Jahrgang 
1865
Seite
19
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gewährt hatte, da das Fleiſch, durch Mariens Schuld, ziemlich hart zu beißen war. Georg hatte einen Freund in die Stadt beſtellt, ſo ging er nach Tiſch fort. Er nahm mit wenig Worten Abſchied, behielt aber Mariechens Hand länger in der ſeinen, als nöthig war.

So recht ſonnenwarm und ſtill lag der Sonntagnachmittag über der Mühle, das Geſinde hatte ſich nach allen Seiten hin ver⸗ laufen, Marie war zum alten Schulmeiſter hinaufgegangen, der war ihr beſter Freund noch von den Schultagen her, ſeine Frau war etwas invalid und keine Freundin vom Spazierengehen, da war's ihm denn gar lieb, wenn ſeine alte Schülerin mit ihm einen gemächlichen Gang durch die Felder machte, und er that ſein Beſtes, ſeinen ganzen Vorrath von Schul⸗ und Lebensweisheit in ihre empfängliche Seele niederzulegen, und es war ihm oft, als ob bei verwickelten Fragen, die ihm lange zu denken gegeben hatten, die kleine Marie mit ein Paar einfachen Worten das Rechte gefunden habe.

Chriſtian trieb ſich draußen mit Kameraden um, ſo ſaß der Müller und ſeine Frau in ihrem Stübchen allein. Die ungewohnte Stille nur ſelten konnte die Mühle am Sonntag ganz ſtill ſtehen das warme, tiefe Sonnenlicht, das Summen und Singen der Käfer und Vögel vom Inſelein her, das alles gab ihnen ſo recht das Gefühl einer Feiertagsſtunde, wie ſie ſelten einkehrt bei ältern Leuten, die ſich in regem Geſchäftsleben umtreiben.

Weite Spaziergänge ſind nicht im Geſchmack der Landbewohner, ein langſames Wandeln um die eignen Wieſen und Felder, die man gerne ſieht im Licht der Sabbathruhe, nachdem man ſie die Woche durch bearbeitet im Schweiß des Angeſichts, oder ſolch ein Stille⸗ ſitzen daheim, das brachte auch der Müllerin das friedlichſte Sonn⸗ tagsgefühl.Es gibt Zeiten, pflegte ſie zu ſagen,wo man den Herrn ſuchen muß, oft recht mit Müh und Sorge. Aber es gibt auch Tage, und das ſind die beſten, wo man nur ganz ſtille halten und reinen, freien Raum machen muß, damit er hereintreten kann. So iſt er zu den Jüngern getreten am See Genezareth, ſo zu der Maria im Garten, und ſo ſaß die gute Müllerin mit einem recht ſonntagsſtillen Herzen und ließ die goldne Sonne hinein ſchei⸗ nen und hörte gelaſſen auf die Mittheilungen ihres Mannes.

Alſo ſiehſt, Weib, fuhr der Müller fort,ſo ſteht's. Der Rauin ihr Schwager hat nun einmal ſeinen Sinn auf den Hof ge⸗ ſtellt, und ſie thut am beſten und läßt ihn ihm, ſo lang er noch einen ordentlichen Preis dafür zahlt...

Aber ihrer Eltern Gut und Sitz! ſeufzte die Müllerin,es iſt noch eine Giſchrift da, wie ihr Urähne nach dem dreißigjähri⸗ gen Krieg das Haus hat wieder aufgebaut.

Iſt einerlei, ſagte der Müller,wär' mir auch nicht lieb, aber beſſer den Hof laſſen, als daß er vollends zu Grund geht. Mein Vater ſelig hat g'ſagt:wenn D' ein Gut haſt, und läßt einen guten Baum drauf ſchlagen, ſo geh am ſelbigen Tag hin und laß dein Gut ins Wochenblatt ſetzen zum Verkauf, denn hin iſt's und der Segen fort, wenn's an die Obſtbäum geht. Und drüben auf dem Tannenhof haben ſie ſchon manch ſchönen Baum abgſchlagen, 's geht runter! Weib,'s geht'runter. Die Müllerin machte nie eine Einrede, wo die Autorität des Vaters ſelig ins Spiel kam.

So kann ich's alſo dem Georg nicht verdenken, ſprach der Müller weiter,wenn er an dem Hof keine Freude hat und etwas anders werden will. Bin zwar nicht arg fürs Studieren,ungſtudierte Leut' ſind auch keine Eſel, hat mein Vater ſelig g'ſagt,und um das Geld, was einer verſtudiert, könnt' man die ſchönſten Aecker kaufen und hätt' zu eſſen ſein Lebtag.

Bin einmal in Tübingen geweſen, wo ſie ſtudieren, noch von daheim und in einem Wirthshaus geweſen, haben da die jungen Herrn geſchrieen und geſungen und gerandallirt und Bier hinuntergeſchüttet, daß es ein Graus war!Höret ihr Herrn, hab' ich g'ſagt,macht man's ſo, wenn man ſtudieren und g'ſcheidt werden will?Das verſtehſt Du nicht, Knot, hat der eine g'ſagt, er muß nicht recht verſtanden haben, daß mich der Kellner Herr Roth hieß,wenn man in Tübingen ſtudiert, ſo wird man von ſelbſt geſcheidt.Hab's nicht gewußt, ſagt' ich wieder,hab' zwar geleſen: Der Herr gibt's den Seinen im Schlaf, hab' aber nicht gewußt, daß er's ihnen auch im Saufen gibt, aber der Menſch muß freilich etwas voraus haben vor dem lieben Vieh, das ſauft nur wenn's Durſt hat, der Student herent⸗ gegen auch ohne Durſt.

Wegen dem Georg? warf die Müllerin ein, die dieſem Ausfall gelaſſen zugehört hatte.Ja ſo, beſann ſich der Müller wieder,

nun, ſo arg wird's der einmal nicht treiben, ich kann ihm nicht ſo ganz entgegen ſein, wenn er ſtudieren will, man braucht's nun einmal auch mitunter, und ein Doktor, wenn er geſchickt iſt, iſt ſo übel nicht dran. Alſo Doktor will er werden? Ja, Weib, und's iſt ihm recht ernſt mit dem Studieren, und hier ſtieg das liſtige Lächeln auf ſeinem Geſicht auf,er hat auch ſchon an eine Frau Doktorin gedacht.... An unſre Marie? fragte die Müllerin erſchrocken und viel⸗ leicht doch im tiefſten Grunde heimlich geſchmeichelt,das kannſt Du nicht im Ernſt denken, das Kind! Mag ſein, Weib; preſſirt ja auch nicht, aber was ſein ſoll ſchickt ſich wohl, hat ja doch kein Menſch mit den Kindern von ſelbiger Abrede an der Taufe geredet, und iſt ihnen nun von ſelbſt ins Herz gekommen, oder doch dem Georg. Sei's um ſechs Jahr, ſo kann er ſein eigen Brod haben, denn bälder thu ich's nicht, dann iſt ja die Marie noch blutjung und eben recht. Du ſiehſt ja ſonſt allenthalben Gottes Finger. Gottes Leitung wollen wir walten laſſen und nicht vorgreifen, ſagte die Frau,ich bitte Dich nur das Eine: mach nichts aus und leid nicht, daß der Georg ſich durch ein Verſprechen bindet, ſie ſind zu jung, ſie kennen ihr eigen Herz noch nicht; es ſoll ihm kein Treu bruch und keine Sünde ſein, wenn's ihm wieder anders kommt; laß es im Stillen. Na, meinetwegen, bruttelte der Müller, der gar ungern etwas auf dem Herzen behielt.Mein Vater ſelig hat zwar geſagt, wenn er von einem Ehverlöbniß hörte:machet voran, eh's der Teufel er⸗ fährt, aber voran machen könnte man ja doch nicht, drum mag's meinetwegen noch in aller Stille bleiben, damit's dem Mädchen nichts ſchadet; ich mein' aber als, der muß in Gott froh ſein, wenn er ſie nur kriegt. Und ſeine Mutter? Na, die nun erſt recht! Ich hab' von unſrem Doktor gehört, daß es ſeine fünf bis ſechshundert Gulden jährlich koſtet, wenn einer ordentlich ſtudieren will, und fängt er an als Doktor, ſo muß er erſt wieder recht zuſetzen, das kann die Rauin drüben derweil gar nicht aufwenden, bis ihre Sachen in Ordnung ſind; dafür iſt der Müller da. Ich meine, da ſoll ſie Gott danken, und unſre Marie gibt eine Frau wie Eine; und ſchlecht iſt's doch auch nicht, wenn ſie Frau Doktorin iſt, auf die Mühle iſt ja der Chriſtian da. Es ſei dem Herrn befohlen, ſagte die Müllerin. Es war ihr nicht unlieb, daß ein Bäcker drunten war, der den Müller ſprechen wollte und ſie allein ließ mit ihren Gedanken und mit ihrer Bibel.

Georg machte ſein Examen und kam, eh' er die Univerſität bezog, noch einmal auf die Mühle um Abſchied zu nehmen. Die Müllerin hatte ihn gebeten, vorher nicht zu kommen. Es wurde überhaupt von Marien und von Verlobung nicht geſprochen, die beiden Mütter ſchienen ſchweigend einverſtanden, ein Alleinſein der jungen Leute möglichſt zu verhindern. Bei der Müllerin war es Gewiſſenhaftigkeit, bei Frau Nau der ſtille Hintergedanke:mein Georg könnt's auch noch beſſer treffen!

Der Müller hatte in ſehr unumwundener Weiſe, die für das Selbſtgefühl des jungen Mannes einiges Verletzende hatte, ſeine Ver⸗ mögensverhältniſſe mit ihm beſprochen:Bei Deiner Mutter iſt noch alles durcheinander; kein Menſch kann ſagen, ob ihr etwas bleibt oder nichts; ſo ſchieß' ich derweil vor was nöthig iſt; nicht weil Du von dem Mädchen da drüben geſprochen haſt, zu verkaufen brauch⸗ ich das Kind nicht aber weil Dein Vater mein guter Freund und Gevattermann geweſen iſt und das Zutrauen zu mir gehabt hat, daß ich für ſeinen Sohn ſorgen werde. Dreihundert Gulden kriegſt für ein halb Jahr, das muß aber für alles auslangen, ein Heiden- geld, brummte der Müller für ſich dazwiſchen, Schulden werden nicht bezahlt. Zuerſt zahlſt Deine Profeſſor, denen wirſt geben müſſen was ſie verlangen; ich denke, ſolche Herren werden ein armes Bürſchlein wie Du biſt nicht überfordern, Georg biß ſich auf die Lippendann, fuhr der Müller in ſeiner nützlichen Anweiſung fort,dann thuſt Du alles beiſeite, was Du für Koſt und Wohnung brauchſt.

Bedienung? warf Georg ein.