den Gammelmarker Batterien, von dem aus der Fortgang der Be⸗ lagerung officiell beobachtet wird, ſchaute ich noch eine gute Weile der Beſchießung jenſeits des Wenningbundes zu und genoß die herrliche Ausſicht auf das weite blaue Meer, ſeine eingeſchnittnen Buchten, an denen die ſtattlichen Buchwaldungen bis ans Ufer hinabſteigen. Welch tiefen Eindruck erzeugte da oben der Contraſt der Umgebung! Vor uns, im Geſchützdonner, treibt der Tod ſein ſchauerliches Hand⸗ werk und erſpäht ſeine nächſten Opfer; zur Rechten, majeſtätiſch ruhend, das Meer, hinter mir weite Thäler, worin der Sämann die friſche Furche durchſchreitet; ſtiller Sonnenſchein liegt freundlich darüber und zwitſchernd, wie im Spott über des Menſchen blutiges Thun, ſteigt die Lerche in den Abendhimmel empor: das abſolute Bild des Friedens, das faſt zur Carrikatur wurde, als ich dicht neben einem pulvergeſchwärzten Protzkaſten ein Mutterſchaf mit zwei, in den poſſirlichſten Sprüngen ſich umhertummelnden Lämmchen, un⸗ bekümmert um den finſtern Nachbar, weiden ſah.
Auf dem Heimweg hatte ich mit eingetretener Dunkelheit noch das ſchauerlich ſchöne Schauſpiel der nächtlichen Kanonade, ſah, wie die gewaltigen Bomben, lange Feuerſtreifen hinter ſich herziehend, flammend zerplatzten, wie ſtatt der weißen Qualmwolken am Tage jetzt die Ge⸗ ſchütze nur armdicke Feuerſtrahlen ſpieen und wandte mich dann zur Rückkehr ins Quartier.— Mittlerweile war der Mond heraufgeſtie⸗ gen und beleuchtete hell meinen menſchen⸗ leeren, friedlichen Heimweg. Bei den einſam an der Straße ſtehenden Poſten gelang es mir, indem ich, das praevenire ſpielend und die Schildwacht in barſchem Solda⸗ tenton anrufend, nach dem Wege fragte, mich den Weitläufigkeiten meiner Legitimation zur Nachtzeit zu ent⸗ ziehen und erhielt auf meinen Anruf:„Musketier, hier geht's doch nach Ekenſund?“ gewöhnlich mit angezogenem Gewehr zur Antwort: „Zu befehlen!“
Auch am hellen Tage hat uns dieſe Verwechslung oft höchlich.
amüſirt.
Man ſieht eben in ſolchem Heerlager die wunderbarſten Zwit⸗ tererſcheinungen zwiſchen Civil und Militär. Der Friedensbart mit der vorſchriftsmäßig ausraſirten Etappenſtraße iſt verſchwunden, die allgemein getragne weiße Armbinde, ſowie die, von Jedermann aus
der Praxis adoptirten, übers Beinkleid gezognen Stiefel, eine mili⸗ täriſch geformte Mütze darüber, vielleicht gar die in dieſem Feld⸗ zug erfundne graue Offizier⸗Kapuze mit rothem Beſatz, tragen dazu bei, die raſch Dahineilenden zu täuſchen und unſre allmälig ſonnenverbrannte Naſe, wie die epidemiſch angenommene, martialiſche Miene haben manchen braven Bauersſohn in des Königs Rock zu reſpectvollem Salutiren vermocht.
Eine gute Stunde vor Ekenſund holte mich eine ſtattliche Privatequipage ein, und etwas marode, wie ich war, rief ich den Kutſcher an, mir auf ſeinem Bock ein Plätzchen zu gönnen. Nach kurzem Zwiegeſpräch im Dunkel des Innern von unſichtbaren In⸗ wohnern erfolgte eine gnädige Genehmigung; der blinde Paſſagier ſaß oben, und behaglich die müden Glieder ſtreckend, ließ ich mich von
dem kräftigen Zweigeſpann in die kalte, helle Mondnacht hineinrollen,
bis ich, an meiner gaſtlichen Fähre angelangt, abſtieg, meinen unſicht⸗ baren Gönnern einige möglichſt geiſtreich vorgetragne Dankesworte ſtammelte, um wenigſtens nicht für einen Vagabonden der aller⸗ unterſten Sorte zu gelten, dem ſchweigſamen Kutſcher einige„Danske Skillinge“ in die Hand drückte und das bereits ſtill gewordne Gaſt⸗ haus betrat. Trotz der ſpäten Stunde verſah mich die ſtets wortkarge, aber deſto gründlicher han⸗ delnde Wirthin noch mit den gewohnten Delicateſſen, und ſo ſaß ich denn ganz be⸗ häbig beim dampfen⸗ den Grog allein mit meinen Gedanken in der tiefen nächtlichen Stille, die nach dem bunten Treiben des Tages etwas Todten⸗ ähnliches gehabt ha⸗ ben würde, wenn nicht von Zeit zu Zeit ein dumpfer Ka⸗ nonenſchuß aus der Ferne daran gemahnt hätte, daß tauſende zu dieſer Stunde wach ſeien bei ihrem grauſigen Handwerk, um einander zu vernichten, oder mit angehaltnem Athem auf ihrer Wacht auf das leiſe Knacken eines däniſchen Musketenhahns horchten. Bevor ich mein Lager ſuchte, inſtruirte ich die allzeit geſchäftige Duenna beſtens, mei⸗ nem noch ſpäter heimkehrenden Collegen H. doch die Hausthür zu öffnen, und als mir in dem gemüthlichen Idiom des Volksdialekts die Antwort wurde:„ich ſoll ihm ſchon einmachen,“ legte ich mich beruhigt zu Bett.
(Fortſetzung folgt.)
Am Jamilientiſche.
Was iſt eine Stimmritze? Eine wahre Geſchichte aus dem deutſchen Schulleben.
Auf ſeinem ſchönen Gute bei M. in Sachſen lebte der alte Herr v. E. Die Schulſtelle ſeines Dorfes war wegen ihrer Einkünfte und ſonſtiger An⸗ nehmlichkeiten ſehr geſucht und der Gutsherr hatte ſie zu vergeben. In einem Erledigungsfalle war auf Empfehlung Dritter ſeine Wahl auf einen jungen Mann gefallen, welcher, auf einem Seminar gebildet, ſich vortrefflicher Zeug⸗ niſſe erfreute. Allein nicht lange Zeit nach dem Antritt der Stelle hörte der
alte Herr über die Weiſe des Unterrichts allerlei Dinge, die ihm unglaublich
vorkamen, ſo genau ihm auch die Glaubwürdigkeit ſeiner Berichterſtatter be⸗ kannt war. So beſchloß er denn, wie er ſonſt auch gethan hatte, einmal die Schule zu beſuchen und dem Unterrichte ſelbſt beizuwohnen. Es war die Re⸗ ligionsſtunde und Gegenſtand der Beſprechung das Gebet. Nachdem hierüber
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mit wenigen Worten verhandelt war, beſchloß der neue Lehrer ſein Licht leuch⸗ ten zu laſſen. Dem Gebet lag der Begriff Wort nahe genug. Aber was weiß ein Schüler von Wort, wenn er nicht von der Wortbildung, und was von Wortbildung, wenn er nicht auch von der menſchlichen Tonbildung und ihren Geſetzen weiß? Ueber letzte alſo wurden denn hauptſächlich die Kinder befragt. Der ganze phyſiologiſche Apparat kam da in Betracht, und die Kin⸗ der wußten alle die innern Vorgänge im Leibe zu ſchildern, welche möglich machen, daß endlich der Ton durch die Stimmritze entweicht. Damit ſchloß das Examen. Mit welchen Gedanken damals der alte Herr auf ſein Schloß entwich, iſt nicht bekannt geworden. Er traf ſtill für ſich ſeine Maßnahmen. Nach längerer Zeit vermochte er, nicht ohne perſönliche Opfer, den Schullehrer moderner Bildung zur Bewerbung um eine andere Stelle zu bewegen und deren Erlangung zu vermitteln. Jetzt ſchöpfte der Gutsherr friſchen Athem und beſchloß, ſich ein⸗ für allemal vor jeder Ueberrumpelung zu ſichern und


