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Der Schwindſuchtshypochonder.
Von Dr. Wald.
Ein Jeder mag gerne zuſehen, wie ein Andrer es in der Sache macht, in welcher er ſich ſelbſt für einen Meiſter hält. Mir ſcheint nun, daß das Vergnügen, mit dem die meiſten Menſchen ſich von Dingen unterhalten laſſen, die ihre Geſundheit angehen, aus eben⸗ demſelben Triebe entſpringt. Man meint, die eigne Lebensweiſe ſei ſchon gut genug, und lieſt mediciniſche Schriften und Abhandlungen über Geſundheitspflege eben nur, um ſich in dieſer Meinung zu be— ſtärken. Sieht man nun außerdem, wie ſich die Aerzte oft wider⸗ ſprechen, und manchmal ſelbſt ihre eignen Vorſchriften wenig beobach⸗ ten, ſo lieſt man dieſe, wie man wohl gute Prediger hört: nicht, um in ſich zu gehen, ſondern um zu ſehn, wie der Mann ſeine Sache macht.— Der Prediger aber, der es ernſt mit ſeinem Amte meint, läßt ſich durch dieſen Leichtſinn ſeiner Zuhörer nicht irre machen. Daſſelbe habe ich mir vorgenommen, indem ich von dem, was zur Er⸗ haltung der Geſundheit, zur Kenntniß von Schädlichkeiten und Krank⸗ heitsurſachen und zur Erzielung einer langen Lebensdauer dient, einiges mitzutheilen gedenke.
So wie es nun in jeder Gemeinde Glieder gibt, die von allen religiöſen Wahrheiten und Glaubensſätzen ausſchließlich nur die Schreckniſſe des Gerichts auf ſich beziehen, ſich hier fixiren, und da⸗ durch in die peinigendſte Herzensangſt verfallen: ſo gibt es auch in der ärztlichen Gemeinde dergleichen Selbſtquäler. Dieſen will ich heute Gelegenheit geben, ſich ſelbſt kennen zu lernen. Sie ſind krank, und dieſe Selbſterkenntniß iſt der erſte Schritt zur Heilung. Ohne ſie unterſucht, auskultirt und perkutirt zu haben, hoffe ich dennoch, mir ihr Vertrauen zu gewinnen, indem ich ihnen den ganzen Ver⸗ lauf ihres Leidens darlegen werde.
Zuvor aber habe ich noch eins zu bemerken. An ſo verſchie⸗ denartigen Uebeln auch dieſe Kranken leiden, ſo ſtimmen ſie doch alle in zweien Punkten überein. Zunächſt meinen ſie alle den Grund ihres Uebels klarer als der Arzt zu erkennen; und ſodann leiden ſie ausſchließlich nur an ſolchen ſchweren Krankheiten, welche zur Zeit eben in der Wiſſenſchaft ſpezieller behandelt waren und in der Leute Munde ſind.
Nun will ich die Geſchichte eines ſolchen Kranken erzählen. Er weiß nicht genau anzugeben, wann ſein Leiden begonnen hat; nur das iſt ſicher, daß ihm zuerſt Verdauungsbeſchwerden ernſtliche Bedenken über ſeinen Geſundheitszuſtand rege machten. Ein läſtiges Spannen und Vollſein unter den kurzen Rippen, beſonders nach der Mahlzeit, drängte ſich ihm zunächſt auf; Unregelmäßigkeit des Appetits, Leibes⸗ verſtopfung, Aufſtoßen und Kollern im Leibe traten hinzu. Aller⸗ dings waren dieſe Symptome nicht andauernd, wechſelten vielmehr mit völligem Wohlbefinden; aber jede neue Wiederkehr derſelben hatte den ungünſtigſten Einfluß auf die Gemüthsſtimmung.— Da der Hausarzt ſich damit begnügte, ihm fleißige Bewegung, körperliche und geiſtige Diät vorzuſchreiben und vom vielen Mediciniren nichts wiſſen will, beginnt er nunmehr ſelbſt, über den eigentlichen Grund ſeiner ebenſo merkwürdigen als peinlichen Krankheit zu grübeln. Der Puls wird fleißig befühlt, Zunge und Stuhlgang beſchaut, Speiſen und Getränke ängſtlich ausgewählt. Daß der Arzt ſeinen Zuſtand viel zu leicht nimmt, wird ihm immer klarer. Er conſultirt daher einen andern Arzt, und dieſer iſt gefällig genug, ihm nicht nur lange Recepte zu verſchreiben und des Weitläufigſten über ſeinen Zuſtand ſich zu verbreiten, ſondern auch mit den Arzneien nach den Wünſchen des Kranken zu wechſeln. Immer mehr wird ſein körperliches Befin⸗ den der Mittelpunkt ſeiner Gedanken, der wichtigſte Gegenſtand ſeiner Geſpräche mit Bekannten. Er kann nicht genug Auſichten und Rath darüber hören. Er forſcht in mediciniſchen Büchern, um über den Grund ſeines Leidens klar zu werden, aber mit Schrecken nimmt er wahr, daß bei ihm ſo manche Symptome der bedentlichſten Krankhei⸗ ten, über die er lieſt, theils ſchon vorhanden, theils wenigſtens an⸗ gedeutet ſind. Ein ängſtliches Herzklopfen befällt ihn, und er ſchlägt das Kapitel über Herzkrankheiten nach. Die dort beſchriebenen Zeichen der organiſchen Herzfehler drängen ſich ihm unzweideutig auf. Bald aber lenken ziehende Schmerzen im Kreuz ſeine Aufmerkſamkeit wieder auf den Unterleib; und nach langem Grübeln, während deſſen die Schmerzen ſich allmälig ſteigern, fixirt er ſeine Gedanken auf ein
Nierenleiden. Das Geſpenſt des morbus Brightii, der Bright⸗ ſchen Nierenkrankheit, erhebt ſich. Da der Arzt es nicht bannen kann, ſo entſchließt der Kranke ſich auf Zureden eines Leidensgefährten zur Waſſerkur. Nun endlich hat er das Rechte getroffen. Die Zuver⸗ ſichtlichkeit und Derbheit des Waſſerdoktors imponiren ihm, das Um— ſtändliche der Kur, die die ganze körperliche und geiſtige Thätigkeit des Patienten abſorbirt, iſt gerade wie berechnet für ihn, und er wird zum begeiſterten Anhänger dieſer Heilmethode. Seine Stimmung beſſert ſich, der Appetit wird rege, der Stuhlgang iſt ganz nach Wunſch, und ſchon fängt er an, ſein Intereſſe zwiſchen der Sorge um ſeine Geſundheit und dem Plane zur Gründung eines„Vereins für Waſ— ſerfreunde“ zu theilen. Aber dieſer glückliche Zuſtand dauert nicht lange. Ein Schnupfen hat ſich eingeſtellt, der ungeachtet der Ver⸗ ſprechungen des Waſſerdoktors ſich nicht wegbaden läßt, vielmehr während der forcirten Kur immer mehr zunimmt, und endlich in einen tüchtigen Lungenkatarrh übergeht. Der Huſten wird heftiger, der Auswurf immer copiöſer. In einer ſchlafloſen Nacht gehen ihm nun plötzlich die Augen auf. Hatte nicht die Krankheit des an der Lungen⸗ tuberkuloſe verſtorbenen Vetters genau ſo angefangen, und erinnerte er ſich nicht deutlich eines Geſprächs mit deſſen Arzte, in welchem dieſer, dem Leichtſinn des Kranken gegenüber, von vornherein ein be⸗ denkliches Gewicht darauf legte, daß der Huſten ſich gerade des Abends, bei der Bettwärme zu verſtärken pflegte? Und war nicht genau daſſelbe bei ihm der Fall? War nicht, außer dem Vetter, auch noch eine Groß⸗ tante an der Schwindſucht geſtorben,— wenn auch im hohen Alter — und gehört dieſe Krankheit nicht zu denjenigen, deren Erblichkeit ganz unzweifelhaft iſt? Mit Schrecken fällt ihm aufs Herz, wie höchſt gefährlich bei der Lungentuberkuloſe der Gebrauch kalter Bäder und der unmäßige Genuß des kalten Waſſers iſt. Der Angſtſchweiß, der ihm hierbei ausbricht, gilt ihm als neuer Beweis für das Vorhandenſein der furchtbaren Krankheit. Kaum kann er den Morgen erwarten, um der Waſſeranſtalt zu entfliehen, und womöglich den dort erlittenen Schaden noch abzuwenden. Verſchwunden ſind Herzklopfen, Ziehen im Rücken, Spannung und Kollern im Bauche: dagegen mehrt ſich der Huſten, Bruſtſchmerzen und Beklemmungen ſtellen ſich ein. Aengſtlich prüft er den Auswurf und begiebt ſich in banger Erwar⸗ tung zu dem berühmten Specialiſten für Bruſtkrankheiten, Profeſſor R. Er fragt, ob zur Zeit der Gebrauch des Salzbrunns ausreichen würde ob er lieber nach Lippſpringe reiſen ſolle;— was der Arzt von einem Aufenthalt in Madeira oder Kairo halte; oder von der neuerdings für Bruſtleidende ſo dringend empfohlenen Stutenmilch⸗ kur in der Tartarei? Zwar erklärt ihm der Arzt nach ſorgfältiger Unterſchung, daß gar kein Grund zu ſo ausſchweifenden Kurmaß⸗ regeln vorhanden, das Uebel vielmehr nur ein einfacher Catarrh ſei; aber das hatte er ja von vornherein gewußt, daß man ihm die wahre Natur ſeiner Krankheit verheimlichen, und ihn mit ſolchen Ausflüch⸗ ten zu beruhigen verſuchen würde.— Auf dem Heimwege kommt ihm der Gedanke, ſeinen früheren Hausarzt wieder aufzuſuchen; aber auch dieſer vermag nicht, ſeine Beſorgniſſe zu zerſtreuen.
Inzwiſchen ſetzt der Kranke ſeine Beſchäftigungen fort, die nur durch die Waſſerkur eine Unterbrechung erlitten hatten. Es iſt ihm oft ſelbſt räthſelhaft, wie er bei ſeinem Leiden immer noch ſeinen Ge⸗ ſchäften vorſtehen kann. Seine Frau erkrankt; er ſorgt gewiſſenhaft für ſie und die Kinder, aber ihre Krankheit erſcheint ihm gegen ſein Leiden als eine wahre Kleinigkeit. Die ſtete Angſt vor der Lungen⸗ phthiſe peinigt ihn Tag und Nacht; der Appetit verliert ſich, die Ge— ſichtsfarbe gewinnt eine krankhafte Bläſſe, der Schlaf wird ſchlecht, Abmagerung und Schweiße ſtellen ſich ein.
Das iſt die Geſchichte dieſes beklagenswerthen Kranken. Er leidet ebenſo wenig an der Tuberkuloſe, wie ehemals an der Bright⸗ ſchen Kraukheit, er leidet an der Hypochondrie.
Mau pflegt im gemeinen Leben unter einem Hypochonder einen Grillenfänger zu verſtehen, welcher ſich ohne allen Grund für krank hält und ſich ſein Leiden nur einbildet. Seine Klagen werden daher nicht beachtet, ſie werden, wie er ſelbſt, langweilig; und wenn man ihn anhört, ſo ſpeiſt man ihn wohl mit der Ermahnung ab, ſich der⸗ gleichen Thorheiten nicht einzubilden. Aber dieſe Auffaſſung und


