgelſpiel abgerechnet, hatte ich nicht Gelegenheit, mich zu unterrichten.

H. v. E.: Man hat jetzt Zeit und Gelegenheit, ſich in vielem zu unter⸗ richten. Man muß fortſchreiten. Vielleicht weiß Er deis mehr. Wie die Sachen ſtehen, kann ich Ihm nicht helfen: Ich muß Ihn ſelbſt ein wenig examiniren. Setz Er ſich da auf dieſen Stuhl.

Sch.(nimmt Platz).

H. v. E.: Nun ſag Er mir einmal, was iſt denn eine Stimmritze? Sch.(beſinnt ſich in großer Verlegenheit:) Gnädiger Herr, mir iſt, als

hätte ich dieſes Wort nie gehört.

H. v. E.: Ach was! Er wird Beſinn Er ſich nur einmal; zum Schreibtiſch und ſchreibt. gefallen?

Sch.(immer verlegener:) Nein, gnädiger Herr, ich kann mich gar nicht beſinnen

H. v. E.: Das wäre doch ſchlimm! Indeſſen ich kann ſchon noch warten (fährt wieder fort zu ſchreiben. Endlich:) Nun, weiß Er jetzt, was eine Sue iſt?

.(rafft ſich in äußerſter Verlegenheit zuſannen: Sun. dra mir recht iſt ich glaube es iſt ein S

doch wiſſen, was eine Stimmritze iſt? ich will Ihm ſchon Zeit laſſen.(Wendet ſich Nach einiger Zeit:) Nun, iſt es Ihm jetzt ein⸗

ich weiß nicht

Ach, gnädiger Singvögerl.

H. v. E.(nachdem er ihn lange angeſehen:) So Er hat alſo nur bei ſeinem Vater gelernt, Er kann alſo nichts lehren als Leſen, Schreiben, Rechnen, Katechismus und bibliſche Geſchichte,(mit ſteigender Stimme:) Er iſt gar nicht auf einem Seminario geweſen(im höchſt en Affect:) Er weiß nicht einmal, was eine Stimmritze iſt Er und kein anderer ſoll mein Schulmeiſter werden! v. H.

Eine Fütterung der Klapperſchlange.

Die ſchwächſte Seite unſerer zum Theil ja noch jungen zoologiſchen Gärten pflegen die Schlangenkäfige zu ſein, zumal die der Giftſchlangen. Dieſe Thiere ſind ſehr ſchwierig zu halten, verweigern meiſtens die Nahrung und ſterben in der Regel raſch dahin. Und doch üben gerade die Schlangen, dieſe fremdartigen, kalten, langen Leiber ohne ſichtbare Gliederung, ohne Mienen, faſt ohne Stimme, eine aufregende, unheimliche Anziehungskraft auf das große Publikum aus. Man kann darauf rechnen, daß, zeigt ſich eine Schlange vor den Augen der Beſucher, iſt ſie einigermaßen beweglich und durch einen warmen Sonnenſtrahl gut gelaunt, dieſelben vor ihr länger ſtehen bleiben, als vor irgend einem andern Thiere, die Affen vielleicht aus⸗ genommen. So auch in Frankfurt. Da lagen die beiden Klapperſchlangen wie das dämoniſche, ringelnde Entſetzen; die eine ganz ſichtbar, die andere blos den Kopf unter dem Holzblock hervorſteckend, welcher ihnen meiſtens als Schlupfwinkel diente.

Wie oft habe ich im Anfang des Frühlings vor ihnen geſtanden, wenn die Sonne ſie hervorgelockt hatte und ſeltſam gebannt in ihre vergnüglich oder boshaft glänzenden Angen, auf ihre langſam behaglichen Bewegungen geblickt. Das eine Exemplar iſt ſeitdem geſtorben, das andere hat ſeit Juni Nahrung angenommen, und von dieſen Fütterungen entwirft Dr. Schmidt, Director des Frankfurter zoologiſchen Gartens, eine höchſt intereſſante Schilderung.

Ich hatte zufällig, ſagt er fangen und ſetzte dieſen zu der Schlange⸗ haft hin und her, oft auf die Schlange ſelbſt, was die entſchiedenſte Miß billigung derſelben hervorrief und ſie zu lebhaftem Raſſeln veranlaßte. Sie erhob den Kopf, blickte züngelnd dem Störenfried nach, machte aber keine An ſtalten, ſich deſſelben durch einen Biß zu entledigen. Endlich hockte ſich der Sperling, matt und ſchwer athmend, ganz ſtill in eine Ecke des Schlangen⸗ behälters. Nachdem ihn die Schlange einige Augenblicke ruhig angeſehen hatte, rückte ſie, ihr Opfer unverwandt im Auge behaltend, langſam, aber in gerader Linie, auf daſſelbe los, betaſtete den ihr zunächſt erreichbaren Schwanz und Rücken des Vogels mit der Zunge und gelangte unter beſtändigem Vor⸗ gehen auch an den Kopf. Dieſer wurde ebenfalls genau mit der Zunge unterſucht, ohne daß der Vogel eine Bewegung machte, dann erhob ſich die Schlange hoch über den Sperling und packte ihn mit einem raſchen, ſicheren Griff am Kopfe. Nun begann jenes langſame Hinabwürgen, welches den Schlangen eigen iſt, unter beſtändigem, wenn auch ſchwachem Widerſtreben des Vogels. Schon war faſt der ganze Rumpf in dem Rachen der Schlange verſchwunden, als die aufrechtſtehenden Flügel, welche ſich an den Mund winkeln ſtemmten, ein unbeſiegbares Hinderniß für das völlige Hinabſchlingen boten. Alle Bemühungen der Schlange, ihr Maul nach dieſer Seite hin noch mehr zu erweitern, erwieſen ſich als unzureichend und ſo warf ſie denn raſch den Vogel wieder aus. Sie öffnete hierbei den Rachen ſoweit als mög⸗ lich, bog ſich rückwärts und machte dabei einige ſeitliche ſchüttelnde Be wegungen, welche denn auch ſogleich von dem gewünſchten Erfolge begleitet waren. Der noch lebende Vogel wurde alsbald wieder gefaßt und nun ver⸗ hältnißmäßig raſch, ohne weitere Hinderniſſe hinabgeſchlungen. So lange noch eine Zehe von ihm ſichtbar war, ließ ſich deutlich erkennen, daß derſelbe noch immer lebte, ein Beweis, daß er nicht von den Giftzähnen verletzt worden war, da er ſonſt während des Hinabſchlingens, das etwa eine halbe Stunde dauerte, jedenfalls geſtorben ſein würde. Anfänglich hatte ich vermuthet, daß der Schlange die Giftzähne ausgebrochen ſeien, doch ſind dieſelben, wäh⸗ rend der Sperling gefreſſen wurde, öfter ſichtbar geworden und auch das ge ſtorbene Exemplar hat ſie beſeſſen.

einen jungen Sperling mit der Hand ge⸗ Der Vogel hüpfte anfänglich leb⸗

Einige Tage, nachdem die Schlange zum erſten Mal gefreſſen hatte, wurde ihr ein zweiter Vogel gegeben, den ſie in ganz gleicher Weiſe, wie den erſten verzehrte, und zwar dauerte dies, vom erſten Ergreifen des Vogels bis zu ſeinem völligen Verſchwinden im Maul e der Schlange, gerade 20 Minuten. Bei einer dritten Fütterung war der Vogel wieder in eine unrichtige Lage ge⸗ kommen, welche das Hinabwürgen unmöglich machte und er mußte daher wieder ausgeſpieen werden. Hierbei bekam er, wie deutlich zu bemerken war, zufällig eine kleine Verletzung mit den Giftzähnen und verendete nach wenigen Augenblicken.

Briefe und Sendungen ſind zu richten an die Redaction desDußelir in Leip Pzig, Wwiin. Nr. 2.

Unter Verantwortlichkeit von A. Klaſing in Bielefeld wrausgegehen von Dr. Robrrt Koenig in Leoiig.. rlag der Daheim-E Expedition von Velhagen Klaſing in Bielefeld und Berlin. Druck von Liſcher Wittig in Leipzig.

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