Jahrgang 
1865
Seite
26
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Lin Maler auf dem Kriegsfelde.

Von W. Camphauſen.

(Fortſetzung.)

Dich aber, du freundliche Kneipe im Fährhaus zu Ekenſund, werde ich bewahren in treuem Gedächtniß mit deiner ſtill waltenden Madame Ringe und ihrer ſtets verwundert dreinſchauenden Zofe, die jedes Anſuchen mit ängſtlichem Erſchrecken beantwortete:ja woll! gern, während die Hausfrau dem tauſendfach auf ſie ein⸗ ſtrömenden Heiſchen der ungeſtümen Gäſte ihre unerſchütterliche nordiſche Ruhe entgegenſetzte. Uns aber iſt ſie wie eine ſorgſame Mutter geweſen und mit Behagen denke ich daran, wie ſie uns, Abends erſchöpft und müde heimkehrend, mit den tröſtlichen Worten empfing:Ich ſoll ſie ein böſchen Bööf machen. Dieſes böſchen oder bischen aber entlud ſich dann in wahrhaft urweltlichen Fleiſch⸗ maſſen mit dampfenden Zwiebeln, Kartoffeln, dutzendweiſen Spie⸗ geleiern und andern Landeserzeug⸗ niſſen, die übrigens bei uns, die wir tagsüber von eingeſtecktem But⸗ terbrod und der mitGammel⸗ Rum gefüllten Feldflaſche lebten, einen mir jetzt unbegreiflichen Ab⸗ ſatz fanden. Dazu gab es gutes Bairiſch und vortrefflichen Grog, wie denn hier das Eldorado aller Spirituoſa iſt, mit denen das Land von der See her aufs Reich⸗ lichſte verſehen wird.

Da ſaßen wir denn Morgens und Abends, wenn vom andern Ufer her die ſcheidende Sonne durch die kleinen Scheiben brannte, ergänzten und berichtigten unſere Tageserlebniſſe im Geſpräch und harrten der ſtets neuen vielgeſtal⸗ tigen Phyſiognomie des andern Tages. Dazu gab's draußen ſtets etwas zu ſchauen, herüber und hinüber zog die Fähre, bald gefüllt mit rückkehrenden Compagnien, bald mit Requiſitions⸗ und Bauern⸗ wagen jeden Inhalts; jetzt hielten glänzende Küraſſiere, Ordonnanz⸗ reiter, harrend am Ufer, dann wieder brachte von jenſeits das Boot den alten Wrangel mit dem Kronprinzen und ſeinen Adjutan⸗ ten herüber und vorbei.

Am Ufer unterhielten ſich die Soldaten mit derben Scherzen, Geſängen, Mordberichten ihrer Kriegs⸗ thaten, vor allem aber mit dem Angeln nach Dorſchen und Häringen, die dort zu tauſenden die kryſtallblaue Fluth bevölkerten. Beſonders hervor thut ſich dabei derjebildte Berliner, kundig des Angelus von Stralau her. Sein Becken ſtrotzt von ſchnappenden Gefangenen und jetzt beginnt er an den Unglücklichen, bei lebendigem Leibe, das Geſchäft des Aufſchneidens und Ausnehmens.Na, Schwerebrett, ſchlag doch det Bieſt erſcht dodt; det zabbelt ja noch.Ach wat, uns ſchlägt voch keener vorher dodt, wenn ſe uns de Knochens entzwee ſchießen, wir müſſen ooch zabbeln; ick ſeh' jar nich in, worum ſo'n Bieſt et beſſer haben ſoll, wie wir? Unter ſchallendem Gelächter und allſeitiger Zuſtimmung wird die gefüllte Bütte im Triumph zur Abendmahlzeit ins Quartier befördert.

Am andern Morgen wanderten wir abermals nach der Dünther Windmühle, ein weiter, ſtaubiger Weg ohne ſonderliche Abwechs⸗ lung. Dort angekommen, beobachtete ich mit mehr Muße, als am Abend vorher, die Kanonade und ihre Wirkung auf die Schan⸗ zen. Schmutziggelb aufwirbelnde Staubmaſſen bezeichneten das Anſchlagen der Geſchoſſe an den Erdwällen; die ſchlimmſten Kugeln,

die, den obern Schanzenrand raſirend, mit den losgeriſſenen Schol⸗ len in das Innere einſchlugen, Vernichtung und Tod um ſich her⸗ ſchleudernd. Vom Vorpoſten heimkehrende 60 er⸗Musketiere berichteten von dem blutigen Gefecht der vergangenen Nacht, in dem der brave Major v. Jena tödtlich, Hauptmann v. Redern, mein alter Bekann⸗ ter, ſchwer im rechten Oberarm bleſſirt wurde. Mein Erzähler, ein ſtrammer, ſchwarzäugiger Geſell, nahm ſich im maleriſchen Vorpoſtenko⸗ ſtüm prächtig aus. Die Feldmütze in die Stirn gedrückt, das bewährte Zündnadelgewehr am Riemen über der Schulter, die Axt und das erbeutete däniſche Faſchinenmeſſer an der Linken, den kunſtlos geroll⸗ ten Mantel mit friſchen Kugel⸗ löchern gerade über der Bruſt, die Hoſen in die mit dem Lehm der Trancheen beſpritzten Stiefel ge⸗ ſteckt,gab er den gelungenſten Typus ab für das Ausſehn unſeres ge⸗ ſammten Fußvolks. So wurde er denn auch ſofort eilenden Striches zu Papier gebracht und als ihm das ungewohnte Modellſtehen weniger zu behagen ſchien als die Gefahren des Nachtgefechtes, baldigſt ent⸗ laſſen und belohnt. Ob das junge Blut wohl noch lebt oder am achtzehnten gefallen? In die Dünther Dorfkneipe ein⸗ getreten, war's mir eine wahre Luſt, mitten unter den friſchen Kriegsleuten zu ſitzen und ihren Geſchichten zuzuhören. Welch ker⸗ niger, trefflicher Geiſt in dieſen Kerlen, welch unverwüſtlicher Hu⸗ mor, welche Luſt an ihrer Hand⸗ thierung; wahrlich, mit ſolchen Männern kann das Vaterland jedem Gegner furchtlos die Stirn bieten. Hier ſchwadronniren und lärmen die kleinen gedrungenen 35er, die Söhne der Mark, die Zuaven der Armee; eben ſo fix in der Rede wie mit dem aufgeſteckten Hau⸗ bajonnet im Nahe⸗Kampf. Einem hatte jüngſt eine Dänenkugel den Hinterkopf geſtreift. Er faßt ſich ins Haar und, wie daheim auf dem friedlichen Scheibenſtand, wendet er ſich zu ſeinem Nebenmann: Kreiz⸗Schock! det war aber Figur! So weiß jeder etwas aufzu⸗ tiſchen von den Abenteuern der jüngſt beſtandenen Nachtgefechte; vort ſitzt der ernſt gemeſſene weſtphäliſche Artilleriſt der 7. Brigade, nachdenklich, den Bleiſtift zur Hand, den Seinigen daheim, auf rother Erde, von ſeinem Ergehen berichtend. Mit der unerſchüt⸗ terlichſten Pomade wirft er, überzeugt von ſeiner Unfehlbarkeit, ab und zu einzelne Berichtigungen in die lärmende Unterhaltung über den Stand der Dinge. Mit gründlich mathematiſcher Kenntniß belehrt er uns dabei über Kaliber, Tragweite und Wirkung ſeiner gezogenen und ungezogenen ehernen Ungethüme und was dagegen der Däne kann und nicht kann. Ganz beſonders erboſt iſt er auf die dicken Bengels von Bomben, mit denen Hannemann ihn bei der Arbeit beläſtigt. 3 1 Bis jetzt waren duſn auch freilich die braven Schwarzkragen die Matadore des preußiſchen Heeres geweſen, und wer ſo einen dunklen Burſchen reden hörte, ſo gediegen und ſicher in ſeiner Waffe, der glaubte es, trotz der groben Kommishülle, ſtets mit einem ſchul⸗ gerecht gebildeten Manne zu thun zu haben. Von dem ſogenannten Obſervatorium, einem Höhenpunkt hinter