Jahrgang 
1865
Seite
24
Einzelbild herunterladen

y Q

- y--:

ziges Bedürfniß, das, ſich zu ernähren. irgend einer feſten Behauſung bedarf er dazu nicht. Waldes und des Stromes, welche beide ihm genug Nahrung liefern, bedarf er nur einiger Jagdgeräthe zum Erlegen von Säugethieren,

Irgend welcher Kleidung, Als Sohn des

Vögeln, Amphibien und Fiſchen. Vor allem aber gehraucht er ein großes, weites Jagdgebiet. Um das haben zu können, leben die Indianer nicht in dichtgedrängten Völkerſchaften, nicht in großen Stämmen vereint, ſondern vielmehr in unendlich viele kleine Grup⸗ pen geſpalten; ſie leben in Rudeln, von denen man hunderte, ja tauſende von Namen aufzählen könnte. Unter dieſen tauſenden von Rudeln und Stämmen, welche immer unter einem Kaziquen, einem Tuchaua, einem Capitao ſtehen, gruppiren ſich viele zu gewiſſen indianiſchen Nationalitäten von weiterer Ausdehnung zuſammen, Botocuden, Puris, Coroados, Muras, Ticumas, alle in derſelben einfachen Naturweiſe lebend, und nur in einzelnen Gebräuchen und Abzeichen von einander geſchieden, welche von ihnen wie etwa ein Familienſiegel und Hautwappen ſorgſam beibehalten werden und nach welchen, zumal wenn ſie von einem Thier hergekommen ſind, ſie ſich wie unſere Adelsfamilien benennen, Tatus, Coatis, Capiraris, Tapihyras u. ſ. w.

Jeder Stamm, jedes Rudel bewegt ſich in ſeinen natürlichen, oft contractmäßig mit den Nachbarn feſtgeſtellten Grenzen, deren Ueberſchreitung wie eine Art von Kriegserklärung angeſehen und in blutiger Fehde zurückgewieſen wird. Zu ſolcher Fehde, aber noch vielmehr zur Jagd beſitzen nun alle Indianer einen ganzen Vorrath von verſchiedenen Waffen, welche freilich vor den impoſanten Vernich⸗ tungswerkzeugen unſeres chriſtlichen Europas ganz verſtummen müſſen, und in der That recht eigentlich als ſtumme Waffen zu be⸗ zeichnen ſind, wie ſolche im ſchweigenden Urwalde am leiſe dahin⸗ gleitenden Waldſtrom unter ſtillen Menſchen einen Characterzug ganz eigener Art bilden. Zwar haben die Indianer unſer Feuerge⸗ wehr kennen, ſchätzen und vor allen Dingen fürchten gelernt. Sie bewundern ſelbſt die Sicherheit des feruhin treffenden Schuſſes und die vernichtende Gewalt der einſchlagenden Kugel. Zu eigenem Jagdgebrauch aber würden ſie ſich nie der Flinte bedienen. Ein Schuß erlegt zwar ein einzelnes Wild, aber alles andere Wild würde verſcheucht werden, und im Dickicht des Waldes, in den unzähligen Schlupfwinkeln des Flußufers nimmermehr wieder zu entdecken ſein, abgeſehen davon, daß im feuchtheißen Klima das Pulver ungemein leicht verdirbt, und die Zufuhr davon bis zu den fernen Jagdrevieren des Indianismus ungemein ſchwierig iſt.

In der That iſt die Schußwaffe neben dem ſtillen Waldnaturell des Indianers ein Unding, ja mit dem Feuergewehr hört der Begriff eines Urbewohners von Braſilien ganz auf. Der unveräußerliche Grundzug des braſilianiſchen Jagdapparates iſt Pfeil und Bogen, beide in den mannigfaltigſten Formen und Längen, unveräußer⸗ licher Grundzug iſt ferner das lauge Blasro hr, die Sarabatana, mit den kleinen Pfeilen, den Gravatanas, eine andere ſehr große, höchſt eigenthümliche Art von Pfeilen, welche geſchoſſen und auch aus freier Hand geführt als Lanzen und Spieße dienen, und das Gift.*

Um nämlich bei ihren verſchiedenen Jagdunternehmungen oder Kriegsabenteuern ihren Waffen noch einen ganz beſonderen Nachdruck zu geben, haben die Indianer, zumal die im ganzen Ama⸗ zonenſtromgebiet bis weit in Peru hinein umherſtreifenden und ſelbſt in einzelnen Ortſchaften angeſiedelten Stämme, ein höchſt Mittel erfunden. Aus verſchiedenen Loganiaceen oder arten bereiten ſie unter dem wahrſcheinlichen Zuſatz gift und, wie man mir ſagte, auch von Ameiſenſchär dickflüſſiges Gift, welches ſie in kleinen Töpfchen zu und in kleinen Kalebaſſen mit ſich herumführen. Dieſes Gift, Co⸗ rare, Corali, Worara, eigentlich aber nur Uari genannt, äußert ſelbſt in kleiner Menge und in recht friſchem Zuſtand in die Circu⸗ lation gebracht, höchſt intenſive Erſcheinungen von Strychninvergif⸗ tung und ſteht kaum irgend einem Pflanzengift an Heftigkeit nach wie berüchtigt auch manche Agocyneen und jener Upasbaum Bonn Java ſein mögen. Wenngleich Humboldt die Bereitung des Gif⸗ tes genauer beſchreibt, ſo iſt dieſe Bereitung dennoch ganz in den Händen der Indianer geblieben, der Verbrauch des Giftes aber ein ſo allgemeiner geworden, daß die Töpſchen mit Uarigift am Ama⸗ zonenſtrom, zumal vom Rio Negro unfwärts, einen der gebräuchlich⸗ ſten Handelsartikel bilden, und, gerade wie bei uns das Schi

gefährliches Strychnos⸗ von Schlangen⸗ fen, ein dunkles, Markt bringen,

eß⸗

pulver, zu tauſenden von Töpfchen verkauft werden. Eben ſo wie bei uns das WortPulver ganz vorzugsweiſe Schießpulver bedeutet, ſo verſteht man unter dem Wort Herva, Kraut, am Ama⸗ zonenſtrom vorzugsweiſe das Uarigift.

Die vergifteten oder gekräuterten Pfeile zerfallen in zwei Haupt⸗ kategorien, die ganz weſentlich von einander verſchieden ſind. Die eine Art von Pfeilen bildet lange, ſchlanke Geſchoſſe, die als Lanzen aus freier Hand geworfen werden können oder bloß als Stichwaffen dienen, während ihre Fortſchnellung vom Bogen große Gewandtheit erfordert, aber ſie dafür auch zu furchtbaren Waffen werden läßt, oder es ſind einfache, unſern Stricknadeln an Größe gleichkommende Pfeilchen, Gravatanas, welche aus großen Blasrohren, Saraba⸗ tanas, geſchoſſen werden. Beide Arten von vergifteten Waffen müſſen wir etwas näher betrachten.

Die großen Pfeile ſind 57 Fuß lang, meiſtens von ſchö⸗ nem, braunen Bignonienholz ſchnurgerade gemacht und polirt, wie ſie bei uns nur ein ſehr gewandter Drechsler verfertigen würde. Am unteren Ende ſind ſie kaum ſo dick wie eine Gänſefeder, ja wie eine Rabenfeder, während bei den größten Pfeilen das obere Ende bis zwei Zoll im Umkreis hat. In dieſes obere Ende iſt eine 58 Zoll lange, ſchlanke, vierſeitige und faſt vierſchneidige, beſonders am Ende äußerſt ſcharfe und aus dem härteſten Holz gemachte Spitze eingeſetzt. Dieſe ganze Spitze iſt mit Uarigift beſtrichen, und zwar in einer ſo reichlichen Weiſe, daß das Gift einen dicken Ueberzug bildet, von dem bei einer ſelbſt nur leichten Verwundung genng zurückbleibt, um mit Sicherheit den Tod des Getroffenen hervorzurufen.

Eben deßwegen werden die Pfeile mit großer Vorſicht gehand habt. Man läßt die einmal in Uarigift getauchten Spitzen nie un⸗ bedeckt, vielmehr hat man ganz eigene Kappen, in welche nach einer ſehr ſinnreichen Einrichtung die Pfeilſpitzen geſteckt werden und von ihnen gedeckt bleiben. Dieſe Kappe beſteht aus einem Ende von dickem Taquara, dem hohlen braſilianiſchen Bambusrohr. Sie ſelbſt iſt wieder ausgefüllt von ſieben dünnen Taquararohren, von denen eins die Mitte einnimmt, während die anderen ſechs, im Kreiſe an einander gedrängt, daſſelbe umgeben. In dieſen immer für ſieben Pfeile beſtimmten Apparat werden die vergifteten Pfeilſpitzen einge⸗ ſteckt, und die Pfeile ſelbſt, die ſich in dieſer Weiſe zu einem feſten Packet gruppiren, mit einer Schnur zuſammengebunden. So laſſen ſie ſich mit großer Sicherheit durch Wald und Feld fortſchleppen, ohne daß die Spitzen Schaden anrichten oder ſelbſt beſchädigt werden können. Ich habe acht ſolche Packete von vergifteten Pfeilen unter mancherlei S hwierigkeiten am Amazonenſtrom eingeſammelt und mit mir nach Europa gebracht, und nicht eine einzige von den 56 Spitzen i*ſt mir beſchädigt worden, ſo daß dieſe ſchönen Waffen einen weſent⸗ lichen Theil meiner Sammlung bilden.

Unendlich klein neben dieſen bis 7 Fuß langen Holzpfeilen oder Wurfſpießen mit vergifteten Spitzen erſcheinen die Gravatanas. Ich kann ſie mit vollem Recht vegetabiliſche Stricknadeln nennen, die aus den Nippen der Palmenblätter herausgeſchuitzt werden. Sie ſind ungemein dünn und leicht, aber doch von einer großen Feſtigkeit und Härte, und ungefähr 1 Fuß lang. Das untere Ende iſt ganz ſtumpf. das obere dagegen ſcharf zugeſchnitten wie eine Nähnadel, und etwa 2 Zoll tief in Uarigift getaucht, wodurch die Spitze ſchwarz gefärbt wird. Dicht an einander gedrängt werden ſie von den Indianern in einem geflochtenen und mit ſchwarzem Harz reichlich überzogenen Köcher umhergetragen und auf der Jagd verwandt. Doch it dieſe weniger ſorgſame Aufbewahrung der Gravatanas ſchon etwas mo⸗ dernen Urſprunges. Die echten, wilden Waldbewohner heben ihre Blasrohrpfeile viel ſorgfältiger auf, und haben dazu eine höchſt ſinn⸗ reiche Methode erfunden. Die Gravatanas werden dicht unter ihren beiden Enden in eine ganz loſe gedrehte Doppelſchnur ſo hinein gelegt, daß jeder kleine Pfeil von ſeinem Nachbar nur durch eine Halbdrehung der Schnur getrennt wird, aber denſelben nicht berüh⸗ ren kann. So liegen die Pfeile wie ein loſes Strohgeflecht, wie anh Art Matte dicht neben einander, und können zu einem runden Päck⸗ chen aufgerollt werden, ohne daß die Spitzen ſich berühren. Solch Packet wird in eine aus getrockneten Piſangblättern genrachte Kapſel, eine Art Köcher gethan. Dieſe Kapſel würde etwas zerbrech⸗ lich, und das ſchnelle Hervorholen einer Gravatana zum Schuß un⸗ möglich ſein, wenn nicht um die Kapſel herum eine Einfaſſung von kurzen, nach Art einer ſogenannten Papagenoflöte aneinander ge

5 4 r gereih⸗ ten Bambusröhrchen gebunden wäre, die unten 3

geſchloſſen, oben

-

3