ſich doch ſchon ein Ideal entworfen hatte, ſo war es eher ein gereiftes, männliches geweſen, ein Halt und eine Stiütze, als ſo ein aufge— ſchoßner Junge, der nicht ſo ſehr viel klüger war als ſie.
Und doch ſah ſie dieſen Jungen jetzt in ſo ganz andrem Lichte,— es war eben gar zu wunderbar, daß ſie, ſie, das Müllermariele, ſollte ſchon für jemand zur Frau beſtimmt ſein!
Aber natürlich, Georg wußte ja nichts davon und wenn er je davon erfahren ſollte, ſo wollte er nicht, natürlich! und ſeine Mutter auch nicht, höchſt natürlich! Raus waren ja im Ganzen doch viel vornehmer, als ſie, und Georg wurde wahrſcheinlich noch vornehmer als ſein Vater geweſen war; er ſah ſchon jetzt feiner aus. Aber merken durfte er ja nicht, daß ſie davon wußte,— lieber ſterben— es ſtirbt ſich ſo leicht mit ſechzehn Jahren!— Ach, wie ſchuell reiſen die Gedanken! Wie viel hin⸗ und herſtreitende Pläne und Träume und Beſchlüſſe zogen im Raum einer einzigen Viertelſtunde durch Mariens Seele! die Bibel ruhte noch auf ihrem Schoße, ſie dachte nicht daran, daß ſie in dem heiligen Buche die ſchönſte Löſung für all ihre ſtreitenden Gedanken finden könnte,— nicht eben indem ſie es gebrauchte wie eine Art Orakel und einen Spruch aufs Ge⸗ rathewohl aufſchlug, wiewohl einfältig fromme Gemüther auch ſo ſchon gefunden was ſie brauchten,— wohl aber indem ſie daraus lernte, alle Räthſel des Herzens und Lebens im Lichte der Ewigkeit anzuſehen. Sie hörte einen raſchen Tritt über die Brücke, wie wunderbarlich, daß gerade in dieſem Augenblick Georg kam; wie betroffen ſie auch von dieſem ungeahnten Beſuch war, ſie hatte doch augenblicklich das Predigtbuch zur Hand und war darein ſo eifrig vertieft, daß ſie gar nichts ſah und hörte von dem Näherkommenden. Sie war gewiß nicht kokett, auch nicht unwahr, es war das nur der unbewußte In⸗ ſtinkt eines Mädchenherzens und das tiefe Erröthen, mit dem ſie auf⸗ blickte, als Georg vor ihr ſtand und ſagte:„Guten Morgen, Marie; aber das iſt eine Andacht!“— das war gewiß aufrichtig und echt!
„Iſt der Döte nicht daheim?“ fragte Georg, er nannte ihn ſo noch von den Kinderjahren her;„ich ſollte mit ihm ſprechen.“„Sie ſind alle beide in der Kirche,“ ſagte Marie, immer noch befangen. Georg kam ihr heute älter, gereifter, bedeutender im Ganzen vor,— es war nicht die Trauerkleidung allein, es war das Leid der letzten Tage, das über ſeine junge Seele gegangen, es war ein gewiſſes Gefühl der Verantwortlichkeit, ſeit er wußte, daß er nun in die vor⸗ derſte Neihe gerückt ſei, was ihn männlicher erſcheinen ließ; ſo oft ſie ihn etwas ſcheu von der Seite anſah, mußte ſie die Augen wieder ſenken, verwundert, daß er ſo gar anders geworden. Aber auch Georg er⸗ ſchien dieſe halb kindliche Mädchengeſtalt mit den tiefgeſcheitelten blonden Haaren und den braunen Kinderaugen anders, als je zuvor. Er hatte daheim in keiner alten Bibel geleſen,— ſie lag auch auf dem Tannenhof leider zu tief im Staub, als daß ſie nur zu finden geweſen wäre, aber in den ſtillen Tagen der erſten Trauerzeit hatte er im Auftrag der Mutter die alten Hauskalender des Vaters durch⸗ geſehen, und dort neben den Notizen über Käufe und Verkäufe aller⸗ lei tagebuchartige Aufzeichnungen gefunden.
Da fand ſich denn auch unterm Mai des Jahres 1820:„Der Metzger wollte die zwei großen Kälber holen, war aber nichts, weil wir zur Taufe bei Müllers drüben waren. Habe bei dieſer Gelegen⸗ heit unſern kleinen Schlingel mit dem neugebornen Töchterlein drüben verlobt; ſo iſt doch der auch ſchon verſorgt! Der Frau Gemahlin iſt's nicht vornehm genug; mich ſollt's freuen, wenn es wahr würde.“
Wenn nun auch dieſe flüchtige Notiz keinen ſolchen Sturm von niegekannten Gefühlen und Gedanken in Georg erweckt, als in Ma⸗ rien die Worte in der Mutter Bibel, ſo gaben ſie ihm doch viel zu denken; er hatte die kleine Marie ſeit Monaten nicht mehr geſehen, nun war er in Wahrheit begierig, wie ſie wohl ausſah; natürlich dachte er gar nicht im Ernſt an jene elterliche Verabredung,— wel⸗ cher Unſinn! er ſich verloben!
Mit dem Müller, da hatte er freilich auf einmal höchſt noth⸗ wendig zu reden, der war ja nach des Vaters letztem Willen zu ſei— nem Vormund ernaunt. Frau Rau war damit nicht recht zu⸗ frieden geweſen, ſie meinte in all ihrem Leid, es wäre doch beſſer, wenn die Familie ſuchen würde ſich zu heben durch Wahl eines gebildeten Vormunds, doch wollte ſie keine Einrede thun, der Müller hatte ſich als treuen Freund in der Noth bewährt.
Es war nur wunderbarlich für Georg, daß er Marien gerade allein treffen mußte, die er ſeit Jahren vielleicht nie allein geſprochen. Sie war ſo eifrig in ihr Buch verſenkt, daß ſie erſt aufſah und ihn
grüßte, als er mit einem„guten Morgen, Marie“ ſchon dicht vor ihr ſtand.„Was lieſt... leſen Sie denn Schönes?“ ſagte er und wollte ihr in heller Verlegenheit das Buch aus der Hand nehmien, —„ach, nur eine Predigt,“ ſtotterte Marie noch verlegener,— ſie hatte jetzt erſt bemerkt, daß ſie die Leichenpredigt eines alten Pfarrers aufgeſchlagen hatte und das Buch verkehrt in der Hand hielt,— „die Eltern ſind noch in der Kirche, ſie werden aber gleich kommen,“ fuhr ſie fort in beſtändiger Verlegenheit, die ſie ſonſt doch nie ge⸗ kannt hatte.
„Ich warte gern, gibt's da noch Platz für mich?“ fragte Georg etwas kecker als er je zuvor geweſen, die Bibel ward ſorgſam ins grüne Gras gelegt, die beiden ſaßen beiſammen, ſie ſahen nicht viel vor ſich als die grünen Gebüſche und den blauen Himmel drüber und hörten die Vöglein zwitſchern und ſingen, aber dem Georg war's ein bischen wunderbar zu Muthe, der Marie vielleicht auch. Dies⸗ mal fing ſie an zu reden, von ſeinem Vater zuerſt, wie er immer ſo freundlich gegen ſie geweſen und wie leid es ihr um ihn gethan, dann kamen ſie auf die alten Zeiten,— man hat bereits alte Zeiten, wenn man ſechzehn und achtzehn Jahre alt iſt,— auf ihre Waſſer⸗ fahrten, die Steinerverſammlung und die Blumenſendung ins Meer. Sie waren recht gut im Geſpräch, als die Magd von oben rief:„Jungfer Marie, ſie ſind da, und's Feuer iſt aus, und's Fleiſch kocht nicht!“
Glühend roth ſprang Marie auf, nun hatte ſie Küche, Fleiſch und Feuer droben rein vergeſſen!
In einem neuen Roman ſagt die Heldin, als ſie einfach in die Küche ſollte:„ich muß Sie verlaſſen, die unſcheinbare und doch ſo gebietende Pflicht ruft mich.“ Ach, Mariechen war nicht ſo beleſen, daß ihr ſo ſchöne Phraſen eingefallen wären, ſie hatte an die„un⸗ ſcheinbare und doch ſo gebietende Pflicht,“ eben leider gar nicht gedacht und ſie ging mit recht böſem Gewiſſen hinauf.
Bis nun durch ein wahres Höllenfeuer in der Küche der Ver⸗ ſäumniß nachgeholfen wurde, wandelte Georg lange in eifrigem Ge⸗ ſpräch mit dem Müller im Hausgärtchen auf und ab. Es handelte ſich um ſeine Zukunft. Der Prozeß des Vaters war nach deſſen Tode endlich mit einem Vergleich beendet worden, aber das Gut hatte durch die Koſten und durch Vernachläſſigung in letzter Zeit ſo viel gelitten, daß es kaum rathſam war für die Wittwe, es zu behalten. Georg wäre jedenfalls zu jung geweſen, das Gut zu übernehmen, ſeine Pläne waren aber auch andre und er ſetzte ſie dem Müller aus— einander, der zunächſt nicht ſehr viel darauf geben wollte, am Ende aber ſich doch mehr herbeizulaſſen ſchien.
Marie, die nun mit ganz beiſpielloſem Eifer in der Küche ſchaltete, lugte doch ſo ein wenig durchs Küchenfenſter hinaus, es war ihr ein eigenthümliches Bangen und Behageu, die zwei ſo vertraulich und angelegentlich mit einander reden zu ſehen, der ſchlanke Jüngling im modernen kurzen Röckchen, ihres Vaters breite Geſtalt in dem hellblanen Müllersrock, den er ſich durchaus nicht abſprechen ließ, ſie ſchienen ihr ganz gut zuſammen zu taugen. Georg ſprach raſch und eifrig in den Müller hinein, der ſehr gemächlich zuhörte und nur hie und da ſachte den Kopf ſchüttelte.
„Nun,'s iſt Eſſenszeit,“ ſagte endlich der Müller laut,„Du ißt mit, Georg, Deine Mutter erwartet Dich doch nicht mehr, willſt ja Nachmittag ohnehin in die Stadt hinüber. Heut wird jetzt nichts mehr geredt, morgen früh kannſt wieder herüber kommen, da ſollſt dann Auskunft haben; muß mir's heut Nachmittag noch überlegen.“
Bei Tiſch war nun Georg ſtill; er ſprach nicht mehr mit Marie, die ihm ſtill gegenüberſaß und nicht recht aufblickte, die Müllerin war mit dem Chriſtian beſchäftigt, der bei Tiſch nie viel ſprach, aber deſto mehr aß und womöglich mit beiden Händen hineinſchob, der Müller war gut aufgelegt, er blickte hie und da nach ſeinem auf⸗ blühenden Töchterlein mit einem pfiffigen Lächeln hinüber, das der Müllerin etwas unbehaglich war. Nun, das Müllerkind war ſchon ein herzerfreulicher Anblick, und war einem Vater nicht übel zu neh⸗ men, wenn er ſeine Augen weidete an ihr; über das kornblumen⸗ blaue Kleid hatte ſie, dem verſtorbenen Döte zu Chren, ein ſchwarz— ſeidenes Schürzchen gekeinden, es hob ſo recht ihre friſche, blühende Farbe; das blonde Haar, die klaren Augen, der ganze liebliche Duft der reinen, erſten Jugendblüthe lag über der jungen Geſtalt— es war Georg vordem noch kein einziges Maleingefallen, daß das Müller— mariechen ſo hübſch ſei.
Die einfache Mahlzeit war beendet, obgleich ſie etwas länger
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