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ſagte trotz all ihrer Sanftmuth etwas ſpitzig die Müllerin;— auf den Punkt verſteht eine Mutter keinen Spaß.
Der Müller, der ſeine Marie, ſeinen Augapfel, gern recht voll⸗ konmen, ein ganz begehrenswerthes Gut wiſſen wollte, ſtimmte der Frau Rau bei und die Mutter gab nach, obwohl ſie ein unbeſtimm⸗ tes Grauen vor der Reſidenz,„der Pracht und ECitelkeit der gott⸗ loſen Welt“ empfand, wohin doch ganz natürlich ein junges Mädchen zur Ausbildung, zum„Schnellbleichen“ oder„Feinſchleifen“ geſchickt werden mußte.
Töchterpenſionen galten damals noch für Ausnahmen, aber Frau Bäcker Huſchwadel, die Geſchäftsfreundin des Müllers in der Reſidenz, wußte eine Wittwe von Stand, die jungen Fräulein, die „Bildung erlernen“ wollten, mütterliche Leitung, Ueberwachung und Gelegenheit zu franzöſiſcher Converſation zuſicherte und dieſer wurde beſchloſſen Mariechen zur Politur zu übergeben.
So wurde denn unter ſtillem Seufzen der Müllerin eine welt⸗ erfahrene Nätherin ins Haus genommen, um Marie für die Reſi⸗ denz herauszuſchneidern, der Müller entlehnte die Kutſche des Son⸗ nenwirths im Dorf droben und das Ehepaar im ſchönen, ehrbaren Sonntagsputz ſammt dem dicken Chriſtian, nagelneu montirt, mit einem rothſeidenen Halstuch geſchmückt, brachten ihr Kleinod in eigner Perſon in die Hände der achtbaren Frau Reviſor Riederich.
Frau Reviſor Riederich war ſo recht was man eine reſolute Frau nennt, ſie hatte den Kampf mit dem Leben rüſtig aufgenommen und war bis jetzt damit fertig geworden. Das Schickſal hatte ſie nie weich gebettet, man hatte ſie nie darüber klagen hören, ſie war weder fröhlichen noch melancholiſchen Temperaments, ſie gehörte nicht zu den jammernden, nicht zu den empfindlichen und nicht zu den er⸗ gebnen Wittwen,— ſie war blos reſolut. Ein armes frühver⸗ waiſtes Mädchen, hatte ſie bald lernen müſſen ſich unter Fremden
„durchzuſchlagen,“ ſie hatte überall ihre Schuldigkeit gethan und ſich ſelbſt nicht zu viel geſchehen laſſen; einen Lebensfrühling mit Lieben, Hoffen und Träumen hatte ſie nicht gekannt, ſie war Küchengewächs, keine Gartenblume,— Kohlraben haben keinen Blüthenmond.
In ſehr gereiften Jahren war ſie Haushälterin bei dem kränk⸗ lichen Reviſor Riederich geworden, er hatte ſie zu ſeiner Gattin er⸗ hoben, ſie hatte dieſe Chre dankbar erkannt, hatte die Würde einer Hausfrau übernommen, etwa wie ſie eine neue Stelle übernommen hätte, und war ihm eine getreue, aufopfernde Dienerin und Pflegerin geblieben. Sein Andenken hielt ſie in Ehren, obgleich ſie keine roſigen Tage an ſeiner Seite verlebt hatte. Denn eine glänzende Stelle war auch dieſer neue Poſten nicht; der Herr Reviſor war nicht geſonnen, um ſeiner Pflichten als Gatte und Vater willen ſeine eignen Bedürfniſſe zu beſchränken; Rauch- und Schnupftabak, ſowie ſein allabendliches Schöpplein in einer anſtändigen, ſtillen Kneipe nahmen unverhältnißmäßig viel von dem kleinen Einkommen weg. Drei Töchter wuchſen heran, ohne daß das Einkommen mit ihnen wuchs, ein Umſtand, auf den Herr Riederich nicht gerechnet, der zu⸗ nächſt ſeine Haushälterin nur geheirathet hatte, um jeden Wechſel der Bedienung und das Salair zu erſparen.
Die Frau aber blieb reſolut unter allen Umſtänden, ſie ar⸗ beitete in die Induſtrie, ſie beſorgte Kommiſſionen für Pfarrfrauen gegen ein kleines Honorar an Butter, Eiern u. dgl., ſie fand Mittel und Wege, in ihrem ſehr engen Logis auch noch einen leibarmen Gymnaſiaſten unterzubringen, und trotz des billigen Koſtgeldes und anſtändiger Ernährung noch an ihm zu profitiren. Die älteſte Tochter Mine, gleich der Mama eine vorherrſchend praktiſche Natur, wurde vorzugsweiſe im Kochen und Nähen ausgebildet, die zwei jüngſten, die talentvoller waren, wurden in einer höhern Töchter⸗ ſchule zweiten Ranges untergebracht, daneben machte es die praktiſche Frau möglich, das mäßige Kapital, das Herr Riederich in die Ehe gebracht, unberührt zu erhalten bis zu ſeinem Tode.
(Fortſetzung folgt.)
Das Tiſchgebet.
Hierzu das Bild auf Seite 21.
Biſt Du im Teutoburger Walde geweſen, lieber Leſer? Komm mit mir und ſteige empor auf eine Bergeshalde, von der wir hinab⸗ ſchauen in das reiche, fruchtbare Ravensberger Land. Wie ſtill iſt es hier! In der Ferne tauchen wohl die Kirchthurmſpitzen der Städte empor, aber von dem Getümmel, das in ihnen herrſcht, vernimmt unſer Ohr keinen Laut. Auch kein Dorf begegnet Deinem Blicke. Friede ruht auf den goldnen Saaten, auf Buſch und Baum, fried⸗ lich ſteigt hie und da ein Rauchwölkchen von einem vereinzelten, von Wieſengrün, Buſch und Strauchwerk umgebenen, auch wohl vom Eichbaum beſchatteten röthlichen Dache empor. Es iſt ein weſt⸗ fäliſcher Meierhof, den Dein Auge gewahrt. Und nun laß uns hinabſteigen und dem Hauſe, durch Felder und Hecken hindurch, unſere Schritte zuwenden.
Es iſt Mittag. Die Arbeit ruht auf den Feldern. Um den Familientiſch und um die darauf dampfenden Speiſen ſind Herr⸗ ſchaft und Dienſtboten verſammelt. In ihren langen, weißen Röcken mit den ſilbernen Knöpfen treten Dir die kräftigen Männer⸗ geſtalten, die Pelzmütze, die auch im heißeſten Sommer nicht abgelegt wird, andächtig in den Händen haltend, entgegen. Es ſind weſt⸗ fäliſche Bauern, wie ſie Immermann mit der Feder, Vautier mit dem Pinſel ſo unvergleichlich gezeichnet. Ehe ſie ſich zum Mahle niederſetzen, wird der Tiſchſegen geſprochen; aus Gebet und Arbeit beſteht ja auf dem Lande das Leben. Selbſt das Eſſen iſt ein Stück Arbeit, das gewiſſenhaft und ſchweigſam beſorgt wird. Ruhe und Erholung gehören nur dem ſpäten Abend und dem Sonntag an.
Doch wir wollen nicht weiter den Beſchauer des Bildes ſtören und ihm unſere Gedanken unterlegen; wir wollen lieber von dem Kunſtwerk zu dem Künſtler uns wenden! Derſelbe hat vielleicht als Knabe oft eine ähnliche, wenn auch verſchieden coſtümirte Gruppe beobachtet; denn wie Weſtfalens, iſt auch ſeines Vaterlandes Kern und Mark ein kräftiger, ehrenhafter Bauernſtand. Der Kanton
Waadt, dieſes entzückend ſchöne Kleinod unter den Ländern der Schweiz, iſt ſein Vaterland.
In dem altersgrauen, betriebſamen Städtchen Morſee (Morges), das, am Ufer des Genfer Sees freundlich gelegen, einen der prachtvollſten Blicke auf den Mont Blanc gewährt, wurde Benjamin Vautier im Aprilmonat 1829 geboren. Sein Elternhaus war ein Pfarrhaus. In Noville, einem Dorfe des Rhonethales, nicht weit von Villeneuve und von Rennaz, wo Matthiſſon ſeine ſchönſten Dichtungen ſchrieb, verfloß der größte Theil ſeiner Jugendzeit. Da empfing ſeine Seele die erſten unver⸗ löſchlichen Eindrücke des Großen und Schönen; da konnte ſein Auge ſchwelgen im Anblick der Alpen Savoyens und des heimathlichen Lemanſees, da lebte er inmitten reicher Obſtgärten und unfern ge⸗ ſegneter Weinberge, die ſein Land zu einem einzigen großen Garten machen. Der Volksſtamm, dem er angehörte und unter dem er auf⸗ wuchs, iſt wacker und brav. Fein von Beobachtung, ſcharf im Denken, mit Mutterwitz reich ausgeſtattet, iſt der Waadtländer frei⸗ lich langſam zur That, mehr beſchaulich als energiſch, dazu poetiſch begabt, aber auch zur Träumerei geneigt. Darum enthüllt ſich oft erſt im Auslande, auf einem größern Schauplatze, wo die Feſſeln der Alltagsgewohnheit fallen, alles was in dem Sohne des Waadtlandes von Gaben verborgen ſchlummert. Auch unſer Vautier ſollte im Auslande zu ſeiner jetzigen Meiſterſchaft heranreifen.
Nachdem er zwei Jahre lang in Genf auf Email gemalt(eine an fabrikartige Thätigkeit gänzlich verſchwendete Zeit, wie er ſelbſt ſagt), kam er im Jahre 1850 nach Düſſeldorf, wo er in die Akademie eintrat. Er blieb darin jedoch nicht lange, ſondern trat nach ſechs Monaten ſchon als Privatſchüler bei Profeſſor Jordan ein, bei dem er ein Jahr arbeitete. Nachdem er dann noch einen Winter in Paris der Kunſt gelebt, ließ er ſich in Düſſeldorf ganz nieder und ſchuf bald eine Reihe Bilder, die ihm einen hervorragenden Namen
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