Jahrgang 
1865
Seite
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Nun ja, was braucht ſo ein junger Menſch für Bedienung, ich weiß einen Student, der hat ſich am Feierabend allemal ſeine Stie⸗ fel ſelber gewichſt und ſeinen Rock gebürſtet, will's Dir aber nicht zumuthen. Mit der Kleidung, da montirt man Dich neu, dann brauchſt Du ſo bald nichts; Bücher wirſt Dir auch etliche anſchaffen müſſen, wiewohl ich gemeint habe, deſſenthalb ſtudiere man, daß man auswendig wiſſe was in den Büchern ſteht. Was Du dann noch übrig haſt, von dem kannſt Du Dir eine Güte thun, und hie und da Abends ein Schöpplein trinken oder am Sonntag wo nausſpazieren und einkehren, das ſollte noch zu allerlei reichen, muß ja maucher mit Weib und Kind von ſechshundert Gulden leben! Abgehen darfſt Dir nichts laſſen.

Vier Jahr, ſagen ſie, ſei nöthig, wenn einer auf den Doktor ſtudiert, fuhr der Müller fort, der das traurige Schweigen ſeines Mündels für vollkommenes Einverſtändniß hielt, das will ich mir alſo auch gefallen laſſen, wiewohl's ein Heidengeld iſt, und ſoll mich gar nichts dauern, wenn Du etwas Rechtes lernſt, karteln(Kartenſpielen) thuſt mir nicht, auch nicht ſo wüſt ſaufen, wie ſelbige Studenten. Wenn D' zum erſtenmal gekartelt haſt, hat mein Vater ſelig geſagt, ſo geh heim und ſchäm Dich, daß D' ſo ein dummer Kerle biſt, der nichts Geſcheidteres zu thun weiß; wenn D' aber zum zweitenmal hingehſt, und's gelüſtet Dich ſchon nach den Karten, ſo geh vorher aufs Amt und laß Dich mundtodt machen, damit auch noch etwas übrig bleibt für Dein Weib und Kind.

Na, für Weib und Kind hab' ich doch noch nicht zu ſorgen, ſiel Georg ein, deſſen achtzehnjährige Geduld nicht mehr Stich halten wollte.Haſt's noch nicht, ſagte der Müller in unerſchütterter Ruhe,aber was Du thuſt von Jugend an: ob Du Dein Sach' ver praßt in Leichtſinn und Sünden, oder ob Du fleißig biſt und recht⸗ ſchaffen, Dein Leib und Seele rein hältſt und in Ehren, das haſt doch für Weib und Kind gethan, und wenn Dein künftiges Weib noch nicht auf der Welt wäre; Du wirſts einmal inne werden, mit bitterem Herzeleid oder mit Dank und Herzensfreude.

Während des Müllers Rede lehnte Georg am Fenſter, da ſtand Marie zwiſchen Spätroſen und Reſeden und ſchien halb zögernd ein Sträußchen zu pflücken, dazwiſchen erhob ſie hie und da die Augen und ſenkte ſie raſch, als ſie Georgs Blick begegnete.Um eines ſo lieblichen Töchterleins willen, dachte dieſer,kann man ſich ſchon eine Predigt von ihrem Vater gefallen laſſen, auch wenn ſie lang⸗ weilig iſt.

Nun, weil wir doch ſchon daran ſind, ſagte der Müller zum Schluß,wegen dem Kind, da möchte meine Frau gern, daß noch gar nichts darüber geredet würde, weil ihr alle zwei noch ſo gar jung ſeid. Einſtweilen ſoll das Kind gut auferzogen werden und behütet, daß ſie eine rechtſchaffene Frau gibt für jeden rechten Mann. Haſt Du Dein Sach' recht gelernt, und kannſt einmal Dein eigen Brod eſſen, verſtehſt mich, bälder nicht! und Du willſt ſie noch und ſie will Dich, dann ſollſt Du ſie haben und wenn zehn Reichere kämen. Derweile kein Gelöffel und kein Briefgeſchreibe, nichts dergleichen. Und jetzt b'hüt Dich Gott und werd ein rechtſchaffner Mann.

Spät in der Nacht, als der Müller noch unten war, um in der Mühle nachzuſehen und die Müllerin ſich zur Ruhe gelegt hatte in dem alten großen Himmelbett, da kam Marie noch leiſe herein: Mutter, ich habe von dem Georg noch allein Abſchied genommen, drüben auf der Inſel; iſts eine Sünde?

Haſt Du ihn denn heißen hinüberkommen?

Nein, Mutter; aber ich habe geſpürt, daß er noch kommt, und ich habe auch geſpürt, daß Du nicht gern haſt, wenn wir allein ſind. Aber verboten hatteſt Du mir's nicht, Mutter, nicht wahr?

Nein, Kind. Was hat er ſonſt noch geſagt?

Das Sträußchen hat er mir genommen, das ich vorher im Gärtchen angeſteckt habe, und dann hat er noch ein Vergißmeinnicht gefunden am Bach drunten, das hat er mir gegeben, und geſagt, ich ſoll ihn gewiß nicht vergeſſen, er wolle an mich denken alle Zeit. Mutter, darf ich's behalten?

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Dein Herz und Deine Zukunft gib in Gottes Hut und nicht in die eines Menſchen, und wenn's der beſte wäre. Gut Nacht, Marie.

Und Marie legte das Vergißmeinnicht in ihre Bibel und ihr Herz und ihre Zukunft in Gottes Hand und ſchlief ein in Frieden.

So überaus genau die Vorſchriften geweſen, mit denen der Mül⸗ lerſeinen Studenten, auf den er ſich heimlich nicht wenig zu Gute that, zur Univerſität entlaſſen hatte, ſo ließ er ihn doch mit nube⸗ dingtem Vertrauen die neue Laufbahn gehen. Dies Vertrauen und das Bewußtſein, der einzige Sohn, die künftige Stütze einer Wittwe zu ſein, gab Georg einen gewiſſen Halt, ſo daß er ſich von dem un⸗ gewohnten Studentenleben, von dem Reiz unbedingter Freiheit nicht zuviel hinreißen ließ. Mitunter fand er freilich die Geldeintheilung, wie der Müller ſie vorgeſchrieben, etwas ſchwierig, auch blieb's nicht eben bei demSchöpplein Bier am Abend, doch war er darin auch nicht überſkrupulös:der Mann verſteht's nicht beſſer, wenn ich ſolid bleibe und ſchließlich mein Examen mache, ſo iſt das andere meine Sache.

Das blonde Kind mit den braunen Rehaugen vergaß er nicht,

nicht daß ſie ihm als Kampfpreis vorgeſchwebt wäre, der zu er⸗ ringen ſei mit Mühe und Arbeit, ach nein, für gewonnen hielt er ſie ſchon, aber lieblich und anmuthig, faſt mehr noch als ſie in Wahr⸗ heit war, malte ſie ihm ſeine Phantaſie, wie das bei einer jungen Liebe leicht zu gehen pflegt. Wenn er ſich auch bei dem mitunter etwas rohen Treiben der Gefährten zu Zeiten mit gutem Humor be⸗ theiligte, ſo that es ihm doch wohl, etwas für ſich ganz eigen, heim⸗ lich in ſeinen Gedanken zu haben. Romantiſche Freundſchaften unter Jünglingen waren dazumal ſchon ſelten. Die Freundſchaften auf Leben und Tod ſind ſammt den Jünglingen mit den Nachklängen der

Befreiungskriege zu Grabe getragen werden, es gibt nur noch junge

Behalt's in Gottes Namen, Kind, leg's in Deine Bibel, wenn

Du es anſiehſt und an den Georg denkſt, ſo bete dabei, daß Gott ihn behüten möge und rein bewahren. Gib Dein Herz dem Herrn, dann wird es ein köſtliches Kleinod, ob Du es nun für den Georg aufheben darfſt oder nicht. Denk an das Sprüchlein, das ich an Deinem Geburtstag gezogen:Siehe, ich bin des Herrn Magd, mir geſchehe wie Du geſagt haſt, das bete von Herzen!

Leute, Geſellſchaftsmitglieder, und Bekannte, ſo hatte er keinen Vertrauten ſeiner Liebe; er ſchrieb nicht an Marie, an den Müller, der ſelbſt nicht ſtark in der Feder war, ſehr ſelten, aber ſo oft er der Mutter ſchrieb, ſandte er Grüße, Bücher oder ſonſt einen kleinen Auftrag an Marie.

Frau Rau aber war im Begriff ihre Heimath zu verlaſſen. Sie hatte den Hof verkauft und wollte zu ihrer Schweſter ziehen, die Hotelbeſitzerin, zu deutſch Gaſtwirthin in einer belebten Handels⸗ ſtadt war.Ich habe da natürlich mit dem Geſchäft gar nichts zu thun, verſicherte ſie die Müllerin,nur vielleicht hie und da die ge⸗ bildeteren Gäſte zu unterhalten, und hier bleiben kann ich nicht, der Kummer frißt eigentlich au mir. Thu's in Gottes Namen, ſagte die Müllerin, die noch wenig Spureu bieſesfreſſenden Kummers bei der Gevatterin bemerkte, mir würd' es augſt und bang mit einem betrübten Herzen in ſo einem Gethue.

Vor das habe ich mein eignes Zimmer, belehrte ſie Frau Ranu,o! da werde ich noch Zeit genug haben, betrübt zu ſein, an den Abenden, wo kein Geſellſchaftstag iſt! Tanzmuſik iſt freilich oft ſtörend, aber das iſt nur alle vier Wochen beim Caſino...

Hätteſt nicht lieber wollen in die Univerſitätsſtadt ziehen, daß ein Georg eine Heimath bei Dir gehabt hätte? Weißt, Chriſtine, ſagte vertraulich, wenn auch immer etwas herablaſſend, Frau Rau,einestheils langt mein Vermögen, was mir vom Hof übrig bleibt, nicht recht, einen eignen Haushalt zu führen, anſtändig, wie es doch ſein müßte; andrentheils hab' ich gehört, daß bei der Univerſität niemand, auch die allervornehmſten und reichſten Leute nichts gelten, wenn ſie keine Profeſſor ſind, das könnte ich doch auch nicht ertragen. Frau Rau hatte ſich mehr und mehr in den Gedanken ergeben die liebliche Müllermarie als Zukünftige ihres Georg zu ſehen, namentlich als ihr die Augen aufgegangen waren über den beſcheide⸗ nen Stand ihrer eignen Verhältniſſe. Aber dringend legte ſie Mül⸗ lers die Pflicht ans Herz, etwas für Mariens Ausbildung zu thun; was ſie beim Schulmeiſter und ſeiner Frau gelernt, das ſei ganz und gar unzulänglich für ihren möglichen künftigen Stand, wern ſich mein Georg nicht noch anders beſinnt;oder auch unſre Marie,

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