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Behandlung des Hypochonders ſind ungerecht. Die Hypochondrie iſt eine wirkliche, keineswegs eingebildete Krankheit; und gerade zu ihren weſentlichen Kennzeichen gehört es, daß der Kranke ſich auf etwa vor⸗ handene abnorme Empfindungen fixirt, ſie dadurch ſteigert, und daß er ſie falſch auslegt. Denn der Macht des Gemüthes, über krank— hafte Empfindungen Herr zu werden— die von Kant in ſeinem be⸗ kannten Werke ſo meiſterhaft dargelegt iſt,— dieſer Macht ſteht eine andere Fähigkeit gegenüber: durch willkürliche Spannung der Aufmerkſamkeit auf etwa vorhandene krankhafte Empfindungen, dieſe zu befeſtigen, zu ſteigern und endlich dadurch die eingebildeten Krank⸗ heiten im wahren Sinne des Worts in den Körper hinein zu bilden. Daß aber die Vorgänge im Gemüth dergleichen materielle Verän⸗ derungen im Körper zur Folge haben können, ſehen wir auf anderem Gebiet täglich. Die rein pſychiſche Empfindung der Scham treibt das Blut in die Wangen, der Schreck macht erblaſſen, Furcht und banges Erwarten regt die Ausſcheidungen durch Darm und Nieren an. Ich ſelbſt machte zur Cholerazeit bei meinem Nachbar, einem hypochondriſchen Rentier, die Beobachtung, daß dieſer in der Nacht von heftigen Kolikſchmerzen befallen wurde, nachdem er geträumt hatte, Pflaumen gegeſſen zu haben! Item, die Kolik war da, und in der Empfindung derſelben macht es keinen Unterſchied, ob ſie durch die geſteigerte krankhafte Reizbarkeit des Patienten, oder durch äußere Einflüſſe entſtanden war.
Es würde daher ebenſo ungerecht als ſchädlich ſein, wollte man unſerem Kranken zurufen: er bilde ſich ſein Leiden bloß ein. Viel⸗ mehr legt er es falſch aus; die gewaltſam erhöhte Reizbarkeit leitet alle ſeine Gedanken auf die vermeinte Gefährdung ſeiner Bruſtorgane hin, und veranlaßt durch die auf dieſelben geſpannte Aufmerkſamkeit eine Fixirung und Steigerung der dort etwa vorhandenen krankhaften Empfindungen. So kommt es, daß der harmloſe catarrhaliſche Huſten durch die ſtete Intention des Geiſtes unterhalten und ge⸗ ſteigert wird, daß die anfänglich unbedeutenden Bruſtbeſchwerden ſich fixiren und das der Phantaſie des Kranken vorſchwebende Geſpenſt der Lungentuberkuloſe endlich zu verkörpern drohen. Aber ein ſolcher Ausgang würde lediglich ein verſchuldeter, kein nothwendiger ſein. Vielmehr iſt die vollkommene Heilung des Hypochonders in ſichere Ausſicht zu ſtellen: nur iſt dieſe an Bedingungen geknüpft, die er ſelbſt zu erfüllen hat. Und es iſt billig, daß er, der durch eigenmäch⸗ tige und verkehrte Abſichtlichkeit ſeinen Zuſtand verſchlimmert hat, ſeine Heilung durch richtig geleitete geiſtige Thätigkeit vorbereite.
Zu dieſen Bedingungen gehört nun vor allem, daß er ſeinem Arzte ein volles Vertrauen entgegentrage. Seiner bisherigen Gewohnheit muß er abſolut entſagen, nach welcher er mit den Dok⸗ toren am liebſten disputirte, und Bedenken aufwarf, deren Beant⸗ wortung ihm immer neue Spitzfindigkeiten entlockte. Er muß anfangen, ſich der beſſern Einſicht unbedingt unterzuordnen. Gern gebe ich zu, daß dieſe Bedingung die ſchwerſte von allen iſt. Denn unſer Kranker iſt ein Mann von nicht gemeiner Begabung, großer Regſamkeit, und mit Scharfſinn und dialektiſcher Fähigkeit ausgerüſtet, die ihn, wenig⸗ ſtens in ſeinen Augen, aus vielen Kämpfen mit ſo manchen Medi⸗ cinern von Fach als Sieger hervorgehen ließ. Träge und phleg⸗ matiſche Naturen bleiben nämlich in der Regel von dieſer Krankheit, dem ſicheren Vorrechte des choleriſchen und melancholiſchen Tempera⸗ mentes, verſchont. Nun liegt es in der Natur der Sache, daß man ſich nur ſehr ſchwer von Anſichten trennt, zu denen man durch ſelbſt⸗ eigene, peinliche Erfahrungen gelangt iſt, und die man ſomit für wirkliche Einſichten hält. Aber das Mittel hiezu iſt einfach und ſicher. Es beſteht darin, daß man der Wahrheit ſtets eingedenk bleibe: wie das Halbwiſſen in jedem Gebiete nothwendig zu Irr⸗ thümern und Abwegen führen muß, vor denen ſowohl der Wiſſende als der Unwiſſende bewahrt bleiben. Denn Jener ſieht das Ziel, und Dieſer wagt ſich ohne kundigen Führer nicht hinein. Es muß ihm daher genügen, wenn der Arzt ihm erklärt: wie der Lungen⸗ katarrh zwar ein häufiger Begleiter der Tuberkuloſe, aber unendlich häufiger eine einfache, für ſich beſtehende Krankheit ſei; und er wird begreifen, daß es nicht weniger lächerlich iſt, aus dem bloßen Vor⸗ handenſein eines Katarrhs auf Lungenſucht zu ſchließen, als wenn man ein Stück Milchzucker deshalb, weil es weiß ausſieht und ſchwach ſüßlich ſchmeckt, für Arſenik erklären wollte. Da nun ferner auf das große Thema von ſeinem körperlichen Befinden alle ſeine Gedanken, ſoviel deren von der Beſorgung ſeiner Berufsgeſchäfte übrig bleiben, gerichtet ſind, ſo muß eine Ableitung derſelben erfolgen. Das iſt
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längſt von den Aerzten erkannt worden, und ſo mancher abenteuer⸗ liche Vorſchlag findet hierin ſeinen Urſprung. So iſt unter anderem als Nebenbeſchäftigung das Holzſägen und⸗hauen zu einer Art offi⸗ cinellen Renommées gelangt. Aber jedenfalls iſt eine Beſchäftigung vorzuziehen, welche neben der körperlichen auch die geiſtige Thätig⸗ keit in würdiger Weiſe anregt. Wem nun nicht die Gabe zu künſt⸗ leriſchen Produktionen beſchieden iſt, ſei's für die Muſik, ſei's für die Malerei, der beſchäftige ſich mit der Gartenkunſt, oder erlerne eine mechaniſche Kunſtfertigkeit, z. B. das Holzſchnitzen. Dem tiefer Bean⸗ lagten iſt vor allem das Studium der Naturkunde zu empfehlen, welche ihn aus dem nebelhaften Gebiet willkürlicher Einbildungen in die klare Wirklichkeit der Gotteswelt zurückführt. Hier findet er reiche Gelegenheit zur fördernden Anwendung ſeines Scharfſinnes, den er bis dahin in der übeln Deutung mißverſtandener Krankheits⸗ ſymptome zu ſeinem Schaden geübt hatte. Ganz beſonders wohlthun werden ihm hierbei die Fußreiſen, die ihn zum Sammeln von Pflanzen, Inſekten oder Mineralien ins Freie führen. Und jene finſtern Stunden tiefſter Verzagtheit, die bis dahin als ein Pfahl im Fleiſche dafür ſorg⸗ ten, daß ihm nicht zu wohl wurde, ſie werden immer ſeltener. Auch für dieſe gibt es einen Troſt, und zwar diesmal einen echt medicini⸗ ſchen. Das innige Wechſelverhältniß zwiſchen Leib und Seele bringt es nämlich mit ſich, daß ein durch vorübergehende Störungen der Blutbildung fehlerhaft gemiſchtes Blut die Gehirnthätigkeit in ab⸗ normer Weiſe erregt und die Stimmung deprimirt, wie in ebenſo materieller Weiſe des Menſchen Herz durch den Wein erfreut wird. Wolken alſo ſind es, die vorüberziehend die Atmoſphäre des Geiſtes verfinſtern: und wer dies weiß, der giebt ſich nicht mehr einer thö⸗ richten Verzagtheit hin, ſondern wartet ihr Dahinziehen ruhig ab. Die dadurch herbeigeführte gleichmäßige Stimmung des Gemüths wirkt aber ihrerſeits wieder unmittelbar heilend ein. Denn wie die deprimirte Gemüthsverfaſſung die Lebhaftigkeit der Blutbewegung in den Lungen herabſetzt und durch die Verminderung der Oxydation des Bluts zur Entſtehung und Befeſtigung von Lungenkrankheiten Anlaß gibt, ebenſo fördert eine heitere Stimmung die Funktionen des Athmens und der Bluteirkulation, und trägt, namentlich verbun⸗ den mit körperlicher Bewegung, zur vollſtändigen Entwickelung der Lungen heilſam bei.
Nun habe ich noch einige Worte über die körperliche Pflege zu ſagen. Eine zweckmäßige Abwechſelung zwiſchen Thätigkeit und Ruhe iſt ihr Haupterforderniß. Die übermäßige Ausdehnung der Arbeits⸗ ſtunden, zu welcher der Hypochonder in ſeinem Eigenſinn ſo geneigt iſt, bildet die Haupturſache jener, mit körperlicher Abſpannung ver⸗ bundenen geiſtigen Aufregung, welche zu der mit Recht ſo gefürchte⸗ ten Schlafloſigkeit führt. Dieſe darf nicht durch narkotiſche Schlaf⸗ mittel beſeitigt werden, ſondern dadurch, daß er ſich ſtrenge an die ihm vorgeſchriebene Lebensordnung bindet, in welcher die Stunden der Arbeit, der Erholung und des Schlafes entſprechend bemeſſen ſind. Aufregende Getränke, als Kaffee und Thee, ſind nur mäßig und niemals vor dem Schlafengehn zu genießen: ſo wie überhaupt die abendliche Mahlzeit möglichſt zu beſchränken iſt. Ein mäßiger Genuß eines gut ausgegohrenen, leichten und reinen Biers iſt ihm wohlthätig. Dagegen bekommen ihm die leichten Weinſorten ſchlecht, weil ſie wegen ihres Gehalts an Säure und Erdſalzen die mühſam geregelte Verdauung verderben: für ihn ſind nur die ſüd⸗ ländiſchen, zuckerreichen Weine, etwa des Vormittags zu einem Glaſe genoſſen, zuträglich.
Wenn ich nun alle dieſe Regeln kurz zuſammenfaſſen ſoll, ſo rufe ich dieſen Kranken zu: Faſſet den rechten Entſchluß, geſund zu ſein! Valere aude! Ich weiß zwar wohl, was es heißt, ſich zu er— mannen.„Wenn man ſchon ermannt iſt,“ klagte ein Hypochonder, „ſo iſt es gut, andern zu rathen. Was der Menſch doch elend iſ, wenn er alles ſelbſt thun ſoll!“— Ich weiß auch, daß bei ihm die Phantaſie manchmal ſcheu wird, wie die Pferde, und mit ihm durch⸗ geht. Ein unverhofftes Ereigniß, z. B. eine plötzlich eintretende Beklemmung, ein Herzklopfen, verbunden mit momentanem O ynmacht⸗ gefühl läßt ihn wohl mitunter ſofort in ſeine frühere Verzagtheit zu⸗ rückfallen, der Arzt wird des Nachts ſchleunig aus dem Bette geholt, um das alte Lied anzuhören. Doch ſeine Autorität über den Kran⸗ ken iſt bereits feſt gegründet und es gelingt ihm leicht, dieſen zu be⸗ ruhigen.
Aber wenn ich vor dieſem Mißbrauche der Phantaſie nicht ge⸗ nug warnen kann, welche,— wie Lichtenberg ſich treffend ausdrückt,
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