Jahrgang 
1865
Seite
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in der Künſtlerwelt und die Liebe aller Kunſtfreunde raſch er⸗ warben.

Auf der Kunſtausſtellung von Lauſanne hatten wir vor einigen Jahren Gelegenheit, eines ſeiner älteſten und ſinnigſten Bilder: die Spinnerin, zu bewundern, das durch den Verein der Kunſt⸗ freunde im preußiſchen Staate im Stich als ein edler Zimmerſchmuck auch uns zugänglich geworden iſt, während das Original ſich im Privatbeſitz in der Schweiz befindet. Das leiſe zur Arbeit vor ſich ſingende Mädchen, dem man ſich unwillkürlich nähert, um ſeine Worte zu belauſchen, wird uns in ſeiner reizenden Einfachheit, Keuſch⸗ heit und Wahrheit unvergeßlich bleiben. Auch ſeine ſpäteren male⸗ riſchen Stoffe ſind durchweg einfach, dem Volksleben ſeiner Heimath, wie des Berner Oberlandes, des Schwarzwaldes, Württembergs und Weſtfalens entnommen. Das realiſtiſche Element tritt darin aller⸗ dings hervor, aber ein idealer Hauch lagert verklärend und verſöhnend über ihnen allen. Außer der Spinnerin möchten wir darunter noch nennen:Das Innere einer Kirche, von Barthelmes in Stahl geſtochen und als Nietenblatt von dem Kunſtvereine für Rheinland und Weſtfalen in dieſem Jahre verſchenkt. Ein anderes:Die Dorfnähſchule, wird gegenwärtig von Profeſſor Lüderitz in Berlin geſtochen.Der Pfarrer und ſein Vicar, nach der Schule Schach

ſpielend, erwarb ihm die goldene Medaille aus der Hand des Königs von Preußen. Seine übrigen Gemälde ſind ſchon weit verbreitet. In Moskau iſt ſeinAusgang aus der Katechismusſtunde, in Wien ſeineAuktion im Schloſſe, im Leipziger Muſeum ſein Bild: Kartenſpielende Bauern von ihren aus der Kirche kommenden Frauen im Wirthshaus überraſcht. Das Bild, welches unſer Blatt heute bringt, gehört der Berner Geſellſchaft der ſchönen Künſte an und iſt unzweifelhaft ein Hauptſchmuck der Bildergallerie von Bern. Schließlich gedenken wir ſeiner meiſterhaften Illuſtrationen zumOberhof, dem reizenden Idyll aus Immermanns Münch⸗ hauſen, die von eben ſo wahrer Liebe, wie von tiefem Verſtändniß unſers Volkes zeugen. Benjamin Vautier, obgleich aus romaniſchem Geblüt, iſt ein deutſcher Bürger geworden, wie er ein echt deutſcher Künſtler iſt, und mit Stolz rechnen wir ihn zu den Unſrigen. In Düſſeldorf hat er einen häuslichen Herd gegründet, an dem deutſche Sprache und Sitte waltet drei liebliche Kinder erblühen den Eltern an dem⸗ ſelben. Wer ihn und ſeine Werke bisher noch nicht gekannt, wird ihn gewiß aus unſerm Bilde liebgewinnen; bald werden wir ihm in unſermDaheim wieder begegnen, das er mit einer Original⸗

Zeichnung in der nächſten Zeit ſchmücken wird.

Robert Koenig.

Aus dem Maldleben der braſilianiſchen Indianer.

Von Dr. Robert Avé⸗Lallemant.

Wer in mühevoller Kanoefahrt von irgend einem Küſtenpunkte Braſiliens einen der vielen im Dickicht des tropiſchen Urwaldes ge⸗ borenen und anſchwellenden Flüſſe aufwärts dringt, und in einer Niederlaſſung, wo die Cultur eben die erſten Axtſchläge der ſo reich geſegneten Coloniſation muthig gewagt hat, eine kürzlich ihres Wald⸗ ſchmuckes beraubte Anhöhe erſteigt, welche ihm einen oft viele Meilen

weit ausgedehnten Ueberblick über den Wald geſtattet, der mag wohl⸗

ſagen, er habe einen Eindruck empfunden, der mit keinem ähnlichen zu vergleichen iſt. Wirklich nur ſcheinbar ähnlich dem weiten Ueberblick über den Urwald iſt ein ausgedehnter Blick über das Meer hin, oder über die Pampas und Llanos von Südamerika, Meer und Grasebene, von einer Höhe herab überſehen, ſind oft von über⸗ raſchend gleichartigem Anſehen. Denn das Spiel der Wellen iſt, von oben herab geſehen, oft nur in nächſter Nähe erkennbar und gleicht in die Ferne hinaus ganz jenem Flimmern der von gkühender Sonne beſtrahlten graugrünen Grasflur, auf deren einzelnen Erhebungen die kleinen weißen Eſtancias der gaſtlichen Viehzüchter ebenſo weithin ſchimmern, wie die weißen Segel auf dem ungaſtlichen Weltmeer. Nicht ſo der Ueberblick über den tropiſchen Urwald! Hier drängt ſich ein Laubgewölbe an das andere; alle nur möglichen Baum⸗ formen, Palmen, Cacragien, Amyrideen, Myrthen, Lorbeerbäume u. ſ. w. wuchern im zügelloſeſten Chaos neben einander auf und zeigen alle nur immer vorkommenden Blattformen und Blatt⸗ färbungen, während bei dem üppigſten Blühen von baumartigen Papilionaceen, namentlich Cäsalpinien, von Bignonien und Mela⸗ ſtomen, oft ein ganzer Wald im vollſten Blumenſchmuck prangt und weithin ſeine Düfte verbreitet.

Und dennoch hat dieſer prachtvolle Anblick etwas Befangendes. Die ganze Natur ſcheint unter einem böſen Zauber zu liegen. Wenn wir nicht unter uns am Rande des Fluſſes das kleine Gehöft liegen ſähen, wenn wir nicht von dort aus zuweilen eine Menſchenſtimme vernähmen, wenn nicht der brüllende Stier längs der Waldufer ein vielfaches Echo wach riefe, und ein vorbeiſegelndes Kanoe uns darau erinnerte, daß längs des Fluſſes noch eine Verbindung, wenn auch die einzige, mit der cultivirten Menſchheit ſtattfände, wir würden glauben, alles animaliſche Leben, alles menſchliche Treiben wäre in dieſer blühenden, chaotiſchen Pflanzenwüſte untergegangen, oder noch nie hier erwacht. Nirgends erblicken wir ein Dorf, einen Kirch⸗ thurm, eine Klärung, nirgends einen aufſteigenden Rauch; nirgends bellt ein treuer Hund, nirgends ſchmettert ein Hahn die Reveille der Cultur in die Weite hinaus. Alles iſt Wald, Wald, weiter, ſtiller, geheimnißvoll ſchlummernder Urwald, über den höchſtens einmal ein aus ſeinem Tagesſchlafe aufgeſchreckter Waldvogel mit kurzem, lautem

Klageſchrei hinflattert, um ſich ſcheu ſogleich wieder zu verbergen. Freilich flötet oft der Sabia, die braſilianiſche Droſſel, ein melodiſches Lied in der Nachmittagsſonne, und mit lautem Gezänke, und alle nur möglichen Thierſtimmen nachäffend, lärmen Jagus und Ingeiras, Arten von Icterus und Caſſicus, in großen Schaaren um ihre hoch über dem Flußufer aufgehängten Beutelneſter. Aber das ſind immer nur wenige Tagesſtimmen für ſo unabſehbare Waldflächen.

Wenn aber das Todesſchweigen des Tages den Urwald ſo ſchaurig macht, ſo macht ihn der wilde Schrei der Nacht, zumal der hellen Vollmondnacht, oft entſetzlich. Mitten im Walde gelagert, oder von ſeinen unheimlichen Schreckniſſen nur durch eine dünne, durchlöcherte Lehmwand getrennt, vernahm ich manchmal Nachts Laute, von denen ich nie errathen konnte, ob ſie von wilden Menſchen oder Naubthieren, von Vögeln oder von Fröſchen, oder gar von Geiſtern und Dämonen der Luft, oder von unterirdiſchen Gnomen unter meiner Lagerſtätte hervorgebracht wurden. Eine ſchlafloſe Nacht inmitten eines ſolchen Concertes, und ſie wird durch daſſelbe meiſtens ſchlaflos, iſt wirklich etwas Infernales, zumal wenn ſich noch das ganze Heer von geflügeltem oder kriechendem Un⸗ geziefer hinzu geſellt. Mehr als einmal habe ich mich über das ſchaurige Concert der Brüllaffen gefreut; denn es verkündet den heraubrechenden Morgen, mit welchem die Stille des Tages wieder beginnt, und auch dem Reiſenden einige Ruhe gegönnt wird.

Das iſt, in wenigen Worten geſchildert, die Wiege und das Grab des braſilianiſchen Indianers, zwiſchen welchen er ſein bedeu⸗ tungsloſes Daſein hinlebt, ein Sohn des Waldes und des Wald⸗ ſtromes, mit welchen alle ſeine Lebensfaſern auf das Innigſte zuſam⸗ menhängen und verwachſen ſind. Wo der Wald gelichtet, der Strom befahren wird von der cultivirten und cultivirenden Menſchheit, da zieht ſich auch der Indianer meiſtens nach geringen Widerſtandsver⸗ ſuchen zurück und wendet ſich tiefer hinein in das Waldesdickicht, oder er nimmt, wenn er ihr gar nicht mehr ausweichen kann, ſcheu, unluſtig und verdrießlich Theil an der Cultur, ohne ſich jemals leb⸗ haft davon überzeugen zu können, daß er wirklich und wahrhaftig zu ſolcher Cultur berufen und berechtigt ſei, und ſie in ihrer ganzen Fülle erringen könne wie jene, die ihm dieſe Cultur bringen und zumuthen.

Zwiſchen der Errungenſchaft der vollen Cultur und dem ein⸗ fachſten Waldleben des braſilianiſchen Indianers liegen nun unzäh⸗ lige Mittelſtufen und Mittelzuſtände, auf welchen wir die Söhne des Waldes und des Fluſſes aufſuchen wollen.

Auf der unterſten Stufe der Cultur, im einfachſten, natür⸗ lichſten Urzuſtande kennt der braſilianiſche Indianer nur ein ein⸗